Das Narrativ und die Angst vor Ungleichheit

Als das Wort “Narrativ” auftauchte und die gelehrten Texte überschwemmte, war ich darum bemüht zu verstehen, was gemeint war. In meinem Bildungsgang existierte das Wort noch nicht. Zu allem Unglück zog es dann auch noch in die Geschichtslehrpläne ein. Erst allmählich erschloss sich mir der kulturrevolutionäre Gehalt. Es geht um nichts weniger, als Aufklärung und Rationalismus auf den Müllhaufen zu kippen. Es geht nicht länger darum, nach besseren Argumenten zu suchen, nach neuen Dokumenten, nach kritischem Hinterfragen lieb gewonnener Gewissheiten.

Im hessischen Geschichtsunterricht wurde Geschichtswissen durch “narrative Kompetenz” ersetzt. Das ist die “Fähigkeit, vorliegende Geschichte(n) zu verstehen, auf sinnvolle Art und Weise eigene zu bilden und diese auch selbst erzählen zu können.”

Es ist mir rätselhaft, wie das in standardisierten Tests abgefragt und bewertet werden kann. Gibt es so etwas gute und schlechte Narrative? Das dürfte eigentlich nicht sein. Alle wären doch gleich gültig. Geht es nur noch darum, wie gut jemand sein Narrativ präsentieren kann? Unklar ist mir auch die Rolle des Lehrers. Wenn alle individuellen Geschichtserzählungen der Schüler gleich viel Wert sind, was ist seine Aufgabe?

Warum das Narrativ seinen Siegeszug in den Feuilletons und Geistes- und Sozialwissenschaften antreten konnte, verstehe ich dank eines Interviews in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) jetzt besser. Wiebke Becker hat die Soziologin Irmhild Saake befragt. (Es gibt also noch richtige Soziologen. Ich hatte den Eindruck, es gäbe nur noch Feministen, Genderisten und Armutsforscher.)

Frau Saake stellt bei ihren Studenten eine große Aversion gegen Ungleichheit jeder Art fest. Die Forderung nach Gleichheit beherrsche inzwischen auch die wissenschaftliche Diskussion. Das bessere Argument zähle nicht mehr, auch der unsinnigsten Behauptung widerfahre Gerechtigkeit. Das Bedürfnis nach Harmonie und Gleichheit sei wichtiger als wissenschaftliche Erkenntnis. Das erkläre auch die Suche nach immer neuen Minderheiten, die noch nicht gerecht behandelt würden.

Da verstand ich die Glaubenskriege in den (a)sozialen Medien. Es geht nicht darum zu klären, wer MH 17 abgeschossen hat oder ob die Besetzung der Krim eine Annexion war oder nicht. Es geht um Gleichheit. Wenn Putin so viele Vorwürfe gemacht werden, verstößt das gegen das Gleichheitsprinzip und löst Mitleid aus. Genauso in der Griechenlandkrise: Ob Griechenland nun Reformen durchführt, Reformen rückgängig macht oder gar keine Reformen will, ist gleichgültig. Da kommen Tweets von US-Ökonomen, die sich nicht zum ersten Mal irren (Lob Venezuelas!) gerade recht und los geht es mit der grotesken Behauptung eines deutschen Staatsstreichs gegen Athen.

  • “Unterschied, was ist das?”, FAS v. 19.7.15, p 8

Dazu passt die Kampagne einer Mutter, die die Bundesjugendspiele abschaffen will (20.000 Unterschriften hat sie schon.) Sie wären eine Demütigung für die schwächeren Schüler. Der Wettkampfcharakter wäre nicht mehr zeitrgemäß..

dbv schreibt Kommission “Bibliothek und Schule” neu aus

Dem dbv ist hoch anzurechnen, dass er die Schulbibliothekskommission des abgewickelten Deutschen Bibliotheksinstituts (dbi) in – allerdings veränderter – Form weitergeführt hat. Das Wort Schulbibliothek kommt im Titel leider nicht mehr vor: “dbv-Kommission Bibliothek und Schule”.

(Die LAG Hessen hatte sich damals, ich glaube, das war  vor ca. 15 Jahren, an die Kultusministerkonferenz gewandt mit der Bitte, die dbi-Kommission weiterzuführen. Das scheiterte [erst] auf der Präsidentenebene.)

Bei den in den letzten Jahren in das Gremium eingezogenen Mitgliedern ist das Bemühen erkennbar, frischen Wind in die Schulbibliotheksthematik zu bringen. Dazu gehört nicht zuletzt die Aufforderung an andere Verbände (AGSBB, LAG Hessen, LAG NRW), Mitglieder zur Bewerbung für die dbv-Kommission zu motivieren. Weiterlesen

Merkel und LeFloid: Wie die Alten sungen…

Frau Merkel bei dem Youtuber LeFloid. War das nun das Medienereignis, das die TV-Talkshows alt aussehen lässt? Wenig Zeit, nichts wird vertieft, nichts nachgefragt. Der Interviewer als Vorleser von Fragen seiner Anhänger, nicht als Gesprächspartner. Woher kennen wir das nur? Erinnerung an die Rolle von Repräsentanten in der Piratenpartei: Imperatives Mandat. Und dann noch LeFloids vorgelesene Plattitüde vom brandenburgischen Studenten an der Münchner Uni. Es durfte vor Jahren schon in der Münchner Abendschau gesendet werden: In welchem Bundesland Studenten bayerischer Universitäten Abitur gemacht haben, ist während des Studiums und beim Examen nicht mehr erkennbar.

Lateinkenntnisse und Griechenlands Reformunfähigkeit

Schon die Römer fluchten darüber, dass sie die Griechen in ihr Imperium aufgenommen hatten. Vor zweitausend Jahren wurde die Redewendung “solvere ad calendas graecas” erfunden: Gezahlt wird am griechischen Zahltag – also nie. Darauf macht Leserbriefschreiber Helmut Schöne in der FAZ v. 16.7.15 aufmerksam:

Die römischen Patrizier, die ihre Geschäfte in den Provinzen Macedonia und Asia betrieben, beklagten sich, dass die Griechen keine Pacht und keine Steuern zahlten. Selbst die Verschickung von Geiseln nach Rom  brachte nichts.

Die Calendae bezeichneten in Rom den ersten Tag des Monats. Er galt als Zahltag. Im Griechischen gab es keine Entsprechung. Calendae graecae gab es nicht.

Selbst wenn man unterstellt, dass die Römer “neoliberale” Ausbeuter gewesen sein mögen, cum grano salis wird wohl etwas dran gewesen sein. Oder hat Europa jetzt die Rolle des Imperiums übernommen, das Schuld am Elend der Griechen hat? So will es das Narrativ von Syriza und Linkspartei.

Siehe auch hier!

Mehr zur Europäischen Schule RheinMain

Die Europäische Schule RheinMain ist eine besondere Schule. Das liegt am Schulkonzept und auch am imposanten Gebäude. Mehr über die Schule erfährt man in dem Artikel von Regina Mönch in der FAZ v. 6.7.15.

In der LAG Schulbibliotheken sind wir hoch erfreut und dankbar, dass wir unseren 22. Schulbibliothekstag dort veranstalten durften.

Dussmann baut um

Das Berliner Kultur-Kaufhaus Dussmann am Bahnhof Friedrichstraße, bis 24 Uhr geöffnet,  gehört zu den unverzichtbaren Berliner Sehenswürdigkeiten. Es ist u. a. eine riesige, sich über fünf Ebenen erstreckende Buchhandlung, die ich selten verlasse, ohne etwas gekauft zu haben.

Nun wird bei laufendem Betrieb umgebaut. Die Sachbuchabteilung ist schon wieder eröffnet, noch größer und schöner.