Medienkiste DDR (6): Schön war die Zeit …?

Die Berliner Grünen veranstalten seit einem Jahr eine Tagungsreihe “Schön war die Zeit …?” Aufklären statt verklären: Alltag und Unrecht in der DDR.

Die Themen sind Schule, Jugendszene, Lesekultur, “Operationsgebiet Westberlin” u.a.

(Update 8/2013: Der Link zur Broschüre auf der Homepage der Berliner Grünen führt ins Leere.)

Mich wundert, dass diese Tagungsreihe in der (Medien-)öffentlichkeit so wenig beachtet wird. Denn sie gehört zum besten, was es dazu gibt, neben den Veranstaltungen der Birthler-Behörde. Die Grünen haben einen Tagungsband angekündigt.

Viel hängt bei solchen Veranstaltungen vom guten Moderator ab. Das klappte nicht immer. Manchmal war auch das Publikum sachkundiger als das Podium.

Ein Spezifikum der Reihe ist, dass bei jeder Veranstaltung Vertreter der Linkspartei, auch aus der Zeit, als sie noch SED hieß, auf dem Podium (und im Publikum) sind. Das ermöglicht Begegnungen der besonderen Art. Davon will ich hier berichten:

Prof. Bisky sitzt neben Frau Birthler auf dem Podium. (Biermann sitzt im Publikum. Er wollte nicht neben Bisky sitzen.) Die Frage an alle: “Welches sind ihre Erinnerungen an die DDR? Marianne Birthler: “Ich stamme aus einer Pfarrersfamilie und durfte daher nicht Abitur machen.” Sofort danach Prof. Bisky: “Die DDR hat es mir ermöglicht, Abitur zu machen und zu studieren.” Bisky entpuppt sich als in der Wolle gefärbter Kommunist. Die Zornesröte steigt in sein Gesicht, als Honecker kritisiert wird. Ebenso, als Biermann auch die Anfänge der DDR, die gerade romantisiert werden, zurecht rückt: “Die die stalinistischen Säuberungen in Moskau überlebt hatten und dann die DDR aufbauten, das waren doch die cleversten und gerissensten, die ihre Genossen denunziert hatten, um selbst zu überleben.”

Frau Dr. Enkelmann, wieder einmal im Gespräch als mögliche Ministerpräsidentin Brandenburgs, erzählt von ihrer Doktorarbeit in einem Denglisch, als hätte sie in Berkeley oder Harvard eine Studie zur politischen Sozialisation amerikanischer Kleinstadtteenager vorgelegt. Kritsche Fragen eines jungen Sozialwissenschaftlers der FU aus dem Publikum beantwortet sie treuherzig. Nie hätte sie ihre Arbeit als Auftrag verstanden, die Jugendlichen noch besser zum Sozialismus zu erziehen.

Sie krönt ihre Einlassungen: Mit ihrem Staatsbürgerkundelehrer konnte man über alle Themen, wirklich über alle, offen diskutieren. Den Mitdiskutanten, die gerade von ihren Erfahrungen mit Denunziation, Erziehung zum Hass und Militarismus in der DDR-Schule berichtet haben, steht der Mund offen. Eine Punkerin erzählt von den Vopos, der Stasi, ihrer Haft (Weniger als 6 Monate, daher keine Entschädigung oder Ehrensold) und denselben Leuten nach der “Wende” in den Ämtern wie vorher. Frau Enkelmann sitzt  immer lächelnd daneben. Fehlt noch, dass sie das als Pluralismus der DDR ausgibt. (Das macht an einem anderen Abend ein anderer.)

Dann gab es den jungen Berliner Linksparteipolitiker, der mit Fragestellern aus dem Publikum und mit Mitdiskutanten auf dem Podium umsprang, dass man sich zu Franz-Josef-Strauß zurücksehnte (“Haben Sie überhaupt Abitur?” fragte der einmal einen kritischen Journalisten.)

Die Veranstaltung zum SED-Einfluss in West-Berlin hätte ich beinahe geschwänzt. Ich wollte ja vor allem mehr über die DDR erfahren. Dabei war gerade diese Veranstaltung besonders ergiebig.

Es ist ja nicht unbekannt, dass die SED in Westdeutschland und West-Berlin nicht ohne Einfluss gerade im studentischen Milieu war und DKP und SEW über Millionen DM verfügten. Zu hören, wie stark dieser Einfluss an der FU und in der links-alternativen Szene war, verblüffte mich aber doch.

Etwa 1000 IMs gab es in West-Berlin. Aber IMs wurden gar nicht überall benötigt, weil die DDR-Sympathisantenszene groß genug war. Der Gesamtpersonalrat der FU und die Berliner ÖTV standen unter SED-Einfluss. In der FU scheiterte eine Biermann-Resolution.

Die Deutschlandpolitik der grünen Vorläuferbewegung Alternative Liste wurde von einem IM auf SED-Linie gebracht.  Der ging dann 1989 zur PDS.

Wenn undogmatische Linke mit Flugblättern unter dem Parka über den Bahnhof Friedrichstr. in den Osten reisten, standen die kommunistischen OSI-Kommilitonen auf dem Bahnsteig und zeigten der Stasi, wen sie sich ansehen sollte.

Da wurde ein alternatives Tageszeitungsprojekt dadurch kaputt gemacht, dass es unter SED-Einfluss geriet. (Das Abo hatte ich freilich schon damals enttäuscht gekündigt, als ich den Trend bemerkte.)

Die SED hatte eine Heidenangst vor den Linksalternativen, die sich in West-Berlin tummelten. Die Friedensbewegung mit ihrem atomwaffenfreien Europa war ihr supekt. Sie hielt mit Geldkoffern und Einladungen nach Moskau dagegen. (Für den Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Hessischen Landtag hat sich bis heute nichts geändert. Geld und Anweisungen erhält er auch heute wieder aus Berlin.

Nicht ungewöhnlich im extremistischen Spektrum war die Karriere des FU-Professors Johannes Agnoli, der von extrem rechts nach ganz links gewandert war und einer der Vordenker der 68er wurde. Auch der Frankfurter Dutschke, Krahl, war ein Wanderer zwischen den Extremen gewesen. So ganz unrecht hat Götz Aly wohl nicht, wenn er sich und seine Weggenossen von 68 heute kritisch sieht und eine Traditionslinie zur Hitlerzeit zu entdecken glaubt.

Elmar Faber, in der DDR Verleger, u.a. Chef des Aufbau-Verlages, nach der “Wende” Träger des Bundesverdienstkreuzes und  Gründer des Verlages Faber und Faber, macht den Eindruck eines Geschäftsmannes, der überall zurechtkommt. Christoph Hein, auch auf dem Podium zum Thema “Leseland DDR” (auch das eine Propagandavokabel der SED) , sagt, dass “Weglassen die einfachste Form der Lüge” sei. Er hat auch an diesem Abend recht: Faber betont, dass er bei Hans Meier und Ernst Bloch studiert und Sartre verlegt habe. Erich Loest muss darauf hinweisen, dass spätere DDR-Studenten nicht mehr in den Genuss kamen, bei Bloch und Meier studieren zu können, da diese inzwischen im Westen lehrten. Auch wäre Sartre sehr bald der Zensur zum Opfer gefallen.

Als die Professorin Ines Geipel von wenig bekannten Schriftstellern erzählt, die noch bis kurz vor der “Wende” für ihre Texte mit mehrjährigen Zuchthausstrafen belegt worden waren, meint Faber, man müsse die DDR-Literatur differenziert sehen, sie wäre vielfältig gewesen. Er hätte im Jahr 500 Manuskripte bekommen. Und überhaupt müsse man die DDR-Literatur in den gesamten deutschen literarischen Kontext stellen. Das ist das Stichwort für einen Frager aus dem Publikum, der mehrfach im Lauf des Abends darauf hinweist, dass in der BRD Brecht nicht gedruckt werden durfte.  Auf die Frage, was es denn an großer sozialistischer Literatur gegeben hätte, nennt der “Brecht, Brecht”-Rufer Dietmar Dath.

Die Argumentationsmuster der “DDR-Revisionisten” sind überall gleich:

  • Bei Euch (BRD) war es doch auch nicht anders: “Bei uns durften die Pfarrerskinder nicht studieren, bei Euch gab es Berufsverbote für fortschrittlich denkende Menschen. Eure Stasi hieß Verfassungsschutz. Bei Euch hatten die Amis das sagen, bei uns die Russen. Bei uns war Karl May und Micky Maus verboten, bei euch aber Brecht. Und an den Grenzen der EU werden auch Menschen getötet.” (Letzterer Satz ist der Kommentar eines Potsdamer linksextremistischen Stadtverordneten zu den Todesschüssen an der Mauer.)
  • Wissenschaftler, die diese Sicht bevorzugen, fordern Kontextualisierung: Man muss DDR und BRD nebeneinander stellen und als aufeinander bezogene, ähnlich agierende Akteure des Kalten Krieges sehen. Dann hat man zwei Auslaufmodelle und kann sich auf die Suche nach dem 3. Weg machen. Hier wäre ein Besuch der Ausstellung im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde zu empfehlen. Da ergibt sich implizit eine Gegenüberstellung der beiden “Systeme”.
  • Man darf nicht nur über die Repression reden, man muss auch den Alltag sehen. Sonst erhält man ein einseitiges Bild: “Wir hatten den besseren Sex und haben mehr gelacht.” “Die Frauen waren gleichberechtigt.” “Wer seine Arbeit getan hat, hatte auch keine Probleme.”
  • Manche Wissenschaftler sagen dazu: ein multiperspektivisches Bild der DDR herstellen. Dazu passt ein Auftritt von Egon Krenz. Oder der brandenburgische Bildungsminister, der auch die “Schattenseiten” der DDR im Unterricht erwähnt sehen möchte.
  • Wenn das nicht hilft: “Das war ja gar kein richtiger Sozialismus in der DDR. Er wurde falsch umgesetzt. Wenn ihr 89 nicht gekommen wärt und und die “kriminelle Treuhand” (Günter Grass) nicht gewesen wäre, hätten wir den demokratischen Sozialismus verwirklicht.” “Pseudosozialismus” sagt die “Freitag”-Mitherausgeberin Daniela Dahn zur DDR.

Dazu schreibt mir die postkommunistische Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke in abgeordnetenwatch.de am 25.11.08 erhellend, dass demokratischer Sozialismus eine Erfindung der SPD wäre, letztlich ein rosaroter Kapitalismus.

“Es muss demokratisch aussehen” war die Parole der aus Moskau zurückkehrenden deutschen Kommunisten. Das war ehrlicher als wenn Daniela Dahn in der Leipziger Büchernacht 2009 davon schwärmt, dass die DDR-Volkskammer demokratischer war als der Bundestag (“2% der Bevölkerung sind in Parteien, im Bundestag sind es 100%.”)

Die Abschlussveranstaltung ist am 7.10.09.

Update:

Erwin Sellering verhöhnt auf dem SPD-Parteitag am 26.4. in MeckPomm weiterhin die SED-Opfer und geht  (nein nicht auf den Strich – aber was ist das anderes als politische Prostitution?) auf Stimmenfang in seinem Lande. Seine Popularität ist bisher aber noch nicht  einmal bei seinen Genossen gestiegen.

Update 12.4.09

Herr Müntefering fordert eine neue Verfassung wegen des Unwohlseins von ex-DDR-Bürgern in der vereinigten BRD. Er hat wohl gerade mit Günter Grass gesprochen, der sich nicht einkriegen kann, dass die Treuhand die gößte kriminelle Vereinigung seit 1945 auf deutschem Boden wäre.  Lassen wir Münterferings späte Erkenntnis mal als Marketing-Gag beiseite, so stimme ich ihm in allem anderen, was Spiegel-Online verbreitet, zu.

Die SPD leidet unter dem Trauma der vergeigten Wahlen 1990. Damals war sie zumindest in Teilen gegen eine Vereinigung und Lafontaines frühere Liebedienereien gegenüber Honecker, dem Saarländer waren in Ostdeutschland noch nicht vergessen. Egon Bahr glaubte bei den Märzwahlen “faschistoide Züge” und “Psychoterror nach Goebbels-Manier” bei der West-CDU wahrgenommen zu haben (Kowalczuk, Endspiel, p 531f)

Nachtrag

(Übernahme aus dem gelöschten Beitrag “Gemischte Lesetipps)

Dammann Cover

Ein Land, genannt die DDR, herausgegeben von Ulrich Plenzdorf und Rüdiger Dammann.

Im Zusammenhang mit der Bücher- und Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse” zur DDR-Geschichte stieß ich auf dieses Buch. Rüdiger Dammann macht i. d. R. gute Bücher, z. B. dieses.

Auch das mir vorliegende ist liebevoll gestaltet, gut und verständlich zu lesen, was ja in der S I enorm wichtig ist. Das Buch kommt in der Aufmachung wie ein Jugendsachbuch daher, was es aber nicht ist.

Beim Nachwort von Ulrich Plenzdorf, das ich zuerst lese, stocke ich: Als einzige wirkliche Auskunft über das Leben in der DDR könne nur die von in der DDR aufgewachsenen Menschen gelten. Besser könne man Geschichte nicht schreiben. Naja, wer sich noch nie mit den Problemen der oral history auseinandergesetzt hat, glaubt das wohl. Nichts gegen Zeitzeugen als Quelle, aber Quellenkritik muss erlaubt sein.

Niemand will den Menschen, die in der SED-Diktatur leben mussten, Identität und Erinnerungen nehmen. Aber da muss nicht eine Sympathieerklärung für Ulbricht dabei herauskommen.

Die Probe aufs Exempel liefert Daniela Dahn im Beitrag über die DDR-Wirtschaft: “Die Legende vom faulen Ossi”. Ich suche für die Bücherkiste Bücher, in denen Jugendlichen erklärt wird, warum ein Wirtschaftssystem nicht funktionieren kann, in dem die Brathähnchen in der Gaststätte billiger sind als das Huhn beim Metzger, das Brot an Schweine verfüttert wird, weil es so billig ist, die Miete fast nichts kostet, dafür aber die Häuser verfallen.

Für Dahn ist der “Witz der Sache” leitend: In der DDR war zum ersten Mal in Deutschland die Macht des Kapitals gebrochen. Diesem Witz wird dann die Wirklichkeit untergeordnet. Die DDR war mit NÖSPL, dem neuen System der Wirtschaftslenkung, auf dem besten Weg zum Arbeiter- und Bauern-Paradies. Ulbricht war ein Wirtschaftsreformer, der leider von den Russen und Honecker gebremst wurde. Eigentlich wären die Kombinate, in denen die DDR-Wirtschaft zusammengefasst war, hochrentabel gewesen, eigentlich war die DDR am Schluss nicht ganz bankrott, eigentlich gab es ja damals weltweit Wirtschaftssiechtum, eigentlich hatte das DDR-Statistikamt der Industrieproduktion des Landes den 15. bis 17 Platz auf der Weltrangliste zugewiesen.

Da kam die Wende wohl zu Unrecht?

Wenn Dahn die Brigaden beschreibt, ist das ein guter Einblick in den Arbeitsalltag. Die SED hatte die Brigaden keineswegs im Griff, musste sie bisweilen fürchten.

Aber wenn Dahn das Wirtschaftssystem erklärt, hört sich das nach einem Seminar in den Hinterzimmern der die DDR überlebt habenden “Volkssolidarität” an.

Es muss ja keinesfalls der entfesselte Kapitalismus als die einzig richtige Wirtschaftsform herauskommen, aber eine romantisierende Betrachtung der Zentralverwaltungswirtschaft hilft nicht weiter, außer dass sie Weichspülung der DDR bei den nachwachsenden Schülergenerationen fortsetzt. Da hatte Werner Obst schon 1983 den besseren Durchblick!

NÖSPL-Fan Daniela Dahn war übrigens die Favoritin von Dr. Gysi für die Kandidatur zur Bundespräsidentin.