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MERINCOS: Fortbildung zu Informationskompetenz

Dr. Nathalie Mertes bietet ein mehrstufiges Fortbildungskonzept zur Informationskompetenzvermittlung für Schulen, Schulbibliotheken und Bibliotheken an. Sie war Lehrerin und Leiterin einer Schulmediothek im deutschsprachigen Belgien und hat sich mit ihrer Dissertation auch wissenschaftlich mit Informationskompetenz und ihrer Vermittlung befasst.

Unter dem Namen MERINCOS bietet sie Seminare und Workshops an.

Ihrer Bitte, ein Kooperationspartner zu werden, bin ich gerne gefolgt.

Nicht nur Lehrern fehlt Informationskompetenz

Wenn ich Beiträge zu Informationskompetenz schreibe und mich darin kritisch mit der Informationskompetenz von Journalist/-innen auseinandersetze oder damit, dass es ein sehr ambitioniertes Vorhaben ist, Informationskompetenzcurricula von vom Kindergarten bis zum Abitur zu implementieren, befallen mich bisweilen immer noch Zweifel, ob ich das Thema überhaupt richtig verstehe. sind es doch Bibliothekare, die den Begriff besetzt haben und darauf bestehen Lehrer und Schüler in diese Methode einzuführen. Daher lese ich gelegentlich bei Informationskompetenzfachleuten nach, was die darunter verstehen. Hier ein Fundstück aus dem Blog “Informationskompetenz@ulg wien”

“Informationskompetenz umfasst die Kompetenzen, um Informationsbedarf zu erkennen und zu finden und Informationen in kulturellen und sozialen Kontexten zu bewerten, anzuwenden und zu erstellen. (Zitat aus einer Alexandrina-Proklamation) Diesen Satz verstehe ich folgendermaßen: Informationsbedarf erkennen können wir nur dann, wenn wir herausfinden, dass unser Vorwissen zu einer Fragestellung oder Situation nicht ausreicht – wir „brauchen noch Zusatzinfos“ oder wir „verstehen nicht, worum es geht“ oder wir „müssen das nochmal nachschauen“.
Aus diesem „Wissens-Ungleichgewicht“ können wir eine Fragestellung, eine Suchanfrage, vielleicht sogar Neugierde entwickeln. Wenn wir wissen, wo wir Zugang zu den gewünschten Informationen haben, müssen wir also im nächsten Schritt bewerten können, woher die einzelne Information stammt, in welcher Zeit sie entstanden ist und wer sie verfasst hat.
Aus diesen schon recht umfangreichen Vorarbeiten, können wir nun die neue Information in unser Vorwissen integrieren. Wir wenden das Wissen an, indem wir uns nun möglicherweise anders, „informierter“, verhalten, wir erzählen vielleicht unseren neuen Wissensstand Interessierten oder wir verschriftlichen unsere Erkenntnisse.
Klingt einfach – ist es aber nicht. Denn wir bewegen uns in einer Welt, die eine unüberschaubare Anzahl von Informationen zu bieten hat. Sich diesem Überangebot zu nähern, ohne dabei die Nerven zu verlieren, ist, einfach ausgedrückt, auch Informationskompetenz…”

Der Autor/die Autorin empfiehlt im Folgenden, sich in der Bibliothek in Informationskompetenz schulen zu lassen.

Ich kann sogleich ein Beispiel geben: Weiterlesen

Informationskompetenz: TTIP

Der EU wurde vorgeworfen, die TTIP-Verhandlungen, das Freihandelsabkommen mit den USA, wären intransparent, da die Verhandlungspapiere geheim wären. Freihandelsgegner von attac, blockupy und campact warnen vor niedrigeren Umwelt- und Verbraucherschutznormen und der Abtretung der Legislative an US-Konzerne, vor der endgültigen Dominanz der US-Unterhaltungsindistrie. Man erinnert sich: das berühmte Chlorhuhn. Dabei tötet Chlor Keime zuverlässig. US-Amerikaner wundern sich darüber, dass Salat in Deutschland gechlort wird, bevor er abgepackt wird und daran niemand Anstoß nimmt. Lebensmittelskandale sind in USA sehr viel geringer als hierzulande.

1,7 Millionen Bürger/-innen haben die Petition “STOP TTIP” bisher unterschrieben. Die ebenfalls in der linken Kritik stehenden übernationalen Gerichte, die Konzerne gegen ihren Interessen widersprechende nachträgliche Änderungen in einer nationalen Gesetzgebung anrufen könnten, sind eine deutsche Erfindung und werden von der deutschen Wirtschaft geschätzt, weil sie damit Rechtssicherheit gegenüber Staaten hat, in denen man der Rechtsprechung nicht über den Weg traut. Russland unterwirft sich beispielsweise dieser Rechtsprechung. Klagerecht gibt es auf diesem weg nur dann, wenn ausländische firmen gegenüber inländischen benachteiligt werden.

Nun hat die EU seit Januar 2015 ihre Verhandlungsdokumente im Internet veröffentlicht. Wer jetzt glaubt, die EU-Server würden unter der Last der Aufrufe zusammenbrechen, wird enttäuscht. Die deutschsprachige Seite mit den EU-Vorschlägen zum Kulturbereich wurde in drei Monaten ganze 50mal aufgerufen! Tier- und Pflanzenschutz (Chlorhuhn!) wurde 5.000mal aufgerufen. Auch das beschämend wenig bei 1,7 Millionen Menschen, die TTIP stoppen wollen, aber sich beklagen, dass sie nicht wissen, was in den Dokumenten steht. Die englischsprachige EU-Übersichtsseite über TTIP hat 100.00 Klicks, die deutschsprachige 5.000.

Leider sind die USA dazu noch nicht bereit und auch die bisher ausgehandelten Passagen bleiben unveröffentlicht. Andererseits ist zu fragen, was diese Echtzeit-Publizität für einen Nutzen haben soll. Macht es Sinn, wenn die Öffentlichkeit die Streichung, Ergänzung, Umformulierung jedes Halbsatzes live mitverfolgt? Wenn das Freihandelsabkommen vorliegt, so dachte ich bisher, muss es von den europäischen Körperschaften verabschiedet, abgelehnt oder verändert werden. Da habe ich anscheinend antiquierte Vorstellungen von einem Gesetzgebungsprozess. Unterstützen würde ich den Vorschlag, Kultur außen vor zu lassen.

Soll wieder einmal die Welt am deutschen Wesen genesen? In den anderen EU-Staaten wird das TTIP überwiegend positiv gesehen. Sind die alle doof und nur die antikapitalistischen und antiamerikanischen Deutschen haben den Durchblick?

(nach Berichten in mehreren Pressemedien)

Update 27.4.15: Eine bemerkenswerte Rechnung macht der Unternehmensberater Hermann Simon in der heutigen FAZ (p 16) auf: Wenn man den Wert deutscher Exporte in andere Länder auf die Einwohner umrechne, liege die Schweiz vorn: 7.770 $ pro Einwohner. Danach folgten Frankreich, Polen und die Niederlande. In den USA sind es 378 Dollar! Ähnlich sehe es aus, wenn man den Anteil der deutschen Importe am Bruttosozialprodukt der Länder betrachte, Er liegt bei den europäischen Nachbarländern bei ca. 10% Anteil am BSP, in den USA sind es 0,7 %. Auch in China ist der Anteil höher.

Daraus könne man ersehen, dass das Freihandelsabkommen ein erhebliches Exportwachstum bringen könnte. Bisher sei der Eintritt in den amerikanischen Markt vielen Firmen zu teuer, z. B. wegen der Kosten durch notwendige zusätzliche Genehmigungen. (Es gäbe aber auch andere Hürden, die das deutsche Management allein zu verantworten hätte.) Aber das ist wohl eine einseitige Sicht. Der Vorwurf steht ja auch im Raum: TTIP würde den Firmeninhabern nützen, aber nicht dem Volk.

Die Tagesschau und die Sozialwissenschaft

Ich möchte nicht mit den linken und rechten Verschwörungstheoretikern in einen Topf geworfen werden, die davon reden, die Medien würden vom Kapital, von der NATO, von Israel bezahlt werden und uns daher einseitig, vor allem gegen Putin, beeinflussen.

Aus einem ganz anderen Grund habe ich ein Problem – vor allem mit der Tagesschau. Das ist der unkritische Umgang mit sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Da wird regelmäßig berichtet, was Pressestellen von Ministerien, OECD, Verbänden und Konzernen lancieren. Ohne das Attribut “angeblich”, das in anderen Nachrichten so gerne verwandt wird.

Jetzt freue ich mich, dass Science Files mit der gewohnten Gründlichkeit der Sache nachgegangen ist und belegt, was ich – gefühlt – schon lange – behaupte: Die ARD vermittelt “den Eindruck, Studien und wissenschaftliche Ergebnisse würden von Stiftungen, von Parteien, von Gewerkschaften, von Unternehmensberatern, Bundesministerien, internationalen Organisationen und, nicht zu vergessen, von IKEA erstellt.”

Informationskompetenz gefragt: Noch nie war die Armut in Deutschland so groß

Basedow1764 ist ein Anhänger der Informationskompetenzvermittlung. Das war er schon, als es dieses Wort noch nicht gab und man von Arbeitstechniken oder Skills sprach. Inzwischen wird das Wort inflationär und präpotent gebraucht. Vor allem wird der Inhaltsaspekt vernachlässigt. Dass man mit der Beherrschung all der methodischen Teil- und Unterkompetenzen Wissen oder gar Bildung erlangen kann, bezweifele ich.

Ein mehrmals im Jahr wiederkehrendes Beispiel sind die Armutsberichte über Kinder, Witwen, Migranten, Rentner oder die Gesamtbevölkerung, die von Armutsforscher/-innen erstellt und von den einschlägigen Organisationen veröffentlicht werden. Wenn 15-Jährige im Politikunterricht, sofern es den überhaupt gibt, nach Informationskomptenzvermittlungsregeln vorgehen und ermitteln, dass die Pressemitteilung z. B. des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes keine Rechtschreibfehler enthält, aktuell ist, mit Impressum veröffentlicht wird und fast alle Medien den Inhalt melden, wie soll er darauf kommen, dass das statistische Verfahren zur Ermittlung von Armut problematisch ist. In den Medien wird Armut und “Armutsgefährdung” wird meist verwechselt.

Die “Armutsgefährdung” beginnt, wenn das Einkommen unter 60% des mittleren Einkommens (Medianwert) der Bevölkerung liegt. Dieser Prozentsatz verändert sich nicht! Wenn z. B. jetzt Metallarbeiter 3,5 % mehr Lohn bekommen, steigt die Armut (wie die Zeitungen Armutsgefährdung meist abkürzen). Sie nähme nur ab, wenn es mehr Gleichheit bei den Einkommen gäbe. Weniger Armut gibt es nach den statistischen Formeln bundesdeutscher Armutsforscher/-innen wohl in Venezuela und Kuba. Auch 1946/47 in Deutschland hat es weniger Armut gegeben als heute, da fast alle wenig hatten. Die Quote für Armutsgefährdung ist ein Indikator für die Einkommensverteilung, mit Armut hat sie wenig zu tun. für die Feststellung von Armut wird die Berechnung der Grundsicherung herangezogen: Aus dem Ausgabenverhalten unterer Einkommensgruppen wird ein Existenzminimum berechnet, das als staatliche Grundsicherung gewährt wird. die liegt unter dem Prozent wert der Armutsgefährdung. Die Armutsgefährdung beginnt bei einem Alleinstehenden bei ca. 900 €. Damit gelten automatisch Auszubildende und Studierende, die über diesen Betrag verfügen, für den Paritätischen Wohlfahrtsverband als “arm”, obwohl nur ein Teil von ihnen wirklich von Armut betroffen ist.

Die Statistiker des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes behaupten auch in ihrem neuesten Bericht von wachsender Armut. Sie geben aber immerhin zu, dass noch nicht alle Daten für 2013 vorliegen, sie hätten daher zum Teil geschätzt, auch seien Doppelzählungen nicht zu vermeiden gewesen..

Zur beabsichtigten(?) Verwirrung tragen auch Verbesserungen von Leistungen oder die verbesserte Information Betroffener bei. Wenn also z. B. durch den gerichtlich angeordneten Verzicht auf den Rückgriff auf die Kinder beim Unterhalt der Eltern abgeschafft wird, steigen die staatlichen Aufwendungen für Arme; wenn mehr Anspruchsberechtigte Ansprüche anmelden, steigt aber nicht die Zahl der Armen und die Armut wäre so schlimm wie noch nie in Deutschland.

Problematisch ist auch der Umgang mit dem Thema “Altersarmut“. Immer mehr Rentner müssten sich einen Job suchen, um die Runden zu kommen, behaupten Linkspopulisten und Gewerkschaften. Interessant ist, dass vor allem Rentner erwerbstätig sind, deren Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Die Motive für eine Weiterarbeit von Rentnern seien vielfältig, sagt das “Institut für die Altersvorsorge”. Rentner ohne Rücklagen und Ostdeutsche würden seltener eine Weiterbeschäftigung suchen.

Auch die “Aufstocker”, Arbeitslose, die als Minijobber oder Teilzeitbeschäftigte wieder in der Arbeitwelt Fuß fassen, können nicht pauschal als arm bezeichnet werden. Von den Gewerkschaften wird die Situation auf den Kopf gestellt. Statt zu begrüßen, dass Arbeitslose etwas dazu verdienen dürfen (Was ihnen früher nicht erlaubt war bzw ihnen die Sozialleistungen gekürzt wurden) beklagen sie, dass die Betroffenen so wenig verdienten, dass sie Sozialhilfe brauchten. Seit die Sozialhilfe nicht mehr gekürzt werden, wenn ein Arbeitsverhältnis beginnt, hat die Zahl der Aufstocker zugenommen. Das kann aber nicht als Indikator für die Zunahme von Armut in Deutschland gewertet werden.

Der von den Fachleuten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes geprüfte Zeitraum ist 2005 bis 2013. In 2005 legen sie eine Armutsgefährdungsquote von 14% zu Grunde. Diese wäre dann bis 2013 auf alarmierend 15,5 % gestiegen. Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes sagt, dass die Zahl für 2003 bei 14,7% gelegen habe. In dem genannten Zeitraum sei die Einkommensverteilung in Deutschland also relativ stabil geblieben. Allerdings sei im Achtjahreszeitraum davor diese Zahl von ca. 11% auf besagte 14,7 % angestiegen. Wie gesagt, das ist kein Armutsindikator, sondern zeigt Einkommensunterschiede an. Der Anstieg zwischen 1998 und 2003 lässt sich erklären durch Steuererleichterungen der rot-grünen Bundesegierung für mittlere und hohe Einkommensbezieher und durch eine sich öffnende Schere zwischen gut bezahlten Fachleuten in technisch anspruchsvollen Berufen und wenig qualifizierten Arbeitnehmern.

Zurzeit behauptet die Linkspartei, dass die Zahl der armen Erwerbstätigen in den vergangenen sechs Jahren um 25% zugenommen hätte. Sie beruft sich auf EU-Statistiken. Das sieht sie als Argument für die Erhöhung des Mindestlohns. Auch diese Statistiken haben es in sich. Aus ihnen kann man herauslesen, dass die Zahl armutsgefährderter Arbeitsloser im selben Zeitraum um 10% auf zwei Millionen zurückgegangen ist. Im selben Zeitraum gab es ausnahmslos Reallohnsteigerungen. Der Anteil der Erwerbstätigen mit weniger als 8,50 € Stundenlohn ist gesunken. Gestiegen allerdings ist die Zahl armutsgefährdeter Erwerbstätiger in diesen sechs Jahren von 7,1 auf 8,6%. Die Studie, auf die sich die Linkspartei beruft, EU-SILC, erfasst in einer Stichprobe 14.000 Haushalte und ihr Einkommen, aber nicht die Löhne von Erwerbstätigen, Es wird also nicht nach Teil- und Vollzeitbeschäftigung unterschieden, der Status “erwerbstätig” beruht auf Selbsteinschätzung.

Da die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen ist, ist “naturgemäß” (s. o.) auch die Zahl armutsgefährdeter Haushalte gestiegen. allein Lebende sind stärker armutsgefährdet. Während bei Paaren das Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsgrenze liegt, rutscht es nach Scheidung oder Tod des Partners schnell ab. Dann kann man aber nicht sagen, dass sinkende Löhne das Problem wären.

(Vor allem nach FAZ v. 4.2.15 von Dietrich Creutzburg und ergänzt durch FAZ v. 27.4.15, Prof. Dr. Georg Cremer)

Schlimm finde ich, dass über den regelmäßigen, alarmistischen Armutsberichten konkretes Elend aus dem Blickfeld geraten kann, etwa im Bereich der Altersarmut oder bei Alleinerziehenden. Bedauerlich ist auch, dass nicht erwähnt wird, dass über 55% des Bundeshaushalts aus Sozialleistungen bestehen, dass 20% der Einkommenssteuerpflichtigen ca. 80% des Steueraufkommens tragen.

Die Auftraggeber solcher wissenschaftlicher Studien sind Lobbyisten, die unter Berufung auf ihre Studien mehr Geld vom Staat wollen.

Mehr dazu in der unverzichtbaren Unstatistik der Woche

Siehe u. a.auch hier im Blog

N.B.: Die Vermittlung kritischen Denkens (Auch das ein Begriff, der nicht von US-Schulbibliotheksprofessorinen erfunden wurde) machte mir Spaß. Man konnte förmlich sehen, wie es in den Schülerköpfen arbeitete und wie schwer es war, sich von gängigen Klischees zu lösen. Beispiele?

Der hohe Benzinpreis: Die Einkommen stiegen stärker als der Benzinpreis, so dass die Arbeitszeit, die man braucht, um sich den Tank zu füllen, gesunken war.

Der Russlandkrieg der Deutschen scheiterte laut Volksmund angeblich, weil der Winter 1941/42 überraschend kalt gewesen wäre. Stimmt nicht, wurde aber selten überprüft, schon gar nicht im Geschichtsunterricht.

Die wahren Kosten des Autoverkehrs: Bei der beliebten Berechnung, was ein Kilometer im Privat-Pkw kostet, werden die Kosten der Infrastruktur und der Unfallfolgen weggelassen. (Die Grünen haben einmal versucht, diese Kosten zu ermitteln.) Schülerkommentar: “Aber die Straßenbrücken sind doch da!”

Update 28. März: Arbeitsministerin Nahles wies die Behauptung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dass die Armut in Deutschland noch sie hoch gewesen wäre wie jetzt, zurück. Sie weist darauf hin, dass die Definition der Armutsgefährdung untauglich für die Erfassung wirklicher Armut in sei. Ihr Ministerium werde demnächst einen Bericht vorlegen, in dem der Einfluss der Reichen und der Eliten auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse offen gelegt werde.

Ob die Bilderberger darin vorkommen?

Nachtrag 5.5.15: Wenn ich richtig informiert bin, darf der Bundesrechnungshof die Verwendung der staatlichen Sozialleistungen an die Armutsindustrie nicht prüfen.

 

nainablabla

Früher gab es den Berliner Kurier, das Goldene Blatt und Sat1. Heute gibt es das Internet. Früher schrieb man Primanerlyrik, heute publiziert man auf Twitter, Instagram und Tumblr, wohlgemerkt: nicht auf Facebook! So tut das auch eine 17jährige Kölner Abiturientin. In postpubertärer Selbsterkenntnis nennt sie das “nainablabla”. Da man nicht immer nur “shit” , “fuck” und ich “Ich will kuscheln” schreiben kann, sondert sie auch Weisheiten über Schule ab: “Ich bin fast 18 und hab´ keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse (sic!) schreiben. In 4 Sprachen.”

Mit dem, was Schule nicht beibringt, kann man sicher Bände oder den Twitter-Server füllen, z. B. einen Reifen wechseln, einen Fahrkartenautomaten bedienen, Popcorn in der Mikrowelle erhitzen. (An letzterem ist Naina gescheitert.) Fraglich ist, ob es der Sinn von allgemein bildender Schule sein soll, Popcorn richtig zu erhitzen.

Sie ist mit ihrer Twitterlyrik auf der Höhe der Zeit. Die Bildungspolitik, im Schlepptau der PISA-Industrie, ist schon lange dabei, Schule alltagspraktisch auszurichten. Was machen Hauptschüler, sofern es sie noch gibt, eigentlich noch, außer Lebenslauf zu schreiben, Ausbildungsmessen zu besuchen und Betriebspraktika zu absolvieren?

Lateinunterricht kann weg, Geschichtsunterricht allemal, Hitler reicht als Geschichtsstoff, in der Fremdsprache nach dem Weg zu McDonalds auf den Champs Elysées fragen können, aber keine Zeit mit dem Lesen von Racines Phèdre verschwenden. Handschrift wird abgeschafft und bald werden die Sprachbücher fürs Gymnasium in Leichter Sprache abgefasst werden.

Das Feuilleton ist von Naina begeistert. Es entstehen tiefsinnige Aufsätze über Schule und welche lebenspraktischen Fächer ihr fehlen. ein SPON-Journalist setzt allerdings noch eins drauf: Er erklärt, warum Gedichtanalysen richtig und wichtig wären: Man lerne, sich “Materie draufzuschaffen”, die einen nicht interessiere.

Aus der “Netzgemeinde” erhielt Naina den Rat, sich einfach einmal selbst kundig zu machen und zu recherchieren, was Miete ist. (Lernt man in ihrer Schulbibliothek eigentlich nicht Informationskompetenz?) Auch wie man Gedichtanalyse korrekt schreibt, hat einer ihrer zehntausend Follower erklärt.

Mit ihren Fremdsprachenkenntnissen und dem Abitur in der Tasche, steht Naina demnächst, trotz des angeblichen Versagens ihres Gymnasiums, die Welt offen. Als erstes vielleicht ein Buch schreiben, in Talkshows sitzen, dann M. A. in Kommunikationswissenschaften…

Dissertation als Mogelpackung?

Die neueste Ausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie enthält eine Rezension von Dr. habil. Heike Diefenbach zu Sind Mädchen besser? Der Wandel geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs in Deutschland. Frankfurt a. M.: Campus 2012, von Marcel Helbig, Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin.

Frau Diefenbach ist Mitautorin des Wissenschaftsbogs Science Files. Im Blog wird aus dieser Rezension zitiert.