Josef Weizenbaum sieht Gefahren beim Computereinsatz in Schulen

Joseph Weizenbaum (gest. 2008) war Informatiker. Das hinderte ihn nicht daran – ähnlich wie Clifford Stoll – ketzerische Bemerkungen über die Computergläubigkeit seiner Mitmenschen zu äußern.

Horst Eberhard Richter zitiert in „Moral in Zeiten der Krise“, Suhrkamp, Berlin 2010, aus einem Brief Weizenbaums an ihn:

„Die Frage, ob der Computer in die Schule gehört oder nicht, kann nicht vernünftig beantwortet werden, solange die Prioritäten der Schule nicht deutlich bestimmt sind. Doch in den meisten Schulgemeinden werden diese Prioritäten noch nicht einmal diskutiert. Die Politik steht – unter anderem wegen PISA – unter dem Druck, den Schulunterricht zu „verbessern“ und reagiert mit dem Schrei : Etwas muss geschehen! Dieses „Etwas“ ist dann die Einführung des Computers im Klassenzimmer. Ich frage jedoch: Was ist denn höchste Priorität der Schule? Und handelt die Schule entsprechend?

Was ist Sinn der Schule?

Die allerhöchste Priorität der Schule muss sein, den Kindern ihre eigene Sprache beizubringen, so dass sie sich klar und deutlich artikulieren können – sowohl mündlich als schriftlich. Menschen, die diese Fähigkeit besitzen, können auch kritisch lesen und hören. Sie sind in der Lage, die Signale, die sie erreichen, kritisch zu interpretieren. Menschen, die das hingegen nicht können, sind leichte Beute für jede Form der Propaganda und Irreführung. Ich bin überzeugt, dass die meisten Schulen in den industrialisierten Ländern ihre Aufgaben in diesem Sinne nicht erfüllen und zum großen Teil eine Jugend erziehen, die nicht kritisch denken kann. Sie ist dazu verurteilt, in ihrer zukünftigen Arbeit ihre Maschinen sklavisch zu bedienen und ihre Freizeit mit dem Saugen an den Brüsten der Vergnügungsindustrie zu verschwenden.

Computer statt Schulbibliothek?

Computer in den Händen von Kindern, die noch nicht die Reife haben, Relevantes von Entertainment zu unterscheiden, denen ein blinder Glauben in das, was der Computer – zum Beispiel Google – ihnen „sagt“, eingeprägt ist, die glauben, dass Lesen eine bloße Sammlung von „Fakten“ bedeutet und eine Geschichte zu verstehen lediglich heißt, sagen zu können, was in der Geschichte passiert – kurz: ein Instrument, so angewendet, ist ein intellektuelles Mordinstrument. Und so ist der Computer meistens eingeordnet in eine Kultur, die versucht Education durch Edutainment zu ersetzen. Dort, wo der Schulhaushalt für die Bibliothek gestrichen wird, um den Computereinsatz zu finanzieren, ist die Zukunft der Schüler ernsthaft gefährdet.“ (pp 150/151)

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5 Gedanken zu „Josef Weizenbaum sieht Gefahren beim Computereinsatz in Schulen

  1. Wenke Richter

    Wohl hat Weizenbaum Recht, daß Kinder erst die eigene Sprache in Sprache und Schrift beherrschen sollte, jedoch scheint mir das Pferd verkehrt herum aufgesattelt zu sein. Computer sind nur ein Hilfsmittel, die Kinder in den unterschiedlichsten Form kennen und beherrschen, bevor sie in die Schule gehen. Dazu können Sie sich mal diesen Film anschauen: http://www.meier-meint.de/technologien-aus-sicht-von-kindern-die-schall

    Was der Kern der Kritik ist, ist die Beherrschung und Kontrolle der Hilfsmittel – also wieder einmal die – berechtigte – Forderung nach der Schulung in Medienkompetenz (die übrigens nicht nur auf Kinder gilt).

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Wenn es so einfach wäre.

      Es wird etwas erfunden, das Spaß macht, mit dem man Geld verdienen kann, das nützlich und das schädlich ist. Und Schule darf dafür sorgen, dass die Sache nicht aus dem Ruder läuft.
      Schule läuft immer der gesellschaftlichen Entwicklung atemlos hinterher. Wenn es Nebenwirkungen gibt, wird flugs ein neues Fach in den Stundenplan gedrückt.
      Wenn es Probleme gibt, sind die Lehrer schuld. Sie beherrschen das Hilfsmittel eben nicht, geschweige denn kontrollieren sie es.

      The medium is the message und nicht nur Hilfsmittel . Das geht ja schon bei Powerpoint los.

      Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man die derzeitige Schulentwicklung als Rache der Lehrer an der Gesellschaft begreifen: Sie bringen nicht mehr bei, sie bilden nicht nicht mehr, sie moderieren, sie begleiten selbstorganisiertes Lernen, sie unterrichten Kerncurricula, Basiskonzepte und Komptenzbereiche, (Wörter aus den hessischen Bildungsstandards), aber nicht mehr Fachwissen. Fürs Surfen auf dem Meer der Informationen reicht Informationskompetenz.
      Weizenbaum ritt schon in die richtige Richtung.

  2. Cora Ginzel

    Ich weiß nicht, was an diesem Statement von Joseph Weizenbaum „ketzerisch“ sein soll. Er hat den Nagel genau auf den Kopf getroffen, genau darum geht es in den Schulen: systematische, inhaltlich durchdachte und bildungsrelevante Vermittlung von Informationskompetenz statt blindem Aktionismus, da man ja der gesellschaftlichen Entwicklung in Sachen Informationsmedien und -technik nicht hinterherhinken soll. Was man aber natürlich trotzdem tut.
    Wer ist dafür verantwortlich, wer vermittelt das, was wird gelehrt, welche Kompetenzen sollen erlangt werden, wie sieht die Lehrerbildung dafür aus, wer bezahlt das, ….? In den seltensten Fällen kann eine Schule auch nur annähernd die Hälfte dieser Fragen zufriedenstellend beantworten.
    Vor allem der letzte Satz ist nicht umsonst unterstrichen. Den kann man gar nicht genug betonen.

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Ich freue mich, einmal wieder von Ihnen zu hören.

      „Ketzerisch“ war Weizenbaum mit seinen Bemerkungen zur Computereuphorie fast immer. Er schwamm nicht mit dem Strom.

      Aber wer tritt auf die Bremse?
      Hentig wollte die Computer erst am Ende der Mittelstufe zulassen. Aber Hentig kann man heute nicht mehr zitieren.

      Was da erst durchs mobile Internet auf smartphones auf uns zukommt…
      Ich sehe es vor mir, wie man in den Laboren von AppleGoogleMicrosoft lächelt angesichts unserer treuherzigen Versuche, mit Computerführerscheinen und Informationskompetenzerwerbslehrgängen dem kritischen Denken zum Durchbruch zu verhelfen.

    2. Cora Ginzel

      Apopos mobiles Internet und smartphones: Mein großer Sohn (21 J.) meinte jetzt neulich in einer unserer Diskussionen, dass es doch angesichts dieser Entwicklungen eigentlich nötig wäre, die Dinger nur an Leute mit einem entsprechenden „Führerschein“ dafür auszuhändigen. Und überhaupt sollten Eltern doch gleich auch einen Lehrgang zur medialen Erziehung absolvieren.
      Ach, die Jugend! Aber träumen darf man ja schließlich…
      Ich sehe darin ein großes Problem, ein echt sehr großes Problem, überall und immer und völlig ohne Kontrolle Internetzugang. Und das bei gleichzeitiger Unwissenheit, ethischer Unausgereiftheit und Informationsinkompetenz, und mitunter auch schlicht und einfach Dummheit. Aber Sie können davon ausgehen, dass Ihre Frage, wer da die Bremse zieht, weder gehört noch beantwortet wird. Es ist ein bisschen wie mit dem Zauberlehrling – die Geister die ich rief… Niemand wird hier die Bremse ziehen können. Jedenfalls sollten wir ruhig schon mal von dem worstcase ausgehen. Was aber in unserer Macht steht, ist ein Anlegen von einem planvollen, durchdachten „Schienensystem“ und entsprechenden Weichenstellungen.
      Meiner Meinung nach wird die Bedeutung der Aufgaben, die Schule hier erfüllen sollte und muss, unterschätzt. Alles dauert wie immer viel zu lange, entwickelt sich viel zu zäh und träge. Schule spiegelt doch Gesellschaft, oder nicht? Und Schule gibt doch Impulse in die Gesellschaft, oder nicht?
      Nach wie vor beschäftigt mich täglich die Frage, welche Aufgaben hier die Schulbibliotheken haben, haben sollten, haben könnten. Kann man denn einfach weg sehen und sich in die Schlange der Ignoranten stellen?

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