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Unternehmensberatung und Schulbibliothek

Ein hoch interessanter Bericht aus Leverkusen: Laut Zeitung soll eine Unternehmensberatung der Stadt empfohlen haben, Schulbibliotheken neu zu organisieren.

Jetzt ging die Bibliothekarin, die 20 Jahre in der Gesamtschule Dienst tat in die Stadtbibliothek zurück. Stattdessen kommt eine Mitarbeiterin aus dem Gymnasium an einem Wochentag in die Gesamtschule. Ehrenamtliche öffnen an jedem Schultag in der Pause.

Zur Wiedereröffnung stellt die Stadtverwaltung eine Bibliothekssoftware zur Verfügung, ein Möbelhaus spendiert Sessel, Sitzhocker und Teppiche. Der städtische Beigeordnete und andere lesen bei der (Wieder-)Eröffnungsfeier Geschichten vor.

Schön wäre es, wenn eine Unternehmensberatung Politiker/-innen einmal vorrechnete, dass Investitionen in die Lesefähigkeit das Bruttosozialprodukt erhöhen.

 

Noch ein Institut?

Sybille Volkholz, kurzzeitig einmal grüne Berliner Bildungssenatorin, fordert heute im Tagespiegel ein neues Bundesinstitut, das das von der KMK geforderte Bildungsmonitoring umsetzen solle. Es gäbe seit 15 Jahren Schulleistungsmessung (PISA, VERA, LAU, IGLU, TIMMS, PEARLS, Bundesländervergleiche usw.), aber die Unmenge an gesammelten Daten würden von Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und den Schulen nicht genutzt. Daher sei eine neues Institut nötig.

Nun haben die Länder und der Bund in den letzten Jahren Institute für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen eingerichtet. In Hessen bekam dieses IQ u. a. 60 (wenn ich mich nicht irre, aber viel weniger waren es nicht) A 15-Stellen für die Durchführung der Schulinspektion.

Nun haben die Schulleistungsmessungen auch ohne neues Institut Spuren hinterlassen: Die PISA-Ergebnisse werden bei jedem neuen Test besser, die Abiturnoten werden immer besser, die Zahl der Abiturienten steigt, es gibt immer mehr Ganztagsschulen, die Hauptschule wird abgeschafft, Kitas werden als Bildungseinrichtung verstanden. In Hessen gab es in jedem Schulamtsbezirk eine Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Lesenlernens, für schwache Schüler müssen individuelle Förderpläne geschrieben werden. Alle Schulen mussten sich in mehrjähriger Sitzungsarbeit Programme geben, in denen sie ihre Ziele und Vorhaben beschreiben, Schulinspektoren evaluieren sie und berichten den Kollegien – gerne in der Woche der Zeugniskonferenzen -, wo die Defizite liegen.

Wozu also jetzt noch ein Institut?

Frau Volkholz weiß, dass die empirischen Bildungsforscher sagen, dass sie messen, und nur das. Sie können nicht sagen, was zu ihren Ergebnissen führt. Warum also neue B- und A-Planstellen für Erziehungswissenschaftler, Bildungspolitiker und Aufstiegswillige in den bestehenden Instituten? Wenn PISA Leistungsunterschiede, schon gar zwischen Schulsystemen, nicht erklären kann, welche Empfehlungen will eine zukünftige Direktorin eines neuen Bundesinstuts herauslesen?

Fast alle Beteiligten sind sich einig, dass die Lehrerausbildung das Zentrum der Reformen sein muss. Pläne dafür gibt es seit einem halben Jahrhundert. Highlights aus dieser Zeit: “Lehrer werden einseitig auf Schule hin ausgebildet” hieß es einmal. Sie müssten qualifiziert werden, auch andere Berufe auszuüben. Das war die Zeit der Lehrerschwemme. Dann gab es Zeiten, wo man jeden nahm, auch wenn das Examen im zweiten Anlauf mit Ach und Krach bestanden worden war. Jetzt müssen die Studenten Module sammeln, statt ein paar Jahre kontinuierlich Fächer, Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaften zu studieren.

Man kann Lehrer exzellent bezahlen, wie in Finnland, und sich daher die besten aussuchen oder man verschafft ihnen ein hohes Sozialprestige, wie in Japan. Oder man watscht sie ab, wie das deutsche Politiker gern tun.

In Hessen gibt es Pläne, die jährlich 7 Millionen kostende Schulinspektion abzuschaffen. Schulen sollen sich gegenseitig evaluieren. (Das gesparte Geld für Schulbibliotheken verwenden?) Schulleitungen, sofern sie nicht selbst das Problem sind, wissen, was läuft und was nicht. Kontakt zur Nachbarschule haben sie auch.)

Einer meiner früheren Schulräte kannte das Schulwesen Schottlands; es bestand eine Partnerschaft zwischen den Schulbezirken. Er erzählte, was ein Schulleiter in Schottland kann: vorübergehend Betreuung für Einsteiger finden, einen Lehrer freistellen für die Organisation des IT-Bereichs, Lehrkräfte, die auch beim zweiten Inspektionsbesuch durchfielen, entlassen. Er erzählte auch, dass man das alles im heimischen Ministerium wüsste. Man schrieb viel ab, teils wortwörtlich, ließ aber die nötigen Stellenpläne und Haushaltsansätze weg.

Das neue Institut wird kommen, die Desiderata im Schulwesen werden bleiben.

 

Der Mittlere Schulabschluss

Die große Reform des deutschen Schulwesens, die der Deutsche Bildungsrat mit seinem Strukturplan Anfang der 70er Jahre anstoßen wollte, ist bis heute unvollendet. Kernelement war die Horizontalisierung der Schule: Schulstufen statt schulformbezogene Schulformen.

Das Problem war, wie man es schafft, Hauptschüler (9 Schuljahre), Realschüler (10 Schuljahre) und Gymnasiasten mit Versetzung nach Klasse 11) unter einen Hut zu bringen. Der Begriff Mittlere Reife wurde vom Gymnasium übernommen. Weitere Namen waren Mittlerer Schulabschluss (MSA) oder Sekundarstufenabschluss; es gibt mehr als eine Handvoll Bezeichnungen, man kann das bei Wikipedia nachlesen.

Für die Hauptschüler gab es nach einem weiteren (zehnten) Schuljahr den erweiterten Hauptschulabschluss. Heute, im Internetzeitalter würde man das Hauptschulabschluss Plus oder Premium nennen. Für die etwas besseren Hauptschüler blieb das unattraktiv, viel lieber versuchte man, noch ein, zwei Realschuljahre dranzuhängen. Man konnte unter gewissen Bedingung auch in der Berufsschule einen Realschulabscluss zuerkannt bekommen.

Zu einer Aufwertung des MSA nach der Sekundarstufe I sollten auch Abschlussprüfungen beitragen. Das war keine schlechte Idee. Viele Schüler/-innen wuchsen über sich selbst hinaus. Bei den Gruppenpräsentationen konnte man manche sicher und kompetent vor einem Prüfungsausschuss erleben. Selbstverständlich gab es auch die, die vorher krank wurden, denen die Stimme versagte oder die zu weinen anfingen. Es war wie im richtigen Leben. Ich habe aber nie einen Lehrer erlebt, der nicht geduldig und rücksichtsvoll war, der nicht Hilfestellung gab und Brücken baute. Natürlich gab es auch Prognosen wie diese: “Der mogelt sich seit Jahren durch und wird das heute nicht schaffen.”

Für die Schulen bedeutete es erheblichen Mehraufwand, nämlich Prüfungswochen zu organisieren, je nach Jahrgangsbreite z. B. 60 oder 80 Prüfungsauschüsse zusammenzustellen, laut ministerieller Vorschrift hätte  immer der Schulleiter den Vorsitz haben müssen. (Mich zeigte der Vater eines durchgefallenen Schülers an, weil ich einmal kurz aufs Klo gegangen war, an einem Sitzungstag mit fünf Prüfungen hintereinander. Der Richter konnte zum Glück keine Dienstpflichtverletzung erkennen und las aus dem Prüfungsprotokoll heraus, dass meine zweiminütige Abwesenheit nicht ursächlich für das Nichtbestehen war.

Natürlich war nicht daran zu denken, während dieser Zeit den regulären Unterrichtsbetrieb durchzuhalten. Man schickte die Klassen daher gerne auf Wanderfahrt. Dabei spielten nicht alle Kollegen mit, weil sie bestimmte Unterkünfte nur zu einem anderen Termin bekamen oder aus schwer zu widerlegenden pädagogischen Gründen lieber am Schuljahresanfang fuhren. Die Vertretungsplaner bewiesen ihre Kunstfertigkeit. Besonders ärgerlich war es, wenn ein Mitglied eines Prüfungsausschusses sich im Laufe des Vormittags krank meldete.

Die Nachprüfungen (aus den regulären Versetzungskonferenzen) und die neuen Prüfungstermine für Schüler, die in der Prüfungswoche krank geworden waren, wurden in die letzte Sommerferienwoche gelegt, mit dem Risiko, dass Eltern – und auch Kollegen, die prüfen sollten – mitteilten, dass sie in dieser Zeit noch in Griechenland oder auf den Malediven weilen würden. Dann begann die erste Schulwoche wieder mit Unterrichtsausfall. Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe hatten neben den Abiturwochen jetzt auch die Prüfungsphase für den MSA zu organisieren.

Für Gymnasiasten war die Einführung der Sekundarstufen-I-Abschlussprüfung anfänglich fatal. Da es diese in Hessen nur für Haupt- und Realschüler gab, konnten sie keinen Mittleren Bildungsabschluss vorweisen, wenn sie nach Klasse 10 die Schule verließen. Bei Nichtversetzung in die Klasse 11 des Gymnasiums konnte die Zeugniskonferenz bisher prüfen, ob das Notenbild aber einem erfolgreichen Realschulabschluss gleichgestellt werden konnte. Das musste jetzt entfallen, denn der Gymnasiast, der nach Klasse 10 die Schule verließ, hatte jetzt keine Mittlere Reife mehr, da er nicht an der Abschlussprüfung der S I teilgenommen hatte, Wir schlugen daher in Fällen drohender Nichtversetzung eines Gymnasiasten vor, sozusagen extern an der Realsschulabschlussprüfung teilzunehmen. Ein neues Problem war dann, welchen Kopf das Zeugnis hatte, Realschule oder Gymnasium. Eltern wollten zwar den formalen Abschluss der Mittleren Reife qua Realschulabschlussprüfung, aber bitte auf einem Zeugnisformular, das den Besuch des Gymnasialzweiges der Schule bescheinigt. Das ist wohl inzwischen geheilt, das Ministerium hat deutlich gemacht, dass Gymnasiasten weiterhin ohne Abschlussprüfung die Mittlere Reife bei entsprechender Leistung zuerkannt bekommen.

Einige Kultusverwaltungen bitten auch die gymnasialen Zehntklässler zur Prüfung zum Abschluss der S I, wie etwa Berlin und Brandenburg. Dort wurde das Lösen bestimmter Aufgaben als nötig für einen höherwertigen Abschluss verlangt und die Beurteilungskriterien für das Bestehen des MSA wurden differenziert. So gibt es ab einem bestimmten Punktwert den MSA+, d. h. der Besuch der zweijährigen gymnasialen Oberstufe ist möglich, oder die Berufsbildungsreife BBR bei einem unterduchschnittlichen Ergebnis (=Hauptschulabschluss; den gibt es aber auch in erweiterter Form: eBBR). In Berlin erlangen 65% aller Zehntklässler den MSA+.

Zum Dauerbrenner wird der MSA in Hessen auch durch G8: Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit wird ja durch Streichung eines Schuljahres in der Mittelstufe erreicht. Konsequent wäre es, dass nun ein Schüler, der das G8-Gymnasium nach der Klasse 9 verließ, die Gleichstellung mit dem Realschulabschluss nach Klasse 10 haben wollte. Das Verwaltungsgericht lehnte ab. Die KMK hat aber zugestimmt, dass Gymnasialschüler der Turboklasse 9 an der Realschulabschlussprüfung teilnehmen können und bei Bestehen die Mittlere Reife bescheinigt bekommen. Das heißt, sie erwürben die Mittlere Reife ein Jahr früher als die Realschüler.

Für Schüler der Realschulklasse 10 besteht die Möglichkeit bei einem guten Abschluss der Abschlussprüfung den qualifizierenden Realschulabschluss zu erhalten, der sie zum Besuch der Oberstufe eines Gymnasiums zulässt, auch wenn sie nicht den Bildungsgang des Gymnassiums durchlaufen haben.

Da sage noch einer, das deutsche Bildungssystem wäre nicht durchlässig.

OECD findet wieder ein deutsches Bildungsproblem

Die OECD-Bildungsforscher haben alle Hände voll zu tun. Schon wieder ist Deutschland auffällig. Nach der niedrigen Abiturientenquote von ca. 55%, den nur durchschnittlichen PISA-Ergebnissen, der angeblich problematischen dualen Berufsausbildung hat Professor Schleicher ein neues Defizit ausgemacht: Die niedrige Frauenquote im MINT-Bereich. Mehr als in den anderen Industriestaaten wären Mädchen weniger an Mathematik und den Ingenieurberufen interessiert. Prof. Schleicher weiß auch, woran es liegt: Die Eltern trauen ihren Töchtern nicht zu, dass sie MINT-Berufe ergreifen.

Das kann doch in Angriff genommen werden. Meine Vorschläge: Schulungskurse für Eltern, Verbot von Bilder- und Kinderbüchern, die traditionelle Rollenvorbilder perpetuieren, statt dessen Bilder von weiblichen Köchen und männlichen Schiffskapitänen, in den Kitas müssen die Jungen mindestens zweimal in der Woche mit Puppen und die Mädchen mit dem Märklin-Baukasten spielen.

Science Files hat eine verblüffende Erklärung: Der Genderismus ist schuld.

Ich hatte vor Mathe in der Unterstufe wahnsinnige Angst. Das lag am weiblichen Mathelehrer. Der war ein Drachen. (Sorry, sexistisch, zumal Drachen männlich ist.)

Wie war das nochmal mit den Jungen, die in nahezu jedem Schulleistungstest generell schlechter abschneiden als Mädchen?

Woran man erkennen kann, wie es um das hessische Schulbibliothekswesen bestellt ist

Die folgenden Erfahrungen passen in das Bild, das das hessische Schulbibliothekswesen bietet.

Vor 18 Jahren folgte ein hessischer Kultusminister noch der Einladung der LAG Schulbibliotheken zum Besuch des Hessischen Schulbibliothekstages. Vor zehn Jahren gewann der LAG-Vorstand eine hessische Kultusministerin noch für das Grußwort zu einer Broschüre, zudem beantwortete sie die Anfrage zu einem Gespräch positiv. Vor fünf Jahren waren wir froh, dass eine nachfolgende, in ihrem Amt überforderte Ministerin nur einen Referenten schickte. Der erwähnte in seinem Grußwort die Kooperation seines Hauses mit dem dbv lobend, worüber zahlreiche Zuhörer/-innen, die tagein, tagaus dafür sorgen, dass es in ihrer Schule ein Informations- und Lesezentrum gibt, hör- und sichtbar irritiert waren. Die nachfolgende Ministerin ließ uns nach längerem Warten und wiederholter Anfrage schließlich einen Termin freitags um 16.30 Uhr anbieten. Ein – was nicht unüblich ist – vorformuliertes Grußwort für eine Broschüre zu unterschreiben, gelang ihr innerhalb von sechs Wochen nicht. Der neueste Kultusminister teilte uns mit, er habe schon so viele Termine und verwies uns an seinen Staatssekretär. Kurz darauf folgt er der Bitte eines Parteifreundes, Landrat und dbv-Landesvorsitzender, zu einem Gespräch.

Was sagt uns das?

Das Land will sich nicht auch noch um Schulbibliotheken kümmern. Die Schulträger dürfen machen, was sie wollen, Schulbibliotheken schaffen oder nicht. Die öffentlichen Büchereien, denen einige Angebote abhanden kommen (Videoausleihe, Musik-DVD-Ausleihe) oder gar nicht erst zukommen werden (z. B. eine zukunftsfähige E-Book-Ausleihe). erweitern dafür ihre Bildungspartnerschaft mit Schulen (Literaturversorgung, Medien- und Informationskompetenzenvermittlung). Sie machen sich Hoffnung auf Geld aus dem Bildungsetat. Das Land kommt bisher billig davon, es leiht zwanzig Lehrerstunden an die Fachstelle für öBen in der Bibliothek der FH Rhein-Main aus und spendiert den öffentlichen Bibliotheken jedes Jahr ein paar 100.000 € für Kooperationsprojekte mit Schulen. Bürgermeister bewahren ihre Stadtbücherei vor der Schließung, in dem sie sie als Kombibibliothek in eine Schule verlagern. Da sparen sie bei Bau- und Bauunterhaltungskosten Geld. Sogar das “Schulbibliothekswesen” profitiert: Seit 25 Jahren steigt die Zahl der Kombi- oder öffentlichen Schulbibliotheken jährlich (ungefähr) um eine. Die Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen ist für alle Beteiligten günstiger als die einseitige Bevorzugung von Schulbibliotheken.

Siehe auch hier!

Bebra: Stadt will Stadtbücherei an Schule abschieben

Nein, so nennt man das nicht. Es wird vielmehr Zusammenarbeit, Kooperation und Öffnung genannt. Minister, kulturpolitische Sprecher von Parteien und Bibliotheksfunktionär/-innen verkaufen uns das seit Jahrzehnten als den Königsweg zu mehr Schulbibliotheken.

Was sich hinter den hohlen Phrasen verbirgt, zeigt dieser Artikel in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) exemplarisch:

Bebra