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Frankreich: Zu viel Sprachunterricht verhindert soziale Gleichheit

Frankfreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem findet den bilingualen Unterricht in der Mittelstufe der Staatsschulen (Klassen 6 – 9) und das verstärkte Sprachangebot in den sogenannten Europaklassen elitär. Der bilinguale Unterricht ab Klasse 6 mit Deutsch oder Englisch erfreut sich großer Beliebtheit bei Eltern in bürgerlichen Wohngebieten. Diese “soziale Segregation” will die Ministerin nicht länger dulden. Die Klassen werden gestrichen. Dafür soll es in der Grundschule schon ein Fremdsprachenangebot geben, allerdings nicht durch dafür ausgebildete Lehrer.

So wird also ab 2016 der Deutschunterricht in Frankreich stark gekürzt werden. Die Zahl der Schüler, die Deutsch lernen, war gerade erst, nach langer Stagnation, gestiegen. Sie liegt bei ca. 15%. Nicht alle Parteifreunde der Sozialistin sind glücklich über die Entscheidung.

Im Pariser Goethe-Institut sieht man einen Verstoß gegen den deutsch-französischen Elysée-Vertrag von 2013, in dem sich die beiden Regierungen gegenseitig weitere Sprachförderung versprochen hatten.

Deutschland den Migrant/-innen!

Kürzlich hatte ich unter der Überschrift “Ich kann es nicht mehr hören” über die unaufhörlichen Studien zum angeblichen Mangel an Computerkenntnissen und Computerausstattung in den Schulen gelästert. Die meist von der IT-Lobby gesponserten wissenschaftlichen Erhebungen werden in den Medien in der Regel 1:1 nachgebetet.

Bei einem anderen Thema, das auch Schule betrifft, aber darüber hinaus von Bedeutung ist, geht es mir ähnlich: Beim Thema Migration gibt es die ebenso unaufhörlichen Studien über die Benachteiligung der Migranten durch das deutsche Schulsystem, die deutschen Lehrer/-innen und überhaupt die fehlende Willkommenskultur. Weiterlesen

Neurowissenschaft und Unterricht

Der Neurologe Prof. Dr. Michael Madeja beschreibt, was die Neurologie zur Erziehungswissenschaft beitragen kann und was nicht. Es waren große Versprechungen und hohe Erwartungen, die von Neurowissenschaftlern ausgelöste wurden. Die Vorstellung, die Hirnforschung könne pädagogische Kontroversen klären, habe sich nicht erfüllt. Es seien “Neuromythen” entstanden, wie z. B. die Lernkonzepte für rechts- und linkshirnige Lerner oder die Schädlichkeit zuckerhaltiger Ernährung für das Lernen. Da seien partielle Erkenntnisse fälschlicherweise generalisiert worden. Dagegen gäbe es eine Reihe von Erkenntnissen über das Funktionieren des Gehirns beim Lesen und Rechnen. Praktische Auswirkungen auf Schule und Unterricht hätten sich daraus nicht ergeben, wohl aber Interventionsmöglichkeiten bei Funktionsstörungen bei einzelnen Kindern. Er hält es für eine unzulässige Verengung und Vereinfachung, das Lernen nur mit Gehirnfunktionen zu erklären. Das Lernen sei ein vielschichtiger Vorgang innerhalb von Beziehungen zwischen Körper und Umwelt, es sei zweifelhaft, ob eine isolierte Betrachtung des Gehirns der Pädagogik weiterhilft. (FAZ v. 4.5.15,, S. N2, “Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne”)

Lesetipp: Gegen die durchdigitalisierte Schule

ulbrichtcoverWenn ich davon höre, dass jemand Lehrervorträge gut findet, freue ich mich. Ich stehe also nicht allein mit der Ansicht, dass Lehrervortrag und Frontalunterricht keineswegs pädagogische Altlasten sind. Im Blog habe ich mehrfach darüber geschrieben, dass guter Frontalunterricht eine höchst effektive Lehrkunst ist, die leider immer weniger gelehrt, geschweige denn praktiziert wird.

Der Lehrer Arne Ulbricht lobt die Methode Lehrervortrag in seinem in diesen Tagen erscheinenden Buch Schule ohne Lehrer. Zurück in die Zukunft“, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, 173 S., 14,99 €.

Er nennt es ein „fiktionales Sachbuch“. In höchst vergnüglich zu lesenden, aber keineswegs übertriebenen Szenarien schildert er den täglichen Wahnsinn einer Schule, in dem der Blick auf das Smartphone für die Schüler wichtiger geworden ist als der auf die Tafel oder zum Lehrer. Sogar in der Pause würde keiner mehr herumlaufen oder mit jemandem reden, jeder würde auf sein Smartphone starren.

Nicht nur Schüler verlieren sich im Internet, die ganze Schule werde „durchdigitalisiert“: Tägliche Rundmails der Schulleitung im elektronischen Postfach, das notwendige Kalibrieren des Whiteboardstifts, weil die Schrift ansonsten nicht dort steht, wohin man sie haben will. (Sofern nicht jemand den Stift versehentlich eingesteckt hat.)

Noch schlimmer als die Widrigkeiten der Technik ist die mit der Digitalisierung der Schule einhergehende Veränderung schulischen Lernens: Unübersehbare Methodenvielfalt und selbst organisiertes Lernen seien die Fetische. Der Lehrer verschwindet, er wird zum Lernbegleiter. Salman Khans Lehrvideos suggerierten, dass jeder sich überall und jederzeit alles selbst beibringen könne. Ulbricht widerlegt nebenbei die gern angeführte Begründung, man müsse Schülern die Computerpraxis beibringen, die Erwachsene am Arbeitsplatz oder in ihren Seminaren brauchten. Das gehe am Arbeitsplatz meist ganz schnell vonstatten. (Erinnert sei an den Tweet der Abiturientin Naina über das, was Schule alles beibringen solle.) Vor allem aber gäbe es den Unterschied zwischen dem, was zur Bildung Heranwachsender nötig sei und was ein Erwachsener am Arbeitsplatz benötige oder warum er eine Präsentation erstelle.

Die Pointe des digitalen „Irrgartens“, in dem sich Lehrer und Schüler befänden, sei aber, dass der öde, wenig kunstfertige Frontalunterricht des vorgestrigen Lehrers ersetzt worden sei durch Serien von Powerpoint-Referaten, die man sich im Internet zusammengeklickt oder beim Klassenkameraden auf einen Stick gezogen hätte. Sie hinterlassen weder beim Vortragenden noch bei den Zuhörern, wenn die das überhaupt tun, Spuren im Gehirn.

Nicht entgehen lassen sollte man sich die Zukunftsvision des durchdigitalisierten Bildungssystems im Kapitel IV: „Katie, 15, selbstständige Lernerin“.

Es ist gut, dass ein Schulpraktiker warnende Worte ausspricht. Man ist es gewohnt, in den Medien von der digitalen Rückständigkeit der Lehrer und der Schule zu lesen. Computernerds behaupten bei jeder neuen App, diese revolutioniere den Unterricht. Erziehungs- und Medienwissenschaftler erforschen gerne die technologische und methodische Rückständigkeit des Lehrpersonals und der Curricula.

Ulbricht ist durchaus nicht gegen Computer und Internet. Er macht Vorschläge für einen sinnvollen  Gebrauch in der Schule. Mir kommt dabei auch die Schulbibliothek in den Sinn: Als Ort des maßvollen, produktiven Mediengebrauchs, aber auch als handyfreies Lesezentrum.

Ich hätte mir etwas mehr Straffung gewünscht. Manches, auch das berechtigte Lob des Lehrervortrags, ist redundant. Die Botschaft aber ist klar. Zu wünschen wäre, dass möglichst viele Journalisten, Schulräte, Bildungspolitiker, Eltern, Bildungsforscher und Medienwissenschaftler das Buch lesen.

 

 

Lehrerumfragen

Mir fällt gerade ein Spiegel-Online-Bericht über eine weltweite Lehrerumfrage in die Hand. (Wenn man Internet-Surfen so umschreiben darf.) Darin schneiden deutsche Lehrer grottenschlecht ab.

Wie immer gibt es andere Umfragen, in denen ein anderes Lehrer-Ranking mit besseren Lehrernoten zustande gekommen ist. In dem o.a. Bericht wird darauf auch hingewiesen. Es kommt halt darauf an, was und wie gefragt wird. Allensbach fragt alle paar Jahre nach dem Ansehen verschiedener Berufe. Da rangieren Lehrer, vor allem Grundschullehrer, ziemlich weit oben. In der o.a. Umfrage schneiden wiederum deutsche Grundschullehrer besonders schlecht ab.

Unerreicht ist wohl m. E. das Ansehen der Lehrer in Japan. (Was in der o.a. Studie nicht aufscheint.) Florian Coulmas in “Die Deutschen schreien” (Reinbek 2001) beschreibt das anschaulich. Seine Kinder erlebten beide Schulsysteme, das japanische und das deutsche. Andererseits kann ich mich nicht an positive Äußerungen von US-Amerikanern über die staatlichen Lehrer erinnern. Allenfalls, dass man mit Schülern menschlicher umginge als deutsche Gymnasiallehrer. Das Wort “Schülermaterial” gibt es im Amerikanischen nicht.

Dass Schule insgesamt in Deutschland kein hohes Ansehen genießt, ergeben auch andere Umfragen. Dass es zutrifft, kann ich ohne Umfrage auf Grund meiner Berufspraxis bestätigen. Kaum ein Elternabend, kaum ein Elterngespräch ohne Klagen und Schuldzuweisungen, am krassesten die Väter von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund. Egal ob die Sprösslinge Lehrerinnen begrapschten oder die Reifen von Lehrerautos zerstachen, es waren die Lehrer, die entweder zu lasch waren oder Rassisten, die Papas Liebling nicht mochten. Und wenn die Lehrer den Vater anflehten, die Tochter nicht ein Jahr vor dem Hauptschulabschluss von der Schule zu nehmen, er machte es doch und verheiratete sie mit seinem Freund in der Türkei. Aber eben nicht nur Migranten waren Schul- und Lehrerhasser.

Noch heute, ein Jahrzehnt später, fasse ich es kaum, wie liebevoll und dankbar die Tochter einer Hongkonger Schulbibliothekarin sich einmal an den Unterricht in ihrer Schule, (allerdings) eine exklusive Privatschule, erinnerte.

In Deutschland gehört Lehrerbashing anscheinend zum guten Ton. Voran gingen Politiker wie Steinbrück und Gerhard Schröder. Letzterer findet Putin gut, zu Lehrern fiel ihm nur “faule Säcke” ein. Auch die Mehrzahl der Bildungswissenschaftler/-innen interessiert sich mehr für Umfragen über digitale Lehrerkompetenzen, Vorurteile bei der Notengebung oder die angebliche Benachteiligung von Mädchen als für die Verbesserung der Lehrerausbildung. Im Verein mit Politiker/-innen, die an Schul- und Lehrplanreformen herumbasteln und Kultusministerien, in denen Karrierist/-innen autonome und selbstständige Schulen kreieren, damit sie ihre Ruhe haben, bereiten sie den Boden für ein erstarkendes Privatschulwesen. Das müssen sie dann, wie das rot-rote Brandenburg es tut, durch Zuschusskürzungen wieder bändigen.

Ärztegruppe warnt vor zu viel W-LAN-Strahlung im Klassenzimmer

Wie schnell es von “himmelhoch jauchzend” zu “verdammt in alle Ewigkeit” kommen kann, erlebt gerade der Hamburger Schulsenator mit einem 1:1-Schulprojekt. Alle Klassenräume einer Pilotschule sollten W-LAN erhalten, alle Schüler Laptops oder Tablets.  Der Hamburger Bildungsaktivist Dr. Walter Scheuerl, Rechtsanwalt aus Blankenese, der schon einmal eine Hamburger Schulreform gestoppt hatte (sechsjährige Grundschule), schlägt Alarm. So fehle die gesetzlich erforderliche Zustimmung der Eltern für diesen Schulversuch. Zudem äußert er gesundheitliche Bedenken wegen der Strahlung der Router und der digitalen Geräte. Auch der mangelnde Datenschutz wird ins Feld geführt.

In Baden-Württemberg ist eine Ärztegruppe gegen W-LAN in Schulen aktiv geworden. Ihr Offener Brief an die Landesregierung hier.