Unternehmensberatung und Schulbibliothek

Ein hoch interessanter Bericht aus Leverkusen: Laut Zeitung soll eine Unternehmensberatung der Stadt empfohlen haben, Schulbibliotheken neu zu organisieren.

Jetzt ging die Bibliothekarin, die 20 Jahre in der Gesamtschule Dienst tat in die Stadtbibliothek zurück. Stattdessen kommt eine Mitarbeiterin aus dem Gymnasium an einem Wochentag in die Gesamtschule. Ehrenamtliche öffnen an jedem Schultag in der Pause.

Zur Wiedereröffnung stellt die Stadtverwaltung eine Bibliothekssoftware zur Verfügung, ein Möbelhaus spendiert Sessel, Sitzhocker und Teppiche. Der städtische Beigeordnete und andere lesen bei der (Wieder-)Eröffnungsfeier Geschichten vor.

Schön wäre es, wenn eine Unternehmensberatung Politiker/-innen einmal vorrechnete, dass Investitionen in die Lesefähigkeit das Bruttosozialprodukt erhöhen.

 

Dienstleistungswüste Deutschland. Neue Lieferung

Wieder einmal raus aus der doch eher vergeistigten Schulbibliothekswelt in die raue Alltagswirklichkeit:

  1. Ein Vodafone-Festnetzanschluss soll gekündigt werden. Wollen die ihren Router und das Faxgerät zurückhaben? Wie wird bei einer außerordentlichen Kündigung im Todesfall verfahren? Geht Kündigung per E-Mail mit gescannten Anlagen? Fragen über Fragen. Ich finde eine gebührenpflichtige Hotline. Nach 20(!) Minuten – “Bitte bleiben Sie dran, gleich wird der nächste freie Kundendienstberater für Sie da sein” – lege ich auf. Gut erholt finde ich am nächsten Morgen eine weitere(!) Vodafone-Servicenummer. Diesmal warte ich nur 15 Minuten, bevor ich einhänge. Jetzt suche ich die Face-To-Face-Kommunikation in einem Vodafone-Laden. Ich hätte es mir denken können: hier steht der Verkauf von Handys und Tarifen im Vordergrund. Kündigungen nur in der Zentrale.  Aber: Man faxt meine Kündigung mitsamt den zur Legitimation nötigen Anlagen kostenlos an die Zentrale!
  2. Media-Markt lässt einen Wäschetrockner liefern. Ein Zeitfenster von sechs Stunden kann als Lieferzeit gewählt werden. Nach fünf Stunden ein Anruf der Spedition: ” Wir sind in einer Stunde bei Ihnen.” Es dauert dann nur unwesentlich länger. Die beiden jungen Männer tragen das Gerät locker ins Hochparterre. “Oh, das ist ja ein Unterbaugerät! Sie haben als Service aber keine Premium-Installation als Unterbaugerät gewählt! Das kostet 45€ mehr. Sie haben nur den Komfortservice bezahlt, hätten aber den Premiumservice für den Unterbau ordern müssen!” Dann “installieren” sie das Gerät aber doch als Unterbaugerät, d. h. sie schieben es unter die Küchenplatte. Wo ist der Unterschied zum Schieben in dieselbe Ecke ohne Küchenplatte darüber? Ich bin so dankbar für diesen kostenlosen Premiumservice, dass ich den cleveren Jungs 10€ Trinkgeld gebe. Wenn sie täglich nur drei Kunden so über den Tisch ziehen…

Aufstiegsschancen in Deutschland

1972 geboren in Gimbsheim bei Worms als Sohn eines Opel-Arbeiters und einer Hausfrau, kein Abitur, kein Studium, für beides reicht das Geld nicht. 69 Bewerbungen schreibt Christ, um eine Lehrstelle zu bekommen. Bei der Deutschen Bank sagt ihm die Personalchefin nach dem Vorstellungsgespräch: »Ihr Zeugnis ist gut. Ihr Test war gut. Ihr familiärer Hintergrund passt nicht zu der Klientel, die wir bedienen.« (Quelle: Die Zeit 8/2008)

Der hier Beschriebene ist dann doch Banker und mehrfacher Millionär geworden.

Dennoch: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Die soziale Segregation dagegen schreitet voran.

Überschrift zu einem Interview mit einem Forscher des DIW: “Ärzte heiraten keine Krankenschwestern mehr” (Süddeutsche Zeitung 26.9.2008)

 

Noch ein Institut?

Sybille Volkholz, kurzzeitig einmal grüne Berliner Bildungssenatorin, fordert heute im Tagespiegel ein neues Bundesinstitut, das das von der KMK geforderte Bildungsmonitoring umsetzen solle. Es gäbe seit 15 Jahren Schulleistungsmessung (PISA, VERA, LAU, IGLU, TIMMS, PEARLS, Bundesländervergleiche usw.), aber die Unmenge an gesammelten Daten würden von Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und den Schulen nicht genutzt. Daher sei eine neues Institut nötig.

Nun haben die Länder und der Bund in den letzten Jahren Institute für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen eingerichtet. In Hessen bekam dieses IQ u. a. 60 (wenn ich mich nicht irre, aber viel weniger waren es nicht) A 15-Stellen für die Durchführung der Schulinspektion.

Nun haben die Schulleistungsmessungen auch ohne neues Institut Spuren hinterlassen: Die PISA-Ergebnisse werden bei jedem neuen Test besser, die Abiturnoten werden immer besser, die Zahl der Abiturienten steigt, es gibt immer mehr Ganztagsschulen, die Hauptschule wird abgeschafft, Kitas werden als Bildungseinrichtung verstanden. In Hessen gab es in jedem Schulamtsbezirk eine Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Lesenlernens, für schwache Schüler müssen individuelle Förderpläne geschrieben werden. Alle Schulen mussten sich in mehrjähriger Sitzungsarbeit Programme geben, in denen sie ihre Ziele und Vorhaben beschreiben, Schulinspektoren evaluieren sie und berichten den Kollegien – gerne in der Woche der Zeugniskonferenzen -, wo die Defizite liegen.

Wozu also jetzt noch ein Institut?

Frau Volkholz weiß, dass die empirischen Bildungsforscher sagen, dass sie messen, und nur das. Sie können nicht sagen, was zu ihren Ergebnissen führt. Warum also neue B- und A-Planstellen für Erziehungswissenschaftler, Bildungspolitiker und Aufstiegswillige in den bestehenden Instituten? Wenn PISA Leistungsunterschiede, schon gar zwischen Schulsystemen, nicht erklären kann, welche Empfehlungen will eine zukünftige Direktorin eines neuen Bundesinstuts herauslesen?

Fast alle Beteiligten sind sich einig, dass die Lehrerausbildung das Zentrum der Reformen sein muss. Pläne dafür gibt es seit einem halben Jahrhundert. Highlights aus dieser Zeit: “Lehrer werden einseitig auf Schule hin ausgebildet” hieß es einmal. Sie müssten qualifiziert werden, auch andere Berufe auszuüben. Das war die Zeit der Lehrerschwemme. Dann gab es Zeiten, wo man jeden nahm, auch wenn das Examen im zweiten Anlauf mit Ach und Krach bestanden worden war. Jetzt müssen die Studenten Module sammeln, statt ein paar Jahre kontinuierlich Fächer, Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaften zu studieren.

Man kann Lehrer exzellent bezahlen, wie in Finnland, und sich daher die besten aussuchen oder man verschafft ihnen ein hohes Sozialprestige, wie in Japan. Oder man watscht sie ab, wie das deutsche Politiker gern tun.

In Hessen gibt es Pläne, die jährlich 7 Millionen kostende Schulinspektion abzuschaffen. Schulen sollen sich gegenseitig evaluieren. (Das gesparte Geld für Schulbibliotheken verwenden?) Schulleitungen, sofern sie nicht selbst das Problem sind, wissen, was läuft und was nicht. Kontakt zur Nachbarschule haben sie auch.)

Einer meiner früheren Schulräte kannte das Schulwesen Schottlands; es bestand eine Partnerschaft zwischen den Schulbezirken. Er erzählte, was ein Schulleiter in Schottland kann: vorübergehend Betreuung für Einsteiger finden, einen Lehrer freistellen für die Organisation des IT-Bereichs, Lehrkräfte, die auch beim zweiten Inspektionsbesuch durchfielen, entlassen. Er erzählte auch, dass man das alles im heimischen Ministerium wüsste. Man schrieb viel ab, teils wortwörtlich, ließ aber die nötigen Stellenpläne und Haushaltsansätze weg.

Das neue Institut wird kommen, die Desiderata im Schulwesen werden bleiben.

 

Die Rache des Spiegels? Telefonterror!

Kürzlich habe ich nach Jahrzehnten der Spiegel-Lektüre das Abonnement gekündigt.

Seit vier Wochen wird nun täglich von dieser Telefonnummer mein Anschluss ein- bis viermal angewählt: 040 30073432. Das ist eine Verlagstelefonnummer. Ich habe sie gesperrt, so dass ich die Anrufe wenigstens nicht höre.

In der Spiegel-Telefonzentrale wird mir gesagt, den Anschluss gäbe es nicht. Noch Fragen? Man vermittelt mich, als ich mich nicht abwimmeln lasse, an die Leiterin des Callcenters, aber ich versickere vorher in der Warteschleife.

Nachtrag: Mit Ablauf des Abonnements hört auch der Telefonterror auf.