Die sogenannte Rechtschreibreform: Das Chaos wurde größer

Manche Sprachbücher gestatteten es, am Ende der Mittelstufe einen Blick auf Reformvorschläge zur Rechtschreibung zu werfen. Im Vordergrund stand, wenn ich mich richtig erinnere, die (gemäßigte) Kleinschreibung. Das war vor ca. 40 Jahren. Was dann zwanzig Jahre später passierte, hat dann eigentlich niemand gewollt: Die Rechtschreibreform. Der Wunsch der vergangenen Jahrzehnte, die Kleinschreibung, fiel als erstes unter den Tisch. Lehrer hatte man nicht an der Reform beteiligt.

Auf einer Fortbildungsveranstaltung erklärte uns einer der Reformpäpste durchaus überzeugend die Verbesserungen, die angestrebt waren. Er gewann uns mit einer Methode, die wir später auch in den Schulen anwandten, um skeptische Schüler – Sprachrohr ihrer Eltern –  zu überzeugen: Wir ließen sie in Rechtschreibfehler der angeblich so viel einfacheren und besseren alten Rechtschreibung tappen. „Schreibe einmal das Wort Nummer an die Tafel!“ „Und jetzt das Verb dazu!“ „Sieh mal an, Du hast ja die neue Rechtschreibung benutzt und nummerieren geschrieben. In der alten Rechtschreibung hätte es numerieren heißen müssen!“

Besagter Rechtschreibpapst, dessen Name mir entfallen ist, meinte zu dem inzwischen eingetretenen Aufweichen der Reform und der Zulassung sowohl alter und neuer Schreibung als Varianten, dass die Kultusminister sich eingeschaltet hätten, als sie merkten, dass die Reform umstritten ist. Viele retteten nun die alte Schreibweise für ein paar Wörter. Natürlich jeder für andere.

Am schlimmsten traf es die Lehrer. Während einige Zeitungen ihre eigenen Wortlisten festlegten, mussten jene die neuen Regeln der amtlichen Rechtschreibung befolgen. Da gab es dann die Übergangsphase, in der die alte Rechtschreibung noch akzeptiert wurde, aber am Rande des Aufsatzes die Schreibweise in der neuen Rechtschreibung eingetragen wurde. Das bedeutete, dass man die neuen Regeln büffeln musste. Vor allem an der Getrennt- und Zusammenschreibung biss ich mir die Zähne aus. Hieß es nun, der Gefangene wurde freigelassen oder frei gelassen? Die bewährte Methode, es durch die Betonung herauszufinden, galt nicht mehr, es sollte konsequent frei lassen geschrieben werden. Dann, im Zuge der Zulassung von Varianten, konnte der Gefangene sowohl frei gelassen als auch freigelassen werden. (Die Duden-Redaktion ist nicht ganz unschuldig an der Variantenvielfalt; sie hat mehrfach die alte Rechtschreibung als Variante zugelassen.) Zu Beginn der Reform hatte ich mir gemerkt: zu packen gehört konsequenterweise das Packet. Dass ausgerechnet das Wort, das ich mir gemerkt hatte, dann doch unverändert blieb, erfuhr ich erst spät.

Und heute? Ich fand mich vor der Reform als ziemlich rechtschreibsicher. Heute stelle ich fest, dass ich bei ß/ss unsicherer als zu Beginn der Reform geworden bin. Bei Getrennt- und Zusammenschreibung schreibe ich, wie es mir sinnvoll erscheint, ich muss ja keine Klausuren mehr korrigieren. (Von gelegentlichem Lesen von akademischen Prüfungsarbeiten abgesehen. Aber das wäre ein neues Thema.)

Update: Uwe Grund wertet in seinem Buch „Orthographische Regelwerke im Praxistest. Schulische Rechtschreibleistungen vor und nach der Rechtschreibreform„Studien und Leisstungsvergleichsarbeiten aus und kommt zum Ergebnis, dass sich die Fehlerquote gegenüber der Zeit vor der Reform 1996 vervielfacht habe. von Vereinfachung könne schon gar keine Rede sein. (via FAZ v. 10.8.16, p 8)

Nebenbei belegt er auch, was nicht neu ist, dass Schüler in der DDR keineswegs bessere Rechtschreibkenntnisse hatten

 

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