Schlagwort-Archive: John Hattie

Evidenzbasierte Bildungsforschung

Den Begriff hörte ich zum ersten Mal auf der letztjährigen IASL-Tagung in Maastricht. Prof. Ross Todd berichtete aus zehn(?) Jahren evidenzbasierter Schulbibliotheksforschung.

Wenn ich es richtig verstanden habe, war die Forschungsstrategie, zu schauen, was in  amerikanischen Schulbibliotheken geschieht und das, was wirksam und erfolgreich ist, zu beschreiben und weiterzugeben. Aber was war herausgekommen? Mein Notizblock blieb ziemlich leer.

Zu Hause habe ich mich dann über den Begriff, den ich mir von Evidenz ableitete, nachgelesen. Er stammt aus der Medizin. Dort soll durch klinische Studien herausgefunden werden, welche Medikamente und Therapien erfolgreich sind. Der Duden sagt: „auf der Basis empirisch zusammengetragener und bewerteter wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgend“

Jetzt, einige Monate später, finde ich eine vernichtende Analyse der Übertragung dieses Ansatzes auf die Pädagogik:

Jornitz, Sieglinde, Evidenzbasierte Bildungsforschung, Pädagogische Korrespondenz (2009) 40, S. 68-75

Frau Jornitz nennt als Beispiel für evidenzbasierte Bildungsforschung die Hattie-Studie. Es würden zueinander passende, sich also nicht widersprechende Ergebnisse von Einzelstudien zusammengefasst und ausgewertet.

So kam es bei Hattie zu der Aussage, dass der Lehrer der Faktor ist, der mit 30% am deutlichsten zum Lernerfolg von Schülern beitrüge. Herausgekommen war, dass gute Lehrer besseren Unterricht planen und auch situativ die richtigen Entscheidungen treffen. Aber wie sie das machen, sei auch nach Hatties riesiger Sekundäranalyse tausender Einzelstudien nicht klar. Was im Unterricht geschähe, bleibe unklar. Evidenzbasierte Forschung sei normativ und erkläre nichts.

Ich war damals angetan vom Ergebnis der Hattie-Studie: Es kommt auf den Lehrer an! Das war für mich in der Tat, völlig unwissenschaftlich, einfach evident. Ich fand es gut, dass jetzt auch Wissenschaftler dies mit wissenschaftlichen Methoden belegt hatten. Deswegen hat es mich später nicht weiter interessiert, dass Statistiker herausfanden, dass Hattie und sein Team statistische und methodische Fehler gemacht hätten. (Ich hatte das aber im Posting nachgetragen.)

Frau Jornitz hat eine Reihe forschungsmethodischer Einwände gegen das Konzept, vor allem aber erkenntnistheoretische: Lässt sich ein medizinisches Konzept auf die Pädagogik übertragen? Für einen praktizierenden Arzt mag standardisiertes Wissen hilfreich sein. Für die komplexe und heterogene Interaktion zwischen Lehrer, Schüler und Eltern reiche das wohl nicht aus. Muss Evidentes überhaupt erforscht werden? Was wird überhaupt noch erforscht, wenn es vor allem um Meta-Analysen von Einzelstudien gehe, die man nicht mehr hinterfrage? Sei man noch an neuen Forschungsergebnissen interessiert? Lohnte es sich noch bzw. sei es forschungspolitisch noch zulässig, auf andere Weise zu forschen?

 

John Hattie auf Deutsch erschienen

John Hattie, Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen, Hohengehren 2014

Es ist der Folgeband zu seiner umfangreichen Untersuchung, mit knapp 170 Seiten Text (in der englischen Ausgabe “Visible Learning for Teachers“). Es geht um die Konsequenzen der Studie für den Unterricht.

  • Siehe im Blog 2012 hier!

Hattie-Studie: It´s the teacher, stupid!

Erstaunlich, dass diese Studie in der Hochburg der hessischen Schulreform (Kompetenzorientierung, Bildungsstandards, Schulevaluation), dem Institut für Qualitätsentwicklung (IQ), so gründlich rezipiert wird.  Die Studie wurde im hinteren Teil eines Heftes referiert. So weit kam ich beim Blättern nicht. Ich hatte es vor Monaten nach Überfliegen der ersten Seiten (Kompetenzorientierung, Smartboards) beiseite gelegt.
Aber jetzt, ein neuer Anlauf:

Der neuseeländische Professor John Hattie hat in einer Mega-Analyse achthundert Meta-Studien ausgewertet, die wiederum ca. 50.000 Einzelstudien umfassen: „Visible Learning“. 15 Jahre hat er daran gearbeitet, die Wirksamkeit von Einflussfaktoren auf Unterricht mit statistischen Methoden zu erfassen und zu vergleichen. Er isoliert 138 Faktoren, von denen er 66 als effektiv erkennt.

Um es kurz zu machen: Es sind nicht kleine Klassen, offener, jahrgangsübergreifender, entdeckender Unterricht, team-teaching oder die Schulstruktur, sondern Einflussgrößen, die überwiegend vom Lehrer ausgehen, seinen Lehr-Lern-Arrangements:

  • fachlich orientierter und kognitiv aktivierender Unterricht
  • die zur Verfügung stehende Zeit effektiv nutzen
  • anspruchsvolle, aber bewältigbare Lernaufgaben stellen und vielfältiges Feedback geben
  • für förderliches Klassenklima und gutes Unterrichtsmanagement sorgen

Die zuerst genannten, strukturellen Einflussgrößen wirken nicht oder nicht wesentlich. Hattie spricht von einem größeren Horizont, der in der Schule nötig wäre, als der verengte Blick auf Bildungsstandards und den nächsten Test. Es geht vor allem um die Qualität der Lehr-Lern-Arrangements.

Ulrich Steffens und Dieter Höfer vom Wiesbadener IQ setzen sich mit Hatties Befunden auseinander: Teil 1Teil 2  (aus Schulverwaltung/Hessen-Rheinland-Pfalz; weil hier ausführlicher als in der IQ-Broschüre)

Ein Folgeband Hatties zu seiner umfangreichen Untersuchung, mit knapp 170 Seiten Text (in Englisch): „Visible Learning for Teachers„: Rezension von Timo Off.

Man muss in Kauf nehmen, dass wir nichts über die Gütekriterien der 50.000 Studien erfahren. Viele stammen aus den 80er und 90er Jahren. Es gibt unterschiedlich viele Studien zu den Dimensionen Schule, Elternhaus, Schüler, Lehrer, was m. E. auch das Ergebnis beeinflussen könnte. Es sind ausschließlich angelsächsische Untersuchungen. Aber eben ziemlich viele, so dass Ähnlichkeiten doch etwas aussagen.
Nicht zuletzt spricht für die Hattie-Studie: Vieles ist evident. Die sogenannte Erfahrung der Praktiker geht in dieselbe Richtung.
 

Glossar zu Begriffen aus der Studie

Darf es ein wenig Nostalgie sein? In meiner Ausbildung in den 70ern konnten wir das so ähnlich bei Good/Brophy, Die Lehrer-Schüler-Interaktion, und Jochen Grell, Unterrichtsrezepte, in der großartigen Urban und Schwarzenberg-Pädagogik-Reihe, lesen.

– Ein ironischer Kommentar zur These, es käme auf den Lehrer an.
– Hattie im Spiegel-Interview
 

Update 15.3.13: Der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer aus Oldenburg bemängelt die fehlerhafte Rezeption Hatties in Deutschland (FAZ, 15.3.13, p 7: „Hausaufgaben sind keineswegs sinnlos). Davon ist bedenkenswert, dass das Ranking von wirksamen Faktoren in dem einen oder anderen Fall kritisch gesehen werden kann: Z. B. die Schädlichkeit von Sommerferien. Sommerferien hätten auch positive Effekte. Was die angeblich wenig wirksamen Hausaufgaben angehe, so nähme deren Wirksamkeit im Laufe der Schulzeit zu. Nun hat Hattie selbst davor gewarnt, einzelne Faktorenwerte zu überinterpretieren. Stattdessen seien die Faktoren in einem Zusammenhang und ihrer Wechselwirkung zu sehen.

Gegen Hatties Betonung der Lehrerrolle wendet Zierer ein, der Schüler selbst sei der wichtigste Faktor. Bildung sei ein intrapersonaler Prozess. Jeder Mensch müsse sich fragen: „Was habe ich aus mir gemacht?“ und nicht „Was wurde aus mir gemacht?“

Update November 2014: Die Hattie-Studie wird von Statistikprofessoren als fehlerhaft bezeichnet. In meiner Überschrift ist dazu m. E. schon alles gesagt.

Update Mai 2015: Eine umfassende Zusammenstellung der Kritik an der Studie