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Deutsche Grundschulen seit Jahren im oberen Drittel

Die neueste Ausgaben von TIMMS und IGLU bescheinigen deutschen Grundschulen seit 2001 gutes Abschneiden.

Natürlich bleiben Wünsche offen: Wieso gehören wir nicht zu den ersten Drei (Singapur, Russland, Finnland)? Wieso lernen bei uns nur 85% der Schüler/-innen lesen und nicht 95? Die Studien – wie immer betont wird – messen, aber erklären nicht. Immerhin: Die Forscher sagen, dass Deutschland genau genommen nicht nur den guten Platz im Ranking gehalten habe, sondern besser geworden sei. Denn eine Einflußgröße sei die Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund im Schulwesen. Die hätte in Deutschland seit 2001 um 25% zugenommen.

Siehe auch im Blog hier!

Es gibt Vermutungen, dass die Grundschulen nicht zuletzt deswegen in den Leistungsrankings besser dastehen als die Sekundarstufen, weil in der Grundschule nicht ständig reformiert wird. Das Abschneiden Berlins, wo es eine Vorverlegung der Einschulung und jahrgangsübergreifendes Lernen als einschneidende Reformen gibt bzw. gab, könnte u. a. so erklärt werden.

Grundschul-Länderranking 2011: Was ich noch gerne wüsste

Interessieren würde mich eine Erhebung über den Computereinsatz in Grundschulen. Media Literacy statt Literacy? Und überhaupt: Die Rechtschreibkompetenz wurde doch auch erforscht. Warum erfährt man das Ranking nicht? Hat Wowereit interveniert?

Bei IGLU 2006 vermochten die Forscher/-innen keinen Unterschied in den Leseleistungen von Jungen und Mädchen zu erkennen. So schrieb der „Stern“ damals. Jetzt gäbe es aber einen signifikanten Unterschied. Jetzt sagt der IQB-Experte Hans Anand Pant: „Bereits in der Grundschule kann man sehr klischeehaft erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen“.

IGLU-Forscher Bos bescheinigte den deutschen Grundschulen 2006, sie hätten ihre Hausaufgaben gemacht. Jetzt schreibt Frau Schmoll in der FAZ, die Einheitsschule Grundschule schaffe es nicht, mit sozialen Unterschieden umzugehen und auch nicht, auf das Gymnasium vorzubereiten. Erstens ist das falsch und zweitens ist letzteres nicht die Aufgabe der Grundschule. Lateinschulen gibt es nicht mehr.

Bei IGLU 2006, also fünf Jahre zuvor, resümierten die Forscher noch: „Mit 564 Punkten liegt Thüringen signifikant über dem deutschen Mittelwert, Hamburg (528 Punkte) und Bremen (522 Punkte) liegen signifikant darunter. Die übrigen Länder der Bundesrepublik Deutschland unterscheiden sich nicht signifikant vom deutschen Mittelwert.“ Deutschland lag signifikant über dem OECD- und EU-Durchschnitt. Völlig unter geht, dass die IQB-Forscher den deutschen Schülerinnen und Schülern insgesamt einen hohen Leistungsstand bescheinigen.

Wetten, dass jetzt wieder eine Projektlawine über die Grundschulen niedergeht?

Neue Grundschulstudie: Wann endlich liefert die Bildungsforschung?

Zum Beitrag vom 4. 10. über den Aufsatz von Martin Fromm passt die neue Grundschulvergleichsstudie gut. Seine Beobachtungen, wie solche Studien rezipiert werden, trifft wieder voll zu. Jeder macht sich seinen Reim und behauptet als Ursache das, wovon er/sie sowieso schon immer überzeugt war. Kaum ist das  Papier trocken bzw. die Webseite freigeschaltet, weiß jeder, woran schlechte Ergebnisse im Rechnen, Lesen und Zuhören(!) liegen: GEW: zu große Klassen, CDU Berlin: Jahrgangsübergreifender Unterricht, ein Prof.: Zu wenig Individualisierung, weiterer Prof: In Hessen wird zu viel gespielt, noch ein Prof.: In Berlin ist die Früheinschulung schuld, die brandenburgische Kultusministerin: Mehr Bildung in der Kita nötig, also zwischen 0 und 3.

Wenn man eine Bandbreite von je 10 Punkten um die bundesdeutsche Durchschnittspunktzahl als nicht-signifikante Abweichung zulässt, liegen Zweidrittel der Bundesländer im Durchschnitt, Bayern deutlich drüber, Hamburg, Bremen und Berlin drunter.

Die Studie wird als IGLU-Nachfolger gehandelt. Vergleichbar sind die Ergebnisse allerdings nicht. Bei der neuen Studie wurden die Aufgaben auf der Basis deutscher Bildungsstandards entworfen. Also mal wieder etwas Neues. Das beruhigt mich. Denn warum sind Hessens Grundschüler seit IGLU „schlechter“ geworden? Angeblich sollen  die IGLU-Forscher seinerzeit selbst darauf hingewiesen haben, dass Hessens Schüler gut lesen, weil sie viele Schulbibliotheken haben. Wurde jetzt eine andere Lesekompetenz gemessen? Haben etwa die hessischen Schulbibliotheken versagt?

Es wird Zeit für eine bessere Bildungsforschung. Weiterlesen

PISA: Warum Politiker zu blindem Aktionismus neigen

Aus: PISA: Die Ursachen. Und andere Geschichten, von Martin Fromm (2002?):

Ziemlich einleuchtend beschreibt Martin Fromm den verfehlten Umgang mit PISA-Ergebnissen:

„Sie (i. e. Politiker und wissenschaftliche Gutachter; GS)  stellen  die  falschen  Fragen,  weil  die  Fragen,  die  dann  in  Form  von Forschungsprogrammen  vorgegeben  werden,  sich  an  dem  orientieren,  was alltagstheoretisch das Problem zu sein scheint und sich nach außen plausibel darstellen lässt. Entsprechend fallen den an der bildungspolitischen Diskussion Beteiligten vorzugsweise solche Ursachen für die PISA-Misere ein, die
zum eigenen Programm passen – und für die es handliche Maßnahmen gibt: Medien-Schelte,  Appelle  an  die  Eltern,  Einrichtung  von  Ganztagsschulen usw.

Sie denken in den falschen Zeiträumen, weil Maßnahmen schon vor der Klärung  des  Problems  verkündet  und  vorbereitet  werden.  Sie  erwarten die falschen Antworten, wenn sie Bestätigungen für ihre alltagstheoretisch vorgefassten  Einschätzungen  erwarten,  der  Brauchbarkeit im aktuellen politischen  Verwertungskontext und der  Akzeptanz in der Bevölkerung oberste Priorität einräumen.“

Besonders lesenswert: S. 8 unten bis S. 15 (Seitenzählung im pdf): Fromm, PISA: Die Ursachen und andere Geschichten

 

FAZ vergisst die Schulbibliotheken

An den USA gefällt mir, dass die großen, nationalen Zeitungen, allen voran die New York Times, regelmäßig über Schulbibliotheken berichten.

In Deutschland wird allenfalls über die prekäre Situation öffentlicher Bibliotheken berichtet. Dafür werden dann die Pressemitteilungen der Bibliotheksverbände als Textgrundlage verwendet. Die öffentliche Bibliothek ist danach eine Bildungseinrichtung, Ort der Leseförderung, der Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz. Erwartet wird eine Zusammenarbeit mit den Schulen, ein reger Besuch von Schulklassen, für die es Führungen, Rallyes und Katalogbenutzungskurse gäbe.

Niemand hat etwas gegen Ausflüge von Schulklassen in die Stadtbibliothek. Wenn es denn eine gibt, sie geöffnet ist und Platz für eine ganze Klasse hat.

Eine Schulbibliothek ist ein täglich geöffnetes, mitten in der Schule gelegenes Wissens-, Lern- und Kulturzentrum. Nahezu überall auf der Welt gibt es sie, nahezu überall gibt es teacher-librarians, media specialists oder documentalistes, die in Schulbibliotheken mit Fachlehrern und Schülern zusammenarbeiten, um die Lesefähigkeit zu festigen, das Lesen zu fördern, die Referate und Facharbeiten zu verbessern. Gute Schulbibliotheken steigern nicht nur die Lesefähigkeit, sondern auch die fachlichen Schülerleistungen.

Dr. Tilmann Spreckelsen hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung v. 28.11.2010, p. 63, die öffentlichen Bibliotheken als Orte der Leseförderung für Schülerinnen und Schüler entdeckt, Titel: „Die andere Bibliothek“.

Seine Begründung für die öffentliche Bibliothek als Ort schulischer Leseförderung schrammt haarscharf am Thema „Schulbibliothek“ vorbei: Spreckelsen spricht von den „niederschmetternden“ Befunden der IGLU-Leseleistungsstudie. (Das ist gewagt, um es höflich auszudrücken: Deutschland lag signifikant über dem OECD-Durchschnitt. Den Grundschulen konnte bescheinigt werden, dass sie besser „beibringen“ als die Sekundarstufenschulen.)

Was er auch weglässt: Die IGLU-Forscher fanden heraus, dass die hessischen Schülerinnen und Schüler äußerst ordentlich abschneiden. Sie fanden heraus, dass in Hessen über 70% der Schüler/innen von einer Schulbibliothek profitieren, während es im Bundesdurchschnitt nur 50% waren. Damit hat sich sogar eine hessische Kultusminsterin gebrüstet.

Dr. Spreckelsen zitiert weiterhin aus einer Rede der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises. Was er nicht zitiert: Die Ministerin erzählte damals begeistert von den Schulbibliotheken, die ihre Kinder in den USA vorfanden.

Da wundert es nicht, dass am Ende ein Plädoyer für die Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken mit Schulen herauskommt, aber keines für Schulbibliotheken. Es macht ihn nicht stutzig, dass unter deutschen Bibliotheksprofessoren die Forderung nach Schulbibliotheken kursiert, anstelle inhaltsleerer Bibliotheksgesetze.

Was wir in Deutschland brauchen, sind Schulbibliotheksgesetze, die uns auf den Stand von 1928 bringen. Damals hatte jede Schule in Preußen eine Bücherei! 154 Jahre nach der Forderung Johann Bernhard Basedows, in jeder Schule eine Bücherei einzurichten.

Nachtrag 7.12.10: Die FAZ hat den Artikel noch nicht in ihr, auch für Abonnenten, kostenpflichtiges Archiv überführt.

Man sollte einen Blick auf die Kommentare werfen. Die Zustimmung zur Aussage, Bibliotheken wären anachronistisch, ist hoch. Leider wurde der Kommentar-Thread geschlossen.

Die FAZ wirbt mit dem Slogan: „Dahinter steckt ein kluger Kopf.“ Was die Leser/innen angeht, mache ich mir da keine Sorgen.

Zusammenhang von Schulleistung und Schulbibliothek auch in Deutschland nachweisbar?

In der IGLU-Studie 2001 (Grundschüler-Lese-Leistung) wurde festgestellt, dass 71% aller Grundschüler/innen in Hessen eine Schule mit Schulbibliothek besuchen. Bundesweit waren es nur 53%, was auch kein schlechter Wert ist.

Die Kultusministerin Wolff verwies im Landtag 2004 sichtlich stolz darauf. Ob es ihrer Arbeit zu verdanken war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

2003 veranstaltete der Grundschulverband eine Podiumsdiskussion in Frankfurt/M. Dort sagte einer der IGLU-Professoren, Wilfried Bos: „Wir wissen aus IGLU und auch aus Voruntersuchungen, dass die Nutzung und das Vorhandensein einer Schulbibliothek einen ganz erheblichen Teil der Leistungsvarianz ausmacht; auf gut Deutsch: Eine Schulbibliothek, die da ist und genutzt wird, bringt die Kinder in der gesamten Schule ganz deutlich voran im Vergleich zu Schulen, die über keine Schulbibliothek verfügen. Das ist ein ganz wichtiges Ding.“ (Von PISA zu IGLU. Wie können Kinder dauerhaft kompetente Leser werden? Transkript der Veranstaltung v. 21.5.03 in Frankfurt/M)

Die LAG hat Gutachter des Bundesbildungsministeriums und deutsche Leseforscherinnen auf das Potential von Schulbibliotheken/-mediatheken aufmerksam zu machen versucht. Man hat uns gar nicht geantwortet oder kannte die amerikanischen Studien nicht, empfahl weiterhin Klassenbüchereien oder den Gang in die öffentliche Bibliothek. (Ein Mitautor einer Lesestudie des BMBW hat mir aber sehr konstruktiv und nachvollziehbar erklärt, warum dafür kein Platz in der Studie war.)

Ich hatte auch mit einem deutschen PISA-Professor korrespondiert, da wir wissen, dass bei PISA Schulbibliotheksdaten anfallen. Das alles verfolgten wir allerdings nicht hartnäckig genug. Einmal gelang es uns mehrere Schulbibliotheks-Items in einer Lehrerbefragung eines Schulamtsbezirk unterzubringen. Die waren aber hinterher auf dem veröffentlichtenFragebogen nicht mehr dabei.

So wird es wohl weiterhin unbewiesen bleiben, ob deutsche Schulbibliotheken nützlich sind.

IGLU 2006: Hessen führt bei lesenden Jungen

Wenigstens ein Trost bleibt:

Hessen teilt sich mit Ungarn und  Hongkong einen weltweit dritten Platz in der Disziplin „gern lesende Schüler“ .

In diesen drei Ländern sind es nur 14% der Jungen, die angeben, außerhalb der Schule fast nie oder nie zum Vergnügen lesen.

Besser sind, d.h. noch weniger leseunlustige Schüler im vierten Schuljahr haben  nur noch Moldawien (7%) und Litauen (11%)

Quelle: Presseinfo IGLU (Tabelle Seite 18  )

(Das noch vor Hessen liegende Russland habe ich rausgelassen, da dessen Stichprobe zu gering war.)

Siehe auch PISA-Astrologie!

Die IGLU-Studie bescheinigt Hessen auch eine hohe Quote an Grundschulbibliotheken. 71% der Schüler/innen besuchen eine Schule mit Bibliothek. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 50%. Zumindest haben die befragten Rektor/innen so geantwortet. Dass eine noch höhere Quote an Klassenbüchereien existieren soll, wie die befragten Lehrer/innen sagen, muss kein Widerspruch sein: Grundschulbibliotheken im Vergleich.