Archiv der Kategorie: Bildungspolitik

Landesschulamt Brandenburg wieder aufgelöst

Bis 2013 gab es sechs Schulämter in Brandenburg. Dann wurde ein Landesschulamt (LSA) geschaffen. Das hatte vier regionale Außenstellen. Die Reform brachte auch 24 zusätzliche Planstellen.

Den ersten Geburtstag hat die neue Behörde nicht lange überlebt. Jetzt gibt es kein Landesschulamt mehr. Die vier Außenstellen des LSA werden (wieder) selbstständig. Die Reform soll zu kürzeren Dienstwegen führen. Die neu geschaffenen Planstellen bleiben erhalten.

Für Verärgerung beim Minister hatte gesorgt, dass das LSA das Ministerium nicht rechtzeitig über den enormen Unterrichtsausfall im Land informiert hatte.

Auch in Hessen wurde inzwischen die Verwaltungsbene Landesschulamt wieder abgeschafft und die 15 Schulämter sind wieder selbstständige Institutionen. Eine FDP-Kultusministerin hatte die Reform organisiert und einen Parteifreund als Leiter vorgesehen.

Als zentrale Behörde erhalten blieb die im Zuge der Reform neu geschaffene “Lehrkräfteakademie”, die für Lehrerfortbildung und Qualitätsentwicklung zuständig ist.

Auch in Hessen ist davon auszugehen, dass die neu geschaffenen und besetzten A-15-/A-16-Planstellen erhalten bleiben.

Abitur in Leichter Sprache

Wetten, dass…

in einigen Jahren das Abitur in Leichter Sprache abgelegt werden kann?

Interessant ist, dass alle Menschen mit Handicaps dafür herhalten müssen, dass Leichte Sprache als Element von Barrierefreiheit gilt. Warum Blinde, Taubstumme, Menschen mit Körperbehinderungen nur mit einer rudimentären Sprache am gesellschaftlichen Leben teilhaben können?

Vor allem Grüne sind progressiv. So stellt sich der Bundestagsfraktionsvorsitzende Dr. Anton Hofreiter auf seiner Webseite vor: “Mein Name ist Toni Hofreiter. Ich bin ein Politiker von den Grünen. Viele Leute haben bei den letzten Wahlen die Grünen und mich gewählt. Deshalb sitze ich jetzt im Deutschen Bundestag. Im Bundestag bin ich der Vorsitzender von allen Grünen Abgeordneten. Dort werden wichtige Entscheidungen getroffen.”

Anmerkung GS: Noch relativ viele schwer verdauliche Begriffe!

Besser kann es die grüne MdB Kerstin Celina:

“Ich bin Politikerin der Grünen Partei.

Diese Partei setzt sich für den Schutz der Umwelt und für Gerechtigkeit für alle Menschen ein.

Ich will die Umwelt erhalten.

Damit viel Tiere und Pflanzen hier leben können.

Ich will, dass es den Menschen gut geht.

Ich will, dass Menschen mit Behinderungen und ohne Behinderungen zusammen leben und zusammen arbeiten.

Ich will, dass Menschen aus Deutschland und Menschen aus anderen Ländern gut zusammen leben.

(Leichte Sprache fordert: pro Satz eine Zeile.)

Die Zeitung “Das Parlament” versucht sich schon seit einiger Zeit darin, Politik in Leichter Sprache zu erklären. Auch die Linkspartei erklärt den Sozialismus in Leichter Sprache.

Was spricht dagegen, Schule vom Ballast einer differenzierenden Sprachverwendung (Genitiv!, Akkusativ!, Konjunktiv I und II!, Plusquamperfekt!, generisches Maskulinum!, richtiger Artikel! zu befreien?

Wozu braucht man eine elitäre Hochsprache im Zeitalter von Twitter, SMS und Smileys?

Siehe auch:
Josef Bayer
Netzwerk Leichte Sprache    Auf der Webseite: Die Adressaten Leichter Sprache                                                                      Leichte_Sprache

 

 

 

 

Design Thinking für die Schule 4.0

“Unser 300 Jahre altes Bildungssystem ist den Anforderungen des schnellen digitalen Wandels nicht gewachsen”, sagt der ehemalige SAP-Spitzenmanager Sikka.

Die Vordenker auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos reden auch über Bildung. Sie ist dabei, ein noch wichtigeres Thema zu werden als Digitalisierung, Technologie, Zukunft der Arbeit. Sie ist sozusagen die Mutter aller Entwicklungen.

Den Schulen empfiehlt Davos das Design Thinking (DT) als Methode, sich für den Wandel, wie ihn Sikka meint, zu wappnen. Nahezu alle Global Player, deren Vorstandsvorsitzende in Davos präsent sind, wenden DT in ihren Konzernen an: Daimler, Deutsche Bank, Siemens, SAP, Microsoft, IBM.

Was ist DT? Es ist eine Methode, interdisziplinär Wege zu finden, für Kunden genau die Produkte zu entwickeln, die sie gerne hätten. Bei der Produktentwicklung wie ein Designer denken, ist das Motto.

Mir fällt als erstes Brain Storming ein. Man setzt sich zusammen und sammelt Einfälle ohne Denkverbote. Das galt einmal als kreative Problmlösungsmethode. Heute ist es in Verruf gekommen, weil Wissenschaftler herausgefunden haben, dass man kreativer ist, wenn man für sich alleine nachdenkt.

Aber jetzt wieder zu DT. Ich lese in Wikipedia nach. Der FAZ-Journalist Carsten Knop, der aus Davos berichtet, hat das auch nicht anders gemacht: “Design-Thinking basiert auf der Annahme, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem die Kreativität fördernden Umfeld zusammenarbeiten, gemeinsam eine Fragestellung entwickeln, die Bedürfnisse und Motivationen von Menschen berücksichtigen und dann Konzepte entwickeln, die mehrfach geprüft werden. Das Verfahren orientiert sich an der Arbeit von Designern, die als eine Kombination aus Verstehen, Beobachtung, Ideenfindung, Verfeinerung, Ausführung und Lernen verstanden wird.”

Man kann Design Thinking auch studieren, z. B. seit ca. zehn Jahren im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

US-amerikanische Schulbibliotheken kennen den Begriff schon länger. Sie können sich von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung einen “Design-Thinking-Baukasten” schicken lassen, der Projektgruppen dabei helfen soll, in zukünftigen Schulbibliotheken noch besser auf Schülerbedürfnisse einzugehen. Angeblich sind  Makerspaces, Selbstlernzentren und Gaming-Räume (Platz für Computerspiele) Ergebnisse schulbibliothekarischen Design Thinkings.

Falls das DT auf Schulen zukommt, dann wohl in zweierlei Hinsicht: Als Planungsmethode für Kollegien und als Unterrichtsmethode. Weiterlesen

Studien zur Gemeinschaftsschule

Der Abschlussbericht der Studie zu baden-württembergischen Gemeinschaftsschulen liegt jetzt vor.

Gemeinschaftsschulen sind laut Wikipedia eine Variante von integrierten Gesamt- und Einheitsschulen. Sie sind Ganztagsschulen der Klassen 1-10, mit innerer Differenzierung, ohne Ziffernnoten und Sitzenbleiben.

Vorab war die vernichtende Auswertung einer Vorzeigeschule bekannt geworden.

Heike Schmoll, für Bildung und Schule in der FAZ verantwortlich, hat sich die Studie angesehen. Sie ist bekanntermaßen keine Anhängerin der Schulstrukturveränderungen und des kompetenzorientierten Unterrichts.

Was findet sie in dem Report? Die Erziehungswissenschaftler/-innen hätten herausgefunden, dass

  • eine ruhige Arbeitsatmosphäre im Unterricht förderlich ist
  • Gemeinschaftsschulen nicht besser und nicht schlechter als andere Schulen sind
  • leistungsstärkere Schüler die in Gemeinschaftsschulen beliebten Selbstlernphasen besser bewältigen als leistungsschwächere

150.000€ hat diese Studie gekostet.

Während die Landesregierung bestritten hatte, dass man von dem einen vernichtenden Bericht über eine Vorzeige-Gemeinschaftsschule auf alle 271 Schulen schließen könne, so reichen jetzt zehn untersuchte Schulen aus, um alle 271 Schulen zu repräsentieren.

In den Gemeinschaftsschulen des Südweststaats gibt es keine Lernstandserhebungen, wie sie in den anderen Schulformen vorgeschrieben sind. Über Schülerleistungen in der Gemeinschaftsschule oder gar einen Leistungsvergleich mit den alten Schulformen kann daher nichts ausgesagt werden.

Ich weiß aus den hessischen Jahren der Zeit der integrierten Gesamtschulen (IGS), dass die ambitionierten Ziele vor allem an zweierlei scheiterten:

  • Eine Lehrerausbildung für konsequente innere Differenzierung des Unterrichts gab und gibt es nicht. Sogar in der DDR hat man die späteren Abiturienten nach der 8. Klasse aus der Einheitsschule herausgenommen und gesondert unterrichtet.

In der Lehrerausbildung kommt innere Differenzierung durchaus vor. Es ist aber mehr eine Übung für “Vorführstunden”.

  • Eine Berücksichtigung der besonderen Belastungen der IGS-Lehrer bei Arbeitszeit und Stundendeputat fand nur rudimentär statt (i. d. Regel 24 statt 26 Stunden für H/R-Lehrer und 22 statt 24 Stunden für Gymnasiallehrer). Dabei musste jede Stunde vereinfacht gesagt dreimal geplant werden: auf Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialniveau, gegebenenfalls auch für die integrierten, heute: inkludierten Schüler mit Handicaps.

Auch wurden individualisierte Diagnose- und Förderpläne verlangt. So weit es äußere Fachleistungsdifferenzierung gab (in Englisch und Mathematik), gab es im Laufe des Schuljahres Auf- und Abstufungen mit Tests, Beratungskonferenzen und schriftlichen und mündlichen Elterninformationen. Eine ziemlich teure Angelegenheit, wenn man die Lehrer adäquat ausgebildet und dem Aufwand entsprechend bezahlt hätte.

Ein Spaßvogel hat einmal eine Gebührenordnung für Lehrer entworfen. Wenn man weiß, dass ein Arzt für eine “ausführliche, auch telefonische Beratung”, die i. d. Regel nicht länger als 20 Minuten dauert, laut GOÄ so viel berechnen kann, wie ein Lehrer für 45 Minuten Unterricht, in den er mindestens zwei Stunden Vorbereitung investiert hat, wird man nachdenklich oder tritt in die GEW ein. Beim Lesen der GOÄ wird einem auch deutlich,  dass da jede Verrichtung als Einzelposten in Geld umgerechnet wird.

Als Lehrer kommt man gar nicht auf die Idee, den Eltern für eine mündliche oder telefonische Sprechstunde eine Rechnung zu schicken oder die schriftliche Begründung einer schlechten Note als “ausführlichen Bericht, inkl. Porto” abzurechnen oder für den Elternabend das Überstundenkonto zu belasten oder die Vertretungsstunde dem Dienstherrn oder der Dienstherrin in Rechnung zu stellen.

Der Beamtenstatus ist für Eltern und Staat eine preiswerte Lösung.

Nachtrag: Berliner Erziehungswissenschaftler bescheinigen dagegen Berliner Gemeinschaftsschulen, dass sie besser wären als Hamburger Schulen des dreigliedrigen Systems. Warum vergleichen die nicht innerhalb Berlins?

Es wäre aber auch schlimm, nachdem der Senat 22 Millionen € in Gemeinschaftsschulen gesteckt hat, wenn die nicht mehr liefern würden als das bisherige Schulsystem. Aber die Erziehungswissenschaft muss sich fragen lassen, ob Kaffeesatzlesen nicht vielleicht eine billigere Methode wäre als empirische Schulforschung. Das gesparte Geld könnte man dann in mehr Bildung stecken.

Müssen wir wieder machen, was wir wollen?”

In der FAZ erscheinen in regelmäßigen Abständen kritische Aufsätze von Gymnasiallehrern zu modernen Unterrichtsformen wie Gruppenarbeit und Selbstlernzirkel oder zu dem Kompetenzwahn. Dagegen wird die Effizienz von gutem Frontalunterricht, Lehrervortrag und direktivem Unterricht gelobt. Ich sehe das weitgehend ähnlich, daher erspare ich mir meist die Lektüre. die Argumente sind nicht falsch, aber inzwischen nicht mehr neu.

Im jüngsten Fall wird am Ende Jochen Grell zitiert, einer der auch für mich maßgeblichsten Pädagogen in meiner Lehrzeit und der Zeit als Lehrerausbilder.

Hier ist er:

“Du darfst direkt unterrichten, auch die ganze Klasse auf einmal. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du Schüler belehren willst. Die Schule ist ja erfunden worden, damit man nicht jedes Kind einzeln unterrichten muss.”

(Rainer Werner, “Wann machen Sie wieder Frontalunterricht?”, FAZ v. 14.1.2016, p 6)

Sind Schulbibliothekare IT-Spezialisten?

Schulbibliothekare in den USA verstehen sich als Tech Leader, als die Technologie-Experten der Schule. Die Fachzeitschrift School Library Journal (SLJ) berichtet das unter Berufung auf ihre School Library Journal’s Technology Survey (Kann dort angefordert werden.)

An der Befragung nahmen 761 Schulbibliothekare teil, von denen zwei Drittel einen Masterabschluss hatten. Neben der IT-Ausstattung und -Praxis der Schulen wurde auch nach der Rolle der Schulbibliothekare in diesem Zusammenhang gefragt. Dabei kam heraus, wie stark Schulbibliothekare  – school library media specialists – in die schulische Beschaffung und Anwendung von Geräten, Apps, Datenbanken und Software einbezogen sind, dass sie Schüler und Lehrer in diesem Bereich fortbilden, dass sie von diesen als IT-Fachleute wahrgenommen werden. Über 70% sagen von sich, dass sie als Tech Leader in der Schule wahrgenommen werden. (Befragt wurden nur Schulbibliothekare, nicht Schulleiter, Lehrer oder Schüler)

Weiterer Schwerpunkt der Erhebung war die IT-Ausstattung der Schulen und Schulbibliotheken. U. a. gibt es in fast 70% der Schulen eBooks (gemeint ist KJL, kein elektronisches Schulbuch), die vor allem auf Computern gelesen werden. Nahezu alle Schulen haben W-LAN, die Hälfte der Privatschulen hat eine 1:1-Computerausstattung, die öffentlichen Schulen erst zu einem Viertel.

Die wichtigsten Ergebnisse präsentiert SJL auf einem Poster:

LibraryLeader-Infographic

Siehe auch: Der digitale Schulbibliothekar

Wenn ich lobend über die Schulbibliotheken in den USA schreibe, wird manchmal eingewandt, man  könne das nicht auf Deutschland übertragen, man müsse unsere anderen Rahmenbedingungen berücksichtigen, man müsse andere Konzepte erarbeiten usw.

Ich kann das nicht nachvollziehen. Schule ist erst einmal Schule und Schulbibliothek ist Schulbibliothek. So weit sind Schule, Unterricht und Schüler nicht auseinander auf den beiden Seiten des Atlantiks. Die Schulbibliothek erfüllt (bzw. solte erfüllen) hüben wie drüben vielfältige Aufgaben: Lesezentrum, Informationszentrum, Medienzentrum, Kommunikationszentrum.

Wenn man die deutschen Rahmenbedingungen für unveränderbar erklärt, geht nichts mehr. Denn sind es gerade die Rahmenbedingungen, die die Entstehung eines Schulbibliothekswesens verhindern:

  • Schulbibliothek gilt als Teil des öffentlichen Bibliothekswesens sein, nicht als Teil der Schule
  • Nicht Schule, Schulverwaltung und Bildungspolitik, sondern die kommunale Stadtbibliothek ist zuständig
  • Dreh- und Angelpunkt ist die Zusammenarbeit von öffentlicher Bibliothek und Schule (noch nicht einmal Schulbibliothek!)
  • Bildungsverwaltungen werden entlastet durch Verträge mit dem Bibliotheksverband und durch Bibliotheksgesetze, in denen Medien- und Informationskompetenzvermittlung zur Aufgabe öffentlicher Bibliotheken erklärt wird.

In der Diskussion um die Digitalisierung der Schule spielt die Schulbibliothek in Deutschland, anders als in den USA, keine Rolle. Der Zug ist abgefahren.

Wenn die deutschen Rahmenbedingungen für unveränderbar erklärt werden und die Kritik daran kritisiert wird, dann bleibt das so.

Irgendwo wird eine kombinierte Stadtteil- und Schulbibliothek eröffnet werden, woanders eine geschlossen, in einer Schulbibliothek überreicht der Lions Club eine Spende, in der anderen streichen Eltern die Wände, Bibliothekare entwerfen Schulbibliotheksrichtlinien, Spiralcurricula und Informationskompetenzvermittlungsraster und schreiben darüber Examensarbeiten, Tweets und Blogpostings. Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

 

Nachwort zum Brandenburger Landes-Schüler-BaföG

Fünf Millionen jährlich gibt die Brandenburger Landesregierung dafür aus, dass Abiturienten aus einkommensschwachen Familien sich mit einem monatlichen staatlichen Taschengeld ein Buch (oder eine Kinokarte) kaufen. Bei der Linkspartei und den Grünen blitzte ich ab. Ich hatte dann an die CDU-Abgeordneten Ingo Senftleben und Dr. Saskia Ludwig geschrieben, dass ich diese jährlichen fünf Millionen bei den Schulbibliotheken besser aufgehoben sähe.

Geantwortet haben mir beide nie. Jetzt ahne ich, warum.

Kurz vor Weihnachten starb überraschend der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Klaus Ness. Bei der Totenfeier wurden von allen Seiten bewegende und sicher wahrhaftige Reden über einen großen Strategen, einen ehrlichen und wahrheitsliebenden Politiker gehalten. Nur ganz versteckt klang an, dass er, wie es Ministerpräsident Woidke vorsichtig formulierte, seine Warmherzigkeit nicht offen mit sich herumtrug. Wenn ich mir das übersetze, fällt mir Herbert Wehner ein: Nicht gerade geliebt, aber respektiert, gar gefürchtet.

Das Landes-Schüler-BaföG war eine Lieblingsidee von Klaus Ness gewesen. Dagegen ging nichts.