Archiv der Kategorie: Hessen

Die falschen Prämissen führen nicht weiter

Der Bibliothekswissenschaftler Dr. Karsten Schuldt ist ein engagierter Streiter für Schulbibliotheken. Obwohl es nicht sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist, liefert er wertvolle Beiträge zum Thema. Gerne provoziert er dabei  die Bibliothekars-Community mit seinen Thesen. Uns hessische Barfuß-Schulbibliothare erfreuen seine unorthodoxen Ansichten, sagen wir doch seit Jahren und sogar Jahrzehnten dasselbe, wenngleich nicht so gründlich recherchiert, belegt und mit Literatur untermauert, wie er das als Wissenschaftler tut. (Basedow1764 hat dazu Beiträge geschrieben.)

So stellt er die These von Bibliothekaren auf den Prüfstand, dass Länder mit guten Schulbibliothekssystemen bei PISA am besten abschneiden würden. Er bewertete in mühevoller Kleinarbeit die Schulbibliothekssysteme von Staaten und stellte dem die nationalen PISA-Werte gegenüber. Da sah die Bibliothekarsthese alt aus. Wir sahen das genauso: Die hoch gelobte Wiesbadener Helene-Lange-Schule hatte Spitzenwerte bei PISA (internationales Ranking!). Die frühere Schulleiterin Enja Riegel wollte keine Schulbibliothek. Die Schüler sollten sich draußen im wirklichen Leben zurechtfinden, also auch in der Stadtbibliothek. Die Bundesländer Thüringen, Sachsen und sogar Brandenburg stiegen zuletzt im PISA-Ranking auf. Dass sie in Sachen Schulbibliothek etwas getan hätten, ist nicht festzustellen. (Zu Finnland, wo massenhaft Schulbibliotheken vermutet werden, hat Basedow1764 schon im Blog geschrieben.)

Karsten Schuldt sieht in schulbibliothekarischen Großprojekten wenig Nutzen. Er belegt das am Beispiel Weinheims in Hessen (Das ist so lange her, dass das kaum jemand noch weiß) und am Beispiel Hamburgs. Beide Schulbibliotheksprojekte endeten sang- und klanglos (Hamburgs Modellversuch mit wissenschaftlicher Begleitung von zehn nagelneuen Schulbibliotheken wurde vorzeitig von einer neuen Landesregierung abgebrochen. Eine nachhaltige Auswirkung auf das vorhandene Schulbibliothekswesen hatten die mit viel Geld geschaffenen neuen großen Schulbibliotheken nicht. Die wurden vor den Projekten, während der Projekte und dann wieder danach vernachlässigt.

Wir hessischen Asterixe können ein Lied davon singen. Über 1.500 Schulbibliotheken existieren mehr schlecht als recht mit Hilfe von Spenden und durch ehrenamtliche Arbeit. Man steht sprachlos vor der Lust an immer neuen Modellversuchen und großen Zahlen.

Schon zu Zeiten von Niels Hoebbel Anfang der 80er Jahre fielen fast alle hessischen Schulbüchereien durch sein Raster: Wer hatte schon >10.000 Medieneinheiten? Da fing die Schulbibliothek nämlich erst richtig an. Folgerichtig hätte es in Hessen kaum eine Schulbibliothek gegeben. Bis heute aber existieren diese kleinen “Schulbibliotheken von unten”, für die sich niemand interessiert. Für die Bibliotheksfunktonär/-innen und die ihnen folgende hessische Bildungspolitik zählt nur die Kombibibliothek, die große Zweigstelle der Stadtbücherei in einer Schule. Davon wird jährlich, wenn es überhaupt so viele sind, gerade einmal eine eröffnet oder ihre Eröffnung wird angekündigt oder der Oberbürgermeister ist der Idee nicht abgeneigt (und anderswo werden zwei zugemacht.)

Jetzt richtet Schuldt sein Augenmerk auf Richtlinien für Schulbibliotheken. Er hält sie für wenig praxiswirksam. Auch damit rennt er bei der hessischen LAG offene Türen ein. Schon früh in meinem schulbibliothekarischen Leben konnte ich das Wort “IFLA/UNESCO-Richtlinien” nicht mehr hören. In Gesprächen mit Bibliothekar/-innen ging es gefühlt in jedem zweiten Satz um Richtlinien. “Kennst du die IFLA-Richtlinien?”, “Die IFLA-Richtlinien verlangen, dass…”, “Welche Schulbibliotheken entsprechen denn den IFLA-Richtlinien?”.

Gerade wurden die IFLA-Richtlinien überarbeitet. “Es gibt neue IFLA-Richtlinien!”, “Kennst Du schon…?”, “Sorry for crossposting: Es gibt neue…”.  Dutzende Bachelor- und Magisterarbeiten werden wieder geschrieben werden. Ein Buch, das Schuldt verrreißt, ist schon erschienen.

Lehrer wissen, wie wenig praxiswirksam Lehrpläne sind. Richtlinienbgläubigkeit ist bei ihnen wenig verbreitet (Die wird ihnen jetzt allerdings im Zuge der Kompetenzorientierung antrainiert.)

In der Regel haben Bibliothekare bibliotheksfachliche Standards formuliert, Schule und ihre Erfordernisse spielten (von Ausnahmen abgesehen) keine Rolle. Nicht vergessen wurden die Standards Arbeitsplätze für Diplom-Bibliothekare und Anwendung der Regelsysteme für Katalogisierung und Systematisierung. (Gegen letztere ist nichts einzuwenden, sofern sie nicht als Einstiegserfordernis betrachtet werden, sondern am Ende einer Entwicklung stehen. Bei ersteren sollte aber eine pädagische und mediendidaktische Ausbildungskomponente dazugehören.)

Wir haben immer wieder gesehen, dass in ehren- und nebenamtlich betriebenen Schulbibliotheken, für die IFLA/UNESCO-Richtlinien unerreichbar waren, manches Mal mehr Leben herrschte, also mehr Leseförderaktionen und Unterricht stattfand, als in großen, regelgerecht betriebenen “richtigen” Schulbibliotheken. Jene zu unterstützen und von ihnen zu lernen, wäre wichtig – evidenzbasierte statt richtliniengerechte Weiterentwicklung kann man das wohl nennen. Nicht zuletzt deswegen gibt es die “Schulbibliotheken des Jahres”, damit sich best practice herumspricht.

Dr. Schuldt hat noch mehr Provokationen geschrieben. 2013 hatte ich ihn schon einmal im Blog erwähnt.

Noch ein Institut?

Sybille Volkholz, kurzzeitig einmal grüne Berliner Bildungssenatorin, fordert heute im Tagespiegel ein neues Bundesinstitut, das das von der KMK geforderte Bildungsmonitoring umsetzen solle. Es gäbe seit 15 Jahren Schulleistungsmessung (PISA, VERA, LAU, IGLU, TIMMS, PEARLS, Bundesländervergleiche usw.), aber die Unmenge an gesammelten Daten würden von Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und den Schulen nicht genutzt. Daher sei eine neues Institut nötig.

Nun haben die Länder und der Bund in den letzten Jahren Institute für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen eingerichtet. In Hessen bekam dieses IQ u. a. 60 (wenn ich mich nicht irre, aber viel weniger waren es nicht) A 15-Stellen für die Durchführung der Schulinspektion.

Nun haben die Schulleistungsmessungen auch ohne neues Institut Spuren hinterlassen: Die PISA-Ergebnisse werden bei jedem neuen Test besser, die Abiturnoten werden immer besser, die Zahl der Abiturienten steigt, es gibt immer mehr Ganztagsschulen, die Hauptschule wird abgeschafft, Kitas werden als Bildungseinrichtung verstanden. In Hessen gab es in jedem Schulamtsbezirk eine Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Lesenlernens, für schwache Schüler müssen individuelle Förderpläne geschrieben werden. Alle Schulen mussten sich in mehrjähriger Sitzungsarbeit Programme geben, in denen sie ihre Ziele und Vorhaben beschreiben, Schulinspektoren evaluieren sie und berichten den Kollegien – gerne in der Woche der Zeugniskonferenzen -, wo die Defizite liegen.

Wozu also jetzt noch ein Institut?

Frau Volkholz weiß, dass die empirischen Bildungsforscher sagen, dass sie messen, und nur das. Sie können nicht sagen, was zu ihren Ergebnissen führt. Warum also neue B- und A-Planstellen für Erziehungswissenschaftler, Bildungspolitiker und Aufstiegswillige in den bestehenden Instituten? Wenn PISA Leistungsunterschiede, schon gar zwischen Schulsystemen, nicht erklären kann, welche Empfehlungen will eine zukünftige Direktorin eines neuen Bundesinstuts herauslesen?

Fast alle Beteiligten sind sich einig, dass die Lehrerausbildung das Zentrum der Reformen sein muss. Pläne dafür gibt es seit einem halben Jahrhundert. Highlights aus dieser Zeit: “Lehrer werden einseitig auf Schule hin ausgebildet” hieß es einmal. Sie müssten qualifiziert werden, auch andere Berufe auszuüben. Das war die Zeit der Lehrerschwemme. Dann gab es Zeiten, wo man jeden nahm, auch wenn das Examen im zweiten Anlauf mit Ach und Krach bestanden worden war. Jetzt müssen die Studenten Module sammeln, statt ein paar Jahre kontinuierlich Fächer, Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaften zu studieren.

Man kann Lehrer exzellent bezahlen, wie in Finnland, und sich daher die besten aussuchen oder man verschafft ihnen ein hohes Sozialprestige, wie in Japan. Oder man watscht sie ab, wie das deutsche Politiker gern tun.

In Hessen gibt es Pläne, die jährlich 7 Millionen kostende Schulinspektion abzuschaffen. Schulen sollen sich gegenseitig evaluieren. (Das gesparte Geld für Schulbibliotheken verwenden?) Schulleitungen, sofern sie nicht selbst das Problem sind, wissen, was läuft und was nicht. Kontakt zur Nachbarschule haben sie auch.)

Einer meiner früheren Schulräte kannte das Schulwesen Schottlands; es bestand eine Partnerschaft zwischen den Schulbezirken. Er erzählte, was ein Schulleiter in Schottland kann: vorübergehend Betreuung für Einsteiger finden, einen Lehrer freistellen für die Organisation des IT-Bereichs, Lehrkräfte, die auch beim zweiten Inspektionsbesuch durchfielen, entlassen. Er erzählte auch, dass man das alles im heimischen Ministerium wüsste. Man schrieb viel ab, teils wortwörtlich, ließ aber die nötigen Stellenpläne und Haushaltsansätze weg.

Das neue Institut wird kommen, die Desiderata im Schulwesen werden bleiben.

 

Mehr zur Europäischen Schule RheinMain

Die Europäische Schule RheinMain ist eine besondere Schule. Das liegt am Schulkonzept und auch am imposanten Gebäude. Mehr über die Schule erfährt man in dem Artikel von Regina Mönch in der FAZ v. 6.7.15.

In der LAG Schulbibliotheken sind wir hoch erfreut und dankbar, dass wir unseren 22. Schulbibliothekstag dort veranstalten durften.

Der Filmkanon der Bundeszentrale pB

Die Bundeszentrale für politische Bildung betreibt eine hervorragende filmpädagogische Arbeit. Die damit befassten Medienpädagogen sind fest davon überzeugt, dass das Medium Film in künstlerischer und politischer Hinsicht Teil des Schulunterrichts sein muss. Wie recht sie haben!

Ihr Buch “Filmkanon” von 2003 ist 2013 zum zweiten Mal nachgedruckt worden. Zu den 35 ausgewählten Spielfilmen liegen Filmhefte vor, mit Inhaltsangaben, Materialien und didaktischen Hinweisen (auch als “Filmkanon kompakt” zu haben). Auch an wen man sich jeweils wenden muss, um die Aufführrechte zu erhalten, steht drin.

Dass die Schulbibliothek zu einem Filmcurriculum beitragen kann, davon ist der Vorsitzende der LAG Hessen, Hans Günther Brée, überzeugt. Mindestens die genannte und andere medienpädagogische Literatur sollte vorhanden sein.

Hans Günther Brée ist Experte für Filmanalyse und vor allem für Literaturverfilmungen. Das war in seinen Klassen immer Teil des Unterrichts und ist bis heute für ihn Fortbildungsthema für Kolleg/-innen. So war er auch im “Stundenplan“, den Präsentationen zum Unterricht in der Schulbibliothek auf der Leipziger Buchmesse 2011, mit dem Thema “Literaturverfilmungen” vertreten.

 

Schulbibliotheken und die Bundesergänzungssonderbedarfszuweisungen

In meiner Suche nach – unrealistischen – Finanzierungsquellen für das Schulbibliothekswesen habe ich etwas Neues gefunden. Ein wenig verschlägt der Fund mir die Sprache. Auf der Internetseite des Bundesfinanzministerium steht unter dem Stichwort “Länderfinanzausgleich” auch dies:

“Ferner erhalten kleine, leistungsschwache Länder Sonderbedarfs-Bundesergänzungszuweisungen wegen überdurchschnittlich hoher Kosten politischer Führung in Höhe von insgesamt ca. 517 Mio. € jährlich. Kleinere Länder haben je Einwohner höhere Kosten politischer Führung als größere Länder, weil die Fixkosten der politischen Führung in kleineren Ländern auf eine geringere Anzahl von Einwohnern umgelegt werden müssen.” (Quelle, p 5f)

Nochmal: Der Bund zahlt jedes Jahr eine halbe Milliarde an kleinere Bundesländer, die sich sonst ihre Landesregierungen nicht leisten könnten.

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Weltschulbibliothekskonferenz 2015 Maastricht

“The School Library Rocks” lautete der Slogan der diesjährigen Welt-Schulbibliothekskonferenz, ausgerichtet von Lourense Das und ihrem Team. BannerIASLIm globalen Maßstab betrachtet liegt Maastricht fast um die Ecke, näher jedenfalls als Moskau (2014), Katar (2012) oder Tokio (2016). daher habe ich mir die viertägige Konferenz ein weiteres Mal geleistet, so wie schon Malmö (2000) und Lissabon (2006) für mich “um die Ecke lagen”. Wenn man in einem unterentwickelten Schulbibliotheksland lebt, ist es eigentlich unabdingbar, sich darüber zu informieren, wie es in fortgeschrittenen Schulbibliotheksländern zugeht. Man hört und sieht die Präsentationen der Teacher-Librarians aus Kanada, Portugal, USA, Australien oder den Niederlanden. Es geht um – natürlich – Informationskompetenzvermittlung, um E-Books in der Schulbibliothek, um Lesen und Leseförderung, um Kollaboration zwischen Fachlehrer und Teacher-Librarian (Den Unterschied zur Kooperation habe ich im Buch “Die Schulbibliothek im Zentrum” erklärt.). Auch aktuelle Forschungsergebnisse zur Wirkung von Schulbibliotheken werden vorgetragen. Die “großen Namen” sind anwesend: Dianne Oberg, Lyn Hay, Carol Kuhlthau und Ross Todd. Mich wundert es jedes Mal, dass es nahezu keine deutschen Teilnehmer gibt. Noch nicht einmal diejenigen, die für sich in Anspruch nehmen, das “Schulbibliothekswesen” in Deutschland zu verkörpern, machen sich auf, um von deutschen “schulbibliothekarischen Exzellenzen” (wie es eine dbv-Vorsitzende einmal formulierte) zu künden oder über den Tellerrand hinauszuschauen. So ist es auch kein Wunder, dass Deutschland auf der Weltkarte des Schulbibliothekswesens nicht existiert. Diesmal waren es drei Hessen, die in Maastricht dabei waren: Bettina Twrsnick, Leiterin der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar und stv. Vorsitzende im Bundesverband Leseförderung. Hans Günther Brée, der LAG-Vorsitzende, und ich gaben einen Überblick über die Highlights von 25 Jahren LAG Schulbibliotheken in Hessen e.V.: “The LAG – A Story of Success?” (Die englische Version hier). Vereinfacht gesagt, ist die jährliche IASL-Konferenz eine Fortbildungsveranstaltung für Schulbibliothekare. Die beiden wichtigsten Wörter waren Visibility und Leadership.

Fast überall in der Welt gehören Schulbibliothekare zu einer Spezies, die in den Schulen nicht immer offene Türen findet und von den Schulverwaltungen gerne eingespart würde. Daher raten die Referent/-innen dazu, sichtbarer zu werden, im Lehrerzimmer, im Klassenzimmer, in der Schulgemeinde. Sie sollen Experten für IT und Medien werden, für Informationsrecherche und Leseanimation. Sie sollen proaktiv handeln, sich unentbehrlich machen. Die Schulbibliotheksforschung versucht zu beschreiben, dass und wodurch genau sie ihr Geld wert sind.

Man lernt sich kennen, tauscht sich aus und vernetzt sich. Das Wichtigste ist wohl der Motivationsschub, der von solchen Tagungen ausgeht. Dr. Ross Todd gelang dies in seiner abschließenden Key-Note brilliant. Er resümierte die Tagung, nannte einige Highlights und visualisierte mit Fotos und Karikaturen das Tagungsmotto “The school library rocks”. Das Wörterbuch erlaubt, “Rock” nicht nur als Felsen, sondern auch als Diamant zu übersetzen. “Rocken” muss man nicht übersetzen. Zum Youtube-Clip von Bill Haleys “Rock around the clock” tanzten begeisterte Bibliothekarinnen zwischen den Sitzreihen. Werden sie den Schwung mitnehmen und aus ihren Schulbibliotheken Centers of Creativity zu machen, wie es Todd forderte?

In meiner Erinnerung war die Stadt Maastricht früher sehr viel weniger schön. Vor über 30 Jahren war ich zuletzt dort. Die Altstadt ist schmuck restauriert, 400 Straßencafés warten auf Flaneure. Besonders sehenswert:

Die Buchhandlung in der ehemaligen Kirche:

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Foto: Hans Günther Brée

Zehn Minuten außerhalb hatten wir ein herrliches Hotel im Grünen gefunden. Und hier der Original-US-Schulbus für die Stadtrundfahrt: Foto

Der Mittlere Schulabschluss

Die große Reform des deutschen Schulwesens, die der Deutsche Bildungsrat mit seinem Strukturplan Anfang der 70er Jahre anstoßen wollte, ist bis heute unvollendet. Kernelement war die Horizontalisierung der Schule: Schulstufen statt schulformbezogene Schulformen.

Das Problem war, wie man es schafft, Hauptschüler (9 Schuljahre), Realschüler (10 Schuljahre) und Gymnasiasten mit Versetzung nach Klasse 11) unter einen Hut zu bringen. Der Begriff Mittlere Reife wurde vom Gymnasium übernommen. Weitere Namen waren Mittlerer Schulabschluss (MSA) oder Sekundarstufenabschluss; es gibt mehr als eine Handvoll Bezeichnungen, man kann das bei Wikipedia nachlesen.

Für die Hauptschüler gab es nach einem weiteren (zehnten) Schuljahr den erweiterten Hauptschulabschluss. Heute, im Internetzeitalter würde man das Hauptschulabschluss Plus oder Premium nennen. Für die etwas besseren Hauptschüler blieb das unattraktiv, viel lieber versuchte man, noch ein, zwei Realschuljahre dranzuhängen. Man konnte unter gewissen Bedingung auch in der Berufsschule einen Realschulabscluss zuerkannt bekommen.

Zu einer Aufwertung des MSA nach der Sekundarstufe I sollten auch Abschlussprüfungen beitragen. Das war keine schlechte Idee. Viele Schüler/-innen wuchsen über sich selbst hinaus. Bei den Gruppenpräsentationen konnte man manche sicher und kompetent vor einem Prüfungsausschuss erleben. Selbstverständlich gab es auch die, die vorher krank wurden, denen die Stimme versagte oder die zu weinen anfingen. Es war wie im richtigen Leben. Ich habe aber nie einen Lehrer erlebt, der nicht geduldig und rücksichtsvoll war, der nicht Hilfestellung gab und Brücken baute. Natürlich gab es auch Prognosen wie diese: “Der mogelt sich seit Jahren durch und wird das heute nicht schaffen.”

Für die Schulen bedeutete es erheblichen Mehraufwand, nämlich Prüfungswochen zu organisieren, je nach Jahrgangsbreite z. B. 60 oder 80 Prüfungsauschüsse zusammenzustellen, laut ministerieller Vorschrift hätte  immer der Schulleiter den Vorsitz haben müssen. (Mich zeigte der Vater eines durchgefallenen Schülers an, weil ich einmal kurz aufs Klo gegangen war, an einem Sitzungstag mit fünf Prüfungen hintereinander. Der Richter konnte zum Glück keine Dienstpflichtverletzung erkennen und las aus dem Prüfungsprotokoll heraus, dass meine zweiminütige Abwesenheit nicht ursächlich für das Nichtbestehen war.

Natürlich war nicht daran zu denken, während dieser Zeit den regulären Unterrichtsbetrieb durchzuhalten. Man schickte die Klassen daher gerne auf Wanderfahrt. Dabei spielten nicht alle Kollegen mit, weil sie bestimmte Unterkünfte nur zu einem anderen Termin bekamen oder aus schwer zu widerlegenden pädagogischen Gründen lieber am Schuljahresanfang fuhren. Die Vertretungsplaner bewiesen ihre Kunstfertigkeit. Besonders ärgerlich war es, wenn ein Mitglied eines Prüfungsausschusses sich im Laufe des Vormittags krank meldete.

Die Nachprüfungen (aus den regulären Versetzungskonferenzen) und die neuen Prüfungstermine für Schüler, die in der Prüfungswoche krank geworden waren, wurden in die letzte Sommerferienwoche gelegt, mit dem Risiko, dass Eltern – und auch Kollegen, die prüfen sollten – mitteilten, dass sie in dieser Zeit noch in Griechenland oder auf den Malediven weilen würden. Dann begann die erste Schulwoche wieder mit Unterrichtsausfall. Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe hatten neben den Abiturwochen jetzt auch die Prüfungsphase für den MSA zu organisieren.

Für Gymnasiasten war die Einführung der Sekundarstufen-I-Abschlussprüfung anfänglich fatal. Da es diese in Hessen nur für Haupt- und Realschüler gab, konnten sie keinen Mittleren Bildungsabschluss vorweisen, wenn sie nach Klasse 10 die Schule verließen. Bei Nichtversetzung in die Klasse 11 des Gymnasiums konnte die Zeugniskonferenz bisher prüfen, ob das Notenbild aber einem erfolgreichen Realschulabschluss gleichgestellt werden konnte. Das musste jetzt entfallen, denn der Gymnasiast, der nach Klasse 10 die Schule verließ, hatte jetzt keine Mittlere Reife mehr, da er nicht an der Abschlussprüfung der S I teilgenommen hatte, Wir schlugen daher in Fällen drohender Nichtversetzung eines Gymnasiasten vor, sozusagen extern an der Realsschulabschlussprüfung teilzunehmen. Ein neues Problem war dann, welchen Kopf das Zeugnis hatte, Realschule oder Gymnasium. Eltern wollten zwar den formalen Abschluss der Mittleren Reife qua Realschulabschlussprüfung, aber bitte auf einem Zeugnisformular, das den Besuch des Gymnasialzweiges der Schule bescheinigt. Das ist wohl inzwischen geheilt, das Ministerium hat deutlich gemacht, dass Gymnasiasten weiterhin ohne Abschlussprüfung die Mittlere Reife bei entsprechender Leistung zuerkannt bekommen.

Einige Kultusverwaltungen bitten auch die gymnasialen Zehntklässler zur Prüfung zum Abschluss der S I, wie etwa Berlin und Brandenburg. Dort wurde das Lösen bestimmter Aufgaben als nötig für einen höherwertigen Abschluss verlangt und die Beurteilungskriterien für das Bestehen des MSA wurden differenziert. So gibt es ab einem bestimmten Punktwert den MSA+, d. h. der Besuch der zweijährigen gymnasialen Oberstufe ist möglich, oder die Berufsbildungsreife BBR bei einem unterduchschnittlichen Ergebnis (=Hauptschulabschluss; den gibt es aber auch in erweiterter Form: eBBR). In Berlin erlangen 65% aller Zehntklässler den MSA+.

Zum Dauerbrenner wird der MSA in Hessen auch durch G8: Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit wird ja durch Streichung eines Schuljahres in der Mittelstufe erreicht. Konsequent wäre es, dass nun ein Schüler, der das G8-Gymnasium nach der Klasse 9 verließ, die Gleichstellung mit dem Realschulabschluss nach Klasse 10 haben wollte. Das Verwaltungsgericht lehnte ab. Die KMK hat aber zugestimmt, dass Gymnasialschüler der Turboklasse 9 an der Realschulabschlussprüfung teilnehmen können und bei Bestehen die Mittlere Reife bescheinigt bekommen. Das heißt, sie erwürben die Mittlere Reife ein Jahr früher als die Realschüler.

Für Schüler der Realschulklasse 10 besteht die Möglichkeit bei einem guten Abschluss der Abschlussprüfung den qualifizierenden Realschulabschluss zu erhalten, der sie zum Besuch der Oberstufe eines Gymnasiums zulässt, auch wenn sie nicht den Bildungsgang des Gymnassiums durchlaufen haben.

Da sage noch einer, das deutsche Bildungssystem wäre nicht durchlässig.