Schlagwort-Archive: Wort des Jahres

Denkende, Dichtende und Flüchtende: wie Sprache gegendert wird

„Flüchtlinge“, das Wort des Jahres, veranlasst den emeritierten Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg anzumerken, dass das Wort politisch unkorrekt wäre – sprachwissenschaftlich natürlich unsinnig.

Während Denker oder Dichter genderistisch korrekt in DenkerInnen und DichterInnen verändert werden, entzieht sich das Suffix „ling“ der Genderisierung. DER Flüchtling ist (nur) grammatisch männlich.

Die deutsche Sprache kennt sowohl die nominalisierten Partizipien, etwa der/die Flüchtende, als auch die Wortbildung per Suffix, also Flüchtling. Dass es feine Unterschiede in der Bedeutung gibt, wird beim Vergleich von Denker und Denkende besonders deutlich.  Aber auch bei der Ersetzung von Student durch Studierende: Wenn ein Student sich auf das Fahrrad schwingt, wird niemand vermuten, dass er gerade studiert, also ein Studierender ist. Es sei denn, er schwingt sich auf das Rad, dabei die Dämpfung des Sattels studierend.

Deutschland – das Land der Dichtenden und Denkenden?

(nach einem Text in der FAZ v. 16.12.15, p 9)

Die Gesellschaft für Deutsche Sprache, die es sich auferlegt hat, jährlich  ein Wort des Jahres zu verkünden, hält das Suffix -ling für abschätzig, wie etwa bei Schreiberling oder Günstling. Umfassend recherchiert haben die Sprachexpert/-innen anscheinend nicht.

„Opfer-Abo“. Germanisten machen Politik

Lange Jahre fand ich die Wahl eines „Wortes des Jahres“ amüsant und lehrreich. Sensibilität für Sprache zu fördern, ist ein löbliches Unterfangen: Stresstest, Merkozy, Wutbürger. Den Verdacht, dass es dabei auch um Marketing für immer neue Auflagen des Duden gehne könnte, verdrängte ich. Immerhin waren es Worte, die im Laufe des Jahres intensiv benutzt wurden, in aller Munde waren.

Seit einiger Zeit finde ich die gekürten Worte und ihre Begründungen ärgerlich. Denn da wird handfeste Politik gemacht, etwa bei der Wahl von „Gutmensch“, ein Wort, das die Juroren gar nicht gut fanden oder in diesem Jahr „Opfer-Abo“, einem Wort, mit dem Herr Kachelmann angeblich alle Frauen diffamiere. Ich hatte bisher geglaubt, dass Herr Kachelmann das Opfer war, jetzt höre ich alle 30 Minuten in meinem Hintergrund-Gute-Laune-Werbung- und Musik-Sender eine Germanistikprofessorin, die ihn dessen bezichtigt.

Erst jetzt fällt mir auf, dass es sich um zwei verschiedene Institutionen handelt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden kürt das „Wort des Jahres“, jemand anders unter dem Dach der TU Darmstadt kürt das „Unwort des Jahres“ (darunter ein Journalist der Frankfurter Rundschau).

Da überall in den Medien die Pressemitteilung der Unwort-Kürer verlesen wurde, ohne dass dazu eine kritische Anmerkung gemacht wurde, dachte ich, ich stünde alleine mit meinem Unbehagen über Sprachforscher, die ihre politische Meinung verbreiten. Zum Glück finde ich dies.

Update 24.1.13: Der Philologe Gerrit Kloss (Universität Heidelberg) schreibt heute in der FAZ, dass die Gruppe, die das Unwort des Jahres zu küren pflegt, unsauber gearbeitet habe. Denn die Begründung sei sinnentstellend zusammenmontiert. In einem Spiegel-Interview hätten die Journalisten darauf beharrt, dass in Fällen wie diesen letztlich der Mann durch sein Verhalten die Tat der Frau provoziert hätte. Dem wird vom Ehepaar Kachelmann widersprochen: Sogar wenn eine Frau zur Täterin geworden sei, würde man sie verstehen und vor allem sie als eigentliches Opfer sehen. Zumindest an dieser – für die Begründung des Unwortes entscheidenden – Stelle des Interviews sei es Kachelmann nicht um alle Frauen gegangen, wie die Germanisten-Jury behaupte. (Kloss ist alles andere als ein Sympathisant Kachelmanns.)