Schlagwort-Archive: Bertelsmann-Stiftung

Eine nationale Schulbibliothekskonferenz?

Seit fast 30 Jahren organisieren wir in Hessen Schulbibliothekstage (Genau genommen organisiert sie seit Jahren Hans Günther Brée.) Ich stehe nicht allein mit dem Urteil, dass sie eine hervorragende Einrichtung geworden sind, die weit über Hessen hinaus Beachtung findet und – worüber wir uns freuen – Nachahmung in anderen Bundesländern. Seit vielen Jahren fragen wir uns und werden auch gefragt, ob es nicht eine Bundes-Schulbibliothekstagung geben sollte. Wir Hessen fühlen uns dazu nicht berufen, auch wenn ich zugebe, dass es uns manchmal „gejuckt“ hat, auch hier zu zeigen, wie es geht. Wir haben uns dafür entschieden, nicht aktiv zu werden. Das hat mehrere Gründe: Weiterlesen

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Hobbypädagogen

Man kann es ständig wiederholen, es bleibt ohne bildungspolitische Konsequenzen: Schulstrukturänderungen wie Ganztagsschule, Gesamtschule, längeres gemeinsames Lernen, zweigliedriges statt dreigliedrigem Schulsystem beeinflussen den Schulerfolg, nicht zuletzt den von Migrant/-innenkindern, nicht. Die Qualität des Unterrichts macht es, die Kompetenz des Lehrpersonals.

In der FAZ von heute sagt das der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer (S. 7, „Auf die Qualität des Unterrichts kommt es an“). Anlass seines Beitrags ist die Ganztagsstudie der Bertelsmann-Stiftung von Prof. Dr. Klieme u. a. Hier würde wieder einmal behauptet, aber nicht nachgewiesen, dass Kinder aus bildungsfernen Milieus in einer Ganztagsschule besser gefördert würden. Aber Kinder aus bildungsnahen Milieus würden die Ganztagsschule besser nutzen. Die wahre Kernbotschaft der Studie sei allerdings: Es komme auf die Qualität des Unterrichts an.

Bei Prof. Zierer lese ich den vernichtenden Satz „Es gibt Lehrer, die dreißig, vierzig Jahre unterrichten und noch immer nicht über das Niveau eines Hobbypädagogen hinausgekommen sind.“

Fließbandforschung

Brötchen und Autos werden am Fließband produziert. Schulstudien scheinbar auch.

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I untersucht und kommt zu dem für sie überraschenden Ergebnis, dass es mehr Abstufungen als Aufstufungen gibt. Kein Wunder und von jedem Praktiker zu bestätigen: Wer in 5, gegen die Empfehlung der Schule, im Gymnasium einsteigt, läuft Gefahr, absteigen zu müssen. Das kommt nicht selten vor. Die Sekundarstufe I ist daher ein Verschiebebahnhof mit all seinen Nachteilen für stetiges Lernen in stabilen Sozialgruppen.

Was Bertelsmann nicht erforscht hat: Wie viele Schüler/-innen nach Klasse 9 und 10 weitergehen und höhere Schulabschlüsse anstreben.

Brandneu: Soziale Herkunft und Schulerfolg hängen irgendwie zusammen

In einem Interview wird der Bildungsökonom und Nobelpreisträger James Heckman gefragt: „Manche sagen, vor allem brauchen arme Familien mehr Geld.“ „Nein, so geht es nicht…“ „Worum geht es dann?“ „Das sehen Sie hier in Chicago: Hier gibt es ein Wohnungsprojekt in einer armen Gegend, in denen (sic!) Kinder unter miserablen äußeren Bedingungen aufwachsen. Aber die Mütter … haben auf ihre Kinder geachtet. Sie haben sie vor der Umgebung geschützt, sie in die Schule geschickt und ihnen geholfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Kinder haben sehr viel erreicht, obwohl sie unter schlechten Bedingungen aufgewachsen sind.“

Das ganze Interview „Die Eltern müssen in die Schule“ in: Frankf. Allg. Sonntagszeitung, 18.3.2012, p. 35

So viel zum „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung, in dem Altbekanntes in neuen Diagrammen gezeigt wird. Doch, das Folgende kann ich mir nicht verkneifen:

Brandenburg hat in den Diagrammen einen bundesdeutschen Spitzenplatz bei der Abiturientenquote und den Leseschwachen im 9. Schuljahr. Und einen Spitzenplatz wegen der niedrigen Sitzenbleiberquote. Wie das alles korreliert, wurde nicht untersucht. Könnte dies ein Hinweis sein?: „Benachteiligte Jugendliche im 9. Jahrgang erreichen 48 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche (Bundesdurchschnitt: 67 Kompetenzpunkte Unterschied). Ländervergleich: Spitzengruppe (Geringster Abstand im Vergleich der 16 Bundesländer).

Sachsen hat extrem wenig ausländische Mitbürger/-innen (3%), überdurchschnittlich viele Förderschüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. (Siehe dazu auch schon meine PISA-Anmerkungen!) Wegen seiner vielen Ganztagsschulen schneidet es in der sogenannten Kategorie „Integrationskraft“ aber gut ab. Die Quote der Abgänger ohne Abschluss ist höher als in Baden-Württemberg, das eine geringere Förderschülerquote und überdurchschnittlich viele Zuwanderer hat.

Als ich 1964 Abitur machte, gehörte ich zu den privilegierten 6% des Schülerjahrgangs. Ausweislich des Bertelsmann-Chancenspiegels liegt der Bundesdurchschnitt 2011 bei fast 50% eines Jahrgangs. Ist das eine zu wenig gewürdigte bildungspolitische Leistung? Man könnte wie in Frankreich ein berufliches Abitur vergeben, 12 Jahre gehen auch Berufsschüler in die Schule, nicht nur Gymnasiasten. So schafft Frankreich 70% Abiturienten. Hamburg schafft das Sitzenbleiben ab. Das sichert dem Bundesland einen Spitzenplatz in zukünftigen Rankingtabellen der Bildungsforscher/-innen.

Die Bertelsmann-Studie will festgestellt haben, dass die Spitzengruppe der Leistungsstarken zwischen 2006 und 2009 von 9.9.% auf 7,6%, also um mehr als 23%  gesunken ist.

Siehe u. a. auch:

Neues Bildungsranking: Deutscher Lernatlas der Bertelsmann-Stiftung

Die Bertelsmann-Stiftung hat über 30 Indikatoren aus den Bereichen Schulisches Lernen, Berufliches Lernen, Soziales Lernen (Stand des sozialen Engagements: Vereinsleben, Angebote für Jugendliche usw.) und Persönliches Lernen (Möglichkeiten für individuelle Weiterbildung, kulturelle Angebote usw.) für jeden deutschen Landkreis ausgewertet.

(Die PISA-Werte sind für alle Gebietskörperschaften eines Bundeslandes die Durchschnittswerte des jeweiligen Landes.)

Nicht überraschend: Berlin und Brandenburg auf den unteren Rängen.

Hier gehts zu Rankingspielen 2012

Killerphrasen 2

Wer hat etwas gegen Schulbibliotheken?

In Talkshows sind alle für Schulbibliotheken. Für die Medien ist die Schulbibliothek der Ort, an dem der Förderverein eine Spende überreicht oder der Vorlesewettbewerb stattfindet. Selten wird genauer informiert. Funktionäre von Bibliotheksverbänden sind ambivalent. Im Grunde präferieren sie die öffentlichen Bibliotheken als Lernorte für Schüler/-innen. So wie es ihnen die Bertelsmann-Stiftung ins Drehbuch geschrieben hatte. Wenn es irgendwo einmal eine Initiative für Schulbibliotheken gibt, springen sie aber auch gerne auf.

(Die Bertelsmann-Stiftung ist inzwischen ein gutes Stück weiter und propagiert wieder Schulbibliotheken!)

Schul- und Bildungsforscher haben und suchen keine verlässlichen Daten, geschweige denn Konzepte. Bildungspolitiker/-innen und kommunale Verwaltungsbeamte haben drängendere Schulprobleme zu lösen, aber wie immer (!) leere Kassen. Sie sind froh, wenn sie auf Kooperationsverträge zur „Zusammenarbeit von  öffentlicher Bibliothek und Schule verweisen können.

(In Potsdam gibt es 13.000.000 Mio für einen Uferweg, den die Stadtjuristen versäumten, im Grundbuch abzusichern, und 5000 € für Schulbibliotheken)

Um sich gegen Killerphrasen zu wappnen, haben Mitglieder der AG Schulbibliotheken in Berlin und Brandenburg (AGSBB) sich mit ihnen auseinandergesetzt.

 

Bertelsmannrepublik Deutschland

Die Konstruktion dieser Stiftung ist nach Meinung von Experten ein Grenzfall im Stiftungsrecht. In USA wäre sie nicht gemeinnützig.

Der Stiftung gehören mehr als Dreiviertel des Bertelsmann-Konzerns, das Sagen im Konzern hat aber eine GmbH, die von der Familie Mohn beherrscht wird. Der Konzern macht einen jährlichen Gewinn zwischen 500 Millionen und mehr als einer Milliarde. An den Konzernbesitzer Bertelsmann-Stiftung fließen davon 70 Mio. € jährlich.

Durch die Stiftungskonstruktion sparen die Familie Mohn und die Stiftung eine Menge Steuern.

Und die meisten Stiftungsprojekte (im Medien-, Hochschul-, Arbeitsmarktbereich) nutzen den in diesen Feldern aktiven Konzernbetrieben.

Das Buch zur Bertelsmann-Stiftung:

Besprechung bei Deutschlandradio