Aus meinem Archiv (10)

Im Jahr 2008 fand ich in einer der vielen Powerpoint-Präsentationen zu Web 2.0 und Bibliothek 2.0 mit dem Titel: “Wie das Web 2.0 die Bibliothek verändern kann” diesen revolutionären Satz:

“Dahin gehen, wo der Nutzer ist.”

Dann noch ein Fundstück aus einer anderen Präsentation:

“Die Aufgaben einer Bibliothek: sammeln, erschließen, verfügbar machen.” Von suchen lassen oder das Suchen lehren stand da nichts.

Richtig altmodisch, dieses Verständnis von Bibliothek. Aber nutzerorientiert!

Aus der Bibliothek des Palazzo Querini-Stampaglia in Venedig

Im Palazzo Querini-Stampaglia in Venedig, den ich immer wieder gern besuche wegen seiner Ausstellungen und der Bibliothek, fand ich in der Cafeteria mehrere Poster mit Ergebnissen einer Befragung. Darunter auch dieses. Darin loben die Befragten die Öffnungszeiten der Querini-Bibliothek.

112“Das Literaturkabinett und die Bibliothek sind zu den Tagen und Uhrzeiten geöffnet, die die Kuratoren (Verwalter) festgelegt haben, aber auch regelmäßig an allen Tagen und Uhrzeiten, an denen die öffentlichen Bibliotheken geschlossen sind und besonders abends, was den Studierenden sehr entgegenkommt.”

In der Tat: Mein Besuchstag war ein Sonntag und die Bibliothek war voller eifrig über ihren Laptop gebeugten Student/-innen.

Vor einigen Jahren fand ich im Museumsshop ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck: “Sei normale o vai in bibliotheca?” Ganz schön frech!

Bibliotheken erfreuen sich großer Beliebtheit

… wenn man sie als Übungsaufgabe im Schulbuch braucht. Im Lehrbuch “Politik und Co” des Buchner-Verlages, das sich ausgiebigst mit kommunalpolitischen Strukturen und Prozessen beschäftigt, erhalten die Schüler folgende Aufgabe: “Die städtische Bücherei in Mittellos soll geschlossen werden. Entwerft in Gruppen einen Plan zur Rettung der Stadtbibliothek. Wägt dabei Vor- und Nachteile der einzelnen Maßnahmen gegeneinander ab!”

(Gefunden im Aufsatz von Hubert Hecker, der im vorhergehenden Beitrag erwähnt wird.  Schulbuchverlage sehen m. E. eine kulturpolitische Verpflichtung darin, die Stadtbibliothek in Sprachbüchern zu erwähnen: “Gehe/geht dorthin und leiht ein Buch/Bücher aus, macht euch mit der Systematik vertraut, lasst euch von der Bibliothekarin bei eurem Referat helfen” usw.)

Dazu passt, dass das (ehemalige) hessische Institut für Qualitätsentwicklung IQ (jetzt Abteilung im Landesschulamt) als Beispiel für die Abwendung vom lernzielorientierten Unterricht und die “Hinwendung zu einem standard- und kompetenzorientierten Unterricht” folgende Planungsaufgabe wählt: “Besuchen Sie mit den Schülerinnen und Schülern eine Bücherei!”

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Es gibt in der Schule fast 20 Unterrichtsfächer und fachübergreifende Aufgabenfelder, aus dennen man ein Beispiel hätte nehmen können. Die Stadtbibliothek kommt im IQ als Gegenstand gar nicht, im Schulunterricht eher am Rande vor. Ausgerechnet an ihrem Beispiel erklärt man nun den Lehrern, dass die Zukunft des Unterrichts in der Kompetenzorientierung läge!