Evidenzbasierte Bildungsforschung

Den Begriff hörte ich zum ersten Mal auf der letztjährigen IASL-Tagung in Maastricht. Prof. Ross Todd berichtete aus zehn(?) Jahren evidenzbasierter Schulbibliotheksforschung.

Wenn ich es richtig verstanden habe, war die Forschungsstrategie, zu schauen, was in  amerikanischen Schulbibliotheken geschieht und das, was wirksam und erfolgreich ist, zu beschreiben und weiterzugeben. Aber was war herausgekommen? Mein Notizblock war ziemlich leer.

Zu Hause habe ich mich dann über den Begriff, den ich mir von Evidenz ableitete, nachgelesen. Er stammt aus der Medizin. Dort soll durch klinische Studien herausgefunden werden, welche Medikamente und Therapien erfolgreich sind. Der Duden sagt: „auf der Basis empirisch zusammengetragener und bewerteter wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgend“

Jetzt, einige Monate später, finde ich eine vernichtende Analyse der Übertragung dieses Ansatzes auf die Pädagogik:

Jornitz, Sieglinde, Evidenzbasierte Bildungsforschung, Pädagogische Korrespondenz (2009) 40, S. 68-75

Frau Jornitz nennt als Beispiel für evidenzbasierte Bildungsforschung die Hattie-Studie. Es würden zueinander passende, sich also nicht widersprechende Ergebnisse von Einzelstudien zusammengefasst und ausgewertet.

So kam es bei Hattie zu der Aussage, dass der Lehrer der Faktor ist, der mit 30% am deutlichsten zum Lernerfolg von Schülern beitrüge. Herausgekommen war, dass gute Lehrer besseren Unterricht planen und auch situativ die richtigen Entscheidungen treffen. Aber wie sie das machen, sei auch nach Hatties riesiger Sekundäranalyse tausender Einzelstudien nicht klar. Was im Unterricht geschähe, bleibe unklar. Evidenzbasierte Forschung sei normativ und erkläre nichts.

Ich war damals angetan vom Ergebnis der Hattie-Studie: Es kommt auf den Lehrer an! Das war für mich in der Tat, völlig unwissenschaftlich, einfach evident. Ich fand es gut, dass jetzt auch Wissenschaftler dies mit wissenschaftlichen Methoden belegt hatten. Deswegen hat es mich später nicht weiter interessiert, dass Statistiker herausfanden, dass Hattie und sein Team statistische und methodische Fehler gemacht hätten. (Ich hatte das aber im Posting nachgetragen.)

Frau Jornitz hat eine Reihe forschungsmethodischer Einwände gegen das Konzept, vor allem aber erkenntnistheoretische: Lässt sich ein medizinisches Konzept auf die Pädagogik übertragen? Für einen praktizierenden Arzt mag standardisiertes Wissen hilfreich sein. Für die komplexe und heterogene Interaktion zwischen Lehrer, Schüler und Eltern reiche das wohl nicht aus. Muss Evidentes überhaupt erforscht werden? Was wird überhaupt noch erforscht, wenn es vor allem um Meta-Analysen von Einzelstudien gehe, die man nicht mehr hinterfrage? Sei man noch an neuen Forschungsergebnissen interessiert? Lohnte es sich noch bzw. sei es forschungspolitisch noch zulässig, auf andere Weise zu forschen?

 

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