Aus meinem Archiv (10)

Im Jahr 2008 fand ich in einer der vielen Powerpoint-Präsentationen zu Web 2.0 und Bibliothek 2.0 mit dem Titel: “Wie das Web 2.0 die Bibliothek verändern kann” diesen revolutionären Satz:

“Dahin gehen, wo der Nutzer ist.”

Dann noch ein Fundstück aus einer anderen Präsentation:

“Die Aufgaben einer Bibliothek: sammeln, erschließen, verfügbar machen.” Von suchen lassen oder das Suchen lehren stand da nichts.

Richtig altmodisch, dieses Verständnis von Bibliothek. Aber nutzerorientiert!

Kleiner Beitrag zur Erhöhung der Informationskompetenz

www.unstatistik.de ist eine meiner Lieblingsseiten. Die Professoren Walter Krämer und Thomas K. Bauer betreiben Volksbildung vom Feinsten, in dem sie über die Tücken von Statistiken aufklären. Ich habe im Unterricht schon immer gerne vermeintliche Gewissheiten thematisiert oder die Entstehung von Vorurteilen und Fehlinformationen untersucht. Man hätte ein komplettes Curriculum daraus machen können. Lernziel: Nachdenken, kritisch denken, hinterfragen, nicht alles glauben, was in der Zeitung steht oder das “Fernseh” sagt.

Der Gender Pay Gap ist so eine irreführende Aussage – die Behauptung, für gleiche Arbeit würden Frauen weniger Geld erhalten. Ich habe lange mich nicht getraut, meine Zweifel laut zu äußern. Die Kollegin, die die benachbarte Gesamtschule leitete, war doch genauso eingestuft wie ich. Erhielt eine Zahntechnikerin wirklich weniger Geld als ein Zahntechniker? Da unsere Genderforscherinnen dies in allen Medien verbreiteten und Nachrichtensprecherinnen die Pressemitteilung der Frauenministerin zum Equal Pay Day bierernst verlasen, musste es wohl so sein und ich zweifelte an meiner Kompetenz, diesen Sachverhalt, der für alle so selbstverständlich und beklagenswert schien, zu verstehen.

Aber immer bekannter wird, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Da wird das Chefarztgehalt und das der Krankenschwester verglichen und schon lautet die Schlagzeile: In Krankenhäusern werden Frauen schlechter bezahlt als Männer. Die hoch bezahlten männlichen Naturwissenschaftler in Chemiefirmen werden in einen Topf geworfen mit den Sekretärinnen und Buchhalterinnen in diesen Firmen und dann heißt es, in der Chemieindustrie verdienten Frauen weniger als Männer. Was sag´ich, hier ist die Stellungnahme der beiden Professoren, die unstatistik.de betreiben und das noch besser auseinander nehmen können:

Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern?

Die Unstatistik des Monats März heißt 23%. So hoch ist der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, der im Umfeld des Equal Pay Day eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren hat und selbst im Bundestag Gegenstand einer Debatte war. Dieses durchschnittliche Lohndifferential enthält jedoch keinerlei Information darüber, ob bei der Entlohnung Frauen und Männer wirklich ungleich behandelt werden. Dies liegt darin begründet, dass mit dem durchschnittlichen Lohndifferential „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden.

Die in Deutschland beschäftigten Frauen und Männer unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Ausbildung, Berufserfahrung und Arbeitszeit. Darüber hinaus sind Frauen und Männer weiterhin überwiegend in unterschiedlichen Berufen und Industrien tätig. Werden im Rahmen einer Regressionsanalyse diese Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt, reduziert sich das durchschnittliche Lohndifferential auf 12%. Das ist immer noch nicht gleich, aber deutlich weniger ungleich. Doch auch eine derartige Korrektur des Lohndifferentials ist nicht hinreichend, um einen gesicherten Eindruck über eine mögliche Ungleichbehandlung von Frauen und Männern zu gewinnen. Vielmehr müssten Frauen und Männer miteinander verglichen werden, die über die gleichen arbeitsmarktrelevanten Charakteristika verfügen und in denselben Unternehmen die gleiche Tätigkeit ausüben.

Würden wirklich vergleichbare weibliche und männliche Beschäftigte miteinander verglichen, wäre es überraschend, wenn ein nennenswertes Lohndifferential festzustellen wäre. Wäre dies der Fall, würden nicht nur eine Vielzahl von Unternehmen gegen geltendes Recht – das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – verstoßen, sondern auch die Betriebsräte und Gewerkschaften bei einer ihrer wichtigsten Kontrollaufgaben weitgehend versagen.

Schließlich ist zu befürchten, dass der Fokus auf das obige Lohndifferential die wahren Gleichstellungsprobleme verschleiert. Anstatt der Konzentration auf medienwirksame Lohnunterschiede sollte sich die Politik fragen, warum überwiegend Frauen in Teilzeit arbeiten, Kinder betreuen und Familienangehörige pflegen. Auch sollte die Frage gestellt werden, warum Frauen andere Berufe als Männer wählen, was nicht zuletzt die Absolventenstatistik der Universitäten verdeutlicht. Diesen Unterschieden sollte sich die Politik zuwenden, wenn sie ernsthafte Gleichstellungspolitik betreiben möchte. So dürften bspw. Maßnahmen zur verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf die beste Gleichstellungspolitik sein, während andere Maßnahmen, wie das Betreuungsgeld, eher kontraproduktiv sind.”

Digitales Tutorial… (Nachbemerkung)

Die beachtliche Klickrate, die mein Hinweis auf das “Digitale Tutorial zur Vermittlung von Informationskompetenzen für Abiturienten” hat – 193 in 48 Stunden – erstaunt mich. Ist es die nicht enden wollende Suche nach dem endgültigen Super-Mega-Tool zur Vermittlung von Informationskompetenzen? Denn in der Praxis sieht es düster aus. Da werden Referate gekauft, von Schule zu Schule weitergegeben, es wird abgeschrieben, was das Zeug hält, Meinungen als Tatsachen ausgegeben, statt präziser Quellenangabe steht “Google”. Bei der Präsentation werden die Highlights der Software Canvas, Prezi oder Powerpoint vorgeführt, im Thema steht der oder die Vortragende nach der Copy-and-Paste-Orgie aber nicht.

Wie sollen 15- oder 17jährige Webseiten evaluieren, wenn sogar erwachsene Journalist/-innen nur zeigen oder wiedergeben, was ihnen Hamas-Pressereferent/-innen oder das russische Staatsfernsehen vorsetzen? Die Evaluationskriterien, die man den Schülern anbietet: Zeitnahes Datum, Impressum, Updates, Rechtschreibfehler(!), zuverlässiger Autor oder seriöse Institution sind entweder nicht zielführend oder schwer zu beurteilen. Um beim Ukrainekrieg zu bleiben: Wie vermag ein Zehntklässler zu erkennen, wie er die Expertise des Ost-Instituts Wismar einzuschätzen hat, das von der Tagesschau-Redaktion gerne befragt wird.

Angesichts der hohen Klickrate sehe ich noch ein ganz anderes Problem: Das Verständnis von Unterricht, das in vielen gesellschaftlichen Kreisen vorherrscht. Ist es die Vorstellung, dass jeder Schüler, jede Schülerin hoch konzentriert und motiviert ein Handbuch durcharbeitet und dann seine Präsentation erstellt? Besteht Unterricht darin, dass der Lehrer – sofern er sich rechtzeitig in die Belegungsliste eingetragen hat oder der Computerraum frei ist oder der Laptopwagen voller funktionierender, aufgeladener Laptops – den Schülern aufgibt, das Tutorial durchzuarbeiten und dann im Lehrerzimmer Kaffee trinken geht? In der US-amerikanischen Schulbibliotheksszene wird vom “Flipped Classroom” geschwärmt: Man erarbeitet sich das Grundlagenwissen zu Hause, im Unterricht wird dann diskutiert oder angewendet.

An Eliteschulen mag das alles funktionieren, an “Normalschulen” würde ich mich nicht darauf verlassen, dass meine Schüler sich zu Hause beigebracht haben, wie man ein gutes Referat erarbeitet. Schon die Erwartung, dass eine Doppelstunde lang jeder für sich ein Handbuch durcharbeitet, ist optimistisch.

Aber es wäre auch ein fundamentales Missverständnis von Unterricht, so zu handeln. Eine Schulklasse ist etwas anderes als eine Gruppe von Mönchen, die in einem Refektorium von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang schweigend Texte kopiert. Im Unterricht agieren Schüler und Lehrer miteinander. Der Lehrer moderiert nicht, sondern er informiert, er macht vor, gibt Beispiele, Schüler arbeiten in Gruppen oder einzeln an einer überschaubaren Aufgabe, Ergebnisse werden präsentiert, besprochen, Fragen beantwortet. Es werden kurze Lehrgänge eingeschoben, in denen gezeigt wird, wie man korrekt zitiert und bibliographiert. Es wird Merkblätter und Arbeitsblätter geben, ein Fragebogen wird dazu anhalten, über den Rechercheprozess zu reflektieren.

Wer diesen Prozess unterrichtet wird übrigens schnell feststellen, dass das Hauptproblem nicht darin liegt, Informationsquellen zu suchen und zu finden, sondern an ganz anderen Ecken Probleme entstehen: Einen Sachverhalt mit eigenen Worten wiedergeben, zwischen einer Meinungsäußerung und Sachinformation unterscheiden zu können, einen Text zusammenfassen zu können. Wer der Lehrererfahrung nicht glauben mag: In ihrer Dissertation hat Nathalie Mertes genau dies auch festgestellt.

Dass Präsentationspüfungen, Hausarbeiten und Referate umso besser gelingen, je früher man damit beginnt, nicht erst im Craskurs kurz vor dem Abitur, ist auch kein Geheimnis.

Dies im Hinterkopf habend, empfehle ich jedem Lehrer, der seinen Schülern Informationskompetenzen beibringen will, das Tutorial dankbar zu lesen und zu überlegen, wie er daraus Unterricht macht.

- Siehe im Blog u. a. hier und hier!

Der Lehrerfreund: Sinnvolle Internetrecherche

OECD findet wieder Haare in der Suppe

Die seit 40 Jahren andauernde Kritik der OECD-Bildungsexpert/-innen am deutschen Bildungssystem ist neuerdings unter lobenden Worten versteckt. Jetzt hat man entdeckt, dass anderswo mehr Aufstieg über Bildung stattfindet als in Deutschland. In USA studieren 83% eines Jahrgangs, in Deutschland unterdurchschnittlich ca. 40%. Auch wenn die OECD nach jahrelanger Nichtbeachtung inzwischen die duale Berufsausbildung akzeptiert, heißt ihre Losung: Studium, Studium, Studium!

Wenn in einem Land Krankenpfleger und Zahntechnikerinnen für ihren Beruf studieren müssen, zählt das in der Statistik als Aufstieg durch Bildung. Aber eben nicht in Deutschland, wo diese Berufsausbildung (noch) nicht an einer Hochschule stattfindet.

Bloglines abgeschaltet?

Bloglines, mein Feedreader, war in den letzten Jahren öfter in Turbulenzen und sollte abgeschaltet werden. Heute ist er jedenfalls nicht zu laden.

Erst vor wenigen Wochen war mein Account verschwunden, warum auch immer. Das Gute daran war, dass ich meine Feeds neu zusammenstellen musste und dabei auf  ein Drittel verzichten konnte, ohne dass ich mich schlechter informiert fühle.

Ich nutze jetzt Feedly!