Schlagwort-Archive: Bildungspolitik

Der Mittlere Schulabschluss

Die große Reform des deutschen Schulwesens, die der Deutsche Bildungsrat mit seinem Strukturplan Anfang der 70er Jahre anstoßen wollte, ist bis heute unvollendet. Kernelement war die Horizontalisierung der Schule: Schulstufen statt schulformbezogene Schulformen.

Das Problem war, wie man es schafft, Hauptschüler (9 Schuljahre), Realschüler (10 Schuljahre) und Gymnasiasten mit Versetzung nach Klasse 11) unter einen Hut zu bringen. Der Begriff Mittlere Reife wurde vom Gymnasium übernommen. Weitere Namen waren Mittlerer Schulabschluss (MSA) oder Sekundarstufenabschluss; es gibt mehr als eine Handvoll Bezeichnungen, man kann das bei Wikipedia nachlesen.

Für die Hauptschüler gab es nach einem weiteren (zehnten) Schuljahr den erweiterten Hauptschulabschluss. Heute, im Internetzeitalter würde man das Hauptschulabschluss Plus oder Premium nennen. Für die etwas besseren Hauptschüler blieb das unattraktiv, viel lieber versuchte man, noch ein, zwei Realschuljahre dranzuhängen. Man konnte unter gewissen Bedingung auch in der Berufsschule einen Realschulabscluss zuerkannt bekommen.

Zu einer Aufwertung des MSA nach der Sekundarstufe I sollten auch Abschlussprüfungen beitragen. Das war keine schlechte Idee. Viele Schüler/-innen wuchsen über sich selbst hinaus. Bei den Gruppenpräsentationen konnte man manche sicher und kompetent vor einem Prüfungsausschuss erleben. Selbstverständlich gab es auch die, die vorher krank wurden, denen die Stimme versagte oder die zu weinen anfingen. Es war wie im richtigen Leben. Ich habe aber nie einen Lehrer erlebt, der nicht geduldig und rücksichtsvoll war, der nicht Hilfestellung gab und Brücken baute. Natürlich gab es auch Prognosen wie diese: “Der mogelt sich seit Jahren durch und wird das heute nicht schaffen.”

Für die Schulen bedeutete es erheblichen Mehraufwand, nämlich Prüfungswochen zu organisieren, je nach Jahrgangsbreite z. B. 60 oder 80 Prüfungsauschüsse zusammenzustellen, laut ministerieller Vorschrift hätte  immer der Schulleiter den Vorsitz haben müssen. (Mich zeigte der Vater eines durchgefallenen Schülers an, weil ich einmal kurz aufs Klo gegangen war, an einem Sitzungstag mit fünf Prüfungen hintereinander. Der Richter konnte zum Glück keine Dienstpflichtverletzung erkennen und las aus dem Prüfungsprotokoll heraus, dass meine zweiminütige Abwesenheit nicht ursächlich für das Nichtbestehen war.

Natürlich war nicht daran zu denken, während dieser Zeit den regulären Unterrichtsbetrieb durchzuhalten. Man schickte die Klassen daher gerne auf Wanderfahrt. Dabei spielten nicht alle Kollegen mit, weil sie bestimmte Unterkünfte nur zu einem anderen Termin bekamen oder aus schwer zu widerlegenden pädagogischen Gründen lieber am Schuljahresanfang fuhren. Die Vertretungsplaner bewiesen ihre Kunstfertigkeit. Besonders ärgerlich war es, wenn ein Mitglied eines Prüfungsausschusses sich im Laufe des Vormittags krank meldete.

Die Nachprüfungen (aus den regulären Versetzungskonferenzen) und die neuen Prüfungstermine für Schüler, die in der Prüfungswoche krank geworden waren, wurden in die letzte Sommerferienwoche gelegt, mit dem Risiko, dass Eltern – und auch Kollegen, die prüfen sollten – mitteilten, dass sie in dieser Zeit noch in Griechenland oder auf den Malediven weilen würden. Dann begann die erste Schulwoche wieder mit Unterrichtsausfall. Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe hatten neben den Abiturwochen jetzt auch die Prüfungsphase für den MSA zu organisieren.

Für Gymnasiasten war die Einführung der Sekundarstufen-I-Abschlussprüfung anfänglich fatal. Da es diese in Hessen nur für Haupt- und Realschüler gab, konnten sie keinen Mittleren Bildungsabschluss vorweisen, wenn sie nach Klasse 10 die Schule verließen. Bei Nichtversetzung in die Klasse 11 des Gymnasiums konnte die Zeugniskonferenz bisher prüfen, ob das Notenbild aber einem erfolgreichen Realschulabschluss gleichgestellt werden konnte. Das musste jetzt entfallen, denn der Gymnasiast, der nach Klasse 10 die Schule verließ, hatte jetzt keine Mittlere Reife mehr, da er nicht an der Abschlussprüfung der S I teilgenommen hatte, Wir schlugen daher in Fällen drohender Nichtversetzung eines Gymnasiasten vor, sozusagen extern an der Realsschulabschlussprüfung teilzunehmen. Ein neues Problem war dann, welchen Kopf das Zeugnis hatte, Realschule oder Gymnasium. Eltern wollten zwar den formalen Abschluss der Mittleren Reife qua Realschulabschlussprüfung, aber bitte auf einem Zeugnisformular, das den Besuch des Gymnasialzweiges der Schule bescheinigt. Das ist wohl inzwischen geheilt, das Ministerium hat deutlich gemacht, dass Gymnasiasten weiterhin ohne Abschlussprüfung die Mittlere Reife bei entsprechender Leistung zuerkannt bekommen.

Einige Kultusverwaltungen bitten auch die gymnasialen Zehntklässler zur Prüfung zum Abschluss der S I, wie etwa Berlin und Brandenburg. Dort wurde das Lösen bestimmter Aufgaben als nötig für einen höherwertigen Abschluss verlangt und die Beurteilungskriterien für das Bestehen des MSA wurden differenziert. So gibt es ab einem bestimmten Punktwert den MSA+, d. h. der Besuch der zweijährigen gymnasialen Oberstufe ist möglich, oder die Berufsbildungsreife BBR bei einem unterduchschnittlichen Ergebnis (=Hauptschulabschluss; den gibt es aber auch in erweiterter Form: eBBR). In Berlin erlangen 65% aller Zehntklässler den MSA+.

Zum Dauerbrenner wird der MSA in Hessen auch durch G8: Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit wird ja durch Streichung eines Schuljahres in der Mittelstufe erreicht. Konsequent wäre es, dass nun ein Schüler, der das G8-Gymnasium nach der Klasse 9 verließ, die Gleichstellung mit dem Realschulabschluss nach Klasse 10 haben wollte. Das Verwaltungsgericht lehnte ab. Die KMK hat aber zugestimmt, dass Gymnasialschüler der Turboklasse 9 an der Realschulabschlussprüfung teilnehmen können und bei Bestehen die Mittlere Reife bescheinigt bekommen. Das heißt, sie erwürben die Mittlere Reife ein Jahr früher als die Realschüler.

Für Schüler der Realschulklasse 10 besteht die Möglichkeit bei einem guten Abschluss der Abschlussprüfung den qualifizierenden Realschulabschluss zu erhalten, der sie zum Besuch der Oberstufe eines Gymnasiums zulässt, auch wenn sie nicht den Bildungsgang des Gymnassiums durchlaufen haben.

Da sage noch einer, das deutsche Bildungssystem wäre nicht durchlässig.

OECD findet wieder ein deutsches Bildungsproblem

Die OECD-Bildungsforscher haben alle Hände voll zu tun. Schon wieder ist Deutschland auffällig. Nach der niedrigen Abiturientenquote von ca. 55%, den nur durchschnittlichen PISA-Ergebnissen, der angeblich problematischen dualen Berufsausbildung hat Professor Schleicher ein neues Defizit ausgemacht: Die niedrige Frauenquote im MINT-Bereich. Mehr als in den anderen Industriestaaten wären Mädchen weniger an Mathematik und den Ingenieurberufen interessiert. Prof. Schleicher weiß auch, woran es liegt: Die Eltern trauen ihren Töchtern nicht zu, dass sie MINT-Berufe ergreifen.

Das kann doch in Angriff genommen werden. Meine Vorschläge: Schulungskurse für Eltern, Verbot von Bilder- und Kinderbüchern, die traditionelle Rollenvorbilder perpetuieren, statt dessen Bilder von weiblichen Köchen und männlichen Schiffskapitänen, in den Kitas müssen die Jungen mindestens zweimal in der Woche mit Puppen und die Mädchen mit dem Märklin-Baukasten spielen.

Science Files hat eine verblüffende Erklärung: Der Genderismus ist schuld.

Ich hatte vor Mathe in der Unterstufe wahnsinnige Angst. Das lag am weiblichen Mathelehrer. Der war ein Drachen. (Sorry, sexistisch, zumal Drachen männlich ist.)

Wie war das nochmal mit den Jungen, die in nahezu jedem Schulleistungstest generell schlechter abschneiden als Mädchen?

Woran man erkennen kann, wie es um das hessische Schulbibliothekswesen bestellt ist

Die folgenden Erfahrungen passen in das Bild, das das hessische Schulbibliothekswesen bietet.

Vor 18 Jahren folgte ein hessischer Kultusminister noch der Einladung der LAG Schulbibliotheken zum Besuch des Hessischen Schulbibliothekstages. Vor zehn Jahren gewann der LAG-Vorstand eine hessische Kultusministerin noch für das Grußwort zu einer Broschüre, zudem beantwortete sie die Anfrage zu einem Gespräch positiv. Vor fünf Jahren waren wir froh, dass eine nachfolgende, in ihrem Amt überforderte Ministerin nur einen Referenten schickte. Der erwähnte in seinem Grußwort die Kooperation seines Hauses mit dem dbv lobend, worüber zahlreiche Zuhörer/-innen, die tagein, tagaus dafür sorgen, dass es in ihrer Schule ein Informations- und Lesezentrum gibt, hör- und sichtbar irritiert waren. Die nachfolgende Ministerin ließ uns nach längerem Warten und wiederholter Anfrage schließlich einen Termin freitags um 16.30 Uhr anbieten. Ein – was nicht unüblich ist – vorformuliertes Grußwort für eine Broschüre zu unterschreiben, gelang ihr innerhalb von sechs Wochen nicht. Der neueste Kultusminister teilte uns mit, er habe schon so viele Termine und verwies uns an seinen Staatssekretär. Kurz darauf folgt er der Bitte eines Parteifreundes, Landrat und dbv-Landesvorsitzender, zu einem Gespräch.

Was sagt uns das?

Das Land will sich nicht auch noch um Schulbibliotheken kümmern. Die Schulträger dürfen machen, was sie wollen, Schulbibliotheken schaffen oder nicht. Die öffentlichen Büchereien, denen einige Angebote abhanden kommen (Videoausleihe, Musik-DVD-Ausleihe) oder gar nicht erst zukommen werden (z. B. eine zukunftsfähige E-Book-Ausleihe). erweitern dafür ihre Bildungspartnerschaft mit Schulen (Literaturversorgung, Medien- und Informationskompetenzenvermittlung). Sie machen sich Hoffnung auf Geld aus dem Bildungsetat. Das Land kommt bisher billig davon, es leiht zwanzig Lehrerstunden an die Fachstelle für öBen in der Bibliothek der FH Rhein-Main aus und spendiert den öffentlichen Bibliotheken jedes Jahr ein paar 100.000 € für Kooperationsprojekte mit Schulen. Bürgermeister bewahren ihre Stadtbücherei vor der Schließung, in dem sie sie als Kombibibliothek in eine Schule verlagern. Da sparen sie bei Bau- und Bauunterhaltungskosten Geld. Sogar das “Schulbibliothekswesen” profitiert: Seit 25 Jahren steigt die Zahl der Kombi- oder öffentlichen Schulbibliotheken jährlich (ungefähr) um eine. Die Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen ist für alle Beteiligten günstiger als die einseitige Bevorzugung von Schulbibliotheken.

Siehe auch hier!

Bebra: Stadt will Stadtbücherei an Schule abschieben

Nein, so nennt man das nicht. Es wird vielmehr Zusammenarbeit, Kooperation und Öffnung genannt. Minister, kulturpolitische Sprecher von Parteien und Bibliotheksfunktionär/-innen verkaufen uns das seit Jahrzehnten als den Königsweg zu mehr Schulbibliotheken.

Was sich hinter den hohlen Phrasen verbirgt, zeigt dieser Artikel in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) exemplarisch:

Bebra

Schulprogramm. Gibt es das noch?

Manche Kollegien waren jahrelang damit beschäftigt, ihrer Schule ein Programm zu geben.Die Idee stammt aus der Unternehmensberatung und wurde eingeführt, als es darum ging, Schulen flott zu machen für die von der OECD vorgegebene Bildungspolitik. Man brauchte Instrumente, um Schulen dazu zu bringen, sich selbstständig weiterzuentwickeln, ihre Entwicklungsziele zu formulieren, ihre Maßnahmen, die sie dahin bringen sollten. Das Schulprogramm diente der Evaluation der Ziele, sowohl für die Schule selbst als auch für die Schulaufsicht, die sich gleichzeitig davon entlastete, die Schule bis ins kleinste Detail zu reglementieren.

Die Arbeit am Schulprogramm war zeitintensiv, sie musste neben dem Schulalltag geleistet werden. Was da gemacht werden sollte, war auch nicht überall klar. Manchmal wurde die Pädagogik neu entdeckt und hehre Grundsätze von Hugo Gaudig bis Iwan Illich zum Programm gemacht. Vielfach aber geriet es zu einer kleinen Kulturrevolution: Zum ersten Mal in ihrem Berufsleben waren Lehrer/-innen gezwungen, sich über ihre Arbeit zu verständigen, ihr Selbstverständnis zu diskutieren und Vereinbarungen zu treffen, die ihren eigenen Unterricht und ihren Umgang mit den Schülern betrafen. Da gab es erhebliche Widerstände: “Ich lasse mir doch nicht vorschreiben…”. “Das werde ich so weitermachen, egal. was die Gesamtkonferenz beschließt.” Wer auf einem Elternabend einmal erlebt hat, dass vier Lehrer vier verschiedene Verfahren haben, Hausaufgaben zu kontrollieren, zu bewerten und Eltern über nicht gemachte zu informieren, weiß, dass Schule ein Arbeitsplatz für Individualisten war. In manchen Kollegien gab es jetzt Aufbruchstimmung und ein verändertes pädagogisches Klima.

Ich kam an eine Schule, an der mein Vorgänger in der Schulleitung die Schulprogrammarbeit an die Wand gefahren hatte. Während die anderen Schulen drei Jahre daran gearbeitet hatten, musste ich jetzt binnen eines Jahres ein Programm mit dem Kollegium erarbeiten. Es gab keinen Pardon von der Schulaufsicht. Es gelang! Während viele Schulen das Programm zurück bekamen und Änderungen vornehmen mussten, war man mit unserem zufrieden. Ich denke gerne daran zurück.

Den Schulbibliotheken haben wir in Hessen geraten, sich an dieser Programmdiskussion zu beteiligen. Es war eine einmalige Chance, die Aufgaben und Ziele der Bibliothek zu formulieren, ins Programm einzubringen und verbindlich für das Kollegium zu machen.

Der Wikipedia-Artikel scheint ganz brauchbar zu sein.

Jetzt fragt meine Frau gestern während des Fernsehabends plötzlich und ohne erkennbaren Anlass: “Was ist eigentlich aus den Schulprogrammen geworden?” Das würde mich auch interessieren.

Um Studiengebühren wird erbittert gestritten

Das könnte vorbei sein. Nachdem es wissenschaftliche Studien gibt, die den Nutzen belegen und solche, die nachweisen, dass sie schädlich sind, gibt es jetzt eine Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass sie nicht viel schaden, aber auch nicht viel nützen.

Weder studieren nur noch Student/-innen aus wohlhabenden Familien, noch verbessert sich die Lehre an den Unis wesentlich, wenn es Einnahmen aus Studiengebühren gibt.

Siehe Spiegel Online