30 Jahre ohne Fortschritte

Ich komme gerade vom 6. Berlin-Brandenburger Schulbibliothekstag in Eberswalde zurück. (Volles Lob an die Organisatoren! Zum Bericht der Märkischen Oderzeitung) Eigentlich wollte ich nach diesem Termin mein schulbibliothekarisches Engagement beenden. Aber loslassen ist gar nicht so einfach. Das liegt nicht daran, dass ich mich dann langweilen müsste.

In den Gesprächen in Eberswalde habe ich wieder einmal gemerkt, dass wir in den letzten 30 Jahren keinen Schritt weiter gekommen sind; wenn man von den Entschließungen, Resolutionen und Denkschriften der Organisationen der Bibliothekare absieht. Es ist wenig tröstlich, wenn man in der zuletzt erschienenen Frankfurter Erklärung des dbv Sätze liest, die wir so oder ähnlich schon vor 20 Jahren geschrieben hatten: Schulbibliothek als Unterrichtsort, als Klassenraum, als Lernzentrum, Schulbibliothek als schulische Einrichtung. Sicherlich ist gut, dass sich die Bibliotheksverbände bewegt haben. Aber das reicht nicht.

Als wir in den 80ern anfingen, begann die ordentliche Schulbibliothek mit > 10.000 ME. (Vielleicht finde ich noch das entsprechende A5-Infoblatt der abgewickelten Arbeitsstelle Schulbibliotheken im dbi.) Die Mammutbibliothek der damaligen Mammutgesamtschule Köln-Holweide war das Vorbild. Gefordert und realisiert wurden Groß-Projekte neuer Schulbibliotheken, z. B. in Hamburg, Weinheim, Berlin. Die sind heute vergessen. Vergessen wurden dadurch aber auch tausende kleiner, ehrenamtlich geführter Schulbibliotheken. Der Begriff wurde ihnen verweigert. Sie wären Sammlungen, ohne Systematik, ohne den strengen fachlichen Kriterien von IFLA oder Unesco zu gehorchen. Ihre behutsame Weiterentwicklung war nie ein Thema. Immerhin gab es dann eine „revolutionäre“ dbv-Publikation, in der die ehrenamtliche Mitarbeit von Laien akzeptiert wurde. Ebenso revolutionär ist die zuletzt oben genannte dbv-Entschließung, mit der man 2015 Anschluss an den seit den 90ern vorherrschenden internationalen Entwicklungsstand gewonnen hat.

Man kann den Bibliothekverbänden zugute halten, dass sie, wie alle Großorganisationen, schwerfällige Tanker sind, die nicht so schnell ihren Kurs ändern können. Warum sollten sie auch. Ihre vordringliche Aufgabe ist, für das Wohl der öffentlichen Bibliotheken, oder soll ich sagen, ihr Überleben zu sorgen. Wer erinnert sich noch des Satzes aus den 60er Jahren: „Schulbibliotheken sind der Unterbau des öffentlichen Bibliothekswesens.“ So wurden Jahrzehnte gezielter politischer Einflussnahme und wirksamer Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Allenfalls hängt man sich an bildungspolitische Trends an: Ganztagsschule – Da braucht man Schulbibliotheken! Medienkompetenz – Da braucht man (Schul)bibliotheken! Etwas verhaltener neuerdings: Refugees welcome – Da braucht man Schulbibliotheken! Die Bildungspolitik ist in keinem Fall so recht überzeugt.

Aber es ist nicht nur die Verspätung der Verbände. Es gibt auch kontraproduktive Kampagnen. Dazu zähle ich die Strategie, durch Bibliotheksgesetze und Vereinbarungen des dbv mit den Kultusministerien, die Zusammenarbeit von öffentlicher Bibliothek und Schule in den Vordergrund zu rücken.

Wenn, wie jetzt gerade wieder in Eberswalde, geklagt wird, dass es so schwer wäre, manche Schulleitung für die Unterstützung der Bibliothek zu gewinnen, versuche ich, das Problem Schulbibliothek aus der Sicht der Schulleitung zu beschreiben:

Da die Schulbibliothek nie als Teil von Schule gesehen wurde (Was der Interessenlage der Bibliotheksverbände entsprach, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe), fehlen weitestgehend Regelungen zur Zuständigkeit und Finanzierung im schulischen System. Das erfreut nicht nur die Kultusminister. Sie müssen sich um Lehrer und Unterricht kümmern, das ist schon teuer genug. Die Schulträger müssen u. a. für Schulküchen und Schulturnhallen sorgen. Da sind sie froh, dass Schulbibliotheken nicht auch noch zum Pflichtprogramm zählen.

Und jetzt zum Schulleiteralltag. Wenn ich die Schwachstellen aufzähle, ist der Vorwurf nicht fern, ich schadete der Schulbibliotheksentwicklung. Die Lehrerin, die die Bibliothek betreut, will zwei Anrechnungsstunden. Verteilen kann ich im gesamten Kollegium nur sechs Anrechnungsstunden. Darum streiten sich acht Kolleg_innen, die alle berechtigte Ansprüche haben und sich auch schon einmal weigern, im nächsten Jahr die Schulküche aufzuräumen, den Computerraum zu betreuen oder die Skifreizeit zu organisieren, wenn… Dann kommt in meiner Schulleiter-Prioritätenliste die Bibliothek zuletzt.

Wenn die Bibliothek in den Pausen geöffnet sein soll, brauche ich zehn Pausenaufsichten mehr in der Woche. Eine in der Pause geöffnete Bibliothek in einem Gebäude, das in der Pause „geräumt“ werden soll, führt zu ständigen Konflikten. Wenn die Personalrätin dann für die Schließung in der Pause plädiert, findet das schnell eine Mehrheit im Kollegium. Auch der Vorschlag, dass die Hausaufsichten einmal auf ihrem Kontrollgang in der Bibliothek vorbeischauen, hat schon dazu geführt, dass dies als Organisationsänderung in den Gremien abgestimmt werden sollte.

Wie ist das mit der Aufsicht durch Ehrenamtliche? Welche Weisungsbefugnis haben die? Sind sie in der Schule, in der Schulbibliothek und auf dem Heimweg versichert? Für Lehrkräfte gab es früher eine obligatorische Gesundheitsprüfung. Zu dieser Zeit arbeiteteten aber schon ungeprüfte Eltern in der Bibliothek. Darf man in der Bibliothek Hefte und Radiergummi verkaufen und Mahngebühren erheben? Dürfen die ehrenamtlichen Mütter ins Lehrer/-innenzimmer, um dem Klassenlehrer die Mahnzettel ins Fach zu werfen? Dürfen sie anwesend sein, wenn Unterricht in der Bibliothek stattfindet? Eigentlich müssten die Eltern aller Schüler der Klasse dem zustimmen.

Das mögen, jeweils für sich genommen, überwindbare Hürden sein. Sie wurden und werden auch von mir und anderen überwunden (oder nicht beachtet). Aber es wäre so viel einfacher und müsste nicht jedem Bibliotheksteam aufs Neue abverlangt werden, dafür zu streiten, wenn es von vornherein klar wäre: Schulleitung, Schulaufsicht und Schulträger sind für die Schulbibliothek verantwortlich.

Was sage ich dem Schulträger, der neue Computer für die Verwaltung, ein anderes Mal für die Unterrichtsräume (mit Landesmitteln!) installiert und in beiden Fällen korrekterweise keine Handhabe sieht, an die Schulbibliothek zu denken.

Noch schlimmer: Wo bringe ich die beiden zusätzlichen Klassen unter, die durch das neue Wohngebiet oder die geflüchteten Kinder zustandegekommen sind? Da ist die Schulbibliothek ein Luxusproblem. Hatte der Schulträger die Zweckentfremdung von Klassenräumen für die Bibliothek überhaupt genehmigt?

Man kann jetzt, wie gesagt, den Boten prügeln. Es gibt die Meinung, bei gutem Willen ließe sich das alles informell regeln, manches Problem sei als Problem gar nicht bekannt. Für fast alle oben genannten Fälle, die aus Schulleitersicht problematisch sind, lassen sich, wie gesagt, im Einzelfall pragmatische Lösungen finden. Z. B. hatte der Schulträger „meine“Eltern in der Gemeindeunfallversicherung mitversichert. Aber siehe oben!

In Eberswalde habe ich wieder einmal gemerkt, dass ich, obwohl schon einige Jahre aus der Praxis heraus, noch einiges an Tipps und Tricks beisteuern kann. Denn die großen und kleinen Probleme sind seit mindestens 30 Jahren dieselben geblieben.

Im Grunde gilt: Wenn die Schulbibliothek in das Gesamtsystem Schule integriert wäre, müssten Aufsichtspflicht, Anrechnungsstundenverordnung und die Zuständigkeit der Schulleitung entsprechend ergänzt werden und die Schulleitungen würden in die Pflicht genommen.

Je stärker die Schulbibliothek als Teil des öffentlichen Bibliothekswesens definiert wird, desto weniger sind Schulleitungen geneigt, Verantwortung zu übernehmen.

Wenn die Schulbibliothek als Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek verstanden wird, quasi von außen kommt und von außen gesteuert wird, oder die Schulbibliothek durch das Konzept der Zusammenarbeit Bibliothek und Schule ersetzt wird, bin ich als Schulleiter (und ist der Kultusminister) erleichtert: Damit habe ich dann nichts zu tun. Hoffentlich bleibe ich von einer Elterninitiative verschont. Wenn das passiert, verweise ich, den Verlautbarungen des Ministeriums folgend, an die nächste öffentliche Bibliothek. So ließ mir z. B. der ehemalige brandenburgische Regierungsschef Matthias Platzeck antworten. So sagen es Ministeriumsvertreter auf den Hessischen Schulbibliothekstagen.

So einfach ist das. Und so wird es wohl auch bleiben. Denn fast alle sind mit dem Status quo zufrieden.

Die Landesregierungen und die Schulträger sparen Millionen für Bau, Unterhalt, Medien, Geräte und Personal. Die Interessenvertreter der öffentlichen Bibliotheken haben gleichwohl durch von ihnen formulierte Gesetze und Vereinbarungen den Fuß in der Schultür. Die Ministerien sind darüber so erleichtert, dass sie dem dbv sogar ein paar Lehrerstunden spendieren.

Auch wenn die Gesamtlage wenig aussichtsreich ist, so ist es erstaunlich, dass Schulgemeinden immer wieder eine Schulbibliothek einrichten oder renovieren. (Auch das ist eigentlich kontraproduktiv, denn es zeigt der Bildungspolitik, dass es doch geht, ohne Gesetze, ohne Personal, ohne Haushalt.)

Ich freue mich jetzt auf den 23. Hessischen Schulbibliothekstag am 11.3.2017 in der Altkönigschule in Kronberg/Taunus, in einer großen Schule mit bibliotheksaffiner Schulleitung und bibliotheksaffinem Schulträger.

Wer Fußnoten, Verweise und Quellenangaben vermisst: Ich bitte um Verständnis. Fast alles habe ich im Blog im Laufe der Jahre schon angesprochen.

 

 

Ein Gedanke zu „30 Jahre ohne Fortschritte

  1. Simone Frübing

    Herzlichen Dank für Lob und Unterstützung! Eure Hilfe wird sehr gebraucht, weil immer wieder der Blick aus verschiedenen Perspektiven notwendig ist. Hier ist weiter Pionierarbeit zu leisten, so mein Fazit nach Eberswalde.

    Antwort

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