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Brandneu: Soziale Herkunft und Schulerfolg hängen irgendwie zusammen

In einem Interview wird der Bildungsökonom und Nobelpreisträger James Heckman gefragt: „Manche sagen, vor allem brauchen arme Familien mehr Geld.“ „Nein, so geht es nicht…“ „Worum geht es dann?“ „Das sehen Sie hier in Chicago: Hier gibt es ein Wohnungsprojekt in einer armen Gegend, in denen (sic!) Kinder unter miserablen äußeren Bedingungen aufwachsen. Aber die Mütter … haben auf ihre Kinder geachtet. Sie haben sie vor der Umgebung geschützt, sie in die Schule geschickt und ihnen geholfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Kinder haben sehr viel erreicht, obwohl sie unter schlechten Bedingungen aufgewachsen sind.“

Das ganze Interview „Die Eltern müssen in die Schule“ in: Frankf. Allg. Sonntagszeitung, 18.3.2012, p. 35

So viel zum „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung, in dem Altbekanntes in neuen Diagrammen gezeigt wird. Doch, das Folgende kann ich mir nicht verkneifen:

Brandenburg hat in den Diagrammen einen bundesdeutschen Spitzenplatz bei der Abiturientenquote und den Leseschwachen im 9. Schuljahr. Und einen Spitzenplatz wegen der niedrigen Sitzenbleiberquote. Wie das alles korreliert, wurde nicht untersucht. Könnte dies ein Hinweis sein?: „Benachteiligte Jugendliche im 9. Jahrgang erreichen 48 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche (Bundesdurchschnitt: 67 Kompetenzpunkte Unterschied). Ländervergleich: Spitzengruppe (Geringster Abstand im Vergleich der 16 Bundesländer).

Sachsen hat extrem wenig ausländische Mitbürger/-innen (3%), überdurchschnittlich viele Förderschüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. (Siehe dazu auch schon meine PISA-Anmerkungen!) Wegen seiner vielen Ganztagsschulen schneidet es in der sogenannten Kategorie „Integrationskraft“ aber gut ab. Die Quote der Abgänger ohne Abschluss ist höher als in Baden-Württemberg, das eine geringere Förderschülerquote und überdurchschnittlich viele Zuwanderer hat.

Als ich 1964 Abitur machte, gehörte ich zu den privilegierten 6% des Schülerjahrgangs. Ausweislich des Bertelsmann-Chancenspiegels liegt der Bundesdurchschnitt 2011 bei fast 50% eines Jahrgangs. Ist das eine zu wenig gewürdigte bildungspolitische Leistung? Man könnte wie in Frankreich ein berufliches Abitur vergeben, 12 Jahre gehen auch Berufsschüler in die Schule, nicht nur Gymnasiasten. So schafft Frankreich 70% Abiturienten. Hamburg schafft das Sitzenbleiben ab. Das sichert dem Bundesland einen Spitzenplatz in zukünftigen Rankingtabellen der Bildungsforscher/-innen.

Die Bertelsmann-Studie will festgestellt haben, dass die Spitzengruppe der Leistungsstarken zwischen 2006 und 2009 von 9.9.% auf 7,6%, also um mehr als 23%  gesunken ist.

Siehe u. a. auch:
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PISA-Astrologie

In Zeiten des Kalten Krieges gab es die Kreml-Astrologen in der westlichen Presse. Diese Damen und Herren rätselten vor und nach Politbüro-Sitzungen, was in den Köpfen der sich dort versammelnden alten Männer vorging.

Nach Veröffentlichung der PISA-Ranking-Tabellen wird ein ähnliches Spiel gespielt.

Es soll nicht übersehen werden, dass PISA gute Seiten hat, dass es nicht schadet, wenn Schule evaluiert wird. Wenn Lehrerinnen und Lehrer Rechenschaft legen müssen darüber, was hinter der geschlossenen Klassenraumtür abläuft. (Obwohl letzteres bei PISA nicht der Fall zu sein scheint.)

Dass die Wissenschaftler selbst vor einer Fehlinterpretation ihrer Daten insbesondere durch Rankings warnen, spielt keine Rolle mehr. Und die Begründungen, die jetzt für die Spitzenpositionen und Aufsteigerplätze zu lesen sind, erinnern an  Kreml-Astrologie.

Ich habe in Hessen die oftmals hektischen PISA-Reaktionen der Kultusadministration miterleben dürfen: Individuelle Förderpläne für lernschwache Schüler, Vergleichsarbeiten, SchuB-Klassen (noch stärkere Verzahnung von Schule und Beruf bei schwachen Hauptschülern), Zentralabitur, zentrale H/R-Abschlussprüfungen, Osterferien-Camp, noch mehr Vergleichsarbeiten, Deutschkurse im Kindergarten, mehr Unterricht und Förderkurse und zahlreiche Steuer-, Planungs-, Lenkungs- und Evaluationsgruppen. Und als eine der allerersten Maßnahmen ein staatliches Internat für gute Oberstufenschüler. Wo steht Hessen jetzt ? Unwesentlich besser. (Nachtrag 2017: Seit längerem schlechter, nicht besser!)

Kann ja nicht auch noch schuld von Ypsilanti und Gen. sein. Auch einige skandinavische Länder schwächeln. Wär´doch ein Thema für IllnerWillBeckmann: „Ergibt PISA ein schiefes Bild der deutschen Schule?“

Der sächsische Kultusminister lobt seine in der DDR ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer. Da haben die aber lange gebraucht, um sich vom Schock der „Niederlage“ 1989 zu erholen. (Das Wort stammt vom Vorsitzenden der niedersächsischen Landtagsfraktion der Linkspartei.) Der westdeutsche Schulreformer der nachrevolutionären ersten Jahre in Sachsen, Wolfgang Nowak, dagegen sagt, dass er unter der SED- und IM-belasteten Lehrerschaft erstmal viele Entlassungen vorgenommen habe.

Auch soll die hohe Stundenzahl für Naturwissenschaften in der DDR-Schule und dem Nach-„Niederlage“-Sachsen positiv wirken. Da hätten Sachsen, Thüringen und Brandenburg doch von Anfang an in der Spitzengruppe sein müssen. Nachtrag 2010: Wieso ist Sachsen weit vorn und Brandenburg weit hinten? Und wieso schneidet Bayern trotz nicht so vieler NaWI-Stunden wie in der DDR dennoch gut ab?

Nachtrag 23.11.08:

Ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Die sich gar nicht einkriegen kann: Auf jeder dritten Seite wird gesächselt!) hört wohl zum erstenmal, dass es Stoffverteilungspläne gibt, und hält das gleich für einen Ausweis sächsischer Überlegenheit.

Dass ein Hauptschüler aus dem Hauptschulzweig in den Realschulzweig wechseln kann und das im selben Haus, mit denselben Lehrern, gilt dieser Zeitung in Hessen wo das in den Gesamtschulen seit 50 Jahren möglich ist, als Vorstufe der sozialistischen Einheitsschule. In Sachsen aber sieht sie darin eine weitere Erklärung für den PISA-Erfolg (FAS v. 23.11.08, p 61).
Frau Mönch kriegt nach ihrem Loblied auf Sachsen in derselben Ausgabe noch die Kurve und beendet ihre Hymne so: „Die so genannte Risikogruppe mit Tausenden von Schulversagern … gibt es in Sachsen so groß wie im ganzen Osten nicht.“

Dass die Schulen in Sachsen und Brandenburg, das ja auch Aufsteigerland sein soll, nahezu „ausländerfrei“ sind, lässt sich immerhin jetzt nicht mehr vernachlässigen. Wenn 40% der 15jährigen einen Migrationshintergrund haben wie in Bremen, fällt das Ergebnis schon mal anders aus. Außerhalb der ostdeutschen PISA-E-Stars gibt es Klassen, in denen nur noch 1 Schüler ohne Migrationshintergrund sitzt. Das geht weit in die Realschulklassen und sogar Gymnasialklassen hinein. In Hessen ist das in nahezu jeder Gesamtschule so. Und solche Klassen nehmen an PISA-E teil! (Der Migrantenanteil bei 15jährigen: 14 – 41 % West, 1,5 – 2,7 % Ost)

„Die unterschiedliche Sozialstruktur der (alten) Bundesländer einschliesslich ihrer Migranten erklärt die unterschiedlichen PISA-Werte zu knapp 3/4, für andere Faktoren, wie Schulsystem und Curricula bleibt nur eine geringe Erklärungsmacht über.“ (Für die Güte der Studie, deren Ergebnis ich hier zitiere, kann ich nicht bürgen. So viel Statistik habe ich nie gelernt , um das beurteilen zu können. Aber der Mathematiklehrer des Verfassers hat sich positiv dazu geäußert.)

Dass ausgerechnet die verbliebenen vietnamesischen Kinder, deren Eltern man in Rostock und Hoyerswerda bei den Pogromen noch verbrennen wollte,  Spitzenleistungen zeigen, kann nebenbei noch als gelungene Integration gewertet werden. Vietnamesische Schüler in Kanada oder Norwegen sind noch nie anders gewesen.

Wenn Brandenburg in diesem Tempo in der Lesekompetenz weiter aufsteigt, ist es in 6 Jahren auf Platz zwei. Der Ministerpräsident ist davon jedenfalls überzeugt, führt er doch Zentralabitur und Zusammenlegung von Realschulen und Gesamtschulen als Ursache zukünftiger Erfolge im Ranking an. Auf der Suche nach Ursachen des derzeitigen Aufstiegs lese ich, dass der Unterrichtsminister u.a. die Einführung von Vergleichsarbeiten nennt.

Ein Wermutstropfen ist, dass die Abhängigkeit des Schulerfolgs vom Sozialstatus zugenommen haben soll. Und das in einem Bundesland, das noch Jahre nach der Revolution vom eigenen Ministerpräsidenten stolz als „kleine DDR“ bezeichnet wurde. Liegt das daran, dass die Privatschulen in Brandenburg zunehmen? (In Potsdam gehen 40% der Grundschüler/innen auf Privatschulen!) Auch hat die Risikogruppe, die ganz schlechten Schüler, in Lesen und Mathematik zugenommen, in NaWi dagegen sich halbiert.

Die Datenfülle von PISA taugt schlecht für knallige Schlagzeilen.

Nachtrag 23.11.

Die internationalen und die deutschen Forscher verändern immer wieder ihre Parameter, z. B. wer zur Risikogruppe gehört oder wie der Zusammenhang von Sozialstatus und Schulerfolg gemessen wird .

(Siehe Klaus Klemm hier! Klieme und Baumert widersprechen Klemm zwar. Aber sie geben so viele Ungeschicklichkeiten, Verwirrungen und Fehlinterpretationen zwischen OECD, PISA-Konsortium und nationalen PISA-Büros zu, dass ein Laie sich an die Informationspolitik von AKW-Betreibern erinnert  sieht: Immer nur so viel zugeben, wie eh schon bekannt ist. Und eine Gefährdung der Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt .)

Siehe zu den Ungereimtheiten alleine bei der Auswertung zum Thema Migrantenkinder  ganz hervorragend hier.

Wie gut, dass die Förderschüler an PISA nicht teilnehmen. Sachsen hat in den letzten 10 Jahren die Zahl der Förderschüler um fast 50% gesteigert, auch ein Spitzenwert im Ländervergleich. Sonderschulfachleute verweisen darauf, dass auffällig viele Migrantenkinder mit Sprachdefiziten Sonderschüler werden müssen. (Dieses Abschieben geht in Hessen nicht mehr so einfach.)

Alle neuen Bundesländer haben Förderschulbesuchsquoten, die um ein Drittel bis zur Hälfte höher sind als in den alten:

Altländer 0 5,8 %, Neuländer 7,8 – 10.9% !

(Siehe auch: Schüler/innen in Förder- und Regelschulen; Zahlen aus der Sonderschulstatistik der KMK; Dokumentation Nr. 185 der Kultusministerkonferenz zur sonderpädagogischen Förderung in Schulen 1997-2006 auf http://www.KMK.org, unter Statistik im Bereich Schule)

Ein Tipp für die tapfere Bremer Bildungssenatorin: Die Gesamtschulen zu Förderschulen erklären. Bremen dürfte sich glatt auf Position 11 verbessern. Schade, dass PISA-E nicht mehr stattfinden wird. Aber bei den zukünftigen nationalen Ländervergleichen (Grundschulvergleichsarbeiten VERA u.a.) will man ja die Hauptschüler weglassen.

Man könnte noch darüber nachdenken, wie es sich auswirkt, dass weltweit Schülerinnen und Schüler früher beschult werden, also in der Regel bis zu einem Jahr länger in der Schule sind als 15jährige Deutsche.

Oder über die Aufgabenzusammensetzung bei PISA. Da gibt es ja immer wieder Veränderungen, die PISA als Panel-Untersuchung eigentlich untauglich machen, zumindest erschweren. Die Forscher behaupten, sie könnten das rausrechnen. Wenn dann mal eine weniger kompetenzorientierte, vertieftes mathematisches Wissen voraussetzende Aufgabe reinrutscht, schneiden deutsche Schülerinnen und Schüler auf einmal besser ab. ( PISA-kritische-Literatur mit abstracts.)

Als Deutschland sich endlich bequemte, an den OECD-Tests teilzunehmen, war das für die teilnehmenden Klassen beim ersten Mal eine nette Alternative zum Unterricht: Die reguläre Mathestunde fiel aus, eine Note gab es nicht und die Coladose durfte man mitnehmen. Inzwischen ist die Teilnahme der Ernstfall geworden.

Wir sollten etwas gelassener mit PISA umgehen. Dass es Risikoschüler in großem Umfang gibt, macht PISA noch einmal deutlich. Das war aber auch vorher nicht unbekannt (Zahl der Schüler ohne Abschluss!). Leider ändert sich das nicht!

Rechnet man die Ergebnisse der 15Jährigen mit Migrationshintergrund heraus, liegen die deutschen Ergebnisse jedenfalls über dem OECD-Durchschnitt.

Um PISA herum ist eine Testindustrie entstanden, die allein in USA mit den Testbögen und den anschließend angebotenen Lernmaterialien 200 Mrd € umsetzt. Und jetzt kommen die Erwachsenen dran. Eine Staatsbürgschaft braucht das PISA-Konsortium also vorerst nicht.

Nachtrag 20.11.08

Nirgendwo erwähnt finde ich bei der Würdigung der deutschen PISA-Erfolge die wohl im Milliardenbereich liegende Investition in die Computerisierung der Schulen.


Man sollte die Schulbibliotheken nicht allzu eng mit PISA verkuppeln.

Wenn sich herumspricht, dass die (vermeintlichen; s.o.!) momentanen Siegerbundesländer Sachsen, Thüringen und Brandenburg kein überragendes Schulbibliothekswesen haben, sieht die Schulbibliothekslobby alt aus.

Es gibt genug andere Gründe für Wissens- und Informationszentren in Schulen.

Update 10.12.08

Erfreulich zurückhaltend äußert sich IGLU-E-Leiter Bos von der Uni Dortmund in einem Interview des Tagesspiegels v. 10.12.08. Auf die üblichen Journalistenfragen nach warum und wieso sagt er jedesmal, dass IGLU feststelle, aber nicht die Erklärung für die Feststellung liefere. Allenfalls deutet er an, dass der Migrantenanteil allein die Unterschiede nicht erkläre. Aber ohne weitere Untersuchungen lasse sich das nicht aufklären.

Er erklärt die kleinere Schüler-Stichprobe bei IGLU als bei PISA-E damit, dass die KMK nicht so viel Geld ausgeben wollte. Dadurch sich ergebende Verzerrungen wären aber gering.

In der im Osten beliebten Postille „Super-Illu“ erklärt Bos dann schon deutlicher – oder lässt sich vom Interviewer in den Mund legen – warum Sachsen die Goldmedaille bekommt und nicht NRW: „Für Ostdeutsche ist Leistung nichts Negatives“. In NRW dagegen hätten Alt-68er Schwierigkeiten mit dem Leistungsbegriff.

Also, Astrologen, ran an die Statistiken!

In der FAZ veröffentlicht Frau Schmoll eine Tabelle, in der die Punktewertung für Migranten und Nicht- Migranten getrennt dargestellt wird. (Und erklärt auch gleich, warum einige Länder besser sind als andere.)

Nach dieser Tabelle führt übrigens Mecklenburg-Vorpommern bei der Leseleistung der Schüler/innen mit Migrationshintergrund.

Siehe auch in diesem Weblog unter „IGLU 2006„!