Was kostet Open Access?

Uwe Jochum, der Leiter der Bibliothek der Universität Konstanz, hat schon vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass Open Access, die Aufbewahrung und der kostenlose Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten durch Veröffentlichung auf universitären oder staatlichen Servern, nicht nur nicht kostengünstiger als die Veröffentlichung und Aufbewahrung in Papierform wäre, sondern teurer.

Er hat dazu 2009 eine Broschüre geschrieben und 2012 einen Vortrag gehalten.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, dass man die wahren Kosten von Open Access und der digitalen Langzeitarchivierung von wissenschaftlichen Publikationen unterschätzt habe.

Dr. Jochum ist bekannt dafür, dass er gelegentlich vom bibliothekarischen Mainstream abweicht und sich kritisch mit Neuen Medien und Internet auseinandersetzt. Das trägt ihm manchen Shitstorm in den sog. sozialen Medien ein. Ein hübsches Beispiel ist ein Herr Spielkamp, der sich in seinem Blog polemisch und rüde zu Jochum äußert und dann, als Jochum antwortet, ihm vorwirft, nicht sachlich zu antworten.

Das große Interesse und die Intensität der Auseinandersetzung um Open Access bei wissenschaftlichen Bibliothekaren sind verständlich. Alle mit der Publikation wissenschaftlicher Texte zusammenhängenden technischen, organisatorischen und redaktionellen Aufgaben werden möglicherweise auf die Universitätsbibliotheken zukommen. Ob Open Access dann in der einen Wissenschaftsdisziplin mehr kostet oder weniger als in einer anderen, in einer großen Universität billiger ist als in einer kleinen, ist dann nicht die wichtigste Frage. Bezahlt wird aus den universitären Forschungsetats, d. h. vom Steuerzahler.

Lambert Heller zum Nutzen von Open Access

Sachlich und differenziert auch Uwe Müller, Open Access und die Kosten.

Update: In einem Deutschlandfunkinterview am 30.3.15 schlägt Alexander Grossmann, Professor für „Verlags- und Projektmanagement in Medienunternehmen“ an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig vor, dass bei Open Access-Publikationen der Impact Factor auch in sozialen Medien gemessen werden könne: Welche Wissenschaftler welche Veröffentlichungen wie oft in Twitter und Google+ erwähnen. Bei Veröffentlichungen in Fachzeitschriften privater Verlage war bisher das Renommee der Zeitschrift, in der er veröffentlicht wird, wichtigster Faktor für die Bewertung der Qualität des Forschers.

Nachträge:

Michael Hagner: Zur Sache des Buches. Wallstein, Göttingen 2015. 280 S., Fr. 25.90.

In einem Artikel auf Ariadne über die Kosten von Open Access wird vorgerechnet, dass die Veröffentlichung aller universitären Arbeiten als OA mit der üblichen Bearbeitungsgebühr von 1.500 bis 1.700 Pfund die Universität Edinburgh bei ca. 4.000 Publikationen ca. 6 Millionen Pfund jährlich kosten würde.

Kritischer Kommentar zu einm OA-Artikel auf heise.de

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6 Gedanken zu „Was kostet Open Access?

  1. brembs

    Laut den neuesten Zahlen kostet jeder herkömmlich veröffentlichte wissenschaftliche Artikel (also ‚toll access‘ oder eben Abonnement-pflichtig) den Steuerzahler im Schnitt 5.000US$:
    http://www.nature.com/news/open-access-the-true-cost-of-science-publishing-1.12676
    Nachweislich veröffentlicht SciELO seine Open Access Artikel seit über 15 Jahren mit durchschnittlichen Kosten für den Steuerzahler von 90US$:
    http://ojs.library.ubc.ca/index.php/cjhe/article/view/479
    Bessere und neuere Zahlen sind mir nicht bekannt. Wer da behauptet, dass 90US$ teurer sind als 5000US$, ist entweder nicht ganz firm was Algebra angeht, oder redet von etwas ganz anderem, vermutlich nicht wirklich relevantem.

    Antwort
  2. Lambert Heller

    Ich erlaube mir zunächst die Korrektur zweier sachlicher Fehler im ersten Absatz: 1. Uwe Jochum ist nicht und war nie Leiter der Bibliothek der Universität Konstanz, oder irgend einer anderen Universitätsbibliothek. 2. Open Access ist als „Aufbewahrung und der kostenlose Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten durch Veröffentlichung auf universitären oder staatlichen Servern“ gelinde gesagt unzulänglich definiert. Diese Definition trifft z.B. weder das komplexe, gemeinschaftliche Finanzierungsmodell von arXiv (hierzu näheres von meiner Kollegin Esther Tobschall u.a. hier http://blogs.tib.eu/wp/arxiv/), noch das Modell der zahlreichen kommerziell erfolgreichen Open Access Journals.
    Zu den sich mehrenden Stimmen, die eine (verborgene?) Wahrheit über die Kosten von Open Access enthüllen, hätte mich die eine oder andere Quellenangabe erfreut. Derweil kann man bei Stuart Shieber nachlesen, warum tausende Open Access Journals auf hohem Niveau ohne (oder mit marginalen) Artikel-Bearbeitungsgebühren arbeiten können, vgl. http://blogs.law.harvard.edu/pamphlet/2012/03/06/an-efficient-journal/ (Freilich nicht im Duktus der Enthüllung verborgener „Wahrheit“, sondern durch eine kurze, gut nachvollziehbare Beispiel-Rechnung.)
    Weniger nachvollziehbar, aber im Schrifttum von Uwe Jochum nicht präsent, da vermutlich nicht zum gewünschten Resultat über das Thema Open Access passend, ist das „Double Dipping“, mit dem wissenschaftliche Großverlage Open Access ausweiden, so lange ihre alten Geschäftsmodelle noch funktionieren. Aus den sich tatsächlich mehrenden Stimmen, die dieses Phänomen besprechen, empfehle ich jene von Bernhard Mittermaier. Er hat in „Informationspraxis“ diese Geschäftspraxis analysiert, vgl. http://informationspraxis.de/2015/02/04/open-peer-review-mittermaier-double-dipping-beim-hybrid-open-access-chimaere-oder-realitaet/
    Der vorletzte Absatz scheint dann nicht mehr das Thema „Kosten von Open Access“ zu behandeln, sondern ein anderes Thema, die Ehre von Herrn Jochum. Zur Klärung dieser Fragen kann ich nichts beitragen, aber wenn es interessiert, bitte. Gerade in manchen Blogs erfreuen sich solche Yellow-Press-Themen ja oft einer gewissen Beliebtheit.
    Herzlichen Dank für die freundliche Erwähnung meiner Stichpunkte zum Nutzen von Open Access!

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Ich hatte in einer meiner Quellen gelesen, dass Jochum „Direktor an der UB“ sei. Dank der Hinweise habe ich jetzt erkannt, dass damit die Besoldungsstufe und nicht die Funktion gemeint war.

  3. Pingback: Hintergründiges zu Open Access | schneeschmelze | texte

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