Lernatelier: Zukunft oder Vergangenheit?

Die Internetrecherche der Schüler/-innen soll stets auf der Webseite der Schulbibliothek beginnen, der Recherche-Plattform der Schulbibliothek des Johann-Schöner-Gymnasiums in Karlstadt am Main:

lernatelier

Die Idee ist inzwischen preisgekrönt: Die Schulbibliothek wurde Deutschlands „Bibliothek des Jahres“,  erreichte beim Wettbewerb einer Würzburger Bank einen dritten Platz und findet in Südtiroler Schulbibliotheken laut der Würzburger Main-Post großen Anklang.

Die Arbeit in dieser Schulbibliothek ist, soweit man dies im Internet verfolgen kann, beeindruckend.

Bei der Fokussierung auf die Rechercheeinstiegsseite habe ich Einwände. Möglicherweise sind sie unberechtigt, da ich nicht weiß, wie man damit arbeitet. Hier ist meine Einschätzung von Rechercheportalen in Schulbibliotheken:

Unvergessen sind die US-amerikanischen Schulbibliotheksspezialisten Kathy Schrock und Peter Milbury, die 1995 ihre Internet-Guides starteten. In der Folge begannen sehr viele der US-amerikanischen Sekundarstufenbibliotheken und öffentlichen Bibliotheken solche Einstiegsseiten zu schreiben, auf denen sie Ressourcen-Links versammelten: Wörterbücher, Datenbanken, das CIA-Länder-Handbuch, Zeitungsarchive, Lexika usw. Eine aktuelle ist diese Seite der Charlotte Mecklenburg Library in Charlotte, North Carolina.

2001 erschien noch als dickes Buch The Internet Resource Directory for K-12 Teachers and Librarians von Elizabeth B. Miller. In ihm waren für jedes Fach seitenweise nützliche Links aufgeführt.
Dicke gedruckte Linksammlungen sind vom Markt verschwunden. Auch manche der Einstiegsseiten von Schulbibliotheken, die ich damals sammelte, sind verschwunden. Kathy Schrock sammelt und präsentiert inzwischen als Technologie-Spezialistin und Lehrbeauftragte in einem umfassenderen Maß Ressourcen für Schulbibliothekare.

Dass diese Idee der Ressourcensammlung den Weg in eine deutsche Schulbibliothek gefunden hat und – vor allem – beachtet wird, ist erfreulich. (Es gab in den 90ern schon ähnliche Versuche in Deutschland.)

Erfreulich ist auch, dass dies Beifall von bibliotheksfachlicher Seite findet, wie dies der Preis „Bibliothek des Jahres“ und die Vorstellung auf dem Schulbibliothekstag in Rheinland-Pfalz zeigen.

Warum fällt mein Beifall dennoch verhalten aus?

Dass es die im Internetzeitalter unglaublich lange Zeit von 20 Jahren braucht, bis sich die Idee nach Deutschland herumgesprochen hat, sei nur am Rande vermerkt. Dauert es jetzt genauso lange, bis sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass Rechercheeinstiegsseiten in jeder Schulbibliothek vielleicht doch nicht die bahnbrechende Innovation sind, durch die schulische Informationskompetenzvermittlung voran gebracht wird?

In den USA ist es leichter, solche Linksammlungen anzulegen und – vor allem – zu pflegen, zu aktualisieren und auszubauen. Und – nicht zuletzt – die Schüler zum Gebrauch derselben anzuhalten. In den USA gibt es und gab es früher noch viel mehr hauptamtliche Schulbibliothekare. Sollen die deutschen Ehrenamtlichen jetzt Portalseiten pflegen? Es gibt nicht viele für Schulbibliotheksaufgaben frei gestellte Lehrkräfte in Deutschland.

Es gibt weiterhin anders als hierzulande in den USA eine Fülle von spezialisierten, fachbezogenen Datenbanken, die von Bibliotheken und auch Schulbibliotheken angekauft werden. US-amerikanische Bibliothekare und Teacher-Librarians weisen gerne darauf hin, dass Google nur an der Oberfläche des Internets kratze. Die „tieferen“ wissenschaftlichen Datenbanken erschließe Google nicht. Für Lizenzen kostenpflichtiger EBSCO- oder Genios-Datenbanken oder Zeitungsarchive und Zeitungsausschnittdienste haben Schulen bei uns aber kein Geld und keine Regierung trifft Anstalten, dies zu finanzieren.

In Deutschland höre ich an dieser Stelle immer nur den Hinweis auf den Munzinger, zu dem z. B. eine Stadt- oder Kreisbücherei den Schulen jetzt Zugang gewähre. Brauchen Schüler den (teuren) Munzinger, wenn Wikipedia völlig ausreicht?

Damit nähere ich mich dem eigentlichen Einwand: Das Internet ist seit den späten 90ern durch Suchmaschinen immer besser erschlossen worden. Die Internetfirmen selbst haben ihre Kataloge, in denen sie Links sammelten, aufgegeben (z. B. Yahoo).

Es gibt inzwischen Kinder-Suchmaschinen. Wobei ich vor sieben Jahren schrieb, dass ich fürchte, dass es „den Kindersuchmaschinen gehen werde wie den Kindertastaturen: Kaum können die Kleinen etwas eintippen, verlangen sie nach den „richtigen“ Tastaturen!“

Sowohl bei dem frühen deutschen Schulbibliotheks-Rechercheportal (Wo anders als in Hessen! Da war man immer zu früh) als auch vor allem in USA mussten die Schulbibliothekare die Erfahrung machen, dass ihre schönen Seiten von den Schülern nicht genutzt wurden, es sei denn man verlangte es. Sie strebten daran vorbei stracks zu Google.

Kann man ihnen es verdenken? Wenn ich für ein Referat Informationen über die Pfahlbauten in Venedig suche oder über Plattentektonik, dann suche ich nicht die Einstiegsseite meiner Schulbibliothek nach einem Lexikon-Link oder einem Geographie-Link ab (Es sei denn, ich müsste eine entsprechende Fundstelle im Referat notieren.) Ich gebe meine Anfrage gleich in Google ein.

Ich komme also zurück auf meine Frage: Wie lange wird es dauern, bis sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass Rechercheeinstiegsseiten in jeder Schulbibliothek vielleicht doch nicht die bahnbrechende Innovation sind, durch die schulische Informationskompetenzvermittlung voran gebracht wird?

Was ist die Alternative?

  • Man kann versuchen mitzubekommen, welche Seiten von Schülern und Lehrern immer wieder aufgeschlagen werden und diese dann fest einbauen, z. B. leo.org oder onelook.com bei Wörterbüchern. So kommt man zu einer kleinen, aber häufig genutzten Linkliste. Vorteil: sie bleibt übersichtlich. Die Crux einer aktuellen, umfangreichen Recherche-Einstiegsseite ist, dass man auf zwei Ebenen suchen muss: Erst auf der Einstiegsseite (eventuell auch noch lange scrollend) bzw. den Einstiegsseiten und dann im passenden Link.
  • Google bietet eine „benutzerdefinierte Suchmaschine“ an, deren Reichweite man selbst definieren kann. Man gibt die Seiten ein, auf denen gesucht wird. Oder die eigene Webseite erhält dieses Search-Tool. Auch das haben wir in Hessen ausprobiert. Aber man muss halt erst einmal die Links eingeben, die man drin haben will. Und hat immer Angst einen wichtigen Link im „richtigen“ Internet zu verpassen.
  • Alle Politiker*innen wollen ja mehr Geld für Bildung ausgeben. Wie wäre es, wenn sie Lizenzen von geeigneten Datenbanken landesweit den Schulen zur Verfügung stellen würden? Manche Konzerne ermöglichen Zugänge zu ihren FuE-Seiten. Im hessenOPAC ist so etwas z. B. eingebunden.
  • Mein „Königsweg“ ist ein anderer: Der OPAC der Bibliothek ist die Einstiegsseite. Dort sind nicht nur Bücher als Fundstellen, sondern auch Kapitel in Büchern (analytische Erschließung) erfasst und Links z. B. zum genannten Thema Venedig, am besten zu einer Webquest „Venedig“. Follett Destiny kommt dem ziemlich nahe. Wobei wir wieder in den USA sind.
Siehe auch: „Schulbibliotheksbestand vs Informationskompetenz?“

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Ein Gedanke zu „Lernatelier: Zukunft oder Vergangenheit?

  1. Pingback: Zukunft von schulischen Rechercheplattformen | digithek blog

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