Die leidige Rechtschreibung

Gestern Abend habe ich einmal wieder “Wer wird Millionär?” gesehen. Man kann schließlich nicht jeden Abend Tatort gucken. Die Kandidatin sollte entscheiden, wie Imi- und Emigration geschrieben wird: Mit je einem m, mit je zwei ms, einmal mit zweien, einmal mit einem? Sie befragt das Publikum. Ein junge Frau steht auf und sagt, sie sei Grundschullehrerin. Publikum und Kandidatin wirken erleichtert und erwartungsfroh. Die Kollegin meint, es müsse Imigration und Emigration heißen. Da lag sie erheblich daneben, wie wir alle, die es wussten, voraussahen.

Von Herrn Jauch weiß man, dass er sehr großen Wert auf Bildung legt und sich auch die eine oder andere Bemerkung über Unbildung nicht verkneift. Hier sagte er nichts. Aber ich empfand sein Schweigen als dröhnend. Irgendwann kommt er darauf zurück.

Black Box Unterricht

Das ZDF hat ein, nach Aussage hauseigener PR-Expert/-innen, noch nie dagewesenes Experiment durchgeführt: Sechs Monate waren Kameras in zwei Gymnasialklassen installiert und sollten Unterrichtswirklichkeit einfangen. Es kommentiert der Philosoph Richard David Precht. Seit er ein Buch über Schule geschrieben hat, gilt er als Experte.

“Was bringt das?” fragt Michael Hanfeld in der FAZ v. 23.9. “Es bringt, um es kurz zu machen: nix.”

Dem ist nichts hinzufügen.

Hanfeld empfiehlt den Film von Anja Reschke “Lehrer am Limit” (NDR 2013).

Digitales Tutorial… (Nachbemerkung)

Die beachtliche Klickrate, die mein Hinweis auf das “Digitale Tutorial zur Vermittlung von Informationskompetenzen für Abiturienten” hat – 193 in 48 Stunden – erstaunt mich. Ist es die nicht enden wollende Suche nach dem endgültigen Super-Mega-Tool zur Vermittlung von Informationskompetenzen? Denn in der Praxis sieht es düster aus. Da werden Referate gekauft, von Schule zu Schule weitergegeben, es wird abgeschrieben, was das Zeug hält, Meinungen als Tatsachen ausgegeben, statt präziser Quellenangabe steht “Google”. Bei der Präsentation werden die Highlights der Software Canvas, Prezi oder Powerpoint vorgeführt, im Thema steht der oder die Vortragende nach der Copy-and-Paste-Orgie aber nicht.

Wie sollen 15- oder 17jährige Webseiten evaluieren, wenn sogar erwachsene Journalist/-innen nur zeigen oder wiedergeben, was ihnen Hamas-Pressereferent/-innen oder das russische Staatsfernsehen vorsetzen? Die Evaluationskriterien, die man den Schülern anbietet: Zeitnahes Datum, Impressum, Updates, Rechtschreibfehler(!), zuverlässiger Autor oder seriöse Institution sind entweder nicht zielführend oder schwer zu beurteilen. Um beim Ukrainekrieg zu bleiben: Wie vermag ein Zehntklässler zu erkennen, wie er die Expertise des Ost-Instituts Wismar einzuschätzen hat, das von der Tagesschau-Redaktion gerne befragt wird.

Angesichts der hohen Klickrate sehe ich noch ein ganz anderes Problem: Das Verständnis von Unterricht, das in vielen gesellschaftlichen Kreisen vorherrscht. Ist es die Vorstellung, dass jeder Schüler, jede Schülerin hoch konzentriert und motiviert ein Handbuch durcharbeitet und dann seine Präsentation erstellt? Besteht Unterricht darin, dass der Lehrer – sofern er sich rechtzeitig in die Belegungsliste eingetragen hat oder der Computerraum frei ist oder der Laptopwagen voller funktionierender, aufgeladener Laptops – den Schülern aufgibt, das Tutorial durchzuarbeiten und dann im Lehrerzimmer Kaffee trinken geht? In der US-amerikanischen Schulbibliotheksszene wird vom “Flipped Classroom” geschwärmt: Man erarbeitet sich das Grundlagenwissen zu Hause, im Unterricht wird dann diskutiert oder angewendet.

An Eliteschulen mag das alles funktionieren, an “Normalschulen” würde ich mich nicht darauf verlassen, dass meine Schüler sich zu Hause beigebracht haben, wie man ein gutes Referat erarbeitet. Schon die Erwartung, dass eine Doppelstunde lang jeder für sich ein Handbuch durcharbeitet, ist optimistisch.

Aber es wäre auch ein fundamentales Missverständnis von Unterricht, so zu handeln. Eine Schulklasse ist etwas anderes als eine Gruppe von Mönchen, die in einem Refektorium von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang schweigend Texte kopiert. Im Unterricht agieren Schüler und Lehrer miteinander. Der Lehrer moderiert nicht, sondern er informiert, er macht vor, gibt Beispiele, Schüler arbeiten in Gruppen oder einzeln an einer überschaubaren Aufgabe, Ergebnisse werden präsentiert, besprochen, Fragen beantwortet. Es werden kurze Lehrgänge eingeschoben, in denen gezeigt wird, wie man korrekt zitiert und bibliographiert. Es wird Merkblätter und Arbeitsblätter geben, ein Fragebogen wird dazu anhalten, über den Rechercheprozess zu reflektieren.

Wer diesen Prozess unterrichtet wird übrigens schnell feststellen, dass das Hauptproblem nicht darin liegt, Informationsquellen zu suchen und zu finden, sondern an ganz anderen Ecken Probleme entstehen: Einen Sachverhalt mit eigenen Worten wiedergeben, zwischen einer Meinungsäußerung und Sachinformation unterscheiden zu können, einen Text zusammenfassen zu können. Wer der Lehrererfahrung nicht glauben mag: In ihrer Dissertation hat Nathalie Mertes genau dies auch festgestellt.

Dass Präsentationspüfungen, Hausarbeiten und Referate umso besser gelingen, je früher man damit beginnt, nicht erst im Craskurs kurz vor dem Abitur, ist auch kein Geheimnis.

Dies im Hinterkopf habend, empfehle ich jedem Lehrer, der seinen Schülern Informationskompetenzen beibringen will, das Tutorial dankbar zu lesen und zu überlegen, wie er daraus Unterricht macht.

- Siehe im Blog u. a. hier und hier!

Der Lehrerfreund: Sinnvolle Internetrecherche