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Gerold-Becker-Biographie

Der Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers hat eine 600 Seiten lange Biographie von Gerold Becker, dem ehemaligen, verstorbenen Leiter der berühmt-berüchtigten Odenwaldschule (ODS), verfasst. Becker hat dort Schüler sexuell missbraucht. An der Schule war das bekannt, aber viele haben weggesehen. Sexueller Missbrauch, meint Oelkers, muss bei ihm schon vor der ODS an der Tagesordnung gewesen sein. Er war ein Triebtäter.

Seine Fähigkeiten als Lehrer und Schulleiter waren begrenzt. Sein großes Talent lag in der Rhetorik, im Reden über Erziehung (statt Unterricht), Gemeinschaft, Liebe und  pädagogischen Eros. Er war letztlich ein Hochstapler.

Schon sehr früh, hat Oelkers herausgefunden, verschwinden die großen Namen unter den Schülern. Die Zahl der vom Jugendamt zugewiesenen Kinder steigt.

Becker hatte keine fachliche Ausbildung. Er hatte Theologie studiert. Seine Fangemeinde in der hessischen Bildungspolitik und -verwaltung (das Kultusministerium eingeschlossen) brauchte lange, um zu begreifen, dass er ein Päderast war. Nach seinem plötzlichen Abgang von der Schule hatte er erst einmal einen Beratervertrag beim Kultusministerium bekommen. Er fand im Laufe seines Lebens immer eine schützende Hand, die über ihn gehalten wurde. Die helfenden Hände gehörten nicht zuletzt seinem Lebensgefährten Hartmut von Hentig und seinem Namensvetter, dem Pädagogen Hellmuth Becker, der ihn in der ODS installiert hatte.

Heike Schmoll in der FAZ ist angetan von dem „grundlegenden Werk“ Oelkers, auch wenn er nicht alle Leerstellen in dessen inszeniertem Lebenslauf füllen konnte. Das Buch sei auch eine Abrechnung mit der Reformpädagogik. Aber schwierig zu lesen, da ein roter Faden fehle und es redundant sei. (FAZ v. 8.7.16,p 10)

Ein Interview mit J. Oelkers

Leseprobe auf Beltz.de

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Todesanzeige für Gerold Becker: Hentig zitiert Goethe

„Die Feinde, die bedrohen dich. Das mehrt von Tag zu Tage dich. Wie dir doch gar nicht graut!“ Das seh´ ich alles unbewegt, Sie zerren an der Schlangenhaut, Die längst ich abgelegt. Und ist die nächste reif genug. Abstreif´ich die sogleich, Und wandle neu belebt und jung Im frischen Götterreich.

Mit diesem Spruch aus den Zahmen Xenien Goethes ehrt Hartmut von Hentig seinen Lebensgefährten Gerold Becker, der gerade gestorben ist, in einer Todesanzeige in der FAZ vom 12.7.10. (Ergänzung: In der FAS v. 18.7.10 vermutete ein ehemaliger Becker-Schüler, dass der verstorbene Pädagoge das Gedicht selbst ausgewählt haben könnte. Es sähe ihm ähnlich, der sich selbst auch als Titan gesehen habe.)

Nicht immer einvernehmlicher Sex mit Knaben als Lebensabschnittsaktivität, abgestreift, unbewegt, neu belebt. Die Knaben waren schuld, sagt Hentig in einem Interview. Drei Strophen später heißt es bei Goethe übrigens: „Dürftet ihr den Guten schelten, der mit seiner Zeit gesündigt?“

Nachtrag: Auf dem Gelände der Odenwaldschule hat eine Künstlergruppe, so berichtet der Spiegel 29/2010, einen Grabstein gesetzt mit der Inschrift: „Ich sterbe mich aus der Verantwortung“.

Update 19.12.10: Wie Zeitungen berichten, habe von Hentig geraten, die Sache auszusitzen. Nach vier Jahren wäre alles vergessen.

Enja Riegel, ehemalige Leiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule und mit Becker und dem pädophilen Lehrer Hajo Weber an ihrer Schule befreundet, beteuert in Gegendarstellungen, „vollkommen unschuldig“ zu sein.

Ich selbst habe in den 90ern, zum Fußvolk im damaligen Hessischen Bildungsplanungsinstitut zählend, in das Becker zur gleichen Zeit verbannt worden war, diese Truppe,  Oberpriester Becker, Weber, Riegel, ihre Freund/innen im Institut und im Ministerium, bewundert. Sie waren die Halbgötter der Pädagogik. So gaben sie sich auch. Sie waren die wahren Intellektuellen, die das Wissen hatten. Dem Rest der Welt überlegen fühlten sie sich und gaben das unüberhör- und -sehbar auch zu verstehen.

Manches daran erinnert mich an die untergegangene DDR und ihre Führung. Hentigs Unfähigkeit zur Selbstkritik, sein Trotz, erinnern mich an Mielkes ehrlich hilfloses „Ich liebe euch doch alle!“ in der Volkskammer.

Was mich immer wunderte war, dass dieser hochverehrte Gerold Becker so bedrückt durch die Gänge schlich, keinen Gruß erwidernd. Naja, dachte ich damals, er ist mit Nachdenken über die Zukunft des hessischen Schulwesens beschäftigt und kommt sicher gerade vom Gespräch mit anderen großartigen Intellektuellen. Warum sollte er da den kleinen Lehrer, der ihm auf dem Flur entgegenkommt, grüßen?

Update 9.8.11: Sehr gelobt wird eine Dokumentation von Luzia Schmid und Regina Schilling: Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule, ARD, Sendung am 9.8.11, 22.45 Uhr.

Update 29.8.11: Der Ex- Odenwaldlehrer Salman Ansari findet, dass man unter Reformpädagogen zu schnell zur Tagesordnung übergeht, in Spiegel online.

Update 28.10.11: Hentig erhielt 1994 den Comenius-Preis, einen hoch angesehenen Preis der Comenius-Stiftung. Ihn haben u. a. Hildegard Hamm-Brücher, Sir Simon Rattle und Bischof Huber erhalten. Die Stiftung hatte an ihren Preisträger Hentig Fragen im Zusammenhang mit den Untaten seines Lebensgefährten Gerold Becker. Hentig hatte seine Preissumme von 20.000 DM auf die Odenwaldschule und die Wiesbadener Helene-Lange-Schule aufgeteilt. An der HeLa ging Becker als väterlicher Freund ein und aus. Ein Musiklehrer der  Schule machte pornographische Fotos von seinen Schülern.

Hentig hat bisher auf die Fragen nicht geantwortet. Der Stiftungsvorstand wirft ihm verschweigen, vertuschen und verharmlosen vor. Man erkennt ihm nun den Preis ab. Die bronzene Statuette darf er behalten. Die Preissumme möge er dem Opferfonds der Odenwaldschule zur Verfügung stellen.

Update 23.3.13: Einem Artikel des New Yorker ist zu entnehmen, dass es solche Praktiken auch in den USA gab. Erzählt wird ein Fall aus einer New Yorker Jungenschule in den 70ern.

Update Oktober 2014: Noch ist die ODS-Sexualerziehung nicht komplett aufgearbeitet, da gibt es unter dem Etikett „Sexuelle Vielfalt“ einen Anlauf Kinder und Jugendliche sexuell zu bedrängen. Es geht darum, dass die Sexual-Professoren Tuider, Sielert und Kentler die „Dominanz“ der „Hetero-Ehe“ brechen und andere sexuelle Orientierungen spielerisch auszuprobieren empfehlen.

Update April 2015: Die Odenwaldschule meldet anscheinend Konkurs an.

Update Mai 2015: Der Trägerverein soll genügend Geld ein gesammelt haben, damit die Schule weiter existieren kann. hätte man das Geld nicht besser den Missbrauchsopfern geben sollen?

Update Juni 2015: Jetzt wurde doch Insolvenz angemeldet.