Lesetipp: Kordon, Krokodil im Nacken

Klaus Kordons dicker Schmöker „Krokodil im Nacken“ (800 Seiten) steht schon lange auf meiner Leseliste. Schließlich hat Kordon einmal in Schwalbach a. Ts. im „Schwarzen Riesen“ gewohnt und ich hatte ihn für eine Lesung in der Schulbibliothek gewinnen können.

Von meiner Tochter weiß ich, dass es, wenn ein Buch gut ist , die Seitenzahl nicht abschreckt.

Jetzt, bei der Literaturrecherche zur Bücherkiste DDR, fällt er mir wieder in die Hand. In drei Tagen habe ich das Buch gelesen. (In der Altersteilzeit geht das!)

Was für ein Unterschied zu manchen neueren Erinnerungsbüchern an eine DDR-Jugend, in denen die Diktatur verblasst. Kordon gelingt es, das Aufwachsen in einer Diktatur nicht auf den ersten Kuss, die Disco und Besäufnisse im Lehrlingsheim zu reduzieren. Er erzählt in zwei parallelen Strängen von seiner Jugend in Ostberlin in den 50er und 60 Jahren und parallel dazu von den Verhören nach seiner gescheiterten Republikflucht in Höhenschönhausen, dem Prozess vor einem DDR-Gericht und dem Freikauf durch die Bundesregierung.

Betroffenenliteratur“ nennen das einige Historiker. Das ergäbe kein Gesamtbild der DDR.

In Brandenburg hat die Landesregierung bei der Revision der Lehrpläne die Formulierung „Vergleichen der sozialistischen Diktatur mit der nationalsozialistischen Diktatur“ gestrichen. Bei Kordon erzählt die überzeugte Kommunistin, die nicht mit ihrem Mann in die USA geflüchtet ist, wie die Stasi ihr Leben ruiniert und ihren neuen Lebensgefährten in den Herzinfarkt treibt, weil ihr Sohn unter einem Pseudonym in West-Berlin – was sie nicht weiß – DDR-kritische Artikel schreibt: „Nein, man darf uns nicht mit den Nazis gleichsetzen. Nur, warum gibt es so viel Ähnlichkeiten?“ (S. 644)

Das Buch von Kordon ersetzt eine ganze Bibliothek an DDR-Aufarbeitungsliteratur. Wenn sich jetzt noch jemand fände, der das ähnlich wie Edgar Reitz mit „Heimat“, verfilmte…

Update 20.10.08: Der Beltz-Verlag gibt eine Schulausgabe (272 Seiten) für 7,50 € heraus. Das kann man Schülern gerade noch zumuten.  😉

Die Schulausgabe enthält die Kapitel, in denen der Erzähler Manfred Lenz von Stasi-Offizieren verhört wird und im Knast mit Mitgefangenen redet. Es ist schade, dass der Erzählstrang „Aufwachsen in der DDR“ wegfällt.

Das Buch wird dadurch aber so „schlank“, dass es zur Schulausgabe taugt. Über die DDR erfährt man immer noch mehr als in den meisten der ostalgischen Filme und Erinnerungsbücher, in denen die DDR als ärmliche, manchmal etwas skurrile, aber gemütliche Heimat dargestellt wird, in der man nett zueinander war. Insofern gilt das weiter, was ich oben über die vollständige Ausgabe gesagt habe. Es soll ja auch noch Jugendliche geben, die keine Angst vor dicken Büchern haben. Für die andern ist die Schulausgabe von Kordons Buch sehr empfehlenswert.

Rat an die Kollegen: Lieber zwei Arbeitsblätter weniger und eine Stunde Kordon lesen oder vorlesen.

Update 18.9.14: Ein Interview mit Klaus Kordon 25 Jahre dem Ende der DDR

Alle Beiträge zum Thema „DDR“ hier.

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4 Gedanken zu „Lesetipp: Kordon, Krokodil im Nacken

  1. Pingback: Lehrerhandreichung zu Klaus Kordons „Krokodil im Nacken“ « Basedow1764's Weblog

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  3. basedow1764 Autor

    Die Schulbuchausgabe soll ca. 250 Seiten umfassen.

    Die ganze Klasse muss auch diese Ausgabe nicht komplett lesen. Aber das wissen Sie ja selbst, wie man das macht.

    Antwort
  4. Marvin

    Eine Schulbuchversion klingt gut. Man kann der Klasse und dem Lehrer keine 800 Seiten zumuten.
    Wobei jetzt schon einige stöhnen, wenn wir etwas über 100 Seiten lesen. Auf den Inhalt kommt es an (wie Sie ja schon schrieben).

    Antwort

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