Open Educational Resources: eine neue Pfründe?

Die Begeisterungswelle der US-amerikanischen Netzgemeinde schwappt jetzt auch auf Deutschland über: OER, Open Educational Resources, frei zugängliche digitale Lehr- und Lernmaterialien, sind der neue Hype.

Es geht um barrierefreien, urheberrechtsfreien, nicht proprietär geschützten, kostenlosen Zugang zu Lehr- und Lernmaterialien, vom Arbeitsblatt über Lehrbücher bis zu Lehrvideos, für alle Menschen, unabhängig von ihrem sozialen Status.

Da gibt es schon einiges und der Bestand wächst: Landesbildungsserver, Bundesbildungsserver, Lehrer-Online, Datenbanken auf den Webseiten der Ministerien und der Universitäten, Clixoom, 100 Sekunden Physik. OpenUniversity. (Letztere nur als Beispiele für unzählige OER-Seiten.

Nicht zuletzt ZUM.de, die es seit 20 Jahren gibt!!! Und das jüngere 4teachers der 4teachers GmbH.
Dieser Wildwuchs muss kuratiert werden, wie man heute sagt: Eine Super-Suchmaschine muss her, die alle Angebote erfasst, die Angebote müssen in einem einheitlichen Metadatensystem katalogisiert werden.

Im Silicon Valley haben die üblichen Verdächtigen solche Angebote schon bzw. arbeiten daran.

(Ergänzt am 5.3.16:) Amazon, Microsoft, Follett, Edmondo u. a. Von Vorteil in USA ist auch, dass der Schwerpunkt beim Thema OER beim Erstellen von Materialien gesehen wird. Es gibt eine Vielzahl an gut handhabbaren Tools, mit denen Lehrer arbeiten können, z. B. Open Author oder Cloudschool. Hierzulande finanziert der Staat dagegen den „Überbau“, die Erfasser und Verwalter der von anderen erarbeiteten Materialien.

In Deutschland muss es wieder einmal der Staat sein, der jetzt die OER-Community mit Geld und Planstellen versorgen soll. Das Bundesbildungsministerium hat der Wikimedia-Stiftung über eine halbe Million € gegeben, damit die das angehen. Das DIPF hat eine Machbarkeitsstudie verfasst. Die scheint direkt aus dem Amerikanischen übersetzt worden zu sein: Die „OER-Community“ soll in einem „OER-Ökosystem“ eine „OER-Infrastruktur“ schaffen, zu der ein  „OER-Kompetenzzentrum“ und eine „OER-Plattform“ gehören.

Wenn erst einmal das Monopol der kommerziellen Bildungsanbieter gebrochen ist, muss sich die Community natürlich auch um die Qualität der frei ins Netz gestellten Arbeitsblätter usw. bemühen, also muss ein Qualitätssiegel her, ein Empfehlungsdienst und eine Nutzungsanalyse. Denn sorgfältig lektorierte Schulbücher von gewinnorientierten privaten Schulbuchverlagen werden gegen die staatlich finanzierten OER-Materialien nicht bestehen können.

Erfahrungen US-amerikanischer Schulbibliothekare mit Schülern, die deren Kataloge und Datenbanken nicht nutzen, sondern alles googeln, legen nahe, in der Folge auch an ein vom Staat bezahltes Programm zur „Erhöhung der Akzeptanz“ von OER-Plattformen zu denken.

Sollten profitorientierte Bildungsverlage dieses Vorhaben überleben, können sie gegen Gebühr ihre Materialien von der Riesensuchmaschine mit erfassen lassen.

Kostenlos sind die kostenlosen OER natürlich nicht zu haben. In Groß-Britannien sollen bisher 160 Millionen € Steuergelder als Anschubhilfe für die Katalogisierung ausgegeben worden sein, nicht zu verwechseln mit den jährlich anfallenden Kosten.

Das DIPF nennt in seiner Machbarkeitsstudie ein halbes Dutzend weiterer Länder, die schon weiter seien als die deutsche digitale Community.

Wie wird die neue Behörde aussehen? Ein Stellenplan wurde noch nicht vorgelegt. Aber wir nähern uns dem geheimen Lehrplan des Projekts: Ein großes Arbeitsbeschaffungsprogramm für Bachelors, Masters, Doktoranden und Professoren der Informations- und Bibliothekswissenschaften. Nicht vergessen wurde schon jetzt, die abzuordnenden Lehrkräfte zu erwähnen! Lehrer gibt es eh zu viele. Die kosten auch nix, die werden ja nur abgeordnet!

Ok, dies ist die Sicht eines frustrierten Pädagogen, der ein Berufsleben lang miterlebt hat, wie clevere innovative Kolleg/-innen oder Erziehungswissenschaftler Projekte und Institute  vorgeschlagen haben, mit denen Schule, insbesondere die Unterrichtspraxis, verbessert oder revolutioniert werden sollte. Egal, ob das dann nachhaltig war oder nicht, es gab Fördermittel und Planstellen.

Man fragt sich als Pauker, wie man bisher Unterricht gemacht und Lehr- und Lernmaterialien gefunden hat, bevor die OER-Community unserer Informationskompetenz zu mehr Güte verhelfen konnte.

Jetzt das Positive:

Mit der Staatsknete für OER würde die soziale Ungleichheit beim Zugang zu Bildung beseitigt. Der Unterricht würde revolutioniert: Nicht mehr die Lehrer vermitteln den Stoff, sondern die Schüler erarbeiten sich anhand von OER den Lernstoff selbstbestimmt.

Flipped Classroom“ sagen US-Schulreformer dazu: Die Schüler lernen den Stoff (zu Hause) selbstständig, der Lehrer steht als Berater (auch per E-Mail) zur Verfügung. Die Unterrichtszeit ist nicht mehr durch Vermittlung von Lernstoff blockiert, sondern kann für Diskussion, Vertiefung und kreatives Tun genutzt werden.

(Ergänzt am 5.3.16:) Ob das sinnvoll ist, soll hier nicht diskutiert werden. Mit dem Konjunktiv in den beiden ersten Sätzen deute ich aber eine gewisse Distanz an.

Joyce Valenca, Schulbibliothekarin, jetzt Universitätsdozentin für Schulbibliotheksforschung, erklärt, was OER für Schulbibliotheken und den Unterricht bedeuten könnte.

Wikimedia hat als Ergebnis von fünf Workshops den Abschlussbericht  „Praxisrahmen“ vorgelegt. Ich lese von insgesamt 30 Teilnehmern. (Das ist wohl die Gesamtmenge, jeweils neue 30 pro Workshop macht wenig Sinn, wenn es um Erarbeitung von etwas geht.)

Unter den Teilnehmern sollen kaum Lehrer gewesen sein, schreibt Christian Füller im Cicero.

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2 Gedanken zu „Open Educational Resources: eine neue Pfründe?

  1. Pingback: Kritischer Beitrag zu OER – biboer

  2. Pingback: OER und Schulbibliotheken | digithek blog

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