Täglich 39 neue Schulbibliotheken? Halbzeit für das ehrgeizige brasilianische Schulbibliotheksgesetz

Im Zusammenhang mit meinen skeptischen Bemerkungen zu schulbibliothekarischen Aktivitäten auf Bundesebene wurde mir mitgeteilt, dass deutsche Bibliothekarinnen inzwischen auch auf Brasilien schauen.  Das erinnerte mich daran, dass ich auf Einladung des Goethe-Instituts 2011 eine Vortragsreise durch Brasilien machen durfte. Es ging um das Aufsehen erregende Schulbibliotheksgesetz von 2010, das für alle ca. 200.000 Schulen eine Bibliothek verpflichtend machte. Damals wurden ausländische Experten eingeladen, u. a. Nancy Everhart (USA), Ana Bela Mertins (Portugal) und ich.

Die netten, kompetenten Menschen von der brasilianischen Kulturzeitschrift Revista Biblioo machten ein Interview mit mir. (Ich bekam später eine Papierkopie; dass das ins Internet gestellt wurde, habe ich erst jetzt bemerkt. Lehrer haben halt keine Ahnung vom Internet. Interviewsprache war Englisch, nicht Portugiesisch.) Natürlich gefiel meine Bemerkung, wenn das Schulbibliotheksgesetz erfolgreich umgesetzt würde, würden die Europäer nach Brasilien strömen, um zu lernen, wie zu Schulbibliotheken kommt.

Jetzt ist Halbzeit. Revista Biblioo begleitet den Prozess kritisch. Es sieht so aus (Meine Portugiesischkenntnisse sind äußerst rudimentär und die digitalen Übersetzungsmaschinen produzieren überwiegend Kauderwelsch), als ob die Probleme, von denen schon 2011 die Rede war, geblieben sind: Es gibt keine Ausführungsbestimmungen, keinen Finanzierungsplan, keine Handlungsanweisungen für die Bundesstaaten und die kommunalen Gebietskörperschaften. keine Konzepte für die Schulbibliotheksausstattung und für schulbibliothekarische Supportzentren, nicht zuletzt keine Kapazitäten für die Ausbildung von weit über 100.000 Teacher-Librarians.

Auch hatte ich schon 2011 den Eindruck, dass die Schulen in diesen Prozess überhaupt nicht eingebunden sind und dass in der Organisation der Bibliothekare, den Bibliotheksräten, nicht alle hinter dem Gesetz stehen. Zu allem Überfluss gibt es die Befürchtung, dass die Verleger die Vorschrift „Mindestens 1 Buch pro Schüler“ nutzen könnten, Ihre Verlagsproduktionen an die Schulen zu verkaufen.

Die ca. 30.000 Privatschulen besitzen überwiegend Schulbibliotheken. In den staatlichen Schulen hängt es von der Finanzkraft der Bundesstaaten ab, daher gibt es Unterschiede; insgesamt haben ca. 30 % eine Schulbibliothek. Damit ist über deren Ausstattung wenig gesagt. Bedarf an Fachpersonal besteht schon bei den existierenden Schulbibliotheken. Wenn das Gesetz termingemäß erfüllt werden soll, müssten täglich 39 Schulbibliotheken eröffnet werden, so steht es in einer Tabelle (die ich im Moment leider nicht finde).

Das Gesetz ist zwar sympathisch, aber der Zeitrahmen zu ehrgeizig. Wir sollten die Daumen drücken und, sofern möglich, mit Rat und Tat unterstützen.

Dieser Artikel wird von biblioo, dem brasilianischen Kultur-Magazin, übernommen. (Die Übersetzung ins Portugiesische nahm freundlicherweise Frau Sannazzaro vom Goethe-Institut in Rio de Janeiro vor.)
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3 Gedanken zu „Täglich 39 neue Schulbibliotheken? Halbzeit für das ehrgeizige brasilianische Schulbibliotheksgesetz

  1. Pingback: Videobotschaft für Schulbibliothekskonferenz in Brasilien | Basedow1764's Weblog

  2. e-a. V.

    Grundsätzlich ist es ein sehr ehrgeiziges / gutes Gesetz, aber mit der Umsetzung hapert es – wie auch bei anderen Gesetzen bzw. auch anderen Vorhaben – die politische Unterstützung fehlt auf vielen Ebenen ; auch die enorme Bürokratie verhindert die Umsetzung dieses Projektes…
    Eine temporäre Unterstützung, in Brasilien arbeiten als ausländischer Bibliothekar m.D./g.D., wird sehr ambivalent gesehen.

    Antwort

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