Die Schulbibliothek auf dem Smartphone

Verlegt die Klett-Tochter Pons GmbH die Schulbibliothek ins Mobiltelefon?

Oder meint sie “Schule Bibliothek”? Ein Portal, das über Apps informieren will, nennt die App des Verlages “PONS Schul-Bibliothek”. Folgt man dem Link in der Pons Werbe Mail, stellt sich heraus, dass es sich um eine Grammatik-Bibliothek handelt. Man wird zu iTunes geschickt, wo man auf der App “Schulbibliothek” bzw. “Schul-Bibliothek” bzw. “Schule Bibliothek” — Pons-Grammatik-Apps kaufen (“In-App-Käufe”) kann. Also gar keine Bibliothek, sondern ein Laden, in dem es Produkte des Pons-Verlages gibt.

Als erstes würde ich mir eine App “PONS-Wörterbuch der deutschen Sprache” kaufen, um Gewissheit zu erlangen, wie man “Schulbibliothek” schreibt.

Vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht.

Was nichts kostet, hat ja bekanntlich keinen Wert. Man könnte den Zugang zur realen Schulbibliothek als “Premium-Schulbesuch” vermarkten: Wer mehr von der Schule haben will. Über eine schuleigene App hätte man Zugang zu Wörterbüchern, Lexika, dem OPAC und dem scheinbar unverzichtbaren Munzinger-Archiv, hätte monatlich vier Fragen an die Bibliothekarin und eine Literaturliste frei und zwei E-Book-Ausleihen. In der Bibi-Lounge erhielte man täglich einen Softdrink.

Renaissance der Schulbibliotheken in den USA?

Man wagte es in den letzten Jahren kaum laut zu sagen. Aber in den USA wurde das Schulbibliothekswesen zurückgebaut. Basedow1764 hat es im Blog gelegentlich doch erwähnt. Nun sehen manche Beobachter eine Renaissance, wie Joyce Valenza im School Library Journal schreibt. Es mehren sich wieder Stellenausschreibungen. Mancher Bundesstaat, mancher Landkreis denkt um. Nicht zuletzt sollen Elternproteste die Trendwende herbeigeführt haben.

Mindmapping ohne Computer!

Die von mir hoch verehrte Schulbibliothekarin Buffy Hamilton berichtet in ihrem Blog über ein Projekt, das sie im Team mit einer Fachlehrerin unterrichtet. Es geht um Recherche, also Informationskompetenzvermittlung. Was bei Buffy Hamilton immer wieder herauskommt, ist richtig guter Unterricht. (Nicht weniger interessant und innovativ sind ihre literarisch-musikalischen Projekte.)

In ihrem Blog hat sie gerade dokumentiert, wie die Schüler/-innen ihre erste Stoffsammlung dazu benutzen, das Thema zu überblicken und einzugrenzen. Sie fertigen dazu Mindmaps an. Die Fotos und die Sekundenfilmchen (die ich immer nur kurzzeitig ertragen kann) zeigen etwas, was mich verblüfft: Die Schüler/-innen schreiben mit Stiften auf großen Plakatkarton oder Flipchartblöcke. So haben wir das schon vor zehn Jahren gemacht. Und hier praktiziert das eine der führenden Expertinnen für technologisch fortgeschrittene Arbeit in der Schulbibliothek! Das ist sympathisch und methodisch passend! Die Poster werden auf die Wäscheleine gehängt, in die Fenster, auf die Flipchart gestellt. Da können sie übrigens von allen Bibliotheksnutzern gesehen werden!

Es geht ja darum, dass die Klasse einen gemeinsamen Lernprozess erfährt. Man erläutert sich in Partnerarbeit die Mindmaps, berichtet von den Erfahrungen beim Aufschreiben, was es gebracht hat, ob es geholfen hat beim Eingrenzen und Strukturieren des Themas, ob es zu neuen Einsichten verholfen hat. Das ist in High Schools etwas Neues. Bisher war Referateschreiben in US-amerikanischen Schulen eher Einzelarbeit.

Man könnte die Mindmaps auch im Computer herstellen. Aber wäre das, wovon die Fotos und Sekundenfilme einen Eindruck vermitteln, möglich, wenn alle vor einer Leinwand sitzen, auf die der Beamer Mindmap-Dateien wirft? Graphisch sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, wenn man die Mindmap selbst zeichnen darf. Schließlich kann man sie, falls nötig, abfotografieren. (Ich besitze immer noch einige hervorragende Mindmaps meiner Schüler.) Frau Hamilton macht selbst aufmerksam darauf, dass der digitale Notizblock Evernote handschriftliche Notizen auf Post-It-Zettelchen über eine spezielle App einliest und suchbar macht.

Zum Buch “Die Schulbibliothek im Zentrum” hat Buffy Hamilton übrigens beigetragen: Sie vergleicht eine gute Schulbibliothek mit einem guten Restaurant.

Ms Hamilton bleibt aber auch unterrichtstechnologisch weiterhin vorneweg: Sie lehrt die Benutzung der Powerpoint-Konkurrenz Prezi.

Eine futuristische Schulbibliothek

Über den auf der verlinkten Seite zu findenden Videoclip bin ich schon vor ein paar Wochen gestolpert und fand ihn damals nicht so richtig überzeugend. Flott gemacht, aber einen richtigen Eindruck vom neuen Raum bekommt man nicht. Jetzt hat das School Library Journal einen Artikel zu diesem Bibliotheksumbau gebracht, mit Vorher- und Nachher-Fotos, die informativer sind. Der Umbau wurde möglich dank großzügiger Unterstützung durch eine Büromöbelfirma und Designer und Architekten.

Die Schule ist eine Charter School in Los Angeles, also eine Vertragsschule, in der das Schulmanagement autonom handeln kann. Der Staat hält sich heraus, erwartet aber ein gutes Ergebnis. Es ist ein in den USA weit verbreitetes Experiment, die Schulqualität zu verbessern. Daneben gibt es weiterhin die normalen staatlichen Schulen und die Privatschulen. diese Schule hat den Auftrag, Schüler/-innen auf den Colle-Besuch vorzubereiten (Prep School).

Man glaubt es nicht: Eine Schulbibliothekarin/einen Schulbibliothekar gibt es bisher nicht! Auch in den USA ist das Schulbibliothekswesen nicht mehr das, was es einmal war.

Die Novellierung des hessischen Bibliotheksgesetzes steht an (2)

Für das Schulbibliothekswesen war das Gesetz von 2010 eine Farce. Für die öB. brachte es auch nicht substantiell Neues, außer dass ihnen im § 5(2) zugestanden wurde, “Bildungspartner” der Schulen zu sein und Medien- und Informationskompetenzen zu vermitteln. (Was eigentlich nur die Strategie des Deutschen Bibliotheksverbandes und die Ahnungslosigkeit der Landtagsabgeordneten zeigt. Informationsrecherche war im vordigitalen Zeitalter Aufgabe des Schulunterrichts und nichts spricht dafür, dies jetzt Bibliothekar/-innen zu überlassen. siehe dazu die Beiträge zu Informationskompetenz im Blog. )

Die Schulbibliotheken werden hie und da erwähnt, unsystematisch und folgenlos. Mit dem Landesverband des Bundesverbands Information Bibliothek e. V., war sich die LAG Schulbibliotheken einig, dass sie überhaupt nicht in ein Bibliotheksgesetz gehörten, wenn auch wohl aus unterschiedlichen Motiven.

Jetzt steht eine Novellierung an. Warum eigentlich? Eine stärkere Partizipation am Landeshaushalt wird auch 2015 nicht zu erwarten sein. Die LAG steht auf dem Verteiler, sie darf wieder Vorschläge machen. Z. B. diesen:

Neu § 1(3): Schulbibliotheken sind Gegenstand des Schulgesetzes. Der Hessische Kultusminister erlässt dazu eine Richtlinie.

Die Entwicklungsperspektive für Hessen ist, wenn man die Bibliotheksfunktionäre und einige Bildungspolitiker/-innen hört, dass es Kombibibliotheken geben soll. Nach dem bisherigen Tempo wird es tausend Jahre dauern, bis alle Schulen auf diesem Weg eine Schulbibliothek bekommen. Der Vorschlag einer auf Betreiben der LAG eingesetzten Kommission, regionale schulbibliothekarische Arbeitsstellen einzurichten, scheiterte 1992. Das von den Bibliotheksfunktionär/-innen favorisierte Modell IMeNS in Wetzlar ist seit Jahren Unikat. Es ist immens teuer und hat für Schulen eher einen begrenzten Nutzen.

Die LAG will dennoch konstruktiv an der Verbesserung des HesBiblG mitarbeiten. So schlägt sie vor, dass Schulbibliotheken in den § 5(2) aufgenommen werden. Dass nämlich, wie es bisher im Gesetz heißt, einzig öffentliche Bibliotheken Medien- und Informationskompetenzen vermitteln sollen, mag für die Erwachsenenbildung angehen. In der Schule geschieht dies im Fachunterricht, fächerübergreifend und außerunterrichtlich, z. B. in Arbeitsgemeinschaften und Kursen. Die multimedial und multifunktional ausgestattete Schulbibliothek spielt dabei eine wichtige Rolle. Das bei der Verabschiedung des Gesetzes nicht erkannt zu haben, ist peinlich genug. Es sollte nach fünf Jahren wenigstens korrigiert werden.

Bei Schulbibliotheken ist die einzig konkrete Aussage, dass sie („in besonderer Weise“) der Leseförderung dienen sollen. Das wird der international gültigen Theorie und Praxis moderner multimedialer Schulbibliothe­ken als Wissens-, Lern- und Kulturzentren nicht gerecht. Mit Leseförderung als Schwerpunktaufgabe schreibt dieses Gesetz den Erkenntnisstand von 1952 fest. Die multimediale Schulbibliothek ist dem Gesetzgeber nicht bekannt –  oder sie ist nicht gewollt.

Da nun einmal die Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken sich durch das Gesetz für Schulbibliotheken zuständig sieht, sollte sie entsprechend ausgestattet werden:

Neu § 6 (4): Die Fachstelle richtet eine Landeszentrale für Schulbibliotheken ein. Sie wird durch das Land gefördert. Der Kultusminister wird ermächtigt, eine ständige Zentrale Schulbibliothekskommission einzuberufen, die unter seinem Vorsitz und unter Beteiligung von Vertreter/-innen des Schul- und des Bibliothekswesens Richtlinien zur Schulbibliothek erarbeitet und die Arbeit der Landeszentrale begleitet.

Ungefähr zwei halbe Lehrer/-innenstellen sind der Landesfachstelle schon aus dem Kultushaushalt zugewiesen worden.

Keiner der LAG-Vorschläge hat Aussicht auf Erfolg. Wie steht so schön auf Willy Brandts Grabstein: “Man hat sich bemüht.”