Schlagwort-Archive: Lesekompetenz

Erwachsenen-PISA: Die Hälfte weiß, wie man E-Mails sendet

Da die PISA-Industrie nun einmal da ist, sucht sie sich neue Betätigungsfelder: PIAAC 2013 – Pisa für Erwachsene.

Ergebnisse der heute veröffentlichten Studie: Deutsche Erwachsene lesen statistisch signifikant schlechter als der OECD-Durchschnitt: Mittelwert 270, OECD-Durchschnitt 273, Japan 296. Welche Kompetenzunterschiede zwischen den Mittelwerten 270 und 273 liegen, konnte ich nicht herausfinden.

“Unter Lesekompetenz wird das Verstehen, Nutzen und Interpretieren von geschriebenen Texten verstanden. Die Lesekompetenz ist Voraussetzung, um das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In diesem Bereich sind in PIAAC Aufgaben wie das Lesen und Verstehen eines Medikamentenbeipackzettels oder eines kurzen Zeitungsartikels enthalten. Ferner gibt es Aufgaben, die sich auf elektronische Medien beziehen, wie zum Beispiel das Lesen einer Stellenanzeige in einem Onlineportal.” Weiterlesen

Förderprogramme zur Steigerung der Lesekompetenzen

Studien und Forschungsprojekte zur Steigerung der Lesekompetenz gibt es scheinbar wie Sand am Meer. Ich wollte schon einmal auflisten, wie viele allein vom Bundeswissenschaftsministerium initiiert und wie viele Millionen dafür ausgegeben wurden. Zurzeit läuft BISS.

Im Hinblick auf die hohe Zahl der einschlägigen Projekte und Studien bei deutschen Universitäten (z. B. Frankfurt, Köln, dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung; hier eine Auswahl) müsste man meinen, um die Lesekompetenzen deutscher Schüler/-innen sei es bestens bestellt.

Eine (veraltete) Übersicht gibt eine Expertise des BMBF: “Förderung von Lesekompetenz” aus dem Jahr 2005.

Es geht mir an dieser Stelle nicht um die noch viel zahlreicheren Studien, in denen die vorhandenen Lesekompetenzen von Kleinkindern, Berufsschülern, Großstädtern oder TV-Konsumenten gemessen oder Diagnosebögen dafür entwickelt werden.

Vielleicht sind in den einschlägigen Instituten und Sonderforschungsbereichen noch Kapazitäten frei für meine Forschungsfavoriten:

  • eine Sekundäranalyse der Strategien und Module, die zur Steigerung der Lesekompetenz entwickelt wurden
  • eine Untersuchung, inwieweit diese Modelle Eingang in die Unterrichtspraxis gefunden haben
  • eine Studie, ob diese Forschungsarbeiten zur Steigerung der deutschen PISA-Ergebnisse beigetragen haben
Dass der Beitrag der Schulbibliotheken bei Deutschlands Professor/-innen kein Thema ist, habe ich in diesem Blog schon erwähnt. Die LAG ist mit diesem Thema beim DIPF, beim BMBF und bei Leseforscherinnen abgeblitzt.

Andreas Gruschka über Methodenwahn

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Dr. Andreas Gruschka: Strategien zur Vermeidung des Lehrens und Lernens: der neue Methodenwahn.

Sätze daraus: “Inhalte dienen … als Spielmaterial zur Einübung in die Methode” und “Der Lehrer verschwindet als solcher, er ist nur noch Methodentrainer.” Weniger Lehren führt nicht zu mehr Lernen.

Prof. Gruschka zeigt an Beispielen im Geiste Prof. Klipperts, dass Textverarbeitungskompetenz – das Herausschreiben oder Unterstreichen von Wörtern – das Bemühen, einen Text zu verstehen, nicht ersetzen kann.

Siehe im Block auch hier!

Neue Grundschulstudie: Wann endlich liefert die Bildungsforschung?

Zum Beitrag vom 4. 10. über den Aufsatz von Martin Fromm passt die neue Grundschulvergleichsstudie gut. Seine Beobachtungen, wie solche Studien rezipiert werden, trifft wieder voll zu. Jeder macht sich seinen Reim und behauptet als Ursache das, wovon er/sie sowieso schon immer überzeugt war. Kaum ist das  Papier trocken bzw. die Webseite freigeschaltet, weiß jeder, woran schlechte Ergebnisse im Rechnen, Lesen und Zuhören(!) liegen: GEW: zu große Klassen, CDU Berlin: Jahrgangsübergreifender Unterricht, ein Prof.: Zu wenig Individualisierung, weiterer Prof: In Hessen wird zu viel gespielt, noch ein Prof.: In Berlin ist die Früheinschulung schuld, die brandenburgische Kultusministerin: Mehr Bildung in der Kita nötig, also zwischen 0 und 3.

Wenn man eine Bandbreite von je 10 Punkten um die bundesdeutsche Durchschnittspunktzahl als nicht-signifikante Abweichung zulässt, liegen Zweidrittel der Bundesländer im Durchschnitt, Bayern deutlich drüber, Hamburg, Bremen und Berlin drunter.

Die Studie wird als IGLU-Nachfolger gehandelt. Vergleichbar sind die Ergebnisse allerdings nicht. Bei der neuen Studie wurden die Aufgaben auf der Basis deutscher Bildungsstandards entworfen. Also mal wieder etwas Neues. Das beruhigt mich. Denn warum sind Hessens Grundschüler seit IGLU “schlechter” geworden? Angeblich sollen  die IGLU-Forscher seinerzeit selbst darauf hingewiesen haben, dass Hessens Schüler gut lesen, weil sie viele Schulbibliotheken haben. Wurde jetzt eine andere Lesekompetenz gemessen? Haben etwa die hessischen Schulbibliotheken versagt?

Es wird Zeit für eine bessere Bildungsforschung. Weiterlesen

PISA: Warum Politiker zu blindem Aktionismus neigen

Aus: PISA: Die Ursachen. Und andere Geschichten, von Martin Fromm (2002?):

Ziemlich einleuchtend beschreibt Martin Fromm den verfehlten Umgang mit PISA-Ergebnissen:

“Sie (i. e. Politiker und wissenschaftliche Gutachter; GS)  stellen  die  falschen  Fragen,  weil  die  Fragen,  die  dann  in  Form  von Forschungsprogrammen  vorgegeben  werden,  sich  an  dem  orientieren,  was alltagstheoretisch das Problem zu sein scheint und sich nach außen plausibel darstellen lässt. Entsprechend fallen den an der bildungspolitischen Diskussion Beteiligten vorzugsweise solche Ursachen für die PISA-Misere ein, die
zum eigenen Programm passen – und für die es handliche Maßnahmen gibt: Medien-Schelte,  Appelle  an  die  Eltern,  Einrichtung  von  Ganztagsschulen usw.

Sie denken in den falschen Zeiträumen, weil Maßnahmen schon vor der Klärung  des  Problems  verkündet  und  vorbereitet  werden.  Sie  erwarten die falschen Antworten, wenn sie Bestätigungen für ihre alltagstheoretisch vorgefassten  Einschätzungen  erwarten,  der  Brauchbarkeit im aktuellen politischen  Verwertungskontext und der  Akzeptanz in der Bevölkerung oberste Priorität einräumen.”

Besonders lesenswert: S. 8 unten bis S. 15 (Seitenzählung im pdf): Fromm, PISA: Die Ursachen und andere Geschichten

 

PISA-Lesekompetenz und die Schulbibliotheken, noch einmal!

Der eingängige, aber fragwürdige Slogan, die niedrige Lesekompetenz deutscher 15jähriger erfordere mehr Schulbibliotheken, wurde im Basedow1764 mehrfach problematisiert.

Jetzt hat die Bundeszentrale für politische Bildung aktuelle Zahlen und Fakten zum Thema Bildung zusammengestellt, darunter auch Tabellen zur Lesekompetenz 2000 und 2009. Wieder lässt sich erkennen, dass der Slogan kontraproduktiv ist:

Einige Staaten, deren Messwerte schlechter als die deutschen sind, haben flächendeckend oder zumindest sehr viele Schulbibliotheken: Dänemark, Groß-Britannien, Portugal, Türkei.

Manche Staaten, deren Messwerte besser sind, haben kein nennenswertes Schulbibliothekswesen: Schweiz, Finnland (öffentliche Bibliotheken ja, Schulbibliotheken erst seit kurzem!)

Im Ranking verbessert haben sich Portugal (Schulbibliotheken!), Deutschland (kein nennenswertes Schulbibliothekssystem)

Im Ranking verschlechtert haben sich Finnland, Frankreich, Dänemark, allesamt “Schulbibliotheksländer”!

Nicht in der Tabelle ausgewiesen: Südtirol hat höchste Lesekompetenzwerte und ein höchst effektives Schulbibliothekswesen.

Not tut eine Wirkungsforschung, die den im Slogan unterstellten Zusammenhang zuverlässig nachzuweisen versucht. Möglich ist ja, dass das Schulbibliothekswesen in Frankreich und Groß-Britannien nichts zur Verbesserung der Lesefähigkeiten beiträgt. Das in Portugal und Südtirol aber vielleicht schon. Möglich ist auch, dass die empirische Bildungsforschung wie so oft im Nebel herumstochert und unpräziser als die Regenwahrscheinlichkeit in der Wettervorhersage ist. Wer Lesekompetenzen hat, was immer das auch im Einzelnen ist, benutzt (hoffentlich) die Schulbibliothek. Lesen hat er woanders gelernt.Angebracht wäre auch, den Nutzen der Schulbibliothek nicht unnötig auf PISA zu verengen.

Mir fällt bei Bildungsforschung immer eine australische Sekundäranalyse von annähernd tausend empirischen Studien über Ursachen von Schulerfolg ein. Im Ergebnis ließ sich keine schulische Maßnahme überzeugend isolieren. Einzig mit hoher Korrelation ließ sich der Einfluss des Elternhauses nachweisen. Deswegen kann man Eltern beruhigen: Wenn sie sich kümmern, überlebt ihr Kind jedes Schulsystem.

Trösten wir uns damit, dass die Lesekompetenz der Grundschüler/-innen weit besser ist (oberer OECD-Durchschnitt bei IGLU/PIRLS).

Ich hatte einmal angekündigt, nichts mehr dazu zu sagen. (In diesem Beitrag liegt der Schwerpunkt auf den Unterschieden zwischen den Bundesländern.)