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Lesetipp: Christine Brinck, Eine Kindheit in vormaurischer Zeit

Weglassen ist eine einfache Form der Lüge, sagt Christoph Hein. So gesehen wird derzeit im Osten gelogen, dass sich die Balken biegen.

Ich muss etwas ausholen, um deutlich zu machen, warum ich Christine Brincks Buch gut und notwendig finde.

Die Erinnerung an die DDR-Zeit ist eine Kampfzone. Derzeit hat die Truppe mit den rosaroten Brillen Oberwasser. Christine Brinck leistet mit ihrem Buch Aufklärung. Sie stellt die Sache wieder vom Kopf auf die Füße.

Es gibt die Erzählungen jener, die ihre gute, alte DDR vermissen, die die Mythen pflegen, von der Frauenemanzipation, dem Schulwesen, dem Antifaschismus, dem größeren Zusammenhalt der Menschen. Das beschränkt sich nicht nur auf die alten Kader, die den Bankrott 1989 verantworten und sich anschließend aus der Verantwortung geschlichen haben. Deren Kinder setzen jetzt in ostdeutschen Parlamenten, Regierungen, Rathäusern, Fernsehanstalten und Anwaltskanzleien ihre 1989 unterbrochenen Karrieren, mehr oder weniger gewendet, fort.

Dazu gehören auch die aus der DDR-Kulturschickeria bis hin zu den Bürgerrechtlern, die sich von den „westdeutschen Siegern“ um die Chance einer demokratisch-sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik gebracht sehen.

Über diesen Personenkreis hinaus zieht das noch Kreise. Die Mitläufer wollen respektiert werden. Die Medien müssen ihre Kundschaft bedienen. Es gehört zum Standardrepertoire jeder Talkshow und vieler Politiker im Osten, dass man die Biographien beschädige, wenn man schlecht über die DDR-Zeit rede, dass man „Respekt“ verlangt von den Westdeutschen, wie junge Muslime in Kreuzberg es tun, dass man von einer ostdeutschen Identität fantasiert, hinter der Täter, Opfer und Mitläufer, Spitzel und Bespitzelte, vernebelt werden.

Es ist daher kein Wunder, dass Bücher von Jana Hensel Konjunktur haben. Sie genießt es, nach der so genannten Wende in der Welt herumzureisen. Aber was sie vermisst, sind die Honecker-Bilder in der Schule und die Sero-Sammeltonnen. Der vertraute DDR-Alltag sei über Nacht verschwunden, klagt sie. Niemand wisse mehr, wer Teddy und Lenin waren. Immerhin, dass der Schokopudding bei der Schulspeisung nicht für alle gereicht hat, das hatte sie damals schon gestört.

Weglassen ist eine einfache Form der Lüge, sagt Christoph Hein. So gesehen wird im Osten gelogen, dass sich die Balken biegen.

Es gibt nämlich auch eine fast vergessene Erinnerung an die Aktion „Ungeziefer“, die Umsiedlung nicht regimetreuer Bewohner der Grenzgebiete, an die antisemitischen Waldheim-Schauprozesse, an die Unterstützung von Terroristen in der ganzen Welt durch Waffenlieferung, Geldspenden und Asylgewährung, an die Enteignungs- und Vertreibungsaktionen bei Bauern, Unternehmern, Hotel- und Pensionsbesitzern, an die Oberschul-, Studier- und Berufsverbote, an die fehlende Meinungsfreiheit und die Zuchthausstrafen für Auswanderungswillige, den alltäglichen Antisemitismus, den vergleichsweise hohen Lebensstandard der DDR-Oberschicht, der Bonzen und Kader, an die kleinen Häuptlinge Handwerker, Kellner, Bückware-Verkäuferinnen, die Allgegenwart der hoch bezahlten Heerscharen des MfS, das auch vor Mord nicht zurückschreckte.

Wie gut, dass es Menschen gibt, die anders vom Aufwachsen in der DDR erzählen. Die sich an schöne Kindheitstage, an Radtouren und Baden im See erinnern, die die DDR aber nicht gleichzeitig schönreden oder die Katastrophe erst in der Wende und der Treuhand sehen.

Sie erzählen unglaubliche Geschichten von dem, was man ihnen und ihren Familien angetan hat. Man kann verstehen, dass sie eine Rückkehr in die Heimat Mecklenburg wieder rückgängig gemacht haben, dass einer in Österreich bleibt, weil er eine Sarah Wagenknecht nicht ständig in Talkshows ertragen kann.

Da die Geschwister der Erzählerin alle ohne Ausnahme in der Schule keine Aussicht haben, Abitur machen zu dürfen, bleibt die Ausreise unabwendbar. Auf der Flucht wird die vaterlose Großfamilie auseinander gerissen. Zwei ältere Geschwister, 13 und 14, werden alleine zu westdeutschen Verwandten geschickt. Die Autorin kommt mit anderen DDR-Abiturientinnen in einem Hamburger Rot-Kreuz-Heim unter, wechselt in ein weiteres Heim. Die Telefonzelle ist die einzige Verbindung zur Familie. Auch eine „Wende“.

Daneben wirkt das Gejammer einer Jana Hensel in ihrem Bestseller „Zonenkinder“  über ihren Wendeschock 1989 peinlich. Frau Hensel schlief vor und nach der Wende im selben Bett.

Das schmale Bändchen enthält den Bericht der Verfasserin über ihre Kindheit in einem christlichen Elternhaus in Mecklenburg bis zur Flucht in den 50er Jahren. Er endet mit zwei grotesken Kapiteln: Dem Versuch, einen Grabstein aus der DDR zu exportieren, und dem Einblick in ihre Stasi-Akte. Auch noch 10 Jahre nach ihrer Flucht haben sich Stasi-Spitzel und MfS-Offiziere um Einschätzungen und Personenbeschreibungen in „mieser Prosa“ bemüht.

Daran schließen sich Interviews mit fünf „Flüchtlingen, Freigekauften, Festgehaltenen“ über deren Kindheit in der DDR an. Christine Brinck vermag einfühlsam zu fragen und bringt die Interviewten dazu, sich zu erinnern.

Das Bändchen wird beschlossen mit einem Augenzeugenbericht vom Streik Greifswalder Medizinstudenten 1955 und einem Kommentar der Verfasserin zu aktuellen ostdeutschen Befindlichkeiten.

Man muss das Buch immer wieder aus der Hand legen, so wuchtig kommen manche Sätze an. Dabei lesen sie sich, wie Louis Begley im Klappentext zitiert wird, „unaufgeregt“, sachlich, fast beiläufig.

Aus den Interviews:

„Wirklich unbeschwert war die Kindheit in der DDR nicht, ….“

„Die Schule war ein Ort des Verstellens.“

„Wir konnten lügen und uns verstellen, den Lehrern nach dem Mund reden und doch unschuldige Fragen stellen, in die wir unser Wissen aus dem Westradio unauffällig einbauten. Mal sehen, ob der Lehrer sich verhedderte, …“

„Von Kindern von Funktionären, Parteimitgliedern oder Ähnlichem hielt man sich fern. Wir hatten eine Mitschülerin in der Klasse, die hübsch und intelligent war und doch nie wusste, warum wir uns von ihr fernhielten.“

„An meinem Unterricht zu „Effi Briest“ bemängelten sie, dass ich die Rolle der Unterdrückten, der Vertreterin des vierten Standes, also die des Kindermädchens Roswitha, nicht genug herausgearbeitet hatte. An meinem Englischunterricht zum Thema „Camping“ vermissten sie einen Verweis auf die Vorzüge von FDGB-Ferienplätzen an der Ostsee.“

„An der Oberschule nahm meine Wahrnehmung der Ungereimtheiten zu. Wieso trugen die Kinder von Funktionären auch nach dem Mauerbau Westklamotten? Wieso sperrten sie die Grenze und holen sich doch Westklamotten?“

„(Den) Schmerz über die Teilung des Landes, den fühlten nicht nur Erwachsene, sondern auch viele Kinder in der DDR…. Ich habe diesen Schmerz auch bei vielen anderen Flüchtlingskindern beobachtet.“

Nicht zuletzt wird der Blick auf die 50er Jahre durch diese Interviews geschärft. Werden doch inzwischen gerade die Anfangsjahre der Diktatur als die Zeit des begeisterten Aufbruchs, des Aufbaus einer besseren Gesellschaft, als die besten Jahre gepriesen.

Erinnerung lässt sich nicht vertreiben und nicht vernebeln. Wir sehen das gerade beim Auswärtigen Amt. Wie schön, dass uns Christine Brinck ihre Berichte nicht länger vorenthalten hat.

Weitere Lesetipps zum Thema

Die DDR lebt (6): Max-Dortu-Schule Potsdam

Wenn man dem PNN-Kommentator Jörg Schönbohm vertrauen darf (17.7.2010), hat sich folgendes zugetragen:

Die Potsdamer Max-Dortu-Grundschule feiert ihr 150jähriges Bestehen mit einer „Revue“:

FDJ-Lieder, das Altpapierlied und „Sag´mir, wo Du stehst!“ werden von Klassen in Thälmann-Pionieruniformen gesungen.

Die Brandenburg-Hymne, in der DDR verboten, seit 20 Jahren aber das Lied des wieder gegründeten Landes Brandenburg, fehlt dagegen.

Für die Lehrerin, die die Revue einstudiert, muss die neue Zeit schrecklich sein. Sie wird zitiert: Der Russischunterricht wurde abgeschafft, die FDJ und die Pioniere, die kostenlosen Schulbücher und die Schulspeisung. Aber das Gute komme wieder: Seit 9 Monaten regiere die Nachfolgepartei der SED.

Wen wundert es da noch, dass die Max-Dortu-Schule vor fünf Jahren eine Schuluniform eingeführt hat?

25% der Potsdamer Grundschüler/innen besuchen Privatschulen. Kein Wunder!

Leninbüste im Stadtpark Potsdam. Jetzt neu:  Sichtachse zur Straße!   Ob  die Dortuschüler/innen hier einen Kranz niedergelegt haben, ist nicht        bekannt.                                                                

N.B.:  Wer den Rückgang der DDR-Postings bedauert: Ich komme zwar mit dem DDR-Webquest nicht so recht weiter, kommentiere aber gelegentlich in jenem Blog den ostdeutschen clash of civilizations, z. B. die Mythenpflege in Wissenschaft und Publizistik.

Die neue Lieferung zu „Die DDR lebt“ steht also im Blog Ampelmännchen und Todesschüsse

 

Update 19.4.2014: Dieser Beitrag wird seit vier Jahren beständig aufgerufen, warum auch immer.

2010 sah ich das Geschehen noch als bedauerlichen Ausrutscher an. Aber inzwischen wächst bei mir die Erkenntnis, dass die Sehnsucht nach der heilen, kuscheligen, seid-nett-zueinander DDR mit wachsendem Abstand größer wird.

Der Tag scheint nicht mehr fern, an dem es Vereine geben wird, die die DDR nachspielen werden, so wie es Gruppen gibt, die die Welt der Steinzeitmenschen, der Indianer, die Völkerschlacht nachspielen, die – gerne in England – in Naziuniformen Partys feiern. (Wenn es dabei bliebe, wäre das noch auszuhalten.)

Im Potsdamer Nikolaisaal wurde jetzt das Ostrock-Musical „Über sieben Brücken“ gegeben. Wenig Begeisterung wecken beim MAZ-Rezensenten Handlung und stimmliches Talent der Schauspieler/-innen. Das hinderte das Publikum im randvollen Saal nicht, frenetisch zu feiern: „Rhythmisches Klatschen, stehende Ovationen“ lautet die MAZ-Schlagzeile.

Nicht zutreffend ist, dass im Saal die freie alternative Republik Potsdam ausgerufen und Putin gebeten wurde, mit Tarnanzügen, Gesichtsmasken und Kalaschnikows den Kampf gegen CIA, Wallstreet und die Reichen in Potsdam zu unterstüzen.

Lesetipp: Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst

Dreimal konnte ich schon Joachim Gauck erleben, zu unterschiedlichen Themen und vor unterschiedlichem Publikum. Es war jedes Mal beeindruckend, ihn zu hören.

Daher war es klar, dass ich seine Biographie kaufe. Er erzählte auf einer Veranstaltung, wie schwer ihm gefallen sei, dieses Buch zu schreiben, sich zu erinnern, besonders, wenn es um seine Familie, seine Kinder geht. Man sieht ihm an, dass es ihn auch heute noch bewegt.

Die Schilderung der Jahre in der DDR, die Trennung von seinen erwachsenen Kindern, die in den Westen ausreisten, die Bespitzelung durch Jugendliche, die die Stasi auf ihn ansetzte, die Demütigung seiner Kinder durch ihre Lehrer, das ist so entsetzlich.

Noch aufregender sind für mich, das muss ich zugeben, die Kapitel zu den Ereignissen nach der Revolution, seine Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Der spätere Streit um die Bewertung der DDR – Unrechtsstaat, Konsensdiktatur, Überebewertung der Opferperspektive – entzündete sich schon an seiner Behörde.

Das m. E. vorläufige Ende der Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Schlussstrich-Forderungen, die Versöhnung mit den Tätern, wie sie Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck betreibt, das hat seine Vorgeschichte und wird bei Gauck nachvollziehbar:

Die linksliberalen und sozialdemokratischen westdeutschen Milieus der 80er und 90er Jahre waren Wegbereiter für die heutige Weichzeichnung der DDR: Die Weigerung, den totalitären Kommunismus zu erkennen, die Weigerung Brandts, sich mit Lech Walesa zu treffen oder die Weigerung der SPD und der Grünen, Kontakte zu den Bürgerrechtlern statt der Männerfreundschaften zu Krenz und Honecker zu pflegen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieselben, die dem Ministerpräsidenten Filbinger seinen treuherzigen (und juristisch durchaus begründbaren) Satz, dass das, was damals (in der NS-Zeit) Recht war, heute nicht Unrecht sein könne, unbarmherzig um die Ohren schlugen, genau dies bei der Beurteilung der DDR einfordern. Das trifft sich mit der in Ostdeutschland verbreiteten Sicht, dass, wie beim Führer, auch in der DDR nicht alles schlecht war,. Auch will  man in Ruhe gelassen werden. Die Mitläufer und die Täter können sich nicht der Selbstkritik unterziehen.

Gauck schreibt treffend:  „Als Herrenmenschen hatten viele Stasi-Offiziere, wie übrigens auch eine Menge von SED-Führungskadern, schon in der Diktatur gelernt, ihre Ellenbogen einzusetzen, was ihnen in der neuen offenen Gesellschaft bei Unternehmern aus dem Westen Vorteile verschaffte. Ihre einstigen Opfer sind dagegen nicht selten traumatisiert, litten nach Jahren der Drangsalierung unter einem geringen Selbstwertgefühl und mussten ihnen oft den Vortritt lassen. Insofern lässt sich von einer gewissen Kontinuität der Eliten sprechen, …“ (p 282)

Dass der schillernde Potsdamer CDU-Politiker und letzte DDR-Innenminister Diestel ihm eine IM-Tätigkeit anhängen wollte, sei noch am Rande erwähnt.

DDR-Mythen: Der Zauber des Anfangs

Mythen über die DDR haben Konjunktur. Richard Schröder bemerkte unlängst, dass es die DDR, von der heute manche schwärmen, nie gegeben hat.

Ein Mythos, der bisher eher am Rande stand, wird von Carsten-Uwe Heye anlässlich seiner Buch-Präsentation „Wir wollten ein anderes Land“ über die Familie der kommunistischen Potsdamer Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke in Interviews mit Potsdamer Zeitungen aufgewärmt.

Er redet dem Mythos von der unbefleckten Gründungszeit der DDR das Wort. Man dürfe die DDR nicht von ihrem schäbigen Ende her erklären, sondern von ihrem Anfang. Von den „ehrlichen Idealen der Gründergeneration“ spricht er.  Dabei verklärt er gerade die Zeit der angeblich guten, alten DDR, die am brutalsten war.

Es sei daran erinnert: Die Konzentrationslager der Nazis wurden von den Sowjets bis in die 50er Jahre weiter genutzt. Angeblich nur, um Nazis einzusperren. Das weiß man inzwischen besser. Die SPD wurde „vereinigt“: Sozialdemokraten kamen ins Zuchthaus. Wer von demokratischem Sozialismus sprach, machte sich strafbar.

Wer war die angeblich so idealistische Gründergeneration? Das waren die, die die mörderischen Säuberungsaktionen Stalins Ende der 30er Jahre, die fast völlige Liquidierung der ausländischen Kommunisten, dadurch überlebt haben, dass sie ihren Genossen im Nachbarzimmer denunzierten.

„Es muss demokratisch aussehen“ war die Parole für ihren Teil Deutschlands. Die SED-Justiz schickte in den Gründerjahren ihre Opfer im Güterwagen(!) in den GULaG. Erinnert sei an Frau Mehlhemmer aus Werder, die von Mitbürgerinnen und -bürgern denunziert wurde, oder an den Potsdamer Kommunalpolitiker Köhler, der zusammen mit seiner Ehefrau in Moskau erschossen wurde.

„Man darf die DDR nicht von ihrem schäbigen Ende her erklären, sondern von ihrem Anfang.“ Herr Heye hat recht. Aber anders als er es meint.