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Videobotschaft für Schulbibliothekskonferenz in Brasilien

Als ich 2011 zu einer Schulbibliothekskonferenz in Sao Paulo eingeladen worden war, wurde ich vom Kulturmagazin biblioo interviewt. Damals ging es um das Schulbibliotheksgesetz, in dem verlangt wurde, binnen zehn Jahren alle Schulen mit einer Schulbibliothek auszustatten.
Jetzt ist Halbzeit. aber es geht nicht so richtig voran. Biblioo veranstaltete in diesen Tagen eine Konferenz zum Thema und bat mich wieder um ein Statement.

Bibliothekarsreise nach Porto Alegre/Brasilien ausgeschrieben

Das Goethe-Institut in Porto Alegre im Süden Brasiliens betreut einen dreiwöchigen Aufenthalt einer/eines englisch- oder portugiesisch sprechenden Diplom-Bibliothekarin/-thekars.

Die Daten 3.8. – 23.8.  oder 10.8.-30.8. 15 stehen zur Auswahl.

Das ist sicher lohnend. Porto Alegre hat nach meiner Erfahrung das angenehmste Klima und der Bundesstaat das am weitesten entwickelte Schulbibliothekswesen Brasiliens.

Eile ist geboten: Anmeldeschluss am 15.5.!!

Fragen und Bewerbungen an die Bibliothek des Goethe-Instituts Porto Alegre bibl@portoalegre.goethe.org schicken.

Nachtrag Juli 2915: Leider finde ich keine Information darüber, wer ausgewählt wurde. Ähnlich war es bei einer Ausschreibung für eine USA-Schulbibliotheks-Rundreise. Der Kommentar einer abgewiesenen Schulbibliothekarin: „Man muss wohl zum ´Inner Circle´gehören.“

Täglich 39 neue Schulbibliotheken? Halbzeit für das ehrgeizige brasilianische Schulbibliotheksgesetz

Im Zusammenhang mit meinen skeptischen Bemerkungen zu schulbibliothekarischen Aktivitäten auf Bundesebene wurde mir mitgeteilt, dass deutsche Bibliothekarinnen inzwischen auch auf Brasilien schauen.  Das erinnerte mich daran, dass ich auf Einladung des Goethe-Instituts 2011 eine Vortragsreise durch Brasilien machen durfte. Es ging um das Aufsehen erregende Schulbibliotheksgesetz von 2010, das für alle ca. 200.000 Schulen eine Bibliothek verpflichtend machte. Damals wurden ausländische Experten eingeladen, u. a. Nancy Everhart (USA), Ana Bela Mertins (Portugal) und ich.

Die netten, kompetenten Menschen von der brasilianischen Kulturzeitschrift Revista Biblioo machten ein Interview mit mir. (Ich bekam später eine Papierkopie; dass das ins Internet gestellt wurde, habe ich erst jetzt bemerkt. Lehrer haben halt keine Ahnung vom Internet. Interviewsprache war Englisch, nicht Portugiesisch.) Natürlich gefiel meine Bemerkung, wenn das Schulbibliotheksgesetz erfolgreich umgesetzt würde, würden die Europäer nach Brasilien strömen, um zu lernen, wie zu Schulbibliotheken kommt.

Jetzt ist Halbzeit. Revista Biblioo begleitet den Prozess kritisch. Weiterlesen

Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht

Dieser Beitrag fällt aus dem thematischen Rahmen. Sei´s drum!

Ich stamme aus einem Dorf in Rheinhessen. Zu meiner Heimat zähle ich großzügig den Mittelrhein und die Pfalz dazu, vor allem den Hunsrück. Dort stand das Landheim meiner Schule, dort habe ich den größten Teil meines Wehrdienstes verbracht. Zu Rhein, Mosel und Nahe führten unzählige Sonntagsausflüge. Zum linksrheinischen Deutschland, auch zu den Nachbarn im Elsaß, in Luxemburg, in den Ardennen fühle ich mich hingezogen. Daran hat auch der Umzug ins auch schöne, aber ganz andere Brandenburg nichts geändert.

Es liegt auf der Hand, dass die TV-Trilogie „Heimat“ von Edgar Reitz für mich ein Kultfilm wurde. Mit einem Bus voller Fans fuhren wir im Hunsrück die Drehorte ab, Schabbach-Woppenroth, den realen Friedhof mit dem Filmgrab, die Burgruine Baldenau, das Günderodehaus über dem Rhein. Das Leben in einem rheinhessischen Dorf in den 50er Jahren unterschied sich noch wenig von dem Leben der vorhergehenden hundert Jahre, das in den Filmdörfern wieder erweckt wurde. Die Dialekte des Hunsrücks, der Pfalz und Rheinhessens ähneln sich. Französische(!)  Reitz-Fans übertrafen uns. Sie sprachen jeden Satz aus den Filmauszügen, die wir im Bus sahen, auswendig mit!

In diesen Tagen erschien die Fortsetzung der Hunsrücker Familiensaga: „Die andere Heimat“. Jetzt geht es um die massenhafte Auswanderung aus den Hunsrückdörfern nach Brasilien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Reitz führt sie nicht nur auf die gängigen Erklärungen wie Armut, Hungersnot, Realteilung und Feudalismus zurück, sondern auch darauf, dass mit der Schulpflicht, die seit 1815 nach dem Wiener Kongress im preußisch gewordenen Hunsrück eingeführt wurde, erstmals eine des Lesens und Schreibens kundige Generation heranwuchs, die sich lesend Wissen über ferne Länder aneignen konnte.  Es wuchsen Phantasien und Sehnsüchte, die noch befeuert wurden vom Werben Brasiliens um Handwerker und Bauern.

Ich hatte vor drei Jahren bei meiner schulbibliothekarischen Brasilienreise das große Glück, in Porto Alegre im Süden des Landes, dem Einwanderungsgebiet der Hunsrücker Familien, Nachfahren zu begegnen. Das war eine Familie aus einem Dorf im Hinterland, der deutschstämmige Farmer, seine Frau, eine Mestizin, ein Kind und eine vierte Person, eine junge Schwarze, die wie ich eine Stadtrundfahrt in der Regionalhauptstadt machten. Sie sprachen untereinander ein altertümliches Deutsch, eben den Hunsrücker Dialekt des 19. Jahrhunderts. Dasselbe passierte am nächsten Abend beim Umtrunk, als eine brasilianische Schulbibliothekarin plötzlich Deutsch sprach, im Hunsrücker Dialekt.

Kolumbien forciert die Bibliotheksentwicklung

Die kolumbianische Nationalregierung schreibt ihren ambitionierten „Nationalen Plan zur Förderung des Lesens und des Schreibens“ fort. In den vergangenen 10 Jahren wurden mit Hilfe von Fördergeldern zahlreiche öffentliche Bibliotheken eingerichtet. Der ehrgeizige Plan wurde nicht ganz erfüllt und manche Kommune stellt den Betrieb auch wieder ein, wenn die Fördergelder ausbleiben. In Erinnerung geblieben ist mir aber das hervorragende Bibliotheksnetz der Hauptstadt Bogotá. 1.400 öffentliche Bibliotheken zählt man im Land (bei 46 Mio Einwohnern).

Bis 2014 sollen über 120 neue Bibliotheken und Kulturzentren mit multimedialer Ausstattung hinzukommen, gefördert auch von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Zugutekommen sollen die Investitionen vor allem finanzschwachen Kommunen und Gebieten, die in der Vergangenheit durch die Kämpfe der linken und rechten Milizen in geschädigt sind. In Medellin wird ein ähnliches Bibliotheksnetz wie in Bogotá aufgebaut werden. Die neue Hauptbibliothek, hoch über der Stadt, gilt als architektonisches Meisterwerk. Sie ist schon in Betrieb:

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Schulschwänzer werden mit RFID-Chip erfasst

In einer brasilianischen Stadt wurden RFID-Chips in die Schuluniformen eingenäht. Die Schüler werden beim Betreten der Schule erfasst. Wer 20 Minuten nach Unterrichtsbeginn noch nicht erfasst ist, dessen Eltern erhalten eine SMS.

Siehe Huffington Post!

In Portugal checken die Schüler/-innen übrigens mit einer Chipkarte ein und aus. Die Eltern können die Fehlzeiten ihrer Kinder im Internet aufrufen. Mit der Karte bezahlen sie auch in der Caféteria. (Für Klassenlehrer/-innen entfällt das Auszählen der Fehlzeiten vor den Zeugnissen)

Ex occidente lux? Schulbibliotheken in Brasilien

Die kommende Wirtschaftsgroßmacht Brasilien setzt Zeichen: Internationales Rockfestival Rio de Janeiro 2011, Fußballweltmeisterschaft 2014, Olympische Spiele 2016. Das Schulbibliotheksgesetz von 2010 kündet davon, dass man sich auch der Bedeutung von Bildung in dem riesigen Land bewusst wird.

Ex-Präsident Lula da Silva, immer noch der mächtigste Politiker, der im Hintergrund die Fäden zieht, ist ein sozialer Aufsteiger, der weiß, was Bildung und Ausbildung vermögen. Sein Leben wird in einem Spielfilm verherrlicht, von dem man vergeblich hoffte, dass er einen Oscar bekommen würde. Halbgott Lula ist eine Art brasilianischer Péron. Er hat dafür gesorgt, dass auch die Armen etwas von dem neuen Reichtum Brasiliens abbekommen, der aus Bodenschätzen, dem Export von pflanzlichem Benzin und gigantischen Offshore-Ölfunden stammt. Dadurch ist die Mittelschicht stark angewachsen. Man sieht fast ausschließlich neue Autos. In der Wirtschaftsmetropole Sao Paolo (Im Großraum leben 18 Mio. Einwohner!) sind auch BMW-SUVs, Ferraris und Cayennes zu sehen. Während die Armen nicht mehr ganz so arm sind, ist die Zahl der Millionäre stark angewachsen. Trotz der linken Sozialpolitik ist die Wirtschaftspolitik halbwegs marktwirtschaftlich. Letztlich existiert aber eine Vetternwirtschaft, in die Staat, Politik, Banken und die großen Konzerne verstrickt sind.

Die strukturellen Probleme Brasiliens sind geblieben: Kriminalität, Gewalt (Auch in den Schulen. Darüber berichtete das brasilianische Fernsehen gerade) und gewaltige Defizite in der Infrastruktur (Straßenzustand, Kanalisation). In den eleganteren Wohnvierteln werden die Häuser von hohen Metallzäunen, Videokameras und Security beschützt oder man lebt in gated communites, die man, außer zum Arbeiten, nicht mehr verlassen muss. In der Lagune von Porto Alegre sieht man auf einer Schiffstour ärmliche Pfahlbauten am Ufer und ein paar hundert Meter weiter Paläste wie am Heiligen See in Potsdam. Die neue Mittelschicht joggt am Copabacanastrand zwischen 7 und 22 Uhr ohne Unterlass. Schönheitskliniken gibt es zuhauf.

Die politische Elite des Landes gilt als korrupt. Bisher traten fünf Minister der Bundesregierung zurück, weil sie zu übereifrig im Handaufhalten waren. Eine kritische Presse fehlt. Nicht nur der sprichwörtliche Taxifahrer äußerst sich erstaunlich offen über die Zustände im Land. Auch am Rande meiner Veranstaltungen sind Stimmen zu hören, die die Probleme benennen und bezweifeln, dass das Land die geplanten Großereignisse meistern wird. Manche sagen, dass die Schulen erst einmal baulich auf Vordermann gebracht werden sollten und der Unterricht besser werden müsste. (Brasilien liegt bei PISA auf Platz 53.) Man merkt dies als Tourist an den fehlenden Fremdsprachenkenntnissen. Alle lernen in der Schule Englisch oder Spanisch (Letzteres ist für Brasilianer gut zu verstehen.) Aber kein Taxifahrer, Kellner und kaum ein Rezeptionist spricht Englisch.

Die Regelschulzeit ist acht Jahre Grundschule plus drei Jahre Mittelschule. Abschlussprüfungen gibt es nicht. Da die Schulen aus allen Nähten platzen, geht man entweder vor- oder nachmittags hin. Es gibt sehr viele – teure – Privatschulen, die alle über Schulbibliotheken verfügen. Auf einer Veranstaltung mit 90 Teilnehmern waren 80 Privatschulbibliothekarinnen und zwei aus öffentlichen Schulen.

Meine Reise erfolgte auf Anregung von Katharina Berg, einer in Brasilien lebenden Amerikanerin mit deutschen Wurzeln. Sie war ehrenamtliche Schulbibliothekarin und arbeitet an einem Netzwerk zur Entwicklung des brasilianischen Schulbibliothekswesens. Sie ist Sprecherin (Direktorin) Lateinamerikas im Weltschulbibliotheksverband IASL. Katharina fand Sponsoren für das Internationale Schulbibliotheksforum FIBE in Sao Paolo, darunter das Goethe-Institut. Das Institut ist im Bereich Bibliothekswesen weltweit sehr engagiert. Neben der Teilnahme am Kongress in Sao Paolo war ich zu Vorträgen in Porto Alegre (Auditorium im Goethe-Institut; vor Bibliotheksrätinnen und Studenten), Rio de Janeiro (Bibliothekshochschule; Studenten und Professoren) und Salvador Bahia (Stadtbibliothek; Bibliotheksrätinnen, Privatschulbibliothekarinnen) gebeten. So konnte ich nebenbei noch die Größe des Landes spüren, weil dazwischen zwei- bis vierstündige Flugreisen lagen und die Städte sich erheblich voneinander unterscheiden, auch klimatisch differieren:

  • Rio de Janeiro mit seinen schönen Stränden Ipanema und Copacabana, dem Zuckerhut und der Christusstatue. Sie blieb wegen Regenschauern und Nebels unsichtbar. Ein sehr seltenes Ereignis, meinte der Reiseführer tröstend.
  • Porto Alegre, eher mediterran und jetzt im Frühling der südlichen Hemisphäre etwas kühl.
  • Salvador Bahia mit feucht-schwülem Wetter und gerade ganztägigem Regenschauer.
  • Der Boomtown Sao Paolo mit pompösen shopping malls, vierspurigen Schnellstraßen und einem Goethe-Institut mit herrlichem Innenhof.

Es gibt in den Bundesstaaten öffentliche Bibliotheken. Sie verstehen sich als Kulturzentren und bieten ein breites Programm an Lesungen und Vorträgen. Die 18 Millionen-Einwohner-Stadt Sao Paolo hat 35 Kinder- und Jugendbibliotheken. Die 1,5 Millionen Einwohner-Stadt Porto Alegre stellt 400000 € für ein Schulschreiberprojekt zur Verfügung: In der Stadt ansässige Autor/-innen begleiten Schulklassen. Auf dem Land gibt es Bücherbusse. Überhaupt scheinen der Bundesstaat Rio Grande do Sul und vor allem dessen Hauptstadt Porto Alegre über erheblich mehr Schulbibliotheken zu verfügen als die anderen Bundesstaaten. Exemplarisch für die Leseförderung: das brasilianische Leseinstitut in Sao Paolo.

Insgesamt gibt es wohl in einem Drittel der öffentlichen Schulen – 50.000 – Schulbibliotheken. Sehr oft sind es nicht-unterrichtstaugliche Lehrkräfte, die in die Bibliothek abgeschoben werden. Die wenigen (10%) dort tätigen Bibliothekar/-innen fördern das Lesen. Mit dem Unterricht, der frontal verläuft, haben sie wenig zu tun. Sie singen einen Blues, der mir sehr bekannt vorkam: Geringschätzung im Lehrerkollegium, die Bibliothek ist „unsichtbar“, ständige Werbung sei nötig, keine schulbibliothekarische Ausbildung.

Die Bundesregierung schickt Bücherpakete und Zeitschriften in die Schulen. Daran wird kritisiert, dass das eine Aktion sei, die vor allem den Verlegern nutze. Außerdem komme nur ein Teil der Bücher überhaupt in den Schulen an.

Bibliothekare wünschen sich statt der zahlreichen Kultur- und Leseförderpläne sowie der vielen Einzelaktionen eine bessere institutionelle Förderung öffentlicher Bibliotheken, nicht zuletzt mehr Personal. Die elektronische Katalogisierung, vor allem ein Katalog für das Publikum, steht erst am Anfang.

Die Bibliothekare sind, wie nahezu alle Berufe, zünftig organisiert. Bibliotheksräte auf kommunaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene sind eine Art Handwerkskammer, die Bibliotheken und Bibliothekare nicht nur vertritt, sondern auch kontrolliert und reglementiert.

Es waren die Bibliotheksräte, die in jahrelanger Lobbyarbeit erreichten, dass es zu dem Gesetz kam, das verlangt, dass bis 2020 alle Schulen eine Schulbibliothek und eine Bibliothekarin als Leiterin haben müssen.

Das bedeutet, dass die noch fehlenden 100.000 Schulen in den nächsten 10 Jahren die Bibliothek und ca. 140000 eine Stelle bekommen müssten. Das dürfte auch für das sich schnell entwickelnde und verändernde Brasilien eine Herausforderung sein.

Das Gesetz enthält keine Aussagen über den notwendigen Umsetzungsprozess und die Finanzierung.

Regierungen und Verwaltungen scheinen sich kein Bein auszureißen. In den Haushalten steht kein Geld für entsprechende Maßnahmen. Dabei sind die Probleme riesig:

  • Wie kann man kurzfristig so viele Schulbibliothekare ausbilden? Hilft eLearning? Eine Ausbildung, die es bisher nicht gibt und mit deren Notwendigkeit die Bibliotheksräte wohl auch nicht gerechnet hatten.
  • Sind die Schulen baulich darauf vorbereitet? Wie gehen die Lehrer und Schulleiter mit einer Schulbibliothek um?
  • Soll die Schulbibliothek das Informationszentrum mit neuester Technologie sein und die Vermittlung von Informationskompetenz im Mittelpunkt stehen? Oder sind Alphabetisierung und Leseförderung vordringlich?
  • Welche Infrastruktur ist nötig? Braucht man lokale und regionale Supportzentren? Wäre ein nationaler digitaler Dienst sinnvoll? (Katalogisierung, eBook-Ausleihe, eLearning für die Ausbildung)

Für die Beantwortung war es hilfreich, dass das Goethe-Institut Konferenzen wie FIBE unterstützt, wo ausländische Erfahrungen eingebracht werden konnten.

Von Schule und Unterricht habe ich in den Veranstaltungen nichts gehört. Ob man jemals gefragt hat, was Schulleiter und Lehrer denken und erwarten, war nicht in Erfahrung zu bringen. Auf der Vorkonferenz von FIBE überbrachte ein Vertreter des Erziehungsministeriums ein Grußwort und ging wieder.

Dieses Schulbibliotheksforum fand auf dem Campus der Universität von Sao Paolo statt, einem Gelände mit eigenem Straßennetz und 90.000 Studenten. Mit 120 Teilnehmer/-innen hatte Katharina Berg gerechnet. 200 kamen. Die hörten sich bis zu acht Vorträge hintereinander an, schrieben eifrig mit und stellten Fragen. Das Interesse war auch an den anderen drei Orten groß. Auf dem FIBE-Kongress in Sao Paolo sprachen u.a.:

Nancy Everhart, ehemalige Vorsitzende des US-amerikanischen Schulbibliotheksverbandes AASL und Assistenzprofessorin der Florida State University. Sie ließ die Teilnehmer/-innen mit Fotos und Video an ihrer Tour durch vorbildliche US-Schulbibliotheken teilnehmen und machte den Vorschlag, dass ihre Universität zur Ausbildung brasilianischer Schulbibliothekare beitragen könne.

Albert Boekhorst, Gastprofessor in Amsterdam und Pretoria. Er informierte über Informationskompetenz.

Ana Bela Martins, Mitglied der Steuergruppe für das Schulbibliothekswesen des portugiesischen Kultusministeriums. Sie beschrieb das flächendeckende Schulbibliotheksnetz, das sie und ihre Kolleginnen aufgebaut haben.

Das Ministerium hat u. a. mit den öffentlichen Bibliotheken vereinbart, dass diese die Schulbibliotheken bibliotheksfachlich unterstützen. Kostenlos selbstverständlich, meinte sie auf meine Nachfrage. Es sei im Interesse der Kommunen und der Bibliotheken, dass die Schulen Schüler zu Lesern machten. Schulbibliotheken werden in Portugal inzwischen evaluiert und für die Weiterbildung gibt es einen ersten Lehrgang.

Foto: Edu Bueno

Ich selbst sollte vor allem über die Arbeit einer Nichtregierungsorganisation, einer Art Selbsthilfegruppe, berichten und gab dafür Beispiele aus Hessen und Berlin/Brandenburg: Schulbibliothekstage, Wettbewerbe, Kulturmobil und andere Projekte sollten Mut machen, anzufangen und nicht darauf zu warten, bis eine gute Regierung alles in die Hand nimmt.

Das 1995 entwickelte LAG-Fortbildungskonzept betrachte ich als immer noch vorzeigbar, auch wenn es nur in Ansätzen vorübergehend realisiert wurde. Einige Goethe-Institute hatten es für die Teilnehmer vervielfältigt. Immerhin fiel auf, dass es auch ohne ein Gesetz Schulbibliotheksentwicklung geben kann. (Auch in USA haben 90% der Bundesstaaten kein entsprechendes Gesetz.)

Ich nutzte meine Vorträge aber auch, um darauf hinzuweisen,

  • dass die Schulbibliothek aus der Perspektive der Schule gesehen werden müsse. Sie sei in Schule und Unterricht eingebettet. Sie leiste Dienste für die Schüler und die Lehrer. Sie sei Lernort. Sie sei „hybrid“, erschliesse also sowohl digitale als auch nichtdigitale Medien.
  • dass Schulbibliotheksexperten eine „hybride“ Ausbildung benötigten. Sie seien Lehrer, Bibliothekare und Medienpädagogen. Wenn sie im Lehrerkollegium akzeptiert und gehört werden wollten, müssten sie als Kollegen, als Pädagogen, wahrgenommen werden, nicht als Vertreter der Stadtbibliothek in der Schule.

Manches Kopfnicken von Zuhörer/-innen, mancher Diskussionsbeitrag und Bemerkungen mir gegenüber machten mir deutlich, dass vor allem die brasilianischen Praktiker/-innen dem zustimmen.

Imponiert hat mir, dass wir von Brasilien lernen können, was Inklusion für Bibliotheken und Schulbibliotheken heißt. Hier ist man sehr viel weiter mit barrierefreien Einrichtungen, sowohl baulich als auch technologisch.

Beeindruckt hat mich auch, was ich in den vier Goethe-Instituten sehen konnte: Die vielfältigen künstlerischen Projekte, der Kulturaustausch, die Bandbreite der Veranstaltungen (In Salvador habe ich eine Vorstellung des Sasha-Waltz-Balletts sehen können!), nicht zuletzt die Institutsbibliotheken, die mit immer knapper werdenden Mitteln auskommen müssen.

Mein Fazit: Das brasilianische Schulbibliotheksgesetz ist erst einmal ein Stück Papier. Seine Umsetzung ist eine Mammutaufgabe. Die Bibliotheksräte als Standes- und Kontrollorgan des Bibliothekswesens waren als Lobbyisten erfolgreich. Einige erkennen , dass es nicht nur darum geht, neue Arbeitsplätze für Bibliothekarinnen zu schaffen, sondern um eine neue, veränderte Aufgabenstellung. Nicht alle Bibliotheksräte sind dafür schon aufgeschlossen.

Das Schulwesen bedarf vieler Reparaturen. Wie man in überfüllten Schulen Schulbibliotheken implementieren will, ist unklar.

Die Alltagsprobleme der vorhandenen Schulbibliothekarinnen sind ähnlich wie anderswo .

Das Interesse der Bibliothekarsstudenten an dem Thema ist groß. Die Teilnehmerzahlen belegen das. Nicht alle fühlen sich von den Funktionärinnen in den Bibliotheksräten angemessen vertreten.

Bleibt zu hoffen, dass die Informationen und Denkanstöße, die von den Referentinnen und Referenten gegeben wurden, nützlich sind und das Schulbibliotheksgesetz doch ein Erfolg wird.

Nachtrag 2013: Eine hervorragende Lektüre zu Brasilien mit einem leider irreführenden Titel: „Das kuriose Brasilienbuch. Was Reiseführer verschweigen“ von Wolfgang Kunath.

Es ist ein fundiertes, gleichwohl leicht zu lesendes Sachbuch mit Hintergrundinformationen, die man in der Tat  anderswo nicht so leicht findet: Über Religion, das Amazonasgebiet, Brasilia, Karneval, Gated Communities, die Deutschen (inkl. den Nazis), Reichtum und Armut.

Es ist weit weg von Rankings der Reiseführer nach dem Motto „Die 10 ultimativen Geheimtipps für Brasilien in 48 Stunden“. Einziger Nachteil: Das Pocketformat, das das Lesen erschwert.

Goethe-Institut erhält Nachzahlung

Unser Außenminister und seine für das Institut zuständige Staatssekretärin Piper hatten eigene Akzente in der auswärtigen Kulturpolitik gesetzt: Sie kürzten im laufenden Haushaltsjahr die Zuschüsse für das Goethe-Institut.

Daher musste auch eine brasilianische Zweigstelle die Unterstützung einer Tagung zum Thema Schulbibliotheken im November 2010 zurückziehen. Die Einladungen waren schon verschickt.

Das Institut ist sehr engagiert, was Bibliothekswesen angeht, vergisst dabei die Schulbibliotheken nicht! In Brasilien sollen kurzfristig alle Schulen eine Bibliothek erhalten. Da suchte man Rat, wie das zu bewerkstelligen sei. Vielleicht hätten wir sogar von Brasilien lernen können. Kulturpolitik lebt schließlich vom Austausch.

Heute, am 14.12.10, lese ich, dass das Institut noch in diesem Jahr 7,5 Mio € nachträglich erhält.

Brasilien macht Schulbibliotheken zur Pflicht

Siehe brasilien-magazin!

Auch wenn der Artikel eher skeptisch klingt: Im Oktober wird es dazu in Sao Paolo eine „Auftaktkonferenz“ geben.

  • Siehe auch „Ex occidente lux?“ (Nachtrag 30.10.2011)
  • Update 4.7.13: Es gibt eine Untersuchung über Schulbibliotheken in Brasilien. Sie ist von der Organisation der ibero-amerikanischen Staaten veranlasst, parallele Studien gab es in Argentinien, Chile und Mexiko. Laut meiner Google-Übersetzung scheint es eine Bestandsaufnahme zu sein. Erwähnt werden die Bücherlieferungen der Zentralregierung an Schulen und der allgemeine Wert des Lesens und der Schulbibliotheken wird hervorgehoben.

Schulbibliotheken in Brasilien

Gerade komme ich von einem schönen Gespräch mit Katharina Berg, IASL-Direktorin Lateinamerika, in einem Potsdamer Restaurant, zurück.

In Brasilien gibt es ein Gesetz, das besagt, dass Schulen Schulbibliotheken haben müssen. In den nächsten 10 Jahren soll das umgesetzt werden. Das Gesetz allein löst sicher nicht alle Probleme. Es schafft wohl auch neue. Aber es gibt eine legale Basis.

Wo stehen wir in 10 Jahren? Weiterlesen