Schlagwort-Archive: Bertelsmann-Stiftung

Eine nationale Schulbibliothekskonferenz?

Seit fast 30 Jahren organisieren wir in Hessen Schulbibliothekstage (Genau genommen organisiert sie seit Jahren Hans Günther Brée.) Ich stehe nicht allein mit dem Urteil, dass sie eine hervorragende Einrichtung geworden sind, die weit über Hessen hinaus Beachtung findet und – worüber wir uns freuen – Nachahmung in anderen Bundesländern. Seit vielen Jahren fragen wir uns und werden auch gefragt, ob es nicht eine Bundes-Schulbibliothekstagung geben sollte. Wir Hessen fühlen uns dazu nicht berufen, auch wenn ich zugebe, dass es uns manchmal „gejuckt“ hat, auch hier zu zeigen, wie es geht. Wir haben uns dafür entschieden, nicht aktiv zu werden. Das hat mehrere Gründe: Weiterlesen

Hobbypädagogen

Man kann es ständig wiederholen, es bleibt ohne bildungspolitische Konsequenzen: Schulstrukturänderungen wie Ganztagsschule, Gesamtschule, längeres gemeinsames Lernen, zweigliedriges statt dreigliedrigem Schulsystem beeinflussen den Schulerfolg, nicht zuletzt den von Migrant/-innenkindern, nicht. Die Qualität des Unterrichts macht es, die Kompetenz des Lehrpersonals.

In der FAZ von heute sagt das der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer (S. 7, „Auf die Qualität des Unterrichts kommt es an“). Anlass seines Beitrags ist die Ganztagsstudie der Bertelsmann-Stiftung von Prof. Dr. Klieme u. a. Hier würde wieder einmal behauptet, aber nicht nachgewiesen, dass Kinder aus bildungsfernen Milieus in einer Ganztagsschule besser gefördert würden. Aber Kinder aus bildungsnahen Milieus würden die Ganztagsschule besser nutzen. Die wahre Kernbotschaft der Studie sei allerdings: Es komme auf die Qualität des Unterrichts an.

Bei Prof. Zierer lese ich den vernichtenden Satz „Es gibt Lehrer, die dreißig, vierzig Jahre unterrichten und noch immer nicht über das Niveau eines Hobbypädagogen hinausgekommen sind.“

Fließbandforschung

Brötchen und Autos werden am Fließband produziert. Schulstudien scheinbar auch.

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I untersucht und kommt zu dem für sie überraschenden Ergebnis, dass es mehr Abstufungen als Aufstufungen gibt. Kein Wunder und von jedem Praktiker zu bestätigen: Wer in 5, gegen die Empfehlung der Schule, im Gymnasium einsteigt, läuft Gefahr, absteigen zu müssen. Das kommt nicht selten vor. Die Sekundarstufe I ist daher ein Verschiebebahnhof mit all seinen Nachteilen für stetiges Lernen in stabilen Sozialgruppen.

Was Bertelsmann nicht erforscht hat: Wie viele Schüler/-innen nach Klasse 9 und 10 weitergehen und höhere Schulabschlüsse anstreben.

Brandneu: Soziale Herkunft und Schulerfolg hängen irgendwie zusammen

In einem Interview wird der Bildungsökonom und Nobelpreisträger James Heckman gefragt: „Manche sagen, vor allem brauchen arme Familien mehr Geld.“ „Nein, so geht es nicht…“ „Worum geht es dann?“ „Das sehen Sie hier in Chicago: Hier gibt es ein Wohnungsprojekt in einer armen Gegend, in denen (sic!) Kinder unter miserablen äußeren Bedingungen aufwachsen. Aber die Mütter … haben auf ihre Kinder geachtet. Sie haben sie vor der Umgebung geschützt, sie in die Schule geschickt und ihnen geholfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Kinder haben sehr viel erreicht, obwohl sie unter schlechten Bedingungen aufgewachsen sind.“

Das ganze Interview „Die Eltern müssen in die Schule“ in: Frankf. Allg. Sonntagszeitung, 18.3.2012, p. 35

So viel zum „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung, in dem Altbekanntes in neuen Diagrammen gezeigt wird. Doch, das Folgende kann ich mir nicht verkneifen:

Brandenburg hat in den Diagrammen einen bundesdeutschen Spitzenplatz bei der Abiturientenquote und den Leseschwachen im 9. Schuljahr. Und einen Spitzenplatz wegen der niedrigen Sitzenbleiberquote. Wie das alles korreliert, wurde nicht untersucht. Könnte dies ein Hinweis sein?: „Benachteiligte Jugendliche im 9. Jahrgang erreichen 48 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche (Bundesdurchschnitt: 67 Kompetenzpunkte Unterschied). Ländervergleich: Spitzengruppe (Geringster Abstand im Vergleich der 16 Bundesländer).

Sachsen hat extrem wenig ausländische Mitbürger/-innen (3%), überdurchschnittlich viele Förderschüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. (Siehe dazu auch schon meine PISA-Anmerkungen!) Wegen seiner vielen Ganztagsschulen schneidet es in der sogenannten Kategorie „Integrationskraft“ aber gut ab. Die Quote der Abgänger ohne Abschluss ist höher als in Baden-Württemberg, das eine geringere Förderschülerquote und überdurchschnittlich viele Zuwanderer hat.

Als ich 1964 Abitur machte, gehörte ich zu den privilegierten 6% des Schülerjahrgangs. Ausweislich des Bertelsmann-Chancenspiegels liegt der Bundesdurchschnitt 2011 bei fast 50% eines Jahrgangs. Ist das eine zu wenig gewürdigte bildungspolitische Leistung? Man könnte wie in Frankreich ein berufliches Abitur vergeben, 12 Jahre gehen auch Berufsschüler in die Schule, nicht nur Gymnasiasten. So schafft Frankreich 70% Abiturienten. Hamburg schafft das Sitzenbleiben ab. Das sichert dem Bundesland einen Spitzenplatz in zukünftigen Rankingtabellen der Bildungsforscher/-innen.

Die Bertelsmann-Studie will festgestellt haben, dass die Spitzengruppe der Leistungsstarken zwischen 2006 und 2009 von 9.9.% auf 7,6%, also um mehr als 23%  gesunken ist.

Siehe u. a. auch:

Neues Bildungsranking: Deutscher Lernatlas der Bertelsmann-Stiftung

Die Bertelsmann-Stiftung hat über 30 Indikatoren aus den Bereichen Schulisches Lernen, Berufliches Lernen, Soziales Lernen (Stand des sozialen Engagements: Vereinsleben, Angebote für Jugendliche usw.) und Persönliches Lernen (Möglichkeiten für individuelle Weiterbildung, kulturelle Angebote usw.) für jeden deutschen Landkreis ausgewertet.

(Die PISA-Werte sind für alle Gebietskörperschaften eines Bundeslandes die Durchschnittswerte des jeweiligen Landes.)

Nicht überraschend: Berlin und Brandenburg auf den unteren Rängen.

Hier gehts zu Rankingspielen 2012

Killerphrasen 2

Wer hat etwas gegen Schulbibliotheken?

In Talkshows sind alle für Schulbibliotheken. Für die Medien ist die Schulbibliothek der Ort, an dem der Förderverein eine Spende überreicht oder der Vorlesewettbewerb stattfindet. Selten wird genauer informiert. Funktionäre von Bibliotheksverbänden sind ambivalent. Im Grunde präferieren sie die öffentlichen Bibliotheken als Lernorte für Schüler/-innen. So wie es ihnen die Bertelsmann-Stiftung ins Drehbuch geschrieben hatte. Wenn es irgendwo einmal eine Initiative für Schulbibliotheken gibt, springen sie aber auch gerne auf.

(Die Bertelsmann-Stiftung ist inzwischen ein gutes Stück weiter und propagiert wieder Schulbibliotheken!)

Schul- und Bildungsforscher haben und suchen keine verlässlichen Daten, geschweige denn Konzepte. Bildungspolitiker/-innen und kommunale Verwaltungsbeamte haben drängendere Schulprobleme zu lösen, aber wie immer (!) leere Kassen. Sie sind froh, wenn sie auf Kooperationsverträge zur „Zusammenarbeit von  öffentlicher Bibliothek und Schule verweisen können.

(In Potsdam gibt es 13.000.000 Mio für einen Uferweg, den die Stadtjuristen versäumten, im Grundbuch abzusichern, und 5000 € für Schulbibliotheken)

Um sich gegen Killerphrasen zu wappnen, haben Mitglieder der AG Schulbibliotheken in Berlin und Brandenburg (AGSBB) sich mit ihnen auseinandergesetzt.

 

Bertelsmannrepublik Deutschland

Die Konstruktion dieser Stiftung ist nach Meinung von Experten ein Grenzfall im Stiftungsrecht. In USA wäre sie nicht gemeinnützig.

Der Stiftung gehören mehr als Dreiviertel des Bertelsmann-Konzerns, das Sagen im Konzern hat aber eine GmbH, die von der Familie Mohn beherrscht wird. Der Konzern macht einen jährlichen Gewinn zwischen 500 Millionen und mehr als einer Milliarde. An den Konzernbesitzer Bertelsmann-Stiftung fließen davon 70 Mio. € jährlich.

Durch die Stiftungskonstruktion sparen die Familie Mohn und die Stiftung eine Menge Steuern.

Und die meisten Stiftungsprojekte (im Medien-, Hochschul-, Arbeitsmarktbereich) nutzen den in diesen Feldern aktiven Konzernbetrieben.

Das Buch zur Bertelsmann-Stiftung:

Besprechung bei Deutschlandradio

PISA und die Schulbibliotheken. Ein Nachruf

Als Lehrer und als Vater weiß ich: Man muss sich öfters wiederholen, wenn es hängen bleiben soll. Einmal sagen reicht nicht.

Hier ein weiteres Mal etwas zu „PISA und die Schulbibliotheken“. Allerdings auch zum  letzten Mal. (Habe ich mir fest vorgenommen.)

Leider hört auf mich keiner. Die Funktionäre des Bibliothekswesens schon gar nicht. Sie bedienen sich pädagogischen Vokabulars, ohne dabei immer den Wesenskern zu treffen. So war das schon beim „Spiralcurriculum“, so ist es bei PISA und bei Ganztagsschulen. Man bedient sich der Wörter, instrumentalisiert die Sache für seine Zwecke.

Das Interesse an Schule und Schulbibliothek hatten die Verbände verloren, als es im Gefolge Pichts und später des Bildungsratsgutachten nichts wurde mit 35000 Planstellen für Bibliothekare in Schulen.

Nun haben die Strategen der Bertelsmann-Stiftung vor einigen Jahren ein neues Drehbuch geschrieben, nach dem die öffentlichen Bibliotheken sich den Schulen als Bildungspartner anbieten sollen und früher oder später folgerichtig am Bildungshaushalt partizipieren sollen. Die Schulbibliothek steht dabei nicht mehr im Mittelpunkt. Daher findet man sie auch nicht oder nur als Beiwerk in Bibliotheksgesetzen und Kooperationsverträgen des dbv e.V. mit Landesregierungen. Für den Ausbau des Schulbibliothekswesens ist das fatal. Der Potsdamer Bibliotheksprofessor Hans Christoph Hobohm fordert denn auch bewundernswert klarsichtig „Schulbibliotheken statt Bibliotheksgesetzen“.

Argumentativ flankiert wird die „Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule“ und, falls unvermeidlich, die Forderung nach Schulbibliotheken, mit PISA. Nun sind Schulbibliotheken kein Topthema der Bildungspolitik. Daher schenkt man der tibetanischen Leier „Wegen PISA mehr Schulbibliotheken“ wenig Aufmerksamkeit. Zum Glück. Denn Sachsen und Thüringen sind bei PISA-E und Ländervergleichsstudie nicht besser geworden, weil sie in Schulbibliotheken investiert hätten. Zwischendurch hatte auch Brandenburg einmal in irgendeiner Untersuchung vorübergehend besser abgeschnitten, auch nicht dank des brandenburgischen Schulbibliothekswesens.

(Die Potsdamer Landesfachstelle glaubte, das Thema Schulbibliothek 2004 mit einer Protokollnotiz beerdigt zu haben. Man war sich mit einem Vertreter des Bildungsministeriums einig, vorrangig in die Kooperation Bibliothek und Schule zu „investieren“ und nicht in neue Schulbibliotheken.)

Südtirol hat vorbildliche Schulbibliotheken und schneidet bei PISA hervorragend ab  – besser sogar als Finnland. Die Wiesbadener Helene-Lange-Schule hatte das beste deutsche PISA-Ergebnis. Die charismatische ehemalige Direktorin Enja Riegel ist eine Gegnerin von Schulbibliotheken. (Sie fand, dass Schüler/innen draußen im Leben lernen sollten, also auch in die öB gehen sollten und nicht in die Schulbibliothek. Wir hatten Glück, dass sie nicht Kultusministerin oder Staatssekretärin wurde, was ihr Ziel war.) Auch die Gesamtschule an meinem früheren Wohnort sagte von sich, sie hätte ein hervorragendes PISA-Ergebnis und der „Focus“ zählte sie einmal zu den 100 besten deutschen Schulen. (Meine Tochter hatte den Schulleiter als Fachlehrer in einem Hauptfach. Nun ja, ein guter Schulleiter muss ja nicht auch ein guter Lehrer sein.) Auch diese Schule, als einzige im Landkreis, hatte keine Schulbibliothek. Erst jetzt, seit sie auf dem Weg zum Gymnasium ein gutes Stück weitergekommen ist, hat sie eine Oberstufenarbeitsbücherei – eben nur für Oberstufenschüler.

In Südtirol gibt es einige andere Faktoren, die sehr plausibel sind (soziokulturell, vor allem sprachlich homogene Bevölkerungsstruktur). Was meiner Bewunderung für das Schulbibliothekswesen im deutschsprachigen Südtirol keinen Abbruch tut.

Eine Erklärung für das gute Abschneiden gibt Rudolf Meraner vom Pädagogischen Institut Bozen: Die Lehrer würden von Anfang an mit einer heterogenen Gruppe von Schülern konfrontiert. Es sei kaum möglich, Schüler abzuschieben. Die Lehrer müssten mit allen Kindern arbeiten. Dies sei ein entscheidender Punkt, da die Lehrer herausfinden müssten, welche Lern-Settings sie anwenden, um weder zu über- noch zu unterfordern. (Quelle: „Der Standard„, Wien)

Im Falle Finnlands hat es sich wohl herumgesprochen, dass es keineswegs ein flächendeckendes hervorragendes Schulbibliothekswesen gibt, wenn auch gute öffentliche Bibliotheken. Dass ihre Schulen so gut bei PISA abschneiden, verwundert die Finnen. Wer es kann, schickt seine Kinder auf die deutsche Schule in Helsinki, die nach deutschen Lehrplänen unterrichtet und das deutsche Abitur vergibt.

Shanghai liegt in China und China gibt vergleichsweise sehr viel Geld für Lehrerbildung aus.

In Südkorea liefern Eltern manchmal die Hälfte ihres Einkommens in den 70000(!) Nachhilfeeinrichtungen ab, weil sie das staatliche Schulwesen für schlecht halten. Das beschränkt sich nicht nur auf die obere Mittelschicht. Südkorea ist nicht nur in Lesekompetenz führend, sondern auch in der Selbstmordrate von Jugendlichen. Die Geburtenrate nimmt ab, weil die jungen Ehepaare die hohen privaten Bildungsausgaben scheuen.

Wenn ich die Ergebnisse der USA-Studien („Colorado“ usw.), die einen Zusammenhang zwischen guten Schulbibliotheken und gutem Abschneiden in nationalen Tests belegen – zitiere, verweisen Kollegen unbeeindruckt auf das Abschneiden der USA bei PISA.

Bei den Erklärungsversuchen für gute Schülerleistungen tappen Forscher/innen und Bildungspolitiker/innen im Dunkeln. Und machen sich teilweise lächerlich. Die einen messen und vergleichen, vergleichen und messen, die anderen starten jeden Monat ein neues bildungspolitisches Projekt. Rührend hier im  Osten: Das angeblich gute Fundament der DDR-Schule für die Erfolge Thüringens und Sachsens anzuführen. Wo liegen eigentlich Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern?

Am überzeugendsten ist der Zusammenhang von Schulerfolg und Elternhaus.

Kurz gesagt, vergesst „PISA und die Schulbibliotheken“! Schulbibliotheken sind auch ohne die ständige Berufung auf PISA berechtigt, richtig und wichtig. Diese Sichtweise sollte man durch geeignete Projekte und Untersuchungen befördern. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Definition von Lesekompetenz bei PISA nicht unumstritten ist. Sie umfasst weit weniger als Leseforschung und Lehrpläne darunter verstehen.

Als die Bertelsmann-Stiftung Kultusministerien ihr millionenschweres Projekt „Zusammenarbeit Bibliothek und Schule“ vorstellte und Kooperation statt Kritik erwartete (Zwei Lehrer pro kooperierender Schule sollten regelmäßig – mehrere(?) Jahre – in einer Projektgruppe der Stadtbücherei mitarbeiten), plädierten die Vertreter Sachsens und Hessens vorsichtig für Projekte für Schulbibliotheken.

Das Ergebnis des Projektes: Hochglanzbroschüren, in denen „kreative“ Bibliotheksführungen und -rallyes vorgestellt wurden.

Der Fortschritt ist eine Schnecke: Bibliotheksführungen sind nicht alles

Im Newsletter der sba Frankfurt lese ich dies:

Die Bibliothek im Fachunterricht nutzen

Die Fortbildung der Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover findet am 9. März 2010 statt und wendet sich an Lehrkräfte und Bibliothekare in der Sekundarstufe I und II. Auch die besten Bibliothekseinführungen überzeugen viele SchülerInnen nicht davon, dass die Bibliothek der ideale Ort zum Erwerb von Fachwissen ist. Das liegt daran, dass Standardeinführungen die Besonderheiten von fachlichen Strukturen und fachtypischen Informationsquellen unberücksichtigt lassen und den Wissenszuwachs selbst kaum in den Blick nehmen. Der Schwerpunkt der Fortbildung liegt deshalb darin, Arbeitsschritte aufzuzeigen, die im Rahmen von bibliotheksgestütztem Fachunterricht in Klassen und Kursen umgesetzt werden können. Anmeldung unter: http://www.alf-hannover.de/anmeldung.php

Schmunzel, schmunzel!

Reden wir tumben Hessen nicht drüber, dass wir das  vor 20 Jahren schon so gesehen und solche Lehrgänge (1 Woche lang, nicht nur einen Nachmittag) durchgeführt haben: Die Schulbibliothek als innerschulischer Lernort, als Unterrichtsort.

Vertane Zeit, in der die Bertelsmann-Stiftung millionenschwere Projekte zur Verbesserung von Bibliotheksführungen finanzierte.

Aber besser spät als nie.

Dauert es dann nochmal 20 Jahre, damit man weiterhin erkennt, dass Unterricht in der Bibliothek nur dann realistisch ist, wenn man dazu nicht eine Exkursion  in eine öffentliche Bibliothek planen muss, die den Stundenplan durcheinanderbringt, Vertretungsunterricht erfordert und dreifachen Personalaufwand? (Die Öffnungszeiten der öB. nicht vergessen!)

Neuer Kurs für Medienpartnerschaft Bibliothek und Schule?

In Nordrhein-Westfalen spricht die Bertelsmann-Stiftung in der Bildungspolitik ein Wort mit. Weniger vorsichtig ausgedrückt: Was in Gütersloh ausgedacht wird, setzt die Landesregierung um. So war das auch mit der Medienpartnerschaft „Bibliothek und Schule“. Wenigstens einen neuen Namen durfte das Land kreieren: „NRW-Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule“.

Entsprechend der Reihenfolge im Projektnamen ging es vor allem um eine Aufgabenverlagerung von der Schule in die öffentliche Bibliothek und deren Stärkung durch Haushaltsmittel aus dem Kultushaushalt. Schulträger erhielten die frohe Botschaft, dass sie die Schulbibliothek einsparen könnten. So las es sich in den Bertelsmann-Broschüren, so verkündeten es Schulbibliotheksexperten(!) auf Tagungen.

Siehe im Blog hier und hier!

Jetzt legt der Landtag in Düsselsdorf ein Papier vor: „Das öffentliche Bibliothekswesen in NRW“ .

Darin geht es neben einer Bestandsaufnahme um die zukünftige Entwicklung. Die öffentlichen Bibliotheken sollen kundenorientierter werden, mit längeren Öffnungszeiten und mehr Service. Sie sollen Lernort für Erwachsene werden, mit Gruppenarbeitsräumen, individuellen, ungestörten Arbeits- und Leseplätzen u.a.m. Sie sollen für Erwachsene das werden, was gute Schulbibliotheken weltweit für Schüler/innen sind: Lern-, Kultur- und Kommunikationszentren.

Noch einmal wird bekräftigt, dass das Bildunspartnerschaftsprojekt ein voller Erfolg war:  Es werde in 100 Kommunen „nachhaltig“ umgesetzt. Die Projektergebnisse seien bibliothekarisches Standardwissen (p 5).

Auf Seite 9 geht es wieder um Schule:

Die Ganztagsschule mache die „bibliothekarische Versorgung“ innerhalb der Schule immer wichtiger. Auch für die Gestaltung der freien Zeiten zwischen dem Unterricht sei eine Bibliothek in der Schule wichtig.
Es müssten also neue Formen der Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Bibliothek und Schulbibliothek(!) entwickelt werden.

Man kann wieder über Schulbibliotheken reden. Vielleicht wird sogar die Stiftung mit einem neuen Projekt (wieder) Vorkämpferin für Schulbibliotheken werden?

Lieber NRW-Landtagspräsident, schicke das Papier doch bitte an den hessischen dbv-Landesvorsitzenden und CDU-Landtagsabgeordneten Lenz. Uns hat er es ja nie geglaubt. Und auch an Ministerpräsident Platzeck in Brandenburg, der der Ansicht ist, Kooperationsverträge erübrigten ein Schulbibliothekswesen.

Der URL zum Dokument.

NRW Kongress Lesen.Lernen

Das von der Bertelsmann-Stiftung angeregte NRW-Projekt „Bildungspartner NRW Bibliothek und Schule“ hat die Dokumentation seines Kongresses vom November 2007 ins Netz gestellt. (Den Hinweis verdanke ich Karsten Schuldt.) Das eine oder andere Lesenswerte für Schulbibliotheksmenschen ist sicher dabei, auch wenn, wie bei der Stiftung inzwischen üblich, das Wort Schulbibliothek so gut wie nicht mehr vorkommt. (Vorsicht: Es kommt vor, aber es handelt sich fast ausschließlich um Links, darunter auch zur LAG Schulbibliotheken!)

Letztlich aber, wie schon beim Vorgängerprojekt „Schule und öffentliche Bibliothek“ und den Vorvorgängerprojekten (Ich finde gerade keinen Link, aber es gibt eine Fülle von Publikationen zum Thema Bildungspartnerschaft bei der Stiftung und der NRW-Landesregierung.), ist es verblüffend, unbefriedigend und ärgerlich:

Was da von Professoren, Medienberatern, Staatssekretären in Hochglanzbroschüren vorgestellt wird, sind Sachen, die es schon lange gibt: Bücherkisten, Bibliotheksführungen, Lesenächte. Sie heißen jetzt etwas flotter: Medienkiste, Bibliotheksrallye. Wenn alles über die Schuljahre verteilt gemacht wird, heißt es Spiralcurriculum. Und wissenschaftliches Begleitmaterial (Umfragen zu Nutzerverhalten, Kundenorientierung, Vorher-nachher-Messungen) wird mitgeliefert.

Sehen wir es positiv: Erst wenn die Sache durch diese Vernetzungsprojekte geadelt ist, wird sie in der Öffentlichkeit und bei den „Entscheidungsträgern“ wahrgenommen.

Jedenfalls haben wir in Hessen in den letzten 20 Jahren nichts falsch gemacht: Die exzellente Autorin und Leseförderexpertin Gudrun Sulzenbacher wurde zu dem Kongress eingeladen. Bei der LAG in Hessen war sie schon oft.

Man kann von Glück sagen, dass Lesenacht und Medienkiste in Gütersloh nicht zum Patent angemeldet wurden.

Dennoch, nicht „Zusammenarbeit Schule und Bibliothek“ sollte es heißen, sondern „Zusammenarbeit Schulbibliothek und öffentliche Bibliothek“. Die Unternehmensberater des Bibliothekswesens, die mit jenem Titel eine Marketing-Strategie erfunden haben, die Kundenzahlen, Ausleihkennziffern und die Finanzierung öffentlicher Bibliotheken verbessern soll, überheben sich und überfordern die Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Der Tanker Schulwesen mit 11 Millionen Schülerinnen und Schülern, 800.000 Lehrerinnen und Lehrern, 500.000 Schulklassen und 35.000 Schulen soll über Kooperationsverträge zur Bildungspartnerschaft mit nicht ganz 2000 hauptamtlich geleiteten öffentlichen Bibliotheken gewonnen werden. Lassen wir die Zahlen sprechen… Den Rest besorgen die Bibliotheksdezernenten der Städte und Gemeinden, wenn Ihnen und ihren Juristen verbindliche Kooperationsverträge vorgelegt werden.

Die Schulen dürsten nach Schulbibliotheksinformationen, das erfahren die LAG-Schulbibliotheksberater tagtäglich, die Anfragen kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Wir freuen uns, dass unsere Idee eines regelmäßigen Schulbibliothekskongresses in anderen Bundesländern aufgegriffen wird, dass es mehr Landeslizenzen für Katalogsoftware gibt.

Wir brauchen die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Bibliotheken, wir brauchen schulbibliothekarische Arbeitsstellen in Stadtbibliotheken und Kreis-Medienzentren. Wir brauchen dort und in großen Schulbibliotheken Diplom-Bibliothekare und -Bibliothekarinnen mit schulpädagogischen Kompetenzen.

Was wir nicht brauchen, sind Lobbyisten, die von Wildwuchs reden, wenn sie Schulbibliotheken in Deutschland meinen.