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Die Hamburger KESS-Studien: Schüler jedes Jahr besser!

Der Frankfurter Biologiedidaktiker Hans-Peter Klein ist den jährlichen Erfolgsmeldungen der Hamburger Bildungsbehörde nachgegangen und kommt zu erstaunlichen Befunden:

Seit 2008 ist im Fremdsprachenabitur die sprachliche Richtigkeit der Wörter kein Kriterium mehr. Hauptsache, man versteht, was gemeint ist. Bis 2005 waren nur einsprachige Wörterbücher zugelassen, jetzt sind es auch zweisprachige.

In Mathematik wurde die Zahl der Aufgaben verringert, zwei statt drei Aufgaben. Gefragt sei vor allem Taschenrechnerkompetenz. Im Erwartungshorizont für die Biologieaufgaben heiße es: „… da die Lösung direkt aus dem Arbeitsmaterial abgelesen werden kann…“

In den jährlichen KESS-Studien würde die Zunahme der Abiturientenzahlen (54%) und die Leistungssteigerung trotz G8 hervorgehoben. Die Kompetenz- und Einstellungsmessung der Hamburger Schüler (KESS) fände allerdings, so Klein, auf Mittelstufenniveau statt, z. B. unter Verwendung von TIMMS-Aufgaben aus den 90er Jahren. In der mathematischen Grundbildung müsse der Schüler z. B. ausrechnen, was 90 x 12 ergäbe.

Hans Peter Klein, Hamburgs wundersame Abiturientenvermehrung, FAZ, 11.10.13, p 7

Der Bluff der Kompetenzorientierung

In der FAZ v. 14.10.10 berichtet der Biologiedidaktiker Hans-Peter Klein der Uni Frankfurt/M. von einem bemerkenswerten Experiment.

Nach dem PISA-„Schock“ wurden und werden die deutschen Lehrpläne völlig umgebaut. Das Anhäufen von Wissen, die Überfrachtung des Unterrichts mit Lehrstoff wurden abgelöst von Kompetenzorientierung. Damit soll ein besseres Abschneiden bei zukünftigen PISA-Tests sichergestellt werden.

Klein meint nun, dass die Bedeutung der Inhalte zugunsten von Methodenorientierung geschwächt wurde. Bei den Methoden ginge es aber nicht um spezifische Fachmethoden, die zum Verständnis des Fachwissens beitrügen, sondern um übergreifende Bearbeitungsformen vorgegebener Wissensbestände. Unterricht entferne sich von soliden Fachkenntnissen. Maßgeblich sei vielmehr die ansprechende multimediale Präsentation vorgegebenen Wissens. Überspitzt formuliert: Schüler/innen wüssten immer weniger, das aber und sich selbst könnten sie immer souveräner präsentieren.

Klein führte ein Experiment durch. Er gab Neuntklässlern eines Gymnasiums je eine Leistungskurs-Biologieaufgabe im alten und neuen Format. Untersucht werden sollte, ob die Schüler/innen ohne die Kenntnisse der nachfolgenden Schuljahre die Aufgaben lösen könnten. Während die Abituraufgabe alter Art von keinem gelöst wurde, schafften über 80% die kompetenzorientierte Aufgabe neuer Art. Für Klein ergibt sich das daraus, dass nunmehr nichts mehr gewusst oder analysiert werden soll, sondern reproduziert werden muss, was im Textteil der Aufgabe steht. Das wiederholende Variieren des Textes reiche völlig aus.

In NRW wurde beobachtet, dass die Abiturnoten durchweg besser geworden seien. Nur die Bestnoten nähmen ab. Dieses Phänomen sei durch eine Befragung von sehr guten Schüler/innen erklärt worden: Sie können es nicht fassen, dass alle für die Antwort nötige Information schon im Text vorgegeben sei. Da sie sie in der Antwort nicht wiederholten, fehlten ihnen Punkte.

Nachtrag: Der Wiener Philosophie- und Pädagogikprofessor Konrad Paul Liessmann hat eine „Nachlese zu PISA“ geschrieben.

Da es nur noch um Qualifikation und nicht mehr um Bildung gehe, vermutet er, dass zukünftige Bildungsforscher einmal in der schwammigen Kompetenzorientierung den didaktischen Sündenfall unserer Epoche sehen werden.

Nachtrag 7.10.12: Prof. Klein in einem Interview in der FAZ v. 6.10.:“Gottseidank unterrichten … viele Lehrer nach wie vor fachlich orientiert. Das hat bisher verhindert, dass der Karren an die Wand gefahren wurde.“ und „Ein Schulleiter gab diesen Rat: ´Selbst wenn ihr in der A`biturarbeit wegen des umfangreichen Materials glaubt, nicht zurechtzukommen, schreibt das ganze Material einfach ab, für ein Ausreichend reicht das allemal.“

Nachtrag 19.10.13: Sehr viele grundsätzlicher kritisiert Blogger gebattmer die Komptenzorientierung als „neoliberales“ Projekt, in dem durch Individualisierung und kleinteilige Handlungskontrolle „flexible Menschen“ (R. Sennett) ausgebildet werden. (Gute Literaturhinweise!)

FAZ v. 14.10.14

Interview mit der Wirtschaftswoche, 16.10.14