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Bulimielernen fuer PISA

In diesen Tagen startet wieder das PISA-Ritual in ausgewählten deutschen Schulen. Der hessische GEW-Landesvorsitzende Jochen Nagel fordert eine Einstellung der Tests:  „Die Schulen werden immer mehr zu Produktionsstätten abfragbaren Wissens umgebaut“. Es ginge um „Bulimielernen, den Dreischritt ‚Lernen, Testbestehen, Vergessen‘; immer weniger um Inhalte, Reflektieren, Hinterfragen und Verstehen.“

(via SpiegelOnline)

Im Grunde stimme ich mit Jochen Nagel überein. Allerdings fragt PISA gerade nicht auswendig gelerntes Fachwissen ab, sondern Kompetenzen. Typisch dafür sind Aufgaben, bei denen man Informationen aus Texten oder Tabellen entnehmen muss. Man muss die Antwort nicht wissen, man muss die Antwort im Text oder dem Schaubild finden.

OECD: Deutsches Schulwesen seit 40 Jahren mangelhaft

Der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin hat sich – in der FAZ v. 12.4.12, p 6 – den ersten Bildungsbericht der OECD zum deutschen Schulwesen aus dem Jahr 1973 angeschaut. Das deutsche Bildungswesen wäre ineffektiv, ungerecht und unzeitgemäß, liest er dort. Die Vorschläge von 1973: Einheitlichkeit statt vieler Schultypen, Durchlässigkeit, Kompetenzen statt Fachwissen, längeres gemeinsames Lernen, auf lebenslanges Lernen vorbereiten, um das wirtschaftliche Wachstum zu erhalten.

Man liest es mit offenem Mund: Seit 40 Jahren kommen die OECD-Forscher zum selben Ergebnis: Deutsches Schulwesen mangelhaft!

Wieso sind weder das Schulwesen noch die deutsche Wirtschaft in diesen 40 Jahren kollabiert?

Prof. Ladenthin konstatiert: Wenn man ein Fieberthermometer ins Badewasser hält, in ein Roastbeef steckt oder einem Patienten in den Mund: Irgendeine Temperatur wird immer angezeigt. Über Qualität und Eigenheit des Gemessenen erführe man nicht viel. So sei es auch bei der OECD-Bildungsforschung.

Nachtrag 12.9.12: Die OECD-Wissenschaftler/-innen polemisieren weiter: Eine ihrer Kennziffern ist, dass der Schul-/Berufsabschluss der Kinder höher als der der Eltern sein muss. Wenn der Vater Gymnasiallehrer ist, der Sohn Hochschullehrer wird und dessen Tochter Pferdewirtin, ist das nachteilig für das Bildungsranking Deutschlands. Wenn alle Eltern Professoren sind, kann Deutschland im Bildungsmonitoring nur noch absteigen, oder? Auch die Studienanfängerquote liegt mit 42% alarmierend niedrig, anderswo liegt sie bei 62%.

Vielleicht sollte man die duale Berufsausbildung in die Unis verlagern. So ungefähr hat das eine deutsche OECD-Expertin in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk vorgeschlagen. Gefragt, wie man denn all die Akademiker in die Berufswelt, in der man händeringend Facharbeiter sucht, einschleusen will, meinte sie ungerührt, dann müsste eben die Universität auf die Berufspraxis vorbereiten.

Nachtrag 27.02.13: Das duale Ausbildungswesen ist zum Exportschlager geworden: Spanien, Schweden, Italien, Brasilien führen es ein. Präsident Obama lobt es. Die deutschen Experten befürchten jetzt, dass es in manchen Ländern zu schnell geht oder die Voraussetzungen nicht vorhanden sind und so das System in Misskredit geraten könne.

Nachtrag 27.3.14: Der Bildungsforscher Rainer Bölling setzt sich kritisch mit den Statistiken der OECD auseinander: „Was sind Bildungsstatistiken der OECD wert?“, FAZ v. 27.3.14, p 6. Oft würden Äpfel mit Birnen verglichen. Der amerikanische Highschoolabschluss wurde fünzig Jahre lang z. B. mit dem deutschen Abitur verglichen.  Wenn in einem Land Krankenschwestern studieren müssten, in einem anderen nicht, falle die Studierendenquote unterschiedlich aus. Während sich in Deutschland die Abiturientenquote in den vergangenen fünfzig Jahren verzehnfacht habe, sei die Quote der Hochqualifizierten (Studien- oder Meisterabschluss ) in Deutschland laut den OECD kaum gestiegen.

Über die Qualität der Bildung sagen die Zahlen der Abschlüsse nichts aus, das geben die Bildungsfachleute der OECD selbst zu.  Das Hauptproblem scheint die Klassifizierung zu sein.

Dass man den Zahlen nicht zu vile Vertrauen schenken dürfe, wurde laut Bölling schon 1961, zu Beginn der OECD-Bildungsforschung gesagt.

Marion Bradys Reality-Based Learning

Herzerfrischend: Marion Bradys Reality-Based Learning.

Schon bemerkenswert, dass das, was seit dem Humanismus bis Neill und Illich als Schul- und Unterrichtsreform gefordert und auch immer wieder praktiziert wird, auf Englisch aus USA zurückkommt zu uns, die wir Unterricht glauben zu verbessern durch Bildungsstandards, Kompetenzmodelle und Referenzrahmen für jedes Fach, jede Schulform, jeden Jahrgang und sogar für fachunabhängige Performance-Standards, auch wiederum für jedes Schuljahr (Kindergarten nicht vergessen!) und jede Schulform, jetzt auch mit „nachhaltigen Kompetenzen“, wie ich irgendwo gelesen habe.

Wenn das alles einmal im Hinblick auf Messbarkeit mit standardisierten Tests á la PISA durchoperationalisiert und sequenziert sein wird, entstehen haufenweise Kerncurricula und Lernmatrizen. Dass Unterricht dadurch besser wird, lebensnäher und für Schülern/-innen „nachhaltiger“, darf bezweifelt werden.

In USA ist es viel schlimmer mit der Testeritis, wir sind erst auf dem Weg dahin. Über dem Hype um messbare Kompetenzen und Standards geht verloren, was guter Unterricht und wie gute Lehrer sein sollten. Unterricht besteht in der Folge nur darin, für den Test zu lernen. Das häufige Auftauchen von „Selbstlernzentren“ weist in dieselbe Richtung.

Brady setzt den alten pädagogischen Anspruch um, in und an der Realität zu lernen: Hinauszugehen, zu pflanzen, zu bauen, die Stadt zu erkunden, Menschen zu befragen, die Sachen zu untersuchen. „Realbegegnung“ sagte man in der vordigitalen Pädagogik dazu. Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Oh, Wunder, die Wiesbadener Helene-Lange-Schule, in der auch so gelernt wurde, hat hervorragende, „finnische“ PISA-Werte. Die PISA- und Kompetenzforschung ist aber für die einschlägigen Hochschulen, Institute und Firmen arbeitsplatzsichernder und umsatzfördernder als Lehrer/-innen das Handwerk des Unterrichtens in außerschulischen und fächerübergreifenden Projekten beizubringen.

Marion Brady hat die verschiedensten Tätigkeiten im Erziehungsbereich wahrgenommen, Lehrer, Dozent, Lehrbuchautor, Publizist. Er ist Ruhestand und lebt in Florida.
Auch lesenswert: Ein aktueller Artikel von Brady, in dem er eine grundlegende Schulreform fordert.

Schulleistungstests: Die Elternhäuser verändern statt der Schulen?

Die Wirtschaftsprofessoren Richard Friedman, Stephen Machin und Martina Viarengo erforschen die Ergebnisse internationaler Schulleistungstests. Was sie in ihrer Sekundäranalyse von 8 Jahren Mathematiktests in 8. Klassen fanden, ist nicht eindeutig.

Das fanden sie heraus: Dort wo es eine signifikante Korrelation zwischen der Anzahl der Bücher im Familienhaushalt (Ein beliebter Indikator zur Einschätzung des Bildungsstandes des Elternhauses) und dem guten Abschneiden in den Mathetests gibt,  ist die Streuung der Ergebnisse gering.

Allerdings gab auch Länder, in denen viele Bücher im Elternhaus nicht zu einem guten Abschneiden bei den Mathetests führten, (Gibt es eine Erklärung dafür?)

Die drei Wissenschaftler meinen auch zu wissen, dass es an den Büchern liegen muss. Sie schreiben nämlich: The books had an impact on test scores.

Sie schlagen als neue Untersuchung vor, Familien mehr Bücher zur Verfügung zu stellen und zu sehen, ob das die zukünftigen Testergebnisse beeinflusst.(Chile hat das vor ein paar Jahren angefangen. Das neue Projekt des Bundesbildungsministeriums geht auch in diese Richtung.)

Was ich gut an dieser Art Wissenschaft finde: Das ständige Herumdoktern an Schule und Unterricht scheint nicht der Königsweg zum Rankingsieg zu sein. Es muss sich auch in Familien etwas ändern.

Was mich noch interessiert: Warum wirken sich Bücher mal so, mal so aus? Liegt´es an den Inhalten? Waren es dicke oder dünne Bücher?

PISA: USA schauen nach Finnland und Singapur

In USA nimmt man zum ersten Mal mit Erstaunen zur Kenntnis, wie sehr die erfolgreichen PISA-Staaten Finnland und Singapur gute Lehrer schätzen und sich das etwas kosten lassen.

Die Entprofessionalisierung des Lehrerberufes  schreitet in USA voran. Es war ja schon immer so, dass US-Lehrer einen Zweit- oder sogar Drittberuf ausübten, um leben zu können, und in den Sommerferien summer-camps leiteten, weil sie in den Ferien nicht weiter beschäftigt wurden. Das hat nicht ab-, sondern zugenommen. Die Obama-Regierung kürzt (auch) Programme der Qualifizierung von Lehrern. In Brennpunktschulen gibt es dann aber Lehrer, die trotz ihres um mindestens ein Drittel niedrigeren Gehaltes als es andere College-Absolventen bekommen, Schülern die Bücher  und Lehrmittel aus eigener Tasche bezahlen.

Im Bildungsbereich sind immer noch die Neo-Cons tonangebend, die die Lehrerausbildung am liebsten ganz abschaffen würden und Menschen danach bezahlen wollen, ob sie Schüler zu guten Rankings bei den nationalen Tests führen.

Endlich einmal auf einer internationalen pädagogischen Konferenz in USA(!) von der Wertschätzung der Lehrer in Finnland zu hören oder darüber informiert zu werden, dass China Millionen in die Lehrerausbildung steckt, dass Singapur Lehrern das Masterstudium bezahlt, die Berufsanfänger wie Mediziner entlohnt und die weitere Spezialisierung zum Curriculumexperten oder Schulleiter fördert, macht US-Erziehungsexperten sprachlos. Sie hoffen, dass man endlich mit dem Lehrer-Bashing aufhört und das (staatliche) Schulwesen einmal ernst nimmt.

Die Kürzungen Obamas im Bildungsbereich erbringen übrigens so viel wie 3 Tage Militäreinsatz in Afghanistan kosten.

Zum Kommentar der US-Pädagogikprofessorin Darling-Hammond.

Am Rande anzumerken:

Auch für die hiesige Diskussion ist nicht uninteressant, dass die asiatischen „PISA-Tiger“ Singapur und Shanghai sich nicht auf Mütter wie Amy Chiang verlassen, sondern in die Lehrerqualifizierung investieren.

Auch die EU will verstärkt und gemeinsam über Lehrerbildung und -ausbildung nachdenken bzw. über das, was im Bolognaprozess davon übriggeblieben ist.

Was in USA am finnischen Schulsystem auffällt (übersetzt aus dem Blog Cooperatice Catalyst):

1. Finnland hat keine alles entscheidenden Testverfahren (high stakes tests)
2. Über die Schule gibt es einen nationalen Konsens
3. Es gibt wenig Privatschulen.
4. Es gibt nicht nur nicht nur keine nationalen standardisierten Tests, es gibt auch keine Schulinspektion. (M. E. gibt es sie. Aber sie wird nicht so hoch gehängt und auch nicht als Ranking veröffentlicht.) Vertrauen in die Lehrer sei die wichtigste Kategorie. Die fühlten sich auch ohne Berichtspflicht verantwortlich.
5. Finnland hat keine dicken Sammlungen von Bildungsstandards. Es gibt breit definierte Standards und die Umsetzung geschieht vor Ort.
6. Die Lehrerausbildung ist anspruchsvoll. Es ist schwierig, Lehrer zu werden.
7. Die Lehrer sind gut ausgebildet, werden sehr unterstützt und haben auch während des Schultages Zeit zu reflektieren.
8. Finnen beginnen die Schule im späteren Lebensalter als wir.
9. Finnische Schüler haben wenig Hausaufgaben.
10. Es gibt berufsvorbereitenden Unterricht in finnischen Schulen (technical education)

Ist die empirische Bildungsforschung eine Königsdisziplin?

Der Wiener Erziehungswissenschaftler Henning Schluß singt das Hohelied der empirischen Bildungsforschung. Er lässt nicht gelten, dass PISA ökonomischen Interessen gehorche und Wissen gegenüber Kompetenzen vernachlässige.

Die empirische Bildungsforschung hätte die Allgemeine Pädagogik und Erziehungswissenschaft „vom Thron verstoßen“. Zehn Jahre PISA-Messungen hätten zu tiefgreifenden Bildungsreformen in Deutschland geführt. Kritik am Bildungssystem sei zentral für die empirische Bildungsforschung und nicht mehr für die Allgemeine Pädagogik.

Was mich wundert:

Bis vor 10 Jahren hielt die deutsche empirische Bildungsforschung anscheinend einen Dornröschenschlaf, dann wurde sie von der OECD wach geküsst. Die Empiriker betonen ständig, dass sie nur messen würden. Sie könnten nicht sagen, was richtig oder falsch wäre. In Deutschland wurden schon vor PISA und werden seitdem immer mehr Millionen für Schul- und Unterrichtsprojekte ausgegeben, ohne dass die Bildungsforschung sagen könnte, was nützt und was nicht.

„Tiefgreifende Bildungsreformen“ in der Schule vermag ich nicht zu erkennen. Vielleicht meint er den Umbau der Lehrpläne von Wissens- zu Komptenzorientierung? Oder das Turbogymnasium? Politik und empirische Bildungsforschung stimmen ja überein, dass die Schulstrukturen nicht ausschlaggebend sind. (Wenn man von PISA-Koordinator Schleicher absieht.)

Originell ist es, Heinz Joachim Heydorn als Kronzeugen für die Richtigkeit des von der PISA-Industrie definierten Bildungskonzepts zu benennen. Heydorn betonte das Subversive an Bildung: Die Fürsten, die ihren Untertanen lesen und schreiben beibrachten, damit sie die Gebrauchsanweisungen für Düngemittel lesen konnten, sorgten dadurch auch dafür, dass die Untertanen Flugblätter lesen konnten, die zum Aufstand gegen die Fürsten aufriefen.

Zum krönenden Abschluss wirft Prof. Schluß den Bildungstheoretikern vor, den Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg als naturgegeben anzusehen. Sicher gibt es Bildungsphilosophen, die Sarrazin Recht geben. Aber was tut die neue pädagogische Königsdiziplin dagegen?

In Australien haben Wissenschaftler einmal eine Sekundäranalyse an ca. 1000 Studien der empirischen Bildungsforschung vorgenommen. Ergebnis: Der Einfluss des Elternhauses ist der wesentlichste, größte und eindeutig messbare Faktor, der sich auf den Schulerfolg auswirkt. Bei keinem anderen Faktor kann schlüssig ein überzeugender Zusammenhang nachgewiesen werden. Ist die empirische Bildungsforschung da einen Schritt weiter als die vom Verfasser kritisierten Erziehungswissenschaftler, die angeblich alle Milieutheorien oder Vererbungslehren anhingen?

Das US-amerikanische „Headstart“-Programm der Frühförderung benachteiligter Kinder wird von empirischen Bildungsforschern begleitet. Ihre Befunde widersprechen sich teilweise. Es ist sehr schwer herauszukriegen, was nützt und was nicht.

Vielleicht sollten sich die neuen Königinnen und Könige der Erziehungswissenschaft mehr um die Eltern als um die Schule kümmern.

Gute Hauptschüler lesen besser als schlechte Gymnasiasten

Spiegel online bringt diese Erkenntnis, die so alt ist wie die deutschen PISA-Befunde, als aktuelle Schlagzeile.

Diese Befunde, als Tabellen schon in früheren PISA-Handbüchern zu finden, waren ja für Herrn Schleicher und andere ein Grund, die deutschen Schulstrukturen – die quasi-natürliche Dreiteilung – zu kritisieren. Deswegen haben Kultusminister seine Abberufung als PISA-Koordinator verlangt.

Besonders ergiebig in dieser Hinsicht ist der Vergleich von PISA-Leistungen zwischen bayerischen Haupt- und Realschülern und  Gymnasiasten aus Hamburg, Berlin, Bremen, NRW. Bayern hat eine niedrige Abiturientenquote. Schüler/innen, die eigentlich das Abitur schaffen könnten, müssen auf Haupt- und Realschule, weil die Zugangshürde hoch ist.

 

Die Leistungen der Schulbibliotheken erforschen

Deutsche Bildungsforscher sollten nicht nur PISA-Daten erheben und kommentieren, sondern endlich erforschen, was wirkt und was nicht. Dabei müssen auch die Leistungen guter Schulbibliotheken empirisch untersucht werden.

Seit über zehn Jahren werden Rankinglisten zur Sprachkompetenz erstellt und Veränderungen im einstelligen Prozentbereich begrüßt oder beklagt. Demnächst wird es auch noch ein globales Rechtschreibranking geben.

Kultusminister ziehen einen Tag nach der Veröffentlichung der neuesten PISA-Ergebnisse neue „Sofortprogramme“ aus dem Hut, Bildungsforscher selbst beklagen, dass die Wirksamkeit der Vielzahl an Projekten und Programmen nicht systematisch überprüft wird.

Es gibt in Deutschland tausende von Schulbibliotheken, die tagtäglich als Wissens-, Lern- und Lesezentren zur Schulqualität beitragen. In angelsächsischen Ländern wird in mehreren tausend Schulen und bei über einer Million Schülerinnen und Schüler seit Jahrzehnten erfasst, in welchem Umfang gute Schulbibliotheken/-mediatheken zum Schulerfolg beitragen. In Deutschland kennt mancher Landesrechnungshof nur die Ausleihzahlen als Erfolgskriterium für innerschulische Bibliotheken. Dabei sind die das Unwichtigste.

Ergebnisse der internationalen Wirkungsforschung zu Schulbibliotheken:

  • Schülerleistungen steigen in Schulen mit guten Schulbibliotheken, unabhängig vom sozioökonomischen Status des Elternhauses.
  • Die Ergebnisse in Leseleistungstests sind besser.
  • Mehrere Dimensionen der Lesefähigkeit werden verbessert: Wortschatz, Grammatik, Rechtschreibung, Schreibstil.
  • Referate und Präsentationen sind fundierter.

In guten Schulbibliotheken findet Unterricht statt, kann man digital und mit Büchern lernen, offener und individueller lernen als im Klassenraum, kann Hausaufgaben machen, gute Referate schreiben, auch einfach mal in der Mittagspause schmökern.

Schulbibliotheken werden in anderen Staaten evaluiert, sie müssen nachweisen, dass sie gut sind und erhalten dann mehr Geld. Deutsche Schulbibliotheken sind meist auf das ehrenamtliche Engagement von Eltern und Lehrkräften angewiesen.

Deutsche Bildungsforschung und Bildungspolitik sollten allmählich das Potenzial aktiver Schulbibliotheken und -mediatheken entdecken! Was man stattdessen tut, hier.

McKinsey scannt gute Schulsysteme

Eine Woche vor Bekanntgabe des neuen PISA-Rankings veröffentlicht die Unternehmensberatungsfirma McKinsey & Co eine Studie über die weltbesten Schulsysteme. 20 Schulsysteme, darunter eine Privatschulfirma, wurden analysiert, die sich in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten bei Leistungsvergleichen wie PISA deutlich verbessert haben. Aus Deutschland war Sachsen dabei.

Was haben die herausgefunden?

  • Stabile Rahmenbedingungen befördern den Erfolg. Also nicht ständig etwas verändern.
  • Erfolge sind schon nach sechs Jahren messbar.
  • Geld („Ressourcen“) und Schulstruktur sind weniger wichtig. 80% der Verbesserungen in fortgeschrittenen Schulsystemen sind auf die drei nächsten Punkte zurückzuführen:
  • Wichtig ist Unterricht, Unterricht, Unterricht („schulische Prozesse“)
  • Die Ausbildung der Lehrer ist wichtig, die ständige Beobachtung von Unterricht, der Austausch über guten Unterricht, die ständige Zusammenarbeit der Lehrer in der Schule mit dem Ziel der Verbesserung von Unterricht.
  • Auf die Auswahl der Lehrer und Schulleiter soll mehr Wert gelegt werden.
  • Gute Lehrer haben ein hohes Ansehen (status of the profession)

Wer Basedow1764 häufiger liest, ahnt, was jetzt kommt:

Dass Unterricht, Ausbildung, Kooperation, Weiterbildung so ziemlich das wichtigste Element von Schulqualität sind, weiß ich seit Beginn des Studiums Ende der 60er Jahre. Das war nie ein Geheimnis.

Wenn PISA-Koordinator Schleicher fordert „Die besten Köpfe in die Schulen!“, fällt mir dazu ein: Es wurde so ziemlich alles beiseite geräumt, was es an Rückmeldungen über die Tauglichkeit zum Lehrberuf im  Studium und  Referendariat gab. Nach 7 bis 8 Jahren, im 2. Staatsexamen, gab es erstmals eine realistische Rückmeldung. Aber da war es dann manchmal zu spät:

“Der Mann hat eine Frau und zwei Kinder” gibt der Seminarleiter zu bedenken. Der Gewerkschaftsvertreter findet die Stunde außerordentlich gelungen. Der Schulleiter spricht von menschlichen Qualitäten, die mangelnde Unterrichtsbefähigung baue sich im Lauf der Zeit ab. (Er ahnt, dass er im Kollegium für eine Entscheidung geradestehen muss, die ihm die Ausbilder eingebrockt haben. Die verlassen seine Schule sofort nach der Prüfung, er bleibt.) Ich hatte wenigstens die Hoffnung, dass der frisch gebackene Lehrer nicht auf meine Kinder losgelassen werden würde.

Dass die in der Gewerkschaft organisierten Junglehrer forderten, sie sozusagen peer-to-peer sollten Prüfungen abnehmen, war den 68er Zeiten geschuldet und wurde nicht umgesetzt, aber lange in den Gremien und Medien der Gewerkschaft diskutiert.

Dass die hessische Landesregierung später einmal Förster, nach Auflösung von Forstämtern, im Schnellkurs zu Biologielehrern machte, trug auch wenig zur Professionalisierung bei, aber viel zum Frust von Lehrern die jahrelang Biologiedidaktik studiert hatten.

Die Lehrerfortbildung galt als zu teuer und zu Unterrichtsausfall führend. Sie wurde erheblich eingeschränkt, bei gleichzeitiger Fortbildungsverpflichtung für die Lehrer. Dazu wurde ein Punktevergabesystem eingeführt und tonnenweise Evaluationsbögen zu Veranstaltungen ausgefüllt, die wahrscheinlich heute noch irgendwo herumliegen.

Dass ich alle fünf Jahre neue Lehrpläne umzusetzen hatte, sei nur am Rande erwähnt. Das passt zu McKinseys Warnung vor zu viel Strukturveränderungen.

Was haben die Unternehmensberater noch herausgefunden?

Wenn man dafür sorgt, dass Kinder regelmäßig die Schule besuchen und Schulbücher erhalten, macht man Fortschritte. Da verdoppelt sich die Lesekompetenz in kurzer Zeit. (Gilt nur für Systeme, die ganz am Anfang stehen.)

Was im erfolgreichen Schulsystem eines indischen Bundesstaates passiert, halte ich für nachahmenswert: Dort bekommen Lehrer, deren Schüler mindestens sechs Monate Fortschritte machen, ein zusätzliches Monatsgehalt als Belohnung.

Auf die Lehrerinnen und Lehrer meiner Alterskohorte, für die die allermeisten Befunde Binsenweisheiten sind, hat niemand gehört. Schön wäre es, wenn man jetzt wenigsten auf die Damen und Herren in den Boss-Anzügen und den Prada-Kostümen hörte.

Eine Online-Präsentation der Studie „How the world’s most improved school systems keep getting better“ steht hier, die pdf-Dokumentation hier.

Da fällt mir noch ein Witz ein: Weiterlesen

Bildungsforscher vermisst Schulbibliotheken in Berlin

„… es gibt Schulen in Berlin, die noch nicht einmal eine ordentliche Schulbibliothek haben.“ wird Bildungsforscher Jörg Ramseger im Berliner Tagesspiegel von heute zitiert.

Leider bekommt der Artikel, bei dem es vor allem um Deutschkenntnisse von Migrantenkindern geht,  durch die reißerische Überschrift und Ramsegers Erregung über das angeblich ausländerfeindliche Klima in Lehrerzimmern einen falschen Drall, aber der zitierte Satz ist ok und für einen deutschen Bildungsforscher erstaunlich. Die haben i. d. R. mit Schulbibliotheken nichts am Hut.

Nur schade, wer es sagt: Wenn es stimmt, dass Professor Ramseger das über die Lehrerzimmer gesagt hat, womit er zitiert wird, finde ich es ein Armutszeugnis für einen Bildungsforscher. Anstatt dauernd zu messen und neue Tests einzuführen, dann zu sagen, wir stellen nur fest, wir sagen nicht, wie es besser geht, sollte die Bildungsforschung in Deutschland schon ein bisschen mehr leisten. Wie wäre es mit einem Praxissemester des Herrn Professors in einer Hauptschule in Essen oder Neukölln?

Für alle andern, die keine präpotenten Erziehungswissenschaftler sind , wäre der Film schon mal ein Anfang.