Schlagwort-Archive: empirische Bildungsforschung

Das Neueste über alarmierende neue Studien

Wenn die rbb-Nachrichtensprecherin beim Frühstück bekannt gibt, dass eine neue Studie …, unterbreche ich die Zeitungslektüre. Jetzt wird es nämlich meist amüsant, dümmlich oder dreist. Das neueste Elaborat: „Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland.“ Als dann noch der Name Prof. Dr. Elmar Brähler fiel, war mir klar, dass es ärgerlich werden würde. Ärgerlich, weil mir schon einmal eine Studie von ihm aufgefallen war und die Medien nichts lieber tun, als alarmistische Studien zu verbreiten, anstatt die Informationskompetenz ihrer Nutzer zu steigern.

Die Otto-Brenner-Stiftung der IG-Metall hatte mir eine Studie aus der Feder dieses Medizinsoziologen zugeschickt: „Mit Ostdeutschland gehe es von Jahr zu Jahr schneller bergab“ fand er in einer jährlichen Paneluntersuchung heraus.

Jetzt wollen er und seine Mitstreiter/-innen, finanziert von der Rosa-Luxemburg- und der Friedrich-Ebert-Stiftung, herausgefunden haben, was der Titel der Studie suggeriert. Weiterlesen

Mobbing in der Schule

Wieder eine neue Studie, die eine Forschungslücke füllt: Lehrer werden von Schulleitern mehr gemobbt als von Schülern! Neben dem Mobbing sehe ich ein weiteres Problem: Empirisch forschende Erziehungswissenschaftler.

Wenn ich lese, dass über 22 Jahre Beschäftigte ein 1,28fach höheres Mobbingrisiko tragen oder alle 14 Tage 1,0 Mobbingattacken über sich ergehen lassen: diese Pseudogenauigkeit moderner Datenverarbeitungssoftware! Vier Mobbingattacken in zwei Monaten als statistischer Durchschnitt! Sind die Ferienzeiten und Krankheitszeiten rausgerechnet? Wenn in der „Sprechstunde“ 17x Eltern sitzen, die mit mir die „ungerechte“ Note ihres Sprösslings diskutieren wollen, komme ich allerdings allein schon auf eine Mobbingquote von 1,0 in drei Jahreswochen. Offizielle Sprechstunde ist zweimal im Jahr, da verdoppelt sich mein Mobbingquotient.

Ich kann mit Umfragen alles beweisen, auch dass Schulleiter ihr Kollegium mobben. Es ist immer eine Frage, wie gefragt wird und wie Sachverhalte definiert werden. Wichtig ist auch, dass die Umfrage dem Institut zu Bedeutung im Fachbereich verhilft (Auswirkung auf Stellen und Haushalt) und sich aus den Ergebnissen der Untersuchung ein neues Projekt für die Mitarbeiter/-innen ergeben sollte: Schulung der Schulleiter, Fortbildung der Lehrer, Mitwirkung in der Lehrerausbildung.

Es gibt Lehrer, die mit dem Stundenplan unzufrieden ist, weil sie einmal ein halbes Jahr am Nachmittag präsent sein müssen. Sie werden ankreuzen, dass das Mobbing ist. Wenn sich eine Klasse beschwert, dass der Physiklehrer zu viele Hausaufgaben gibt, ist das Mobbing?

Die nunmehr wissenschaftlich erforschte Tatsache, dass in Lehrerzimmern gemobbt wird und dass nicht Schüler/-innen die Hauptverursacher sind, war schon Teil meiner unwissenschaftlichen Alltagserfahrung. Was der Professor in Rheinland-Pfalz wohl nicht weiß: Es gab und gibt überall schon Seminare, Workshops und Supervisionen.

Angesichts dessen, was sich Kinder und Jugendliche gegenseitig antun, und zwar zum größeren Teil nichtdigital, und Eltern ihren Kindern, kann man die Untersuchung allenfalls akzeptieren als Semester- oder Bachelorarbeit. Was noch fehlt: Wie Personalräte ihr Kollegium mobben. Es gibt Lehrer, die unterschreiben jede Resolution und stimmen für jeden Antrag ihres PR-Vorsitzenden, weil sie im Lehrerzimmer ihre Ruhe haben wollen und es noch 15 Jahre mit dem Kollegen Vorsitzenden aushalten müssen. Stoff für eine Semesterarbeit wäre das allemal. Eine weitere könnte feststellen, dass sich jeder zweite Lehrer von der Schulaufsicht gemobbt fühlt.

Es gibt schlimme Fälle von Mobbing in der Schule. Aber was Mobbing ist und was konflikthafte Kommunikation und Interaktion in der Schule, das verschwimmt. So ist das bei vielen Begriffen: Stress, Burn-Out, Faschismus, Rassismus, Demokratisierung. Die Arbeit am Begriff verändert die Wirklichkeit (Hegel!).

Fließbandforschung

Brötchen und Autos werden am Fließband produziert. Schulstudien scheinbar auch.

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I untersucht und kommt zu dem für sie überraschenden Ergebnis, dass es mehr Abstufungen als Aufstufungen gibt. Kein Wunder und von jedem Praktiker zu bestätigen: Wer in 5, gegen die Empfehlung der Schule, im Gymnasium einsteigt, läuft Gefahr, absteigen zu müssen. Das kommt nicht selten vor. Die Sekundarstufe I ist daher ein Verschiebebahnhof mit all seinen Nachteilen für stetiges Lernen in stabilen Sozialgruppen.

Was Bertelsmann nicht erforscht hat: Wie viele Schüler/-innen nach Klasse 9 und 10 weitergehen und höhere Schulabschlüsse anstreben.

Forschungsprogramm BISS von Bund und KMK

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und die Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder (JFMK) haben am 18. Oktober 2012 eine gemeinsame Initiative zur Verbesserung der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung vereinbart.

Hessen und Berlin/Brandenburg könnten je drei Forschungsvorhaben aus einem beschriebenen Gesamtrahmen beantragen.

Unter den für alle Schulstufen und die vorschulische Bildung beschriebenen Modulen finde ich für die Sekundarstufe:

Modul 5: „Medieneinsatz: Schreiben und Lesen mit digitalen Medien“
Das Modul hat das primäre Ziel, durch einen gezielten Einsatz neuer Medien vielfältige Lese- und Schreibanlässe in allen Fächern zu schaffen. Die neuen Medien schaffen wegen ihrer technischen Möglichkeiten gute Voraussetzungen, um unterschiedliche lese- und schreibförderliche Maßnahmen vielfältig und flexibel einzusetzen. Dazu gehören Formen des kooperativen  Lehrens  und  Lernens,  aber  auch  computergestützte  Trainingsverfahren.  Die  Vermittlung  von  Medienkompetenz,  d.h.  die  produktive,  zielorientierte  und  kritische  Nutzung  der Medien, ist ein erwünschter Nebeneffekt, steht aber nicht im Zentrum des Moduls. Des Weiteren zielt das Modul auch darauf, die Schülerinnen und Schüler auf die sich ändernden Lese- und Schreibformen vorzubereiten, die sich aus den neuen Medien ergeben; als Beispiele seien hier etwa Hypertexte, soziale Netzwerke, Onlineportale für Bewerbungen genannt.

Es wäre schön, wenn in einem Forschungsvorhaben, das der Bund finanziert, einmal die Schulbibliotheken eine Rolle spielten. Also, antragsberechtigte Institutionen wie LISUM oder IQHessen ran an die Geldtöpfe!

Pressemitteilung BMBF

Übersicht über die geplanten BISS-Module für die Schulstufen

Zu erwarten ist, dass 5 Jahre und 20 Millionen € später ein paar Studien, Dissertationen und Umfragen mehr die Literatur zur Sprachförderung „bereichern“ werden.

Lernen Schüler in Waldorf-Schulen besser?

„Waldorfschüler lernen freudiger, finden ihre Schule überwiegend einladend und fühlen sich zu zwei Dritteln individuell von den Lehrern wahrgenommen (In staatlichen Schulen: 30%; GS). Außerdem sehen sie sich in ihrer Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt, d.h. sie lernen in der Schule ihre Stärken kennen.“ (Aus der Presseerklärung des Bundes der Freien Waldorfschulen zu einer Studie zu Bildungserfahrungen an  Waldorfschulen.)

Leistungsdruck, Prüfungsstress, Mobbing sind keine Themen für Waldorf-Schüler. Unterschiede zwischen Waldorf- und anderen Schülern bei den Abschlüssen gibt es nicht. Die Waldorf-Schüler haben aber den größeren Spaß beim Lernen gehabt zu haben , vermutet die taz.

Die Studie „Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“ wurde von Prof. Dr. Heiner Barz (Universität Düsseldorf) und Dr. Sylvia Liebenwein (Universität Düsseldorf) sowie von Prof. Dr. Dirk Randoll (Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter/Bonn) erstellt. Befragt wurden dazu rund 800 Schülerinnen und Schüler aus zehn Schulen. PISA-Koordinator Prof. Dr. Andreas Schleicher (OECD) hat das Vorwort zu der Studie geschrieben.

Wie meist in der empirischen Bildungsforschung wird gemessen. Welche Elemente der Waldorfpädagogik welche Wirkung haben, fanden die Forscher/-innen nicht heraus.

Wer weiß, dass man Lesen und Schreiben in Waldorfschulen mit allen Sinnen (Bewegung, Malen, Begreifen, Sprechen) lernt, sich viel Zeit lässt und dennoch am Ende der Grundschule die Regelschüler eingeholt haben, wird sich nicht wundern. Eher staune ich über FAZ-Edelfeder Harald Staun. Er fordert, dass Grundschüler auf Computertastaturen Buchstaben eintippen sollen.

Grundschul-Länderranking 2011: Zugang zur Bibliothek flächendeckend gewährleistet

„Der  Zugang  zu  Bibliotheken  oder  Klassenbüchereien…  scheint  in
fast  allen  Ländern  nahezu  flächendeckend  gewährleistet  zu  sein. … zu  dieser Art des Angebots haben alle Schülerinnen und Schüler weitgehend unabhängig  von  den  im  Fach  Deutsch  erreichten  Kompetenzniveaus  in  ähnlichem  Maße Zugang. (IQB-Studie, S. 260)

Post-edit: Dies herauszubekommen lag nicht im Forschungsinteresse der Forscher/-innen, denn sonst hätten sie sich nicht mit dem Anschein begnügt, sondern erforscht, ob es so sei.

Die Forscher/-innen haben die Schüler/-innen in Stufen der erreichten Kompetenz eingeteilt und nach Zugang zu speziellen Kursen und Programmen gefragt sowie nach Schulbibliothek, Klassenbücherei, Kooperation mit einer öB (innerhalb dieser Gruppe „Bücherei“ wurde nicht weiter unterschieden). Der/die Schulleiter/in setzte ein Häkchen oder keins. Immerhin gab es einige wenige, die ehrlich waren und zugaben, dass ihre Schüler keinen Zugang zu einer Bücherei haben.

Die höheren (KS III) und niedrigeren (KS II) Kompetenzstufen wurden in je einer Tabelle zusammengefasst und veröffentlicht (s. u.). Der Unterschied beim Zugang zu Büchereien (im oben erklärten Sinne) zwischen lesekompetenteren und weniger kompetenteren Schülern ist im Bundesdurchschnitt minimal: 92,8 zu 94,6%.

Interessanter wird es beim Ländervergleich: Sachsen hat neben Bayern die lesekompetentesten Schüler Deutschlands. Beim Zugang zu Büchereien haben die sächsischen Schüler der KS III und höher aber den drittschlechtesten Wert unter den Bundesländern. Sachen-Anhalts Schüler lesen praktisch genauso gut wie die sächsischen. Sie haben dagegen einen hervorragenden Wert beim Zugang zu Büchereien. Es ist wie immer: Korrelationen sind keine Kausalitäten!

Was sagt uns das?

Bei den internationalen Studien TIMMS/IGLU wurden die Schulleiter noch nach „Schulbibliothek“ gefragt. Kaum sind deutsche Erziehungswissenschaftler/-innen allein zuständig, wird sie zusammengerührt mit Kooperationsverträgen des Deutschen Bibliotheksverbandes.

Wir fiebern den Ergebnissen der gerade laufenden Ländervergleichserhebung 2012 entgegen. Sie werden im Herbst 2013 veröffentlicht werden.

  • „Zugang“ kann dann allerdings wie im Falle der Grundschule meines Sohnes auch heißen, dass lediglich ca. alle 4-6 Wochen ein Bücherbus in die Schule kommt! (Kommentar von Frau Dietrich aus Hessen)

PISA: Warum Politiker zu blindem Aktionismus neigen

Aus: PISA: Die Ursachen. Und andere Geschichten, von Martin Fromm (2002?):

Ziemlich einleuchtend beschreibt Martin Fromm den verfehlten Umgang mit PISA-Ergebnissen:

„Sie (i. e. Politiker und wissenschaftliche Gutachter; GS)  stellen  die  falschen  Fragen,  weil  die  Fragen,  die  dann  in  Form  von Forschungsprogrammen  vorgegeben  werden,  sich  an  dem  orientieren,  was alltagstheoretisch das Problem zu sein scheint und sich nach außen plausibel darstellen lässt. Entsprechend fallen den an der bildungspolitischen Diskussion Beteiligten vorzugsweise solche Ursachen für die PISA-Misere ein, die
zum eigenen Programm passen – und für die es handliche Maßnahmen gibt: Medien-Schelte,  Appelle  an  die  Eltern,  Einrichtung  von  Ganztagsschulen usw.

Sie denken in den falschen Zeiträumen, weil Maßnahmen schon vor der Klärung  des  Problems  verkündet  und  vorbereitet  werden.  Sie  erwarten die falschen Antworten, wenn sie Bestätigungen für ihre alltagstheoretisch vorgefassten  Einschätzungen  erwarten,  der  Brauchbarkeit im aktuellen politischen  Verwertungskontext und der  Akzeptanz in der Bevölkerung oberste Priorität einräumen.“

Besonders lesenswert: S. 8 unten bis S. 15 (Seitenzählung im pdf): Fromm, PISA: Die Ursachen und andere Geschichten

 

PISA-Lesekompetenz und die Schulbibliotheken, noch einmal!

Der eingängige, aber fragwürdige Slogan, die niedrige Lesekompetenz deutscher 15jähriger erfordere mehr Schulbibliotheken, wurde im Basedow1764 mehrfach problematisiert.

Jetzt hat die Bundeszentrale für politische Bildung aktuelle Zahlen und Fakten zum Thema Bildung zusammengestellt, darunter auch Tabellen zur Lesekompetenz 2000 und 2009. Wieder lässt sich erkennen, dass der Slogan kontraproduktiv ist:

Einige Staaten, deren Messwerte schlechter als die deutschen sind, haben flächendeckend oder zumindest sehr viele Schulbibliotheken: Dänemark, Groß-Britannien, Portugal, Türkei.

Manche Staaten, deren Messwerte besser sind, haben kein nennenswertes Schulbibliothekswesen: Schweiz, Finnland (öffentliche Bibliotheken ja, Schulbibliotheken erst seit kurzem!)

Im Ranking verbessert haben sich Portugal (Schulbibliotheken!), Deutschland (kein nennenswertes Schulbibliothekssystem)

Im Ranking verschlechtert haben sich Finnland, Frankreich, Dänemark, allesamt „Schulbibliotheksländer“!

Nicht in der Tabelle ausgewiesen: Südtirol hat höchste Lesekompetenzwerte und ein höchst effektives Schulbibliothekswesen.

Not tut eine Wirkungsforschung, die den im Slogan unterstellten Zusammenhang zuverlässig nachzuweisen versucht. Möglich ist ja, dass das Schulbibliothekswesen in Frankreich und Groß-Britannien nichts zur Verbesserung der Lesefähigkeiten beiträgt. Das in Portugal und Südtirol aber vielleicht schon. Möglich ist auch, dass die empirische Bildungsforschung wie so oft im Nebel herumstochert und unpräziser als die Regenwahrscheinlichkeit in der Wettervorhersage ist. Wer Lesekompetenzen hat, was immer das auch im Einzelnen ist, benutzt (hoffentlich) die Schulbibliothek. Lesen hat er woanders gelernt.Angebracht wäre auch, den Nutzen der Schulbibliothek nicht unnötig auf PISA zu verengen.

Mir fällt bei Bildungsforschung immer eine australische Sekundäranalyse von annähernd tausend empirischen Studien über Ursachen von Schulerfolg ein. Im Ergebnis ließ sich keine schulische Maßnahme überzeugend isolieren. Einzig mit hoher Korrelation ließ sich der Einfluss des Elternhauses nachweisen. Deswegen kann man Eltern beruhigen: Wenn sie sich kümmern, überlebt ihr Kind jedes Schulsystem.

Trösten wir uns damit, dass die Lesekompetenz der Grundschüler/-innen weit besser ist (oberer OECD-Durchschnitt bei IGLU/PIRLS).

Ich hatte einmal angekündigt, nichts mehr dazu zu sagen. (In diesem Beitrag liegt der Schwerpunkt auf den Unterschieden zwischen den Bundesländern.)

OECD: Deutsches Schulwesen seit 40 Jahren mangelhaft

Der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin hat sich – in der FAZ v. 12.4.12, p 6 – den ersten Bildungsbericht der OECD zum deutschen Schulwesen aus dem Jahr 1973 angeschaut. Das deutsche Bildungswesen wäre ineffektiv, ungerecht und unzeitgemäß, liest er dort. Die Vorschläge von 1973: Einheitlichkeit statt vieler Schultypen, Durchlässigkeit, Kompetenzen statt Fachwissen, längeres gemeinsames Lernen, auf lebenslanges Lernen vorbereiten, um das wirtschaftliche Wachstum zu erhalten.

Man liest es mit offenem Mund: Seit 40 Jahren kommen die OECD-Forscher zum selben Ergebnis: Deutsches Schulwesen mangelhaft!

Wieso sind weder das Schulwesen noch die deutsche Wirtschaft in diesen 40 Jahren kollabiert?

Prof. Ladenthin konstatiert: Wenn man ein Fieberthermometer ins Badewasser hält, in ein Roastbeef steckt oder einem Patienten in den Mund: Irgendeine Temperatur wird immer angezeigt. Über Qualität und Eigenheit des Gemessenen erführe man nicht viel. So sei es auch bei der OECD-Bildungsforschung.

Nachtrag 12.9.12: Die OECD-Wissenschaftler/-innen polemisieren weiter: Eine ihrer Kennziffern ist, dass der Schul-/Berufsabschluss der Kinder höher als der der Eltern sein muss. Wenn der Vater Gymnasiallehrer ist, der Sohn Hochschullehrer wird und dessen Tochter Pferdewirtin, ist das nachteilig für das Bildungsranking Deutschlands. Wenn alle Eltern Professoren sind, kann Deutschland im Bildungsmonitoring nur noch absteigen, oder? Auch die Studienanfängerquote liegt mit 42% alarmierend niedrig, anderswo liegt sie bei 62%.

Vielleicht sollte man die duale Berufsausbildung in die Unis verlagern. So ungefähr hat das eine deutsche OECD-Expertin in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk vorgeschlagen. Gefragt, wie man denn all die Akademiker in die Berufswelt, in der man händeringend Facharbeiter sucht, einschleusen will, meinte sie ungerührt, dann müsste eben die Universität auf die Berufspraxis vorbereiten.

Nachtrag 27.02.13: Das duale Ausbildungswesen ist zum Exportschlager geworden: Spanien, Schweden, Italien, Brasilien führen es ein. Präsident Obama lobt es. Die deutschen Experten befürchten jetzt, dass es in manchen Ländern zu schnell geht oder die Voraussetzungen nicht vorhanden sind und so das System in Misskredit geraten könne.

Nachtrag 27.3.14: Der Bildungsforscher Rainer Bölling setzt sich kritisch mit den Statistiken der OECD auseinander: „Was sind Bildungsstatistiken der OECD wert?“, FAZ v. 27.3.14, p 6. Oft würden Äpfel mit Birnen verglichen. Der amerikanische Highschoolabschluss wurde fünzig Jahre lang z. B. mit dem deutschen Abitur verglichen.  Wenn in einem Land Krankenschwestern studieren müssten, in einem anderen nicht, falle die Studierendenquote unterschiedlich aus. Während sich in Deutschland die Abiturientenquote in den vergangenen fünfzig Jahren verzehnfacht habe, sei die Quote der Hochqualifizierten (Studien- oder Meisterabschluss ) in Deutschland laut den OECD kaum gestiegen.

Über die Qualität der Bildung sagen die Zahlen der Abschlüsse nichts aus, das geben die Bildungsfachleute der OECD selbst zu.  Das Hauptproblem scheint die Klassifizierung zu sein.

Dass man den Zahlen nicht zu vile Vertrauen schenken dürfe, wurde laut Bölling schon 1961, zu Beginn der OECD-Bildungsforschung gesagt.

Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis dass, …

Arbeiterkinder in unserem Schulsystem klar benachteiligt sind.

Ich habe den Eindruck, dass Studien über unser „katastrophales“ Schulsystem in kürzeren Abständen publiziert werden als Tweets bei Twitter.

Das Arbeiterkind war schon während meines Studiums in den 60er Jahren Seminarthema. Ich frage mich, wie man es 50 Jahre später definiert. Der Anteil von Arbeitern und ihren Familien an der Gesamtbevölkerung ist seither weiter geschrumpft. Vor über 100 Jahren stellten sie noch den größten Teil der Bevölkerung.

In der DDR hat man das Schrumpfen der Arbeiterklasse dadurch verlangsamt, dass man alle NVA-Offiziere und alle SED-Kader dazu zählte, obwohl die die Sphäre der Produktion nur von Ferne kannten. Dennoch war die SED ratlos, weil der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten immer niedriger wurde. Da half es auch nicht, den Kindern von Pfarrern und Unternehmern das Studium zu verweigern. 

Ich gebe gerne zu, dass ich die Studie nur überflogen habe und damit meinem Grundsatz, immer erst intensiv in die Originalquelle zu schauen, untreu werde. Ich verlasse mich darauf, dass die FAZ am 15.12.2011 korrekt berichtet hat.

Es sind anscheinend die Lehrer/-innen, die Arbeiterkinder schlechter benoten. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Benotung durch Lehrer/-innen läge bei 25%. (In ihr Urteil fließt z. B. der sozioökonomische Hintergrund [17,2%] und der Bildungshintergrund [19,4%] der Schüler/-innen ein.)

Erfreulich: Kinder mit Migrationshintergrund werden dagegen kaum schlechter beurteilt (4,7 % Einfluss des Migrationshintergrunds auf die Notengebung bei Migranten). Pech nur, wenn das Kind mit Migrationshintergrund auch noch Arbeiterkind ist, da sind es dann wohl 29,7% sachfremder Einfluss auf die Note.

Die Forscher geben auch Empfehlungen: Eine „Fördergarantie“ in den ersten beiden Schuljahren könne die Lehrer entlasten.

Einen Unterschied in der Übergangsquote von Arbeiterkindern nach vier- oder sechsjähriger Grundschule konnten die Forscher (in der Schweiz) nicht feststellen. Das kann man so lesen, dass der Einfluss der sozialen Herkunft auf das Lehrerurteil gleich geblieben ist.

Dass Motivation, Gewissenhaftigkeit oder Anstrengungsbereitschaft, also Faktoren, die beim einzelnen Schüler liegen, Einfluss auf die Notengebung hatten, konnten die Forscher/-innen nicht feststellen. Das verwundert mich. War ich der einzige Lehrer, der häufig eine 4 statt einer 5, eine 2 statt einer 3 gab, mit der Begründung, es wäre zwar noch nicht alles ausreichend bzw. gut gewesen, aber er/sie habe sich sichtlich bemüht und solle ermutigt werden, nicht nachzulassen?

Kann es sein, dass es für manches, was im Klassenzimmer passiert, keine passenden Indikatoren gibt und die Software, die die Korrelationen zwischen den Daten bis auf die Stelle hinterm Komma ausrechnet, unter dem Powerpoint-Syndrom leidet: Was nicht auf fünf Spiegelstriche auf einer Folie passt, existiert nicht? Selbstkritisch weisen die Forscher/-innen darauf hin, dass sie nicht alle Fächer untersucht haben und möglicherweise die Dimensionen, für die sie keine Indikatoren verwendet haben, vielleicht doch eine Rolle spielen.

Noch etwas wurde erfragt: Schüler aus ungebildeteren Familien, so steht es im Zeitungsbericht, trauen sich deutlich weniger zu, was nicht ohne Effekt auf ihre Leistung bliebe.  Sollte man da einmal ansetzen? Nicht wieder an den „Stellschrauben“ des Schulsystems zu drehen (Erziehungswissenschaftler Bos in einer anderen Studie). Nicht die Lehrer/-innen in Kurse schicken, in denen sie die 25% Einfluss der Herkunft auf die Notengebung von Arbeiterkindern eliminieren lernen, keine Fördergarantie mit Stütz- und Liftkursen und noch längerer Anwesenheit lernschwacher Kinder in der Schule. Sondern das Selbstwertgefühl stärken. Die Stärken und Begabungen der Kinder erkennen, die Schulzeit für künstlerische, sportliche, musische Aktivitäten nutzen. Auch das wird Grenzen haben, aber die sind noch nicht erreicht. Letztlich gilt, was hunderte von Schulstudien nahelegen:

Der Einfluss der Familie, der häuslichen Erziehung ist der größte Einflussfaktor für Schulerfolg. da helfen alle Stellschrauben und die  vielen Schulstudien nicht.

Vielleicht sollte die Vodafone-Stiftung, die sicher 120.000 € für die Studie bezahlt hat, mit dem Geld einmal eine Schulbibliothek einrichten und ein paar Jahre evaluieren. Es gibt eine hübsche Geschichte, über die der Spiegel einmal berichtet hat: In einem afrikanischen Dorf hat ein Junge ein Windrad konstruiert, mit dem er Strom erzeugen konnte. Woher hatte er sein Wissen? Aus der Schulbibliothek, sagt er.

Siehe auch