Schlagwort-Archive: Open Access

Thesen zur Zukunft der öffentlichen Bibliotheken

Der Berliner Bibliothekswissenschaftler Konrad Umlauf spricht in seiner Dankesrede zum Verleih einer bibliothekarischen Verdienstmedaille über die Bibliothek der Zukunft:

„Künftige Bibliotheken werden kaum noch als Bibliotheken zu erkennen sein. Sie werden in fluiden Gebäuden untergebracht sein, wie sie etwa der geplante Neubau der öffentlichen Bibliothek in Helsinki verkörpert – als größtmöglicher Gegensatz zum extrem introvertierten und hermetischen Neubau der Stadtbibliothek Stuttgart. Die Gebäude werden auch andere Dienstleister als die Bibliothek behausen, beispielsweise Einrichtungen, die heute als Volkshochschule firmieren, vielleicht auch Bürgerämter. Wo im Gebäude noch Volkshochschule ist und wo Bibliothek anfängt, wird man nicht erkennen können. Vielleicht findet Bibliothek auf den Galerieflächen vor den Kursräumen der Volkshochschule statt. Öffnungszeiten wird es nicht mehr geben, weil die fluiden Gebäude jederzeit zugänglich sind; eine Bindung des Zugangs an die Anwesenheit bibliothekarischen Personals wird es nicht geben.

… die Medien der eigenen Bibliothek (werden) keine dominante Rolle spielen, weil Medien noch stärker als heute omnipräsent und frei zugänglich sein werden. Benutzer werden mehr Medien untereinander leihen und tauschen als aus der Bibliothek beziehen…“

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das passt auch hier. Weiterlesen

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Kostenlose Fachbücher?

Der Literaturwissenschaftler Roland Reuß ist gegen die Einschränkung oder gar Abschaffung des Urheberrechts und gegen den Publikationszwang auf Open-Access-Plattformen von Wissenschaftsorganisationen und Bibliotheken.

Am Beispiel des Lehrbuchs „Einführung in die Geschichte“ beschreibt er, was passiert, wenn eine Bibliothek ein Standardwerk für Geschichtsstudenten digitalisiert und Studenten sich die Datei auf ihren Stick laden können.

Besonders bedauerlich findet er, dass die höchstrichterliche deutsche Rechtsprechung dies erlaubt.

Was kostet Open Access?

Uwe Jochum, der Leiter der Bibliothek der Universität Konstanz, hat schon vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass Open Access, die Aufbewahrung und der kostenlose Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten durch Veröffentlichung auf universitären oder staatlichen Servern, nicht nur nicht kostengünstiger als die Veröffentlichung und Aufbewahrung in Papierform wäre, sondern teurer.

Er hat dazu 2009 eine Broschüre geschrieben und 2012 einen Vortrag gehalten.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, dass man die wahren Kosten von Open Access und der digitalen Langzeitarchivierung von wissenschaftlichen Publikationen unterschätzt habe.

Dr. Jochum ist bekannt dafür, dass er gelegentlich vom bibliothekarischen Mainstream abweicht und sich kritisch mit Neuen Medien und Internet auseinandersetzt. Das trägt ihm manchen Shitstorm in den sog. sozialen Medien ein. Ein hübsches Beispiel ist ein Herr Spielkamp, der sich in seinem Blog polemisch und rüde zu Jochum äußert und dann, als Jochum antwortet, ihm vorwirft, nicht sachlich zu antworten.

Das große Interesse und die Intensität der Auseinandersetzung um Open Access bei wissenschaftlichen Bibliothekaren sind verständlich. Alle mit der Publikation wissenschaftlicher Texte zusammenhängenden technischen, organisatorischen und redaktionellen Aufgaben werden möglicherweise auf die Universitätsbibliotheken zukommen. Ob Open Access dann in der einen Wissenschaftsdisziplin mehr kostet oder weniger als in einer anderen, in einer großen Universität billiger ist als in einer kleinen, ist dann nicht die wichtigste Frage. Bezahlt wird aus den universitären Forschungsetats, d. h. vom Steuerzahler.

Lambert Heller zum Nutzen von Open Access

Sachlich und differenziert auch Uwe Müller, Open Access und die Kosten.

Update: In einem Deutschlandfunkinterview am 30.3.15 schlägt Alexander Grossmann, Professor für „Verlags- und Projektmanagement in Medienunternehmen“ an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig vor, dass bei Open Access-Publikationen der Impact Factor auch in sozialen Medien gemessen werden könne: Welche Wissenschaftler welche Veröffentlichungen wie oft in Twitter und Google+ erwähnen. Bei Veröffentlichungen in Fachzeitschriften privater Verlage war bisher das Renommee der Zeitschrift, in der er veröffentlicht wird, wichtigster Faktor für die Bewertung der Qualität des Forschers.

Nachträge:

Michael Hagner: Zur Sache des Buches. Wallstein, Göttingen 2015. 280 S., Fr. 25.90.

In einem Artikel auf Ariadne über die Kosten von Open Access wird vorgerechnet, dass die Veröffentlichung aller universitären Arbeiten als OA mit der üblichen Bearbeitungsgebühr von 1.500 bis 1.700 Pfund die Universität Edinburgh bei ca. 4.000 Publikationen ca. 6 Millionen Pfund jährlich kosten würde.

Kritischer Kommentar zu einm OA-Artikel auf heise.de

Werbung killt die Schwarmintelligenz

Jaron Lanier hat vor zwei Jahren in der FAZ einen lesenswerten Beitrag geschrieben, der wahrscheinlich in den Tiefen meines Archivs ruht, den ich aber zufällig in einem Reclam-Bändchen wiederentdeckt habe: „Warum die Zukunft uns noch braucht“, in: Der Essay, Reclam-Universalbibliothek 15236. (Ich liebe die Reclam-Bändchen.)

Lanier konstatiert, dass die Netzaktivisten sich mit ihrem Gerede von der Schwarmintelligenz in der virtuellen Realität verirrt hätten. Ein auf Schwarmintelligenz aufbauendes System müsste eigentlich Werbung überflüssig machen. Die ganze bezahlte Überredung würde zur Disposition stehen. Wenn der Schwarm so viel wisse, sollte  jedem einzelnen zu optimalen Entscheidungen verholfen werden können, egal, ob es um weiße Zähne oder häusliche Finanzen gehe. Jeder Penny aber, den Google verdiene, beweise, dass der Schwarm versagt habe.

Autoren, Musiker, Künstler würden „ermutigt“, die Früchte ihres Intellekts und ihrer Fantasie ohne Bezahlung dem Schwarmgeist zu überlassen, allenfalls sich selbst zu vermarkten. Leute, die umsonst arbeiten, so die Ideologie der Nerds, würden manches besser machen als altmodische Experten.

Wenn das Geld zu den digitalen Plattformen von Google und Facebook fließe und nicht zu den Musikern, Autoren und Künstlern, sei das keine zukunftsfähige Lösung. Am Ende des Regenbogens der offenen Kultur warte der ewige Frühling der Werbung.