Schlagwort-Archive: Wirkungsforschung

Schulbibliotheks-Studie von Room to Read

Die großartige Initiative Room-to-Read, über die Basedow1764 schon berichtet hat, ließ die Wirkung ihrer Schulbibliotheken in Laos, Nepal, Indien, Sri Lanka, Sambia und Südafrika untersuchen. Gefragt wurde, ob die Room-to-Read-Büchereien die Lust aufs Lesen vergrößert haben. Die Antwort: Ja, sehr deutlich. Während vor der Eröffnung nur 29% der Schüler/-innen gerne lasen, taten das zwei Jahre nach Einführung einer Schulbücherei 51%. Man hätte sich gewundert, wenn es anders ausgegangen wäre. Allerdings gab es auch schon einmal ein wissenschaftlich begleitetes Leseförderprojekt in rheinland-pfälzischen Schulen, bei dem hinterher gemessen wurde, dass die Leselust gesunken war.

Die Untersuchung kann sicher nicht 1:1 übernommen werden. Nichtsdestoweniger wünsche ich mir, dass Deutschland Einsatzgebiet der Room-to-Read-Aktivisten würde. Auf jeden Fall käme man so schneller zu einer Schulbibliothek als durch Resolutionen, Empfehlungen und Erklärungen in jeder Dekade.

Ein Ergebnis der Studie ist übrigens, dass man in den 2.400 untersuchten Schulen die Erfahrung gemacht hat, daß es bessere Ergebnisse gab, wenn jemand aus dem Kollegium für die Bibliotheksarbeit qualifiziert wurde, als wenn jemand von außerhalb dafür ausgebildet wurde. („that training staff within the schools to manage the library instead of training external library managers proved to be far more impactful“.)

Innovationszentrum Schulbibliothek

Beim Thema Schulbibliotheken gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Das wird mir wieder einmal klar, als ich lese, dass in der Gegend von Bremen eine Schulverwaltung nicht länger die Bibliothekare in Schulbibliotheken bezahlen will, die sie vor Jahren, beim Rückzug der Stadtbibliothek aus den Schulbibliotheken, übernommen hatten. Jetzt werden Lehrer gesucht, die man nicht mehr im Unterricht einsetzen kann, aber noch beschäftigen muss. Es ist anzuerkennen, dass eine Kommune über Jahre Schulbibliothekare bezahlte und sich jetzt auch noch überlegt, wie man die entstehenden Lücken stopfen kann. Aber es zeigt auch, welches Bild von Schulbibliothek Politik, Verwaltung, Teile der Presse und die Öffentlichkeit, nicht zu vergessen: manche Schulleiter/-innen, haben.

Die ehemalige baden-württembergische Kultusministerin fällt mir ein, die nicht zu erkennen vermochte, dass in Schulbibliotheken pädagogische Arbeit geleistet wird, der nette ältere Herr, der mir in einer Bürgerversammlung – gutmeinend – empfahl, die Schulbibliotheken sollten das Moderne Antiquariat nutzen, die Lokaljournalist/-innen, die vom Bücherhort und der Leihbücherei schrieben, statt von der Schulbibliothek, der Landrat, der mir sagte, die Eltern sollten ihren Kindern doch Bücher kaufen. Ich höre hier auf, jeder in der Szene kennt dieses Bild von der Biedermeier-Bibliothek, das immer noch in den Köpfen sitzt. Nur der Vollständigkeit halber eine Aktualisierung: Der Abiturient, der erzählt, dass er noch nie in seiner Schulbibliothek war, er fände alles im Internet.

Der totale Gegenpol ist das Verständnis der Schulbibliothek als schulisches Innovationszentrum. Weiterlesen

Was wäre für deutsche Schulbibliotheken zu erforschen?

1997 schlug die Stiftung Lesen vor, zu erforschen, ob Schulbibliotheken von Eltern geführt werden könnten. Ob das ein pragmatischer Vorschlag war oder eine ernstzunehmende Vorstellung von Schulbibliotheken fehlte, weiß ich nicht.

Es gibt inzwischen, das ist erfreulich, einige deutsche Schulbibliotheksliteratur. Da hat sich doch etwas geändert. In den bibliotheksfachlichen Ausbildungsgängen gibt es zwar keine spezifische Ausbildung, aber immerhin Examensarbeiten zum Thema. Meist sind es Zustandbeschreibungen (Etwa „Die Situation der Schulbibliotheken in…“, „Der Aufbau einer Grundschulbibliothek“, „Das Schulbibliothekswesen in Deutschland“), gelegentlich ist es auch der Dauerbrenner „Wie viele Schulbibliotheken gibt es eigentlich?“ Auch diese sind nützlich.

Eine empirische Forschung, die zu konzeptionellen Lösungen beitragen könnte, ist mir nicht bekannt. Nicht zuletzt liegt das natürlich daran, dass die Zahl der Schulbibliotheken, in denen geforscht werden könnte, überschaubar ist. In der Schulforschung findet Schulbibliothek nicht statt. Die Schulbibliothek im organisatorischen und sozialen Gefüge der Schule bleibt eine Black Box. Die angehenden Bibliothekar/-innen schreiben i. d. R. über bibliotheksfachliche Aspekte oder über die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Bibliothek. In der bibliothekarischen Rezension eines Handbuches zu Schulbibliotheken las ich einmal den Vorwurf, dass das Buch nicht genügend herausstellen würde, wie wichtig die Diplom-Bibliothekare für Scbhulbibliotheken seien.

Wo bleibt das Positive? Nun, meine Forschungsfragen wären:

Wie nutzen Lehrer/-innen Schulbibliotheken im Unterricht? Kann man eine Typologie entwickeln? Es gibt eine ältere britische Untersuchung dazu.

Was schätzen Schüler an ihren Schulbibliotheken/Wie nutzen Schüler Schulbibliotheken? Das ist sogar für die angelssächsische Wirkungsforschung ein relativ neues Thema!

Schulleiter und Schulbibliotheken: Wie unterstützen sie? Was schätzen sie daran? Oder: Warum haben sie kein Interesse? Welche Vor- und Nachteile sehen sie?

Wie könnten Schulbibliotheken evaluiert werden? Deutschsprachige Literatur, z. B. aus Südtirol ist vorhanden!

Der Entwurf eines Ausbildungscurriculums für Leiter/-innen von Schulbibliotheken. Bekannt sind mir aus den 90er Jahren das Curriculum der ehemaligen Schulbibliothekarsausbildung in Stuttgart (Prof. Papendieck) und ein Entwurf der hessischen LAG Schulbibliotheken und nichtdeutsche Curricula.

Ich habe das jetzt verkürzt dargestellt, ohne viel zu verlinken oder zu bibliographieren. Im Blog thematisiere ich das aber schon lange, man möge es mir daher nachsehen. Dankbar wäre ich für die Nennung weiterer Forschungsvorhaben und noch mehr freuen würde ich mich, wenn zu der einen oder anderen Frage wirklich geforscht würde.

Update: Danke für die Mails und den Kommentar von Frau Ginzel!

Medienpädagogik hatte ich bewusst nicht angesprochen, obwohl ich diese auch als Aufgabe der SB ansehe. (Das habe ich im Buch „Die Schulbibliothek im Zentrum“ beschrieben.) Aber in Deutschland müssen Schulbibliotheken manchmal um Computer kämpfen oder bekommen die alten aus dem FB Informatik. Da kann nur wenig  erforscht werden. Aber aus den „fortgeschrittenen“ Schulbibliotheken und Medienzentren Fallstudien und Erfahrungsberichte zu bekommen, wäre gut.

Berichte und Studien könnten die SB ins Gespräch bringen. Sie wären wichtig, um innerhalb der Schulen ein Bewusstsein für ihr Potential zu schaffen. Sie könnten aber auch dazu beitragen, Politikerinnen und Politiker zum Umdenken zu bewegen. In Brandenburg etwa hatte der Landtag beschlossen, dass bedürftige Schüler/-innen in der Oberstufe hundert € monatlich erhalten, von denen sie ohne Verwendungsnachweis Bücher oder Kinokarten kaufen könnten. Eine ehemalige deutsche Kultusministerin konnte in Schulbibliotheken keine pädagogischen Tätigkeiten erkennen, ein Landtagsabgeordneter fragte, wozu es der Schulbibliotheken bedürfe, wenn es doch öffentliche Bibliotheken gebe.

Ideen für Forschungsarbeiten zu Schulbibliotheken

Kürzlich erwähnte ich das neue Forschungsprogramm BISS.

Als Watzlawick-Leser war ich mir schon sicher, dass ein Versuch, in BISS Schulbibliotheksforschung anzuregen, aussichtslos wäre. Glücklicherweise gibt es Menschen, die noch nicht so frustriert sind wie ich und die mich neu motivieren. Deshalb, egal ob BISS anbeißt oder nicht, ein paar Vorschläge:

Forschungsarbeiten zu Schulbibliotheken in Deutschland

Befragung der Schulleiter
Falls vorhanden: Wie unterstützen sie? Was schätzen Sie daran?
Falls nicht vorhanden: Warum nicht? Besteht Interesse? Vor- und Nachteile aus ihrer Sicht
Wie nutzen Schüler Schulbibliotheken? / Was schätzen Schüler an ihren Schulbibliotheken?
Fragebogen / Interviews
Wie nutzen Lehrer/-innen Schulbibliotheken im Unterricht?
Einstellungen von Lehrer/-innen
Typisierung der Nutzungsformen möglich?
Wie finanzieren sich innerschulische (nicht öB-zugehörige) Schulbibliotheken?
Es gibt m. E. 10-12.000 innerschulische Schulbibliotheken und weniger als 800 öB-zugehörige.
Wie könnten Schulbibliotheken evaluiert werden?
Da gibt es schon einige Literatur in anderen Ländern (u. a. Südtirol, Portugal).
Lässt sich eine positive Wirkung von Schulbibliotheken auf Schülerleistungen nachweisen?
In USA ganz großes Thema. Aber die Wirkungsfaktoren bleiben bisher im Dunkeln.
Man kann sich bei den ersten drei Fragen am Design US-amerikanischer Wirkungsforschung orientieren. Auf jeden Fall sind Fallstudien durchführbar, was auch für Diplomarbeiten von Bibliotheksstudent/-innen Anlass geben könnte.
Es muss ja nicht alles ausgehen wie die studentische Evaluation des preisgekrönten und viel gelobten IMeNS. Die stützte sich  überwiegend auf Aufsätze der IMeNS-Leiterin und ein Interview mit ihr und kam dennoch zu dem Ergebnis, dass der Nutzen des Projektes sich den Schulen noch nicht so richtig erschlossen hat.

Zum Zusammenhang von Leseleistung und Schulbibliothekaren

Die US-Schulbibliotheksforscher erforschen weiterhin den Zusammenhang von Schülerleistung und Schulbibliotheken. In einer 4. Colorado-Studie haben Keith Curry Lance u. a. jetzt in den Jahren 2005 und 2011 beobachtet, dass in Colorado Viertklässler in den nationalen Lesetests signifikant besser abschnitten, wenn es an der Schule einen Vollzeit-Teacher-Librarian gab, im Vergleich zu Schulen mit Vollzeitassistenten oder ohne Vollzeitschulbibliothekar.

Die Auswahl der beiden Jahre wird begründet. Herausgerechnet wurde der Sozialstatus der Eltern und Lehrermangel in den Schulfächern.

 

PISA-Lesekompetenz und die Schulbibliotheken, noch einmal!

Der eingängige, aber fragwürdige Slogan, die niedrige Lesekompetenz deutscher 15jähriger erfordere mehr Schulbibliotheken, wurde im Basedow1764 mehrfach problematisiert.

Jetzt hat die Bundeszentrale für politische Bildung aktuelle Zahlen und Fakten zum Thema Bildung zusammengestellt, darunter auch Tabellen zur Lesekompetenz 2000 und 2009. Wieder lässt sich erkennen, dass der Slogan kontraproduktiv ist:

Einige Staaten, deren Messwerte schlechter als die deutschen sind, haben flächendeckend oder zumindest sehr viele Schulbibliotheken: Dänemark, Groß-Britannien, Portugal, Türkei.

Manche Staaten, deren Messwerte besser sind, haben kein nennenswertes Schulbibliothekswesen: Schweiz, Finnland (öffentliche Bibliotheken ja, Schulbibliotheken erst seit kurzem!)

Im Ranking verbessert haben sich Portugal (Schulbibliotheken!), Deutschland (kein nennenswertes Schulbibliothekssystem)

Im Ranking verschlechtert haben sich Finnland, Frankreich, Dänemark, allesamt „Schulbibliotheksländer“!

Nicht in der Tabelle ausgewiesen: Südtirol hat höchste Lesekompetenzwerte und ein höchst effektives Schulbibliothekswesen.

Not tut eine Wirkungsforschung, die den im Slogan unterstellten Zusammenhang zuverlässig nachzuweisen versucht. Möglich ist ja, dass das Schulbibliothekswesen in Frankreich und Groß-Britannien nichts zur Verbesserung der Lesefähigkeiten beiträgt. Das in Portugal und Südtirol aber vielleicht schon. Möglich ist auch, dass die empirische Bildungsforschung wie so oft im Nebel herumstochert und unpräziser als die Regenwahrscheinlichkeit in der Wettervorhersage ist. Wer Lesekompetenzen hat, was immer das auch im Einzelnen ist, benutzt (hoffentlich) die Schulbibliothek. Lesen hat er woanders gelernt.Angebracht wäre auch, den Nutzen der Schulbibliothek nicht unnötig auf PISA zu verengen.

Mir fällt bei Bildungsforschung immer eine australische Sekundäranalyse von annähernd tausend empirischen Studien über Ursachen von Schulerfolg ein. Im Ergebnis ließ sich keine schulische Maßnahme überzeugend isolieren. Einzig mit hoher Korrelation ließ sich der Einfluss des Elternhauses nachweisen. Deswegen kann man Eltern beruhigen: Wenn sie sich kümmern, überlebt ihr Kind jedes Schulsystem.

Trösten wir uns damit, dass die Lesekompetenz der Grundschüler/-innen weit besser ist (oberer OECD-Durchschnitt bei IGLU/PIRLS).

Ich hatte einmal angekündigt, nichts mehr dazu zu sagen. (In diesem Beitrag liegt der Schwerpunkt auf den Unterschieden zwischen den Bundesländern.)

Steigern Schulbibliotheken wirklich die Schülerleistungen? (2)

In einem Interview, das schon 2007 geführt wurde, nimmt Keith Curry Lance, „Vater“ der berühmten „Coloradostudie“, Stellung zu Erkenntnissen und methodologischen Problemen der quantitativen Schulbibliotheksforschung.

Er ist sich der Schwierigkeiten bewusst, im Bereich von Schule und Erziehung eindeutige, hoch korrelierende Zusammenhänge zu belegen. Eine statistische Korrelation, wie stark sie auch immer sein mag, stellt nicht automatisch einen Zusammenhang im Sinne von Ursache und Wirkung her:

I think that any thinking person who looks at the business of public education understands how incredibly complicated the factors are that influence how well a kid does in school. It’s complicated dramatically by socioeconomic factors: how well educated the parents are; how much they support the child’s education; how well funded the school is.

How do you really measure the quality of teaching? How do you measure the student’s own motivation to learn? There are an almost infinite number of factors that explain how well a kid does in school. This is my quarrel with a lot of education research, especially all the magic bullet programs that schools spend a lot of money on. No one thing could possibly exert an overwhelming influence relative to everything else on how a kid does in school.

Zu den Problemen zählt auch die Defintion von Schülerleistung durch standardisierte Tests, die er wiederum als Bezugspunkt für seine Studien nimmt. (Die Tests werden bleiben, meint er. Dafür sei die drumherum entstandene Testindustrie inzwischen zu mächtig geworden.)

Lance sagt in diesem Interview noch einmal deutlich, dass es nicht die Existenz der Schulbibliothek an sich ist, sondern die Aktivität der school library media specialists, der Bibliothekslehrer, die sich bemerkbar macht. Er macht das fest am Begriff der „leadership“. Wörtlich übersetzt hieße das Führung, Führungsstil, Mitarbeiterführung. Das Gemeinte ist für mich eher Kenntnisse und Kompetenzen haben, seinen Job gut machen. So wie in der Werbung manche Auto- oder Uhrenfirmen auf ihre führende Rolle aufmerksam machen. (Siehe dazu die Items aus einer kalifornischen Wirksamkeitsstudie!)

What we found is that leadership doesn’t have a direct correlation with test scores, but it does have an indirect correlation. Schools where librarians spent more time in leadership activities—like meeting with their principals, going to faculty meetings, serving on committees—were likely to spend more time in collaboration. They’re more likely to plan with teachers, to co-teach, to tutor, to do in-services for the teachers themselves….

Wer lieber hört statt zu lesen: Hier ist ein aktuelles Interview mit Prof. em. Lance.

Weitere Beiträge zu „Schulbibliotheksforschung“ im Blog (Nicht alle werden angezeigt.)

Steigern Schulbibliotheken wirklich die Schülerleistungen?

Ich habe mich schon öfter gegen die Instrumentalisierung des PISA-Rankings als Argument für Schulbibliotheken gewandt. Mit meinem Plädoyer für Wirkungsforschung statt PISA-Ranking in Deutschland stehe ich nicht mehr alleine.

Inzwischen haben sich die nordamerikanischen Untersuchungen über die Wirkung von Schulbibliotheken auch bei den Bibliotheksverbänden herumgesprochen. Die Untersuchungen sind selbstverständlich interessegeleitet, um das in USA längst nicht mehr unumstrittene Schulbibliothekswesen zu erhalten und zu festigen. Einer Übertragung dieser Forschung auf Deutschland, wie sie jetzt die Bibliothekslobby fordert, steht entgegen, dass es die hoch entwickelten Schulbibliotheken, für die in USA ein Zusammenhang mit guten Schülerleistungen nachgewiesen wurde, hier nicht gibt. Siehe dazu u. a. „Schulbibliotheksforschung erneut„.

Dagegen habe ich für mehr lokale Fallstudien plädiert, z. B. in „Mehr Umfragen in der Schulbibliothek„. Diese Forschungsmethode ist in Deutschland weniger verbreitet als im angelsächsisch-pazifischen Raum. Vielleicht helfen hier Diplomarbeiten an Bibliothekshochschulen. Die Einsendungen bei den Wettbewerben um die „Schulbibliothek des Jahres“ zeigen, was der Beschreibung und Auswertung bedarf.

Der Berliner Bibliothekswissenschaftler Dr. Karsten Schuldt hat nun auch darauf aufmerksam gemacht, dass die schulbibliothekarische Wirkungsforschung für verbandspolitische Forderungen wenig taugt, weil man sich ihr Forschungsdesign und ihre Ergebnisse genau ansehen muss. Wie fast immer im pädagogischen Bereich lasse sich nichts eindeutig beweisen. Er belegt es mit Verweisen auf die Wirkungsforschung zu Ganztagsschulen. Was die zur Verbesserung von Schule beitragen, ist in der Tat unklar. (Ich erzähle bei dieser Gelegenheit gerne, dass man in Frankreich die Effizienz der deutschen Halbtagsschule bewundert und sie in Schulversuchen erprobt.)

Dass es letztlich die Arbeit der Menschen in der SB ist und nicht die Existenz der Bibliothek als Raum mit Büchern und Medien, die Wirkung ausübt, wird in Deutschland auch gerne übersehen.

Ich sehe in der US-Forschung aber durchaus Untersuchungsstrategien und Ergebnisse, die weiterführen und erklären, was denn nun im Einzelnen in guten Schulbibliotheken zur Schulqualität und Schülerleistung beiträgt. So wurden in der Ohio-Studie, anders als in den Colorado-Studien, Schüler/-innen befragt, wie sie Schulbibliotheken nutzen. In Kalifornien lag einer Studie eine Checkliste zugrunde, aus der man entnehmen konnte, was gute von schlechten Schulbibliothekar/-innen unterscheidet.

Dr. Karsten Schuldts Beitrag, auf den ich mich beziehe.

Leseleistung und Schulbibliotheksnutzung. Eine Black Box?

Im Zusammenhang mit der Arbeit der britischen Schulbibliothekskommission, über die ich kürzlich berichtet habe, ist eine Umfrage über die Nutzung von Schulbibliotheken entstanden:

Christina Clark (2010)  Linking School Libraries and Literacy : Young people’s reading habits and attitudes to their school library, and an exploration of the relationship between school library use and school attainment. National Literacy Trust http://www.literacytrust.org.uk/assets/0000/5760/Linking_school_libraries_and_literacy_2010.pdf

17000 Schüler/-innen in 112 Schulen wurden Ende 2009 befragt. Heraus kam, dass Mädchen die Schulbibliothek mehr benutzen als Jungen, Jüngere mehr als Ältere, Kinder mit asiatischem Migrationshintergrund mehr als Weiße und Schwarze. Die Nutzung sei nicht schichtspezifisch.

Ergebnisse
Fast 70% der Befragten nutzen die Schulbibliothek. Die Gründe sind: Sie hat interessante Bücher. Sie hat nicht nur Bücher, sondern auch andere Medien. Sie hat Computer. Es hilft ihnen im Unterricht. Die Freunde gehen hin. Es ist ein angenehmer Ort.

Alles nicht sonderlich überraschend, das meiste evident. Auch die Zweidrittelnutzung kommt in den meisten Umfragen vor. (Hatte ich auch bei einer Umfrage unter sechs Schülerjahrgängen in meiner Schule.)

Was mir am meisten imponiert ist die Tatsache, dass es solche Umfragen gibt.  (Frau Schavan hat mir gerade mitteilen lassen, dass sie meinen Vorschlag, Schulbibliotheksforschung durch ihr Haus zu finanzieren, interessant findet, aber in den nächsten acht Jahren liefe erst einmal ein Leseförderprojekt mit Arztpraxen und öffentlichen Bibliotheken.

Etwas aber fällt mir auf: Herausgefunden wurde in der Studie, dass die Schulbibliotheksbenutzer ihre Lesekompetenz  doppelt so hoch einschätzen wie die Nichtnutzer. Auch in weiteren Items zu  Lesen (Lesefreude, -häufigkeit u. a. m.) unterscheiden sich Nutzer und Nichtnutzer erheblich.

Die Verfasserin der Studie weist darauf hin, dass sie einen Zusammenhang von Schulbibliotheksnutzung und Leseleistung (reading attainment) beobachtet hat, dass sie aber nicht sagen kann, ob die gute Leseleistung zur Nutzung motiviert oder die Schulbibliotheksnutzung die Ursache guter Leseleistung ist.

(Womit ich wieder bei meiner Skepsis gegenüber empirischer Bildungsforschung bin.)

Kann jemand mal eine Umfrage designen, in der gefragt wird, warum jemand zum Leser geworden ist? Oder kann man Schüler/-innen beobachten, die mehrere Jahre eine gute Schulbibliothek benutzen (dürfen/müssen)?

Nachtrag: Irritierend finde ich , dass zur gleichen Zeit eine Umfrage derselben Institution zur Nutzung der öffentlichen Bibliotheken unter denselben (?) 17000 Schüler/-innen zu denselben Antworten führt, nur dass diesmal die öffentliche Bibliothek gemeint ist.

Die Schlagzeile, mit der der Bericht aufgemacht ist, lautet genau wie ein Befund der Schulbibliotheksumfrage:

„Children who use the library are twice as likely to be above average readers“.

Ist das Ressourcenoptimierung? Oder liegt es an meiner nicht optimierten Informationskompetenz?

Schulbibliotheksforschung erneut

Kürzlich wurde eine deutsche Leseforscherin gefragt, warum sie in ihre Arbeiten zur Steigerung von Lesekompetenz und Lesemotivation in der Schule nicht die Schulbibliotheken einbeziehe. Sie antwortete, dass ihr keine wissenschaftlichen Untersuchungen zum Beitrag der Schulbibliothek in diesem Bereich bekannt seien. Die LAG versprach, ihr einschlägige Literatur zu nennen.

Hier ist eine annotierte Linkliste von David Loertscher zu Untersuchungen über den Einfluss von Schulbibliotheken auf Schulleistungen. Noch ausführlicher (Bibliographie, methodische Fragen, Zeitschriftenaufsätze) ist die pdf-Datei dazu. (David Loertschers Seiten sind leider verschwunden.) Siehe stattdessen hier und hier.

Siehe dazu auch diese Beiträge in Basedow1764: Prof. Bertschi-Kaufmann, Prof. Hurrelmann, Stiftung Lesen, Ohio-Studie, Umfragen.

Die Studien, die wir gerne zitieren, stammen aus der angelsächsischen Welt. Man darf dabei nicht übersehen: Das erkenntnisleitende Interesse dort ist, die Notwendigkeit von teacher-librarians und media specialists nachzuweisen und die Daseinsberechtigung von Bachelor- und Master-Studiengängen des Schulbibliothekswesens zu beweisen.

Wenn das mit solchen Arbeiten wie Ohio- oder Colorado-Studien geschieht, hat das immerhin ein anderes Niveau als hierzulande bloß zu behaupten, angesichts der deutschen PISA-Ergebnisse müsse man endlich Schulbibliotheken einrichten. Ergänzend zu den Strategien, Konzepten, Spiralcurricula  oder Pressemitteilungen wünschte ich mir in Deutschland ähnliche Studien.

Sage keiner, das ginge nicht, weil es zu wenig Schulbibliotheken gäbe.  Auftragsforschung, wie es bei IMeNs geschieht, sollte es aber nicht sein.