Überwältigungsverbot

Gerade habe ich in einem Beitrag auf meinem Blog zur DDR-Aufarbeitung „Ampelmännchen und Todesschüsse“ über die Anwendung eines westdeutschen politikdidaktischen Grundsatzes auf die Behandlung der untergegangenen DDR im Brandenburger Schulunterricht gestaunt, dem „Überwältigungsverbot“: Wer über die SED-Diktatur unterrichtet, soll nicht aus der Sicht des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates auf die DDR herunterblicken oder gar die Schüler für dessen Werte einzunehmen versuchen. Damit würde er sie überwältigen. Der Unterricht müsse ausgewogen sein, quasi (so verstehe ich es) pro und contra Wahlfälschungen und Ausreiseverbote.

(Wen es interessiert: hier!)

Jetzt lese ich von einem noch viel folgenreicheren Überwältigungsverbot, das die Berliner Schriftstellerin Katja Oskamp in Schule und Hochschule heraufziehen sieht. Sie schreibt in der Schweizer Weltwoche, Nr. 5/2016: „Erlebnisorientierte Langeweile“, zu den Trends im Pädagogikstudium, nach Berichten ihrer Freundin Anne, einer Lehramtsstudierenden:

„Über dem gesamten Pädagogikstudium … schwebt ein riesengroßes Verbot, es gibt kein Seminar, in dem Anne es nicht zu hören bekommt: Es heißt „Überwältigungsverbot“: Auf keinen Fall darf der Lernbegleiter (gemeint sind Lehrer) die SuS (Kürzel für Schülerinnen und Schüler, das auch mündlich verwendet wird) seine Bildung und Erfahrung vermitteln. Er darf niemals aus seiner Perspektive Dinge erklären, niemals einem Kind seinen Blickwinkel aufpfropfen, niemals sein Wissen heraushängen lassen. Denn ein Lehrer, der zeigt, dass er mehr weiß als die Schüler, überwältigt sie. Dadurch würde ein fürchterliches Hierarchiegefälle entstehen.“

Außerdem spießt sie die neueren Moden des Schulunterrichts auf, die sie durch das Schulschicksal ihrer Tochter zwangsläufig miterlebt: Viel Methoden- und Kompetenztraining, viel Mindmap und Powerpoint, Bewerbungsmappen schreiben, viel Projektwochen und Gruppenarbeit, Feedback zur Gruppenarbeit, Feedback zum Feedback zur Gruppenarbeit und noch viel mehr.

Auch wenn manches von Frau Oskamp berichtete Lehrerverhalten ein Einzelfall sein mag und die Schilderung durch Fokussierung auf die genannten Unterrichtshemen einseitig sein mag und die Erzählungen von Tochter und Freundin keine wissenschaftlichen Studien sind, so beschleicht einen doch die diffuse Ahnung, dass in Schule und Hochschule nichts mehr so bleiben könnte, wie es einmal war.

Die Weltwoche macht die Kostenlos-Kultur des Internets nicht mit, daher kein Link. Sondern ein Zitat, mit dem ich hoffentlich kein Urheberrecht verletze.
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