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Philologenverband warnt vor Überakademisierung

Besorgnis über die drohende Fehlsteuerung des deutschen Bildungssystems treibt den Deutschen Philologenverband um:

„Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik mehr Neueinschreibungen an Hochschulen (500 000) als neue Ausbildungsverträge (482 000) zu verzeichnen waren, hat der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, vor einer drohenden Fehlsteuerung des deutschen Bildungswesens gewarnt. Diese Fehlsteuerung werde dramatische Auswirkungen auf die künftigen Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen und Hochschulabsolventen, die Qualität von Schulen und Hochschulen, die Zukunft der weltweit hochgelobten dualen Ausbildung und damit das Wirtschaftswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands generell haben, betonte der Verbandsvorsitzende in Berlin.

In diesem Zusammenhang kritisierte Meidinger heftig die Kampagne der OECD für eine „100-Prozent-Akademiker-Gesellschaft“.Der DPhV-Vorsitzende verwies darauf, dass nach aktuellen Studien bereits jetzt ein Drittel der Hochschulabsolventen in nichttechnischen und nicht wirtschaftsnahen Fächern keine dem erworbenen Abschluss entsprechend adäquat bezahlte Stelle auf dem Arbeitsmarkt finde. Während Bildungsökonomen den volkswirtschaftlichen Schaden durch fehlende Ingenieure auf Euro und Dollar ausgerechnet hätten, vermisse man eine entsprechende Berechnung für die jedes Jahr größer werdende Bedarfslücke im Bereich von Facharbeiterinnen und Facharbeitern.“

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OECD: Deutsches Schulwesen seit 40 Jahren mangelhaft

Der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin hat sich – in der FAZ v. 12.4.12, p 6 – den ersten Bildungsbericht der OECD zum deutschen Schulwesen aus dem Jahr 1973 angeschaut. Das deutsche Bildungswesen wäre ineffektiv, ungerecht und unzeitgemäß, liest er dort. Die Vorschläge von 1973: Einheitlichkeit statt vieler Schultypen, Durchlässigkeit, Kompetenzen statt Fachwissen, längeres gemeinsames Lernen, auf lebenslanges Lernen vorbereiten, um das wirtschaftliche Wachstum zu erhalten.

Man liest es mit offenem Mund: Seit 40 Jahren kommen die OECD-Forscher zum selben Ergebnis: Deutsches Schulwesen mangelhaft!

Wieso sind weder das Schulwesen noch die deutsche Wirtschaft in diesen 40 Jahren kollabiert?

Prof. Ladenthin konstatiert: Wenn man ein Fieberthermometer ins Badewasser hält, in ein Roastbeef steckt oder einem Patienten in den Mund: Irgendeine Temperatur wird immer angezeigt. Über Qualität und Eigenheit des Gemessenen erführe man nicht viel. So sei es auch bei der OECD-Bildungsforschung.

Nachtrag 12.9.12: Die OECD-Wissenschaftler/-innen polemisieren weiter: Eine ihrer Kennziffern ist, dass der Schul-/Berufsabschluss der Kinder höher als der der Eltern sein muss. Wenn der Vater Gymnasiallehrer ist, der Sohn Hochschullehrer wird und dessen Tochter Pferdewirtin, ist das nachteilig für das Bildungsranking Deutschlands. Wenn alle Eltern Professoren sind, kann Deutschland im Bildungsmonitoring nur noch absteigen, oder? Auch die Studienanfängerquote liegt mit 42% alarmierend niedrig, anderswo liegt sie bei 62%.

Vielleicht sollte man die duale Berufsausbildung in die Unis verlagern. So ungefähr hat das eine deutsche OECD-Expertin in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk vorgeschlagen. Gefragt, wie man denn all die Akademiker in die Berufswelt, in der man händeringend Facharbeiter sucht, einschleusen will, meinte sie ungerührt, dann müsste eben die Universität auf die Berufspraxis vorbereiten.

Nachtrag 27.02.13: Das duale Ausbildungswesen ist zum Exportschlager geworden: Spanien, Schweden, Italien, Brasilien führen es ein. Präsident Obama lobt es. Die deutschen Experten befürchten jetzt, dass es in manchen Ländern zu schnell geht oder die Voraussetzungen nicht vorhanden sind und so das System in Misskredit geraten könne.

Nachtrag 27.3.14: Der Bildungsforscher Rainer Bölling setzt sich kritisch mit den Statistiken der OECD auseinander: „Was sind Bildungsstatistiken der OECD wert?“, FAZ v. 27.3.14, p 6. Oft würden Äpfel mit Birnen verglichen. Der amerikanische Highschoolabschluss wurde fünzig Jahre lang z. B. mit dem deutschen Abitur verglichen.  Wenn in einem Land Krankenschwestern studieren müssten, in einem anderen nicht, falle die Studierendenquote unterschiedlich aus. Während sich in Deutschland die Abiturientenquote in den vergangenen fünfzig Jahren verzehnfacht habe, sei die Quote der Hochqualifizierten (Studien- oder Meisterabschluss ) in Deutschland laut den OECD kaum gestiegen.

Über die Qualität der Bildung sagen die Zahlen der Abschlüsse nichts aus, das geben die Bildungsfachleute der OECD selbst zu.  Das Hauptproblem scheint die Klassifizierung zu sein.

Dass man den Zahlen nicht zu vile Vertrauen schenken dürfe, wurde laut Bölling schon 1961, zu Beginn der OECD-Bildungsforschung gesagt.

Brandneu: Soziale Herkunft und Schulerfolg hängen irgendwie zusammen

In einem Interview wird der Bildungsökonom und Nobelpreisträger James Heckman gefragt: „Manche sagen, vor allem brauchen arme Familien mehr Geld.“ „Nein, so geht es nicht…“ „Worum geht es dann?“ „Das sehen Sie hier in Chicago: Hier gibt es ein Wohnungsprojekt in einer armen Gegend, in denen (sic!) Kinder unter miserablen äußeren Bedingungen aufwachsen. Aber die Mütter … haben auf ihre Kinder geachtet. Sie haben sie vor der Umgebung geschützt, sie in die Schule geschickt und ihnen geholfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Kinder haben sehr viel erreicht, obwohl sie unter schlechten Bedingungen aufgewachsen sind.“

Das ganze Interview „Die Eltern müssen in die Schule“ in: Frankf. Allg. Sonntagszeitung, 18.3.2012, p. 35

So viel zum „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung, in dem Altbekanntes in neuen Diagrammen gezeigt wird. Doch, das Folgende kann ich mir nicht verkneifen:

Brandenburg hat in den Diagrammen einen bundesdeutschen Spitzenplatz bei der Abiturientenquote und den Leseschwachen im 9. Schuljahr. Und einen Spitzenplatz wegen der niedrigen Sitzenbleiberquote. Wie das alles korreliert, wurde nicht untersucht. Könnte dies ein Hinweis sein?: „Benachteiligte Jugendliche im 9. Jahrgang erreichen 48 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche (Bundesdurchschnitt: 67 Kompetenzpunkte Unterschied). Ländervergleich: Spitzengruppe (Geringster Abstand im Vergleich der 16 Bundesländer).

Sachsen hat extrem wenig ausländische Mitbürger/-innen (3%), überdurchschnittlich viele Förderschüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. (Siehe dazu auch schon meine PISA-Anmerkungen!) Wegen seiner vielen Ganztagsschulen schneidet es in der sogenannten Kategorie „Integrationskraft“ aber gut ab. Die Quote der Abgänger ohne Abschluss ist höher als in Baden-Württemberg, das eine geringere Förderschülerquote und überdurchschnittlich viele Zuwanderer hat.

Als ich 1964 Abitur machte, gehörte ich zu den privilegierten 6% des Schülerjahrgangs. Ausweislich des Bertelsmann-Chancenspiegels liegt der Bundesdurchschnitt 2011 bei fast 50% eines Jahrgangs. Ist das eine zu wenig gewürdigte bildungspolitische Leistung? Man könnte wie in Frankreich ein berufliches Abitur vergeben, 12 Jahre gehen auch Berufsschüler in die Schule, nicht nur Gymnasiasten. So schafft Frankreich 70% Abiturienten. Hamburg schafft das Sitzenbleiben ab. Das sichert dem Bundesland einen Spitzenplatz in zukünftigen Rankingtabellen der Bildungsforscher/-innen.

Die Bertelsmann-Studie will festgestellt haben, dass die Spitzengruppe der Leistungsstarken zwischen 2006 und 2009 von 9.9.% auf 7,6%, also um mehr als 23%  gesunken ist.

Siehe u. a. auch:

Neuer OECD-Alarm wird gelassen aufgenommen

Der OECD-Bildungsbericht 2011 zeigt für Deutschland wieder angeblich erschreckende Ergebnisse, wenn man die Maßstäbe der OECD-Bildungsökonomen anlegt, die mit ihren Leistungsvergleichsstudien normieren, wie Qualität von Schule, Universität und Berufsausbildung zu bewerten ist. Man scheint man aber gelassener mit dem OECD-Alarmismus umzugehen als früher.

Es sind die altbekannten Indikatoren: Weiterlesen