Archiv der Kategorie: Informationskompetenz

Informationskompetenz: TTIP

Der EU wurde vorgeworfen, die TTIP-Verhandlungen, das Freihandelsabkommen mit den USA, wären intransparent, die Verhandlungspapiere geheim.

1,7 Millionen Bürger/-innen haben die Petition “STOP TTIP” gegen das geplante Freihandelsabkommen bisher unterschrieben. Man erinnert sich: das berühmte Chlorhuhn, angeblich niedrigere Umweltstandards und der Ausbau der kulturellen Dominanz der US-Unterhaltungsindustrie. Währenddessen wundern sich US-Amerikaner darüber, dass Salat in Deutschland gechlort wird, bevor er abgepackt wird und niemand daran Anstoß nimmt. Andererseits sind Salmonellenbefall und andere Lebensmittelskandale in USA sehr viel geringer als hierzulande. Die ebenfalls in der linken Kritik stehenden übernationalen Gerichte, die Konzerne gegen ihren Interessen widersprechende nachträgliche Änderungen in einer nationalen Gesetzgebung anrufen könnten, ist eine deutsche Erfindung und wird von der Wirtschaft geschätzt, weil sie damit Rechtssicherheit gegenüber Staaten hat, in denen man der Rechtsprechung nicht über den Weg traut. Russland unterwirft sich beispielsweise dieser Rechtsprechung.

Nun hat die EU seit Januar 2015 die ihre Verhandlungsdokumente im Internet veröffentlicht. Wer jetzt glaubt, die EU-Server würden unter der Last der Aufrufe zusammenbrechen, wird enttäuscht. Die deutschsprachige Seite mit den EU-Vorschlägen zum Kulturbereich wurde in drei Monaten ganze 50mal aufgerufen! Tier- und Pflanzenschutz (Chlorhuhn!) wurde 5.000mal aufgerufen. Auch das beschämend wenig bei 1,7 Millionen Menschen, die TTIP stoppen wollen, aber sich beklagen, dass sie nicht wissen, was in den Dokumenten steht. Die englischsprachige EU-Übersichtsseite über TTIP hatte 100.00 Klicks, die deutschsprachige 5.000.

Leider sind die USA dazu noch nicht bereit und auch die bisher ausgehandelten Passagen bleiben unveröffentlicht. Andererseits ist zu fragen, was diese Echtzeit-Publizität für einen Nutzen haben soll. Macht es Sinn, wenn die Öffentlichkeit die Streichung, Ergänzung, Umformulierung jedes Halbsatzes live mitverfolgt? Wenn das Freihandelsabkommen vorliegt, dachte ich bisher, muss es von den europäischen Körperschaften verabschiedet, verändert oder abgelehnt werden. Da habe ich anscheinend antiquierte Vorstellungen von einem Gesetzgebungsprozess.

Wie sagte die Femenaktivistin Josefine Witt, nachdem sie auf Herrn Draghis Tisch gepsprungen war: “Die EZB schottet sich ab, sie will nicht mit den Demonstranten reden, die nach Frankfurt gekommen sind.

Soll wieder einmal die Welt am deutschen Wesen genesen? In den anderen EU-Staaten wird das TTIP positiv gesehen. Sind die alle doof und nur die antikapitalistischen und antiamerikanischen Deutschen haben den Durchblick?

(nach Zeitungsberichten in mehreren Pressemedien)

Die Tagesschau und die Sozialwissenschaft

Ich möchte nicht mit den linken und rechten Verschwörungstheoretikern in einen Topf geworfen werden, die davon reden, die Medien würden vom Kapital, von der NATO, von Israel bezahlt werden und uns daher einseitig, vor allem gegen Putin, beeinflussen.

Aus einem ganz anderen Grund habe ich ein Problem – vor allem mit der Tagesschau. Das ist der unkritische Umgang mit sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Da wird regelmäßig berichtet, was Pressestellen von Ministerien, OECD, Verbänden und Konzernen lancieren. Ohne das Attribut “angeblich”, das in anderen Nachrichten so gerne verwandt wird.

Jetzt freue ich mich, dass Science Files mit der gewohnten Gründlichkeit der Sache nachgegangen ist und belegt, was ich – gefühlt – schon lange – behaupte: Die ARD vermittelt “den Eindruck, Studien und wissenschaftliche Ergebnisse würden von Stiftungen, von Parteien, von Gewerkschaften, von Unternehmensberatern, Bundesministerien, internationalen Organisationen und, nicht zu vergessen, von IKEA erstellt.”

Die LAG-Datenschutzbroschüre

datenschutzbro

Datenschutz, Datensicherheit und Datensicherung in der Schulbibliothek sind die Themen der 13. LAG-Broschüre. Sie wurde vom Vorstandsmitglied Reiner Laasch verfasst.

Sie wurde auf dem 22. Hessischen Schulbibliothekstag in Bad Vilbel den Teilnehmern übergeben.

Auf schulbibliotheken.de, der Homepage der LAG Schulbibliotheken in Hessen e. V., kann sie – für Mitglieder kostenlos – bestellt oder downgeloaded werden.

Eine hilflose Generation Facebook?

Die FAZ hat den Informationsethiker Rafael Capurro über Erziehung zur Freiheit im Zeitalter der digitalen Kontrolle befragt.

Er sieht Gefahren darin, dass immer mehr digitale Programme das Lehren übernehmen. “Was für Menschen werden das sein, die zehn und mehr Jahre mit solchen Programmen getrimmt werden?” fragt er.

Capurro schlägt vor, die Programmierer solcher Lernmedien in den Unterricht zu holen, wo sie erklären sollten, was sie mit den anfallenden Daten machen.

Er plädiert dafür, die ethischen Fragen im Umgang mit Big Data, Facebook und Co auf jeden Fall auch in der Schle zu stellen. Die Gesellschaft müsse ethische Regeln für das Internet entwickeln.

Informationskompetenz gefragt: Noch nie war die Armut in Deutschland so groß

Basedow1764 ist ein Anhänger der Informationskompetenzvermittlung. Das war er schon, als es dieses Wort noch nicht gab und man von Arbeitstechniken oder Skills sprach. Inzwischen wird das Wort inflationär und präpotent gebraucht. Vor allem wird der Inhaltsaspekt vernachlässigt. Ob man mit der Beherrschung all der methodischen Teil- und Unterkompetenzen Wissen oder gar Bildung erlangen kann, bezweifele ich.

Ein mehrmals im Jahr wiederkehrendes Beispiel sind die Armutsberichte über Kinder, Witwen, Migranten, Rentner oder die Gesamtbevölkerung, die von Armutsforscher/-innen erstellt und von den einschlägigen Organisationen veröffentlicht werden. Wenn 15-Jährige im Politikunterricht, sofern es den überhaupt gibt, nach Informationskomptenzvermittlungsregeln vorgehen und ermitteln, dass die Pressemitteilung keine Rechtschreibfehler enthält, aktuell ist, von einem Verband mit Impressum veröffentlicht wird und fast alle Medien den Inhalt melden, wie soll er darauf kommen, dass das statistische Verfahren zur Ermittlung von Armut problematisch ist, in den Medien Armut und “Armutsgefährdung” meist verwechselt wird und die Auftraggeber solcher wissenschaftlicher Studien genau genommen Lobbyisten sind, die unter Berufung auf ihre Studien mehr Geld vom Staat wollen?

Die “Armutsgefährdung” beginnt, wenn das Einkommen unter 60% des mittleren Einkommens (Medianwert) der Bevölkerung liegt. Dieser Prozentsatz verändert sich nicht! Wenn z. B. jetzt Metallarbeiter 3,5 % mehr Lohn bekommen, steigt die Armut (wie die Zeitungen Armutsgefährdung meist abkürzen). Sie nähme nur ab, wenn es mehr Gleichheit bei den Einkommen gäbe. Weniger Armut gibt es nach den statistischen Formeln bundesdeutscher Armutsforscher/-innen wohl in Venezuela und Kuba, auch 1946/47 in Deutschland hat es weniger Armut gegeben als heute, da fast alle wenig hatten.

Ähnlich problematisch ist der Umgang mit dem Thema “Altersarmut“. Immer mehr Rentner müssten sich einen Job suchen, um die Runden zu kommen, behaupten Linkspopulisten und Gewerkschaften. Interessant ist, dass vor allem Rentner erwerbstätig sind, deren Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Die Motive für eine Weiterarbeit von Rentnern seien vielfältig, sagt das “Institut für die Altersvorsorge”. Rentner ohne Rücklagen und Ostdeutsche würden seltener eine Weiterbeschäftigung suchen.

Zurzeit behauptet die Linkspartei, dass die Zahl der armen Erwerbstätigen in den vergangenen sechs Jahren um 25% zugenommen hätte. Sie beruft sich auf EU-Statistiken. Das sieht sie als Argument für die Erhöhung des Mindestlohns. Auch diese Statistiken haben es in sich. aus ihnen kann man herauslesen, dass die Zahl armutsgefährderter Arbeitsloser im selben Zeitraum um 10% auf zwei Millionen zurückgegangen ist. Im selben Zeitraum gab es ausnahmslos Reallohnsteigerungen. Der Anteil der Erwerbstätigen mit weniger als 8,50 € Stundenlohn ist gesunken. Gestiegen allerdings ist die Zahl armutsgefährdeter Erwerbstätiger in diesen sechs Jahren von 7,1 auf 8,6%. Die Studie, auf die sich die Linkspartei beruft, EU-SILC, erfasst in einer Stichprobe 14.000 Haushalte und ihr Einkommen, aber nicht die Löhne von Erwerbstätigen, Es wird also nicht nach Teil- und Vollzeitbeschäftigung unterschieden, der Status “erwerbstätig” beruht auf Selbsteinschätzung.

Da die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen ist, ist “naturgemäß” (s. o.) auch die Zahl armutsgefährdeter Haushalte gestiegen. allein Lebende sind stärker armutsgefährdet. Während bei Paaren das Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsgrenze liegt, rutscht es nach Seidung oder Tod des Partners schnell ab. Dann kann aber nicht sagen, dass sinkende Löhne das Problem wären.

(Die beiden letzten Absätze nach einem Bericht der FAZ v. 4.2.15 von Dietrich Creutzburg)

Schlimm finde ich, dass über den regelmäßigen Armutsberichten konkretes Elend aus dem Blickfeld geraten kann. Man muss sich nur einmal die statistischen Werte für Armuts- und Reichtumseinkommen anschauen, um zu sehen, dass da etwas nicht stimmen kann.

Mehr dazu in der unverzichtbaren Unstatistik der Woche

Siehe u. a.auch hier im Blog

N.B.: Die Vermittlung kritischen Denkens (Auch das ein Begriff, der nicht von US-Schulbibliotheksprofessorinen erfunden wurde) machte Spaß. Man konnte förmlich sehen, wie es in den Schülerköpfen arbeitete und wie schwer es war, sich von gängigen Klischees zu lösen. Beispiele?

Der hohe Benzinpreis: Die Einkommen stiegen stärker als der Benzinpreis, so dass die Arbeitszeit, die man brauchte, um sich den Tank zu füllen, gesunken war.

Der Russlandkrieg der Deutschen scheiterte angeblich, weil der Winter 1941/42 überraschend kalt gewesen wäre. Stimmt nicht, wurde aber selten überprüft, schon gar nicht im Geschichtsunterricht.

Die wahren Kosten des Autoverkehrs: Bei der beliebten Berechnung, was ein Kilometer im Privat-Pkw kostet, werden die Kosten der Infrastruktur und der Unfallfolgen weggelassen. (Die Grünen haben einmal versucht, diese Kosten zu ermitteln.) Schülerkommentar: “Aber die Straßenbrücken sind doch da!”

Update 28. März: Arbeitsministerin Nahles wies die Behasuptung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dass die Armut in Deutschland noch sie hoch gewesen wäre wie jetzt zurück. Sie weist darauf hin, dass die Definition der Armutsgefährdung untauglich für die Erfassung wirklicher Armut in sei.

Ihr Ministerium wird demnächst einen Bericht vorlegen, in dem der Einfluss der Reichen und der Eliten auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse offen gelegt werde.

Ob die Bilderberger darin vorkommen? Falls nicht, werden die linken Grünen und die Linken kritsieren, dass der Bericht nur ein halbherziger Anfang wäre und mehr verschweigt als er offen legt.

 

Ich kann es nicht mehr hören!

Ich gebe zu: Es fällt mir manchmal schwer, mich nicht aufzuregen.

Diesmal ist es eine neue Studie von Bitkom, dem Lobbyverband der IT-Industrie, zur Verbreitung und Nutzung von Smartphones bei Kindern und Jugendlichen. Nicht viel Neues: die Verbreitung nähert sich ab dem Alter 12 den 90%. Genutzt werden sie, auch im Unterricht, zum Chatten, Fotografieren, Musik hören. 75% haben angegeben, dass sie das Tafelbild fotografierten. (Entstehen wirklich außerhalbn von Prüfungsstunden noch Tafelbilder, die man aufbewahren sollte?) Eine Minderheit von 20% nutzt das Gerät auch zum Telefonieren. (Ob diese Zahl nur für die Zeit in der Schule gilt, müsste man nachsehen. Ich glaube, dass die Telefonfunktion der Geräte grundsätzlich eher zweitrangig geworden ist. Ich habe aber wenig Lust, die ganze Studie zu lesen.)

Am Schluss des Artikels, den ich gerade lese (FAZ 18.2.15, p 23) kommt die eigentliche Ursache meines Ärgers. Der letzte Absatz lautet nämlich:

“Smartphones gehören zum Alltag von Schülern und sind damit natürlich auch Teil der Schule”, kommentierte Bitkom-Vizepräsident Achim Berg die Ergebnisse. Umso wichtiger sei es, Schülern Medienkompetenz zu vermitteln, damit die Geräte auch im Unterricht sinnvoll genützt würden.

Ich zitiere vorsichtshalber nicht mehr, um nicht Ärger mit der FAZ wegen nicht-lizenzierter Verwendung ihres Textes zu bekommen. Was folgt, ist dann das übliche: Die Lehrer wären nicht geschult, sie könnten mit den neuen Technologien nicht umgehen, die Wirklichkeit in den Schulen sähe anders aus, die Lehrer würden bloß verbieten…

Textbausteine wie dieser dürfen in keinem einschlägigen Zeitungsbericht und in keiner neuen Studie fehlen.

Es ist das beliebte Spiel: Die IT-Industrie erfindet neue Gadgets. Den Pädagogen wird von empirischen Bildungsforscher/-innen nachgewiesen, dass sie keine Ahnung davon hätten. Medien- und Informationswissenschaftler/-innen entwerfen K-12-Curricula, in die sie prozessorientierte Kompetenzmatrizen für den Umgang mit IT-Geräten und -Software implementieren. Bildungspolitiker/-innen schreiben Google- und PowerPoint-Kompetenzen in die Abiturprüfung. Von den Leitartikler/-innen und den IT-CEOs wird den Lehrpersonen empfohlen, sich doch bitte pädagogisch mit den Smartphones und ihren Besitzer/-innen auseinanderzusetzen; sie seien ja nun schließlich Pädagogen. Und dann gibt es noch die Gurus unter den Kollegen oder Erziehungswissenschaftler/-innen oder IT-Programmierer/-innen, die behaupten, mit dieser oder jener App sei die alte Schule tot, jeder könne sich damit jederzeit und überall alles selbst beibringen.

Was ich ändern kann, ist meine Einstellung. Ich werde lernen, mich über dieses Gerede nicht mehr aufzuregen.

Die Kinder und Jugendlichen werden den Erwachsenen immer eine Nasenlänge voraus sein. Wenn die Lehrer Facebook in den Unterricht integriert haben, sind sie längst bei Instagram. Wenn sogar die Oma einen YouTube-Channel anlegt, wandern die Enkel zu YouNow ab. Die Wissenschaftler/-innen werden in ihren Studien feststellen, dass Lehrer und Schule wieder keine Ahnung haben. Inzwischen stehen aber in jedem Klassenraum zwei Whiteboards und eine Ladestation für 30 Tablets und die Gurus schwärmen von der pädagogischen Revolution, die GoogleGlass ermöglicht.

Naina und die didaktische Reduktion

Dieser Blogbeitrag aus dem Jahr 2009 taugt auch als Antwort auf das Blabla der Abiturientin Naina. 2009 ging es mir vor allem um die “didaktische Reduktion”, die darin angesprochen wird. Diese uralte Kategorie der Unterrichtsplanung ist für mich vor allem im Zusammenhang mit dem Hype um Informationskompetenz wichtig. Sie sollte nicht vergessen werden.

In dem Zeitungartikel auf den ich mich damals bezog, ging es dem Autor, Pater Dr. Klaus Mertes, aber um mehr als nur ein Element der Unterrichtsplanung. Der Artikel kann auch als Mahnung an die Gymnasiastin Naina und ihre Fans in den Medien und Ministerien gelesen werden.