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PISA und die Schulbibliotheken. Ein Nachruf

Als Lehrer und als Vater weiß ich: Man muss sich öfters wiederholen, wenn es hängen bleiben soll. Einmal sagen reicht nicht.

Hier ein weiteres Mal etwas zu „PISA und die Schulbibliotheken“. Allerdings auch zum  letzten Mal. (Habe ich mir fest vorgenommen.)

Leider hört auf mich keiner. Die Funktionäre des Bibliothekswesens schon gar nicht. Sie bedienen sich pädagogischen Vokabulars, ohne dabei immer den Wesenskern zu treffen. So war das schon beim „Spiralcurriculum“, so ist es bei PISA und bei Ganztagsschulen. Man bedient sich der Wörter, instrumentalisiert die Sache für seine Zwecke.

Das Interesse an Schule und Schulbibliothek hatten die Verbände verloren, als es im Gefolge Pichts und später des Bildungsratsgutachten nichts wurde mit 35000 Planstellen für Bibliothekare in Schulen.

Nun haben die Strategen der Bertelsmann-Stiftung vor einigen Jahren ein neues Drehbuch geschrieben, nach dem die öffentlichen Bibliotheken sich den Schulen als Bildungspartner anbieten sollen und früher oder später folgerichtig am Bildungshaushalt partizipieren sollen. Die Schulbibliothek steht dabei nicht mehr im Mittelpunkt. Daher findet man sie auch nicht oder nur als Beiwerk in Bibliotheksgesetzen und Kooperationsverträgen des dbv e.V. mit Landesregierungen. Für den Ausbau des Schulbibliothekswesens ist das fatal. Der Potsdamer Bibliotheksprofessor Hans Christoph Hobohm fordert denn auch bewundernswert klarsichtig „Schulbibliotheken statt Bibliotheksgesetzen“.

Argumentativ flankiert wird die „Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule“ und, falls unvermeidlich, die Forderung nach Schulbibliotheken, mit PISA. Nun sind Schulbibliotheken kein Topthema der Bildungspolitik. Daher schenkt man der tibetanischen Leier „Wegen PISA mehr Schulbibliotheken“ wenig Aufmerksamkeit. Zum Glück. Denn Sachsen und Thüringen sind bei PISA-E und Ländervergleichsstudie nicht besser geworden, weil sie in Schulbibliotheken investiert hätten. Zwischendurch hatte auch Brandenburg einmal in irgendeiner Untersuchung vorübergehend besser abgeschnitten, auch nicht dank des brandenburgischen Schulbibliothekswesens.

(Die Potsdamer Landesfachstelle glaubte, das Thema Schulbibliothek 2004 mit einer Protokollnotiz beerdigt zu haben. Man war sich mit einem Vertreter des Bildungsministeriums einig, vorrangig in die Kooperation Bibliothek und Schule zu „investieren“ und nicht in neue Schulbibliotheken.)

Südtirol hat vorbildliche Schulbibliotheken und schneidet bei PISA hervorragend ab  – besser sogar als Finnland. Die Wiesbadener Helene-Lange-Schule hatte das beste deutsche PISA-Ergebnis. Die charismatische ehemalige Direktorin Enja Riegel ist eine Gegnerin von Schulbibliotheken. (Sie fand, dass Schüler/innen draußen im Leben lernen sollten, also auch in die öB gehen sollten und nicht in die Schulbibliothek. Wir hatten Glück, dass sie nicht Kultusministerin oder Staatssekretärin wurde, was ihr Ziel war.) Auch die Gesamtschule an meinem früheren Wohnort sagte von sich, sie hätte ein hervorragendes PISA-Ergebnis und der „Focus“ zählte sie einmal zu den 100 besten deutschen Schulen. (Meine Tochter hatte den Schulleiter als Fachlehrer in einem Hauptfach. Nun ja, ein guter Schulleiter muss ja nicht auch ein guter Lehrer sein.) Auch diese Schule, als einzige im Landkreis, hatte keine Schulbibliothek. Erst jetzt, seit sie auf dem Weg zum Gymnasium ein gutes Stück weitergekommen ist, hat sie eine Oberstufenarbeitsbücherei – eben nur für Oberstufenschüler.

In Südtirol gibt es einige andere Faktoren, die sehr plausibel sind (soziokulturell, vor allem sprachlich homogene Bevölkerungsstruktur). Was meiner Bewunderung für das Schulbibliothekswesen im deutschsprachigen Südtirol keinen Abbruch tut.

Eine Erklärung für das gute Abschneiden gibt Rudolf Meraner vom Pädagogischen Institut Bozen: Die Lehrer würden von Anfang an mit einer heterogenen Gruppe von Schülern konfrontiert. Es sei kaum möglich, Schüler abzuschieben. Die Lehrer müssten mit allen Kindern arbeiten. Dies sei ein entscheidender Punkt, da die Lehrer herausfinden müssten, welche Lern-Settings sie anwenden, um weder zu über- noch zu unterfordern. (Quelle: „Der Standard„, Wien)

Im Falle Finnlands hat es sich wohl herumgesprochen, dass es keineswegs ein flächendeckendes hervorragendes Schulbibliothekswesen gibt, wenn auch gute öffentliche Bibliotheken. Dass ihre Schulen so gut bei PISA abschneiden, verwundert die Finnen. Wer es kann, schickt seine Kinder auf die deutsche Schule in Helsinki, die nach deutschen Lehrplänen unterrichtet und das deutsche Abitur vergibt.

Shanghai liegt in China und China gibt vergleichsweise sehr viel Geld für Lehrerbildung aus.

In Südkorea liefern Eltern manchmal die Hälfte ihres Einkommens in den 70000(!) Nachhilfeeinrichtungen ab, weil sie das staatliche Schulwesen für schlecht halten. Das beschränkt sich nicht nur auf die obere Mittelschicht. Südkorea ist nicht nur in Lesekompetenz führend, sondern auch in der Selbstmordrate von Jugendlichen. Die Geburtenrate nimmt ab, weil die jungen Ehepaare die hohen privaten Bildungsausgaben scheuen.

Wenn ich die Ergebnisse der USA-Studien („Colorado“ usw.), die einen Zusammenhang zwischen guten Schulbibliotheken und gutem Abschneiden in nationalen Tests belegen – zitiere, verweisen Kollegen unbeeindruckt auf das Abschneiden der USA bei PISA.

Bei den Erklärungsversuchen für gute Schülerleistungen tappen Forscher/innen und Bildungspolitiker/innen im Dunkeln. Und machen sich teilweise lächerlich. Die einen messen und vergleichen, vergleichen und messen, die anderen starten jeden Monat ein neues bildungspolitisches Projekt. Rührend hier im  Osten: Das angeblich gute Fundament der DDR-Schule für die Erfolge Thüringens und Sachsens anzuführen. Wo liegen eigentlich Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern?

Am überzeugendsten ist der Zusammenhang von Schulerfolg und Elternhaus.

Kurz gesagt, vergesst „PISA und die Schulbibliotheken“! Schulbibliotheken sind auch ohne die ständige Berufung auf PISA berechtigt, richtig und wichtig. Diese Sichtweise sollte man durch geeignete Projekte und Untersuchungen befördern. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Definition von Lesekompetenz bei PISA nicht unumstritten ist. Sie umfasst weit weniger als Leseforschung und Lehrpläne darunter verstehen.

Als die Bertelsmann-Stiftung Kultusministerien ihr millionenschweres Projekt „Zusammenarbeit Bibliothek und Schule“ vorstellte und Kooperation statt Kritik erwartete (Zwei Lehrer pro kooperierender Schule sollten regelmäßig – mehrere(?) Jahre – in einer Projektgruppe der Stadtbücherei mitarbeiten), plädierten die Vertreter Sachsens und Hessens vorsichtig für Projekte für Schulbibliotheken.

Das Ergebnis des Projektes: Hochglanzbroschüren, in denen „kreative“ Bibliotheksführungen und -rallyes vorgestellt wurden.

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Todesanzeige für Gerold Becker: Hentig zitiert Goethe

„Die Feinde, die bedrohen dich. Das mehrt von Tag zu Tage dich. Wie dir doch gar nicht graut!“ Das seh´ ich alles unbewegt, Sie zerren an der Schlangenhaut, Die längst ich abgelegt. Und ist die nächste reif genug. Abstreif´ich die sogleich, Und wandle neu belebt und jung Im frischen Götterreich.

Mit diesem Spruch aus den Zahmen Xenien Goethes ehrt Hartmut von Hentig seinen Lebensgefährten Gerold Becker, der gerade gestorben ist, in einer Todesanzeige in der FAZ vom 12.7.10. (Ergänzung: In der FAS v. 18.7.10 vermutete ein ehemaliger Becker-Schüler, dass der verstorbene Pädagoge das Gedicht selbst ausgewählt haben könnte. Es sähe ihm ähnlich, der sich selbst auch als Titan gesehen habe.)

Nicht immer einvernehmlicher Sex mit Knaben als Lebensabschnittsaktivität, abgestreift, unbewegt, neu belebt. Die Knaben waren schuld, sagt Hentig in einem Interview. Drei Strophen später heißt es bei Goethe übrigens: „Dürftet ihr den Guten schelten, der mit seiner Zeit gesündigt?“

Nachtrag: Auf dem Gelände der Odenwaldschule hat eine Künstlergruppe, so berichtet der Spiegel 29/2010, einen Grabstein gesetzt mit der Inschrift: „Ich sterbe mich aus der Verantwortung“.

Update 19.12.10: Wie Zeitungen berichten, habe von Hentig geraten, die Sache auszusitzen. Nach vier Jahren wäre alles vergessen.

Enja Riegel, ehemalige Leiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule und mit Becker und dem pädophilen Lehrer Hajo Weber an ihrer Schule befreundet, beteuert in Gegendarstellungen, „vollkommen unschuldig“ zu sein.

Ich selbst habe in den 90ern, zum Fußvolk im damaligen Hessischen Bildungsplanungsinstitut zählend, in das Becker zur gleichen Zeit verbannt worden war, diese Truppe,  Oberpriester Becker, Weber, Riegel, ihre Freund/innen im Institut und im Ministerium, bewundert. Sie waren die Halbgötter der Pädagogik. So gaben sie sich auch. Sie waren die wahren Intellektuellen, die das Wissen hatten. Dem Rest der Welt überlegen fühlten sie sich und gaben das unüberhör- und -sehbar auch zu verstehen.

Manches daran erinnert mich an die untergegangene DDR und ihre Führung. Hentigs Unfähigkeit zur Selbstkritik, sein Trotz, erinnern mich an Mielkes ehrlich hilfloses „Ich liebe euch doch alle!“ in der Volkskammer.

Was mich immer wunderte war, dass dieser hochverehrte Gerold Becker so bedrückt durch die Gänge schlich, keinen Gruß erwidernd. Naja, dachte ich damals, er ist mit Nachdenken über die Zukunft des hessischen Schulwesens beschäftigt und kommt sicher gerade vom Gespräch mit anderen großartigen Intellektuellen. Warum sollte er da den kleinen Lehrer, der ihm auf dem Flur entgegenkommt, grüßen?

Update 9.8.11: Sehr gelobt wird eine Dokumentation von Luzia Schmid und Regina Schilling: Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule, ARD, Sendung am 9.8.11, 22.45 Uhr.

Update 29.8.11: Der Ex- Odenwaldlehrer Salman Ansari findet, dass man unter Reformpädagogen zu schnell zur Tagesordnung übergeht, in Spiegel online.

Update 28.10.11: Hentig erhielt 1994 den Comenius-Preis, einen hoch angesehenen Preis der Comenius-Stiftung. Ihn haben u. a. Hildegard Hamm-Brücher, Sir Simon Rattle und Bischof Huber erhalten. Die Stiftung hatte an ihren Preisträger Hentig Fragen im Zusammenhang mit den Untaten seines Lebensgefährten Gerold Becker. Hentig hatte seine Preissumme von 20.000 DM auf die Odenwaldschule und die Wiesbadener Helene-Lange-Schule aufgeteilt. An der HeLa ging Becker als väterlicher Freund ein und aus. Ein Musiklehrer der  Schule machte pornographische Fotos von seinen Schülern.

Hentig hat bisher auf die Fragen nicht geantwortet. Der Stiftungsvorstand wirft ihm verschweigen, vertuschen und verharmlosen vor. Man erkennt ihm nun den Preis ab. Die bronzene Statuette darf er behalten. Die Preissumme möge er dem Opferfonds der Odenwaldschule zur Verfügung stellen.

Update 23.3.13: Einem Artikel des New Yorker ist zu entnehmen, dass es solche Praktiken auch in den USA gab. Erzählt wird ein Fall aus einer New Yorker Jungenschule in den 70ern.

Update Oktober 2014: Noch ist die ODS-Sexualerziehung nicht komplett aufgearbeitet, da gibt es unter dem Etikett „Sexuelle Vielfalt“ einen Anlauf Kinder und Jugendliche sexuell zu bedrängen. Es geht darum, dass die Sexual-Professoren Tuider, Sielert und Kentler die „Dominanz“ der „Hetero-Ehe“ brechen und andere sexuelle Orientierungen spielerisch auszuprobieren empfehlen.

Update April 2015: Die Odenwaldschule meldet anscheinend Konkurs an.

Update Mai 2015: Der Trägerverein soll genügend Geld ein gesammelt haben, damit die Schule weiter existieren kann. hätte man das Geld nicht besser den Missbrauchsopfern geben sollen?

Update Juni 2015: Jetzt wurde doch Insolvenz angemeldet.

Pädophilie als Grundrecht?

Linkspartei und Grüne wollen im GG, Art. 3, ein Diskriminierungsverbot für jegliche sexuelle Identität aufgenommen wissen. Darauf macht Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung („Ist jede Liebe Liebe?“, FAS v. 21.3.10, p. 4) aufmerksam. Sie erkennt in dem Gesetzentwurf keine Sicherung gegenüber sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, sondern eher die „grundgesetzliche Weihe“ der Pädophilie als einer schützenswerten sexuellen Orientierung. Zumal diese Sichtweise in der strafrechtlichen und sexualwissenschaftlichen Literatur, bei pädophilen Arbeitsgemeinschaften und im Umfeld der Humanistischen Union (HU) Befürworter findet. Im Beirat der HU sitzt auch

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