Archiv der Kategorie: Bestandsaufbau

Sexuelle Vielfalt im Unterricht (2)

Wie sich die Zeiten ändern. Als wir Bücher wie den Sexualkundeatlas oder Lennart Nilssons „Ein Kind entsteht“ im Bestand der Schulbibliothek hatten, liefen wir Gefahr, von eifrigen Eltern zensiert zu werden. Denen missfielen die Zeichnungen vom Fortpflanzungsvorgang oder die Bilder vom Fötus. Die Unterrichtsmaterialien, die ein fortschrittlicher Referent im Familienministerium entwickeln ließ und die wir gerne in der Förderstufe einsetzten, mussten wir aus dem Verkehr ziehen, weil der christliche Familienminister Heiner Geißler sie zurückgezogen hatte.

Heute liefen wir ehedem Progressiven Gefahr, als Heterofaschisten* oder Genderrassisten beschimpft zu werden, von der Protest-Agentur compact mit einer Unterschriftensammlung oder einem Flashmob in der Bibliothek bedacht zu werden: Weil wir keine sexuelle Vielfalt im Regal hätten.

Sexualkundelehrpläne, -kompetenzraster und -handreichungen werden heute maßgeblich von Queerverbänden geliefert. Lesbische, queere, transgender(e), homosexuelle Lebensstile. Die sexuelle Vielfalt – noch längst nicht erschöpfend erfasst: was ist mit polyamourös? – hält Einzug in den Unterricht. Kinder und Jugendliche sollen diese Vielfalt kennenlernen und spielerisch erproben.

Daher meine – nicht ernst gemeinte – Bestandsempfehlung: „Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit” der Professorin für Soziologie der Diversität, Elisabeth Tuider, erschienen im Juventa-Verlag, empfohlen von pro familia. (Mitarbeit: Mario Müller, Stefan Timmermanns, Petra Bruns-Bachmann und Carola Koppermann)

Hier eine Unterrichtsanregung aus dem Buch: (aus google books)Tuider

Eine gut sortierte Schulbibliothek hat am besten auch gleich den Spielekoffer mit den oben genannten Utensilien.

Die Anleitung zum Schreiben von Gedichten zum Analverkehr oder die Entwürfe eines „Puffs für alle“, die in den Internetforen als Bestandteil des Buches genannt werden, werden bei google books nicht gezeigt.

Für manche Kinder und Jugendliche mögen das alte Hüte sein, aber jetzt muss es Lernziel – äh, Kompetenz – für die ganze Klasse werden.

* Ich wohne in Potsdam, wo das, was dem linken Mainstream nicht passt, faschistisch ist, z. B. die Barockschlösser und die Regierung in Kiew.
 

Nachtrag: siehe auch Antje Schmelcher, Unter dem Deckmantel der Vielfalt, FAS v. 12.10.20114, p. 3 und ein Interview mit dem norwegischen Kabarettisten Harald Eia ((„Das Gleichstellungsparadox“) sowie „EU soll Sexualkunde-Curricula vorgeben“.

Politische Bildung durch die Schulbibliothek?

Anka Rahn von der AG der Berlin-Brandenburger Schulbibliotheken schreibt in einem Beitrag auf dem AGSBB-Blog über die Schulbibliothek als Ort der politischen Bildung. Das war für mich in meiner aktiven Zeit ein ganz zentrales Thema. Ich muss gestehen, dass ich das fast vergessen hatte. Beim Lesen ihres Beitrages fallen mir aber sofort die einschlägigen Aktivitäten in „meinen“ früheren Schulbibliotheken ein.

Was Anka Rahn schreibt, ist bisher leider allzu selten geschrieben worden. Ich möchte das mit ein paar Ergänzungen unterstützen:

Wir hatten in der Schulbibliothek eine Litfaßsäule, ein Überbleibsel aus einer Theateraufführung. Eine Tageszeitung (an einer Zeitungsstange befestigt) gab es täglich, sie wurde vier Wochen aufgehoben. Eine „Bibliotheksmutter“ führte ein Zeitungsausschnittarchiv. Bei aktuellen politischen Ereignissen „klotzten“ wir und kauften viele Zeitungen. Die Titelseiten mit den Schlagzeilen wurden an einer Wäscheleine aufgehängt. An einer Wand hingen eine große Welt- und eine Deutschlandkarte, an denen das Geschehen lokalisiert werden konnte.

Zu bestimmten Themen gab es Handapparate mit jeweils ca. 30 und mehr Büchern: 1848/49, 17. Juni 1953, Nationalsozialismus, Auf der Suche nach Heimat (Asyl, Migration, Flucht), Jugend und Gewalt, Städtebau, Jüdisches Leben in Deutschland.

Es gab mehrere Politik-Lexika. Den Fischer-Weltalmanach, ein lexikalisches Jahrbuch mit einem Länderteil und vielen aktuellen Daten, hatten wir als Klassensatz, später als CD-ROM, und natürlich die Hefte „Informationen zur politischen Bildung“ für die Lehrkräfte und die Oberstufe, sowie alles Brauchbare der Zentralen für politische Bildung. Wir propagierten den Schülerwettbewerb der politischen Bildung, für dessen Aufgaben man fast immer die Medien der Bibliothek benötigte.

Das alles wurde rege genutzt, wenn die Lehrer einmal verinnerlicht hatten, dass es das in der Bibliothek gab. Weniger genutzt wurde der kleine Internetkatalog mit einer Linksammlung und ein Zeitungsarchiv auf CD-ROM. Das ist durch die Entwicklung des Internets, insbesondere der Suchmaschinen, überflüssig geworden.

Frau Rahn weist auf eine österreichische Broschüre der dortigen Zentrale für politische Bildung in der Schule zum Thema Schulbibliothek hin. (Wer in deren Shop stöbern will: hier!)

Ich freue mich sehr, dass sie dieses Thema aufgegriffen hat.

KJL zum Ersten Weltkrieg

Das Mammut-Gedenkjahr 2014 wirft seinen Schatten: Ich werde nach Kinder- und Jugendbüchern zum Ersten Weltkrieg gefragt.

Wie es sich gehört, vorweg etwas für die Hand des Lehrers: Das Heft 108 von Geschichte lernen aus dem Jahr 2005(?). Vielleicht ist es noch in einer Schulbibliothek oder einem Fachschaftsschrank vorhanden. Über subito kann man Aufsätze daraus bestellen. Beim Verlag ist das Heft vergriffen. Weiterlesen

Schulbibliotheksbestand vs. Informationskompetenz?

An dem Satz Aufbau eines Buch- und Medienangebotes, das den Unterricht nachhaltig unterstützen kann“ aus dem Beitrag über das Reformprojekt in der Schweizer Schulbibliothek Waldenburgertal bin ich hängengeblieben. Fordern wir da nicht Widersprüchliches?

Auf der einen Seite einen gut organisierten Buch- und Medienbestand, der altersangemessen ist, am Curriculum orientiert, dem Schulprofil entsprechend (Europa, MINT, Naturschutz, antirassistisch, musisch-künstlerisch) und aktuell.

Andererseits sollen die Schüler/-innen informationskompetent sein, womit gemeint ist, dass sie selbst suchen, finden, Quellen bewerten – und eben nicht auf einen geeigneten Handapparat, den ihnen die Bibliothekslehrerin bereitstellt, zurückgreifen sollen. Informationskompetent sein meint vorrangig, Informationstechnologie kompetent nutzen, also Suchmaschinen, nicht nur Google, sondern auch akademische Plattformen, digitale Zeitungsarchive, Online-Datenbanken. Vielleicht auch ein Buch aus der Stadtbibliothek besorgen oder sich im Naturkundemuseum informieren.

Wenn ich das zu Ende denke, heißt das doch, die Schule braucht keinen kenntnisreich zusammengestellten Bestand mehr. Sie braucht Rechercheterminals, Zugang zu online-Datenbanken und eine Recherchebibliothekarin, die den Schülern bei größeren und kleineren Recherchen hilfreich zur Seite steht, wenn es schon die Fachlehrer  – angeblich – nicht können.

Oder gibt es einen Mittelweg? Wie sähe der aus?

Vielleicht sollte die Luft aus den IK-Curricula der Informationswissenschaftler herausgelassen werden. So schlecht waren die alten Tugenden nicht: Bücher an die Hand geben, helfen beim Herausschreiben und mit Wiedergeben mit eigenen Worten, erklären, was ein Referat ist, Vortragstipps geben. Schon vor der Erfindung von Standards zur Informationskompetenzvermittlung K-12 gab es Einführungen in die Bibliotheksnutzung und wurden Handapparate zusammengestellt.

Es gab die Wettbewerbe, bei denen größere Recherchen durchgeführt werden mussten: Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, die Schülerwettbewerbe zur politischen Bildung, im Geschichts- und Politikunterricht wurden Wandzeitungen (heute: Lernplakate) angefertigt, mit Referaten wurden die Klassenfahrten ins geteilte Berlin, ins Anne-Frank-Haus in Amsterdam vorbereitet, heimatkundliche „Forschung“ wurde betrieben, in jedem besseren Geschichtsbuch gab es dazu Anregungen. In Geographie wurden „Länderberichte“ angefertigt. Zugegeben: „flächendeckend“ verbreitet war das sicher nicht. Nicht alle Lehrer fühlten sich verpflichtet, beizubringen, wie man ein Referat anfertigt. Aber da, wo es stattfand: Ohne Kenntnis der Theorien und Modelle der Vermittlung von Informationskompetenz. Kaum zu glauben!

Back to the roots! Das Wichtigste im Rechercheprozess ist nicht das kompetente Googeln. Es ist das Exzerpieren und Organisieren der gefundenen Informationen, ihre Wiedergabe mit eigenen Worten, sowie das Schreiben und Vortragen eines verständlichen, anregenden, übersichtlichen Berichts.

Nachruhm für das Bücherschränkchenprojekt

Die LAG hatte keine Einwände, als im Kultusministerium entschieden wurde, nach zwanzig Jahren die finanzielle Unterstützung für das Projekt „Die Bibliothek in der Kiste“ einzustellen. Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Es gab eine gute Bilanz; wir wollten es gar nicht auf Dauer betreiben, obschon wir uns hätten vorstellen können, dass es hauptamtlich etwa von der in Hessen seit sechs Jahren für Schulbibliotheken zuständigen Landesbüchereifachstelle fortgeführt worden wäre. Man verfügt dort nicht zuletzt über 27 Lehrerstunden und hat sogar Kapazitäten, um in anderen Bundesländern über Schulbibliothekssoftware zu informieren.

Ampelmännchen 002

Kaum ist das Projekt „beerdigt“, passiert dies:

  • Auf der Geschichtsmesse der Stiftung Aufarbeitung in Suhl konnte ich die Medienbox „Ampelmännchen und Todesschüsse“ vorstellen. Neben all den dort präsentierten, beeindruckenden Projekten zur Aufarbeitung der untergegangenen DDR ist die Bücher- und Medienkiste gewiss ein Aschenputtel. Ob die Botschaft angekommen ist, dass sie ein pragmatisches, alltagstaugliches, jederzeit einsetzbares Medium ist, sozusagen der Mindestlohn beim Thema „DDR im Unterricht“?
  • Im Hessischen Landtag muss es eine Kleine Anfrage zur Einstellung des Projekts gegeben haben, denn das Ministerium bat darum, doch die Bücherlisten (noch einmal – nach slideshare.net jetzt auch auf schulbibliotheken.de) online zu stellen. Über diese Aufmerksamkeit im politischen Raum haben wir uns gefreut; wir versichern, dass die LAG mit dieser Anfrage nichts zu tun hat!
  • „Lesen in Deutschland“ verlinkt zu den Bücherlisten

Königs Erläuterungen: Bange-Verlag räumt die Lager

Der Bange-Verlag bietet wieder eine Aktion für Schulbibliotheken an:

„Königs Erläuterungen“ – die Interpretationshilfen-Reihe des Verlages wird als gemischtes Paket mit 50 Titeln für 10 € ( inkl. Versandkosten) verschickt. Die Zusammenstellung der Titel erfolgt durch den Verlag. Pro Schule kann nur ein Paket bestellt werden.

Wer sich eines der Buchpakete für seine/ihre Schulbibliothek sichern will, sendet eine E-Mail an service@bange-verlag.de mit Angabe der Schule, Schulbibliothek und der/des zuständigen Lehrer/-in.

Dossier „Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde“

Ein umfangreiches Dossier „Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde“ veröffentlicht die Bundeszentrale für politische Bildung. Es basiert auf dem von Stefan Hradil herausgegebenen gleichnamigen Buch. Es bietet Basisartikel zu politischen Grundbegriffen wie Sozialstaat, Bildung, Migration, Arbeitswelt, Regierungssystem, Parteien, innere Sicherheit u. a.

Die Online-Veröffentlichung enthält die Überblicksartikel und ergänzt diese um weitere Materialien, Schaubilder und Literaturhinweise, die aktuell gehalten werden sollen.

Dies ist eine zeitgemäße Form der Veröffentlichung. In Schulbibliotheken sollte das Dossier erfasst sein und die Politiklehrer sollten das wissen.

Eine umfassende „Sozialkunde“ der Bundesrepublik Deutschland wurde zuletzt von Claessens/Klönne/Tschoepe 1985  veröffentlicht. Dabei handelte es sich um die aktualisierte Ausgabe eines Buches, das schon 1965 geschrieben wurde. In den 70ern gab es m. E. ein ähnliches Werk von Prof. Thomas Ellwein.