Genderismus und Kreationismus (2): Der Fall Tagesspiegel

Die Nachträge zu dem Beitrag über Genderismus nehmen überhand. Daher habe ich sie in diesem 2. Posting zum Thema zusammengefasst. Vor allem geht es dabei um den linken Berliner Tagesspiegel, der sich zum publizistischen Sprachrohr der Genderist_innen entwickelt hat.

Einsamer Höhepunkt war der unsägliche Artikel zweier Tagesspiegel-Mitarbeiterinnen zu den Kölner Silvesterereignissen. Die verstanden die Aufregung des gemeinen Volkes gar nicht. Gäbe es doch Vergleichbares schon immer im Karneval und auf dem Oktoberfest. Deutschland wäre das Land der Rape Culture.

In Erinnerung geblieben ist mir auch ein fremdwortgespickter Text der emeritierten Genderist_in Ilse Wolf. Auf „Intersektionalität“ hätten erst die GenderIstinnen aufmerksam gemacht, also auf Zusammenhänge, etwa die Intersektionalität der „wachsenden Ungleichheit“ mit dem „sozialen Geschlecht“. Formen der Mehrfachdiskriminierung sind ein beliebter Forschungsschwerpunkt: z. B. was es bedeutet zugleich lesbisch und arm zu sein.

So ziemlich alles, was es an Emanzipation und Gleichstellung gibt, wäre Ergebnis genderistischer Forschung und Politik. Auch in die Naturwissenschaften hinein wirkten die Genderforscher_innen segensreich. Erst durch sie wäre man darauf gekommen, in der bisher androzentrischen Medizin unterschiedliche Wirkungen von Arzneimitteln bei Männern und Frauen zu berücksichtigen.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Genderist*innen, deren Axiom es ist, dass es keine biologischen Geschlechter, sondern soziale Geschlechter gäbe, akzeptieren, dass es wegen biologischer Geschlechtsunterschiede unterschiedliche Wirkungen von Arzneimitteln geben könnte. Und nicht nur das: Sie behaupten, dass erst sie das entdeckt hätten.

GenderwissenschaftlerInnen setzten sich auch kritisch mit Gender Mainstreaming auseinander. Sie kritisieren daran, dass es sich auf nur zwei Geschlechter beschränke, aber die Queer- und Transgenderwissenschaften außer Acht lasse. (Die kennen bis zu tausend Geschlechter.) Andererseits haben sie den Feminismus und die Frauenforschung usurpiert.

Bei Genderistin Dr. Robin Bauer (früher Birgit) decken sich die akdemischen Interessen mit den privaten sexuellen Vorlieben. Er/Sie wurde über BDSM-Praktiken promoviert. „Meine akademischen und aktivistischen Interessen umfassen trans*, nicht-monogame Lebensweisen, BDSM, HIV & AIDS, und Queer Science Studies.“ schreibt er/sie auf seiner/ihrer Homepage. Er/sie ist Lehrbeauftragte/r der Uni Hamburg, derzeitiger Schwerpunkt: „Degendering Science“: Kampf gegen die Evolutionsbiologie und Etablierung einer genderistischen Naturwissenschaft.

Auch der hellgrüne Blazer der Bundeskanzlerin kommt vor und dass ihr Vorgänger so etwas nicht angezogen hätte. Die Frau als Mutter wäre eine Erfindung der Moderne, um die Abhängigkeit vom Mann als Ernährer zu konstituieren. Die Biologie kriegt immer wieder ihr Fett weg: „biologische Triebe“, „genetische Veranlagung“, „biologisches Mannsein“. Das Trennende zwischen Sex und Gender wird betont. Die Genderforschung hätte herausbekommen, dass Gender sozial konstruiert wäre.

Wo aber bleibt die Intersektionalität zwischen sozialem und biologischem Geschlecht? Beim Genforscher Axel Meyer lese ich, dass Sex und Gender im Englischen jahrhundertelang synonym verwendet wurden und Gender in der Wissenschaft als mit dem Sex, dem biologischen Geschlecht, eng zusammenhängende Geschlechtsrolle verstanden wird. Erst im Genderismus sei die Trennung von Sex und Gender erfunden worden.

Frau Profx Wolf behauptet, Gender wäre sozial vermittelt, man könne es wählen, man werde nicht als Mann oder Frau geboren, sondern erst dazu gemacht. Eine unideologische Sicht auf genetische und physiologische Wirkungen, auf soziale „Konstruktionen“ von Geschlecht findet nicht statt. (Zur Problematik der genderistischen Wortschöpfung „soziale Konstruktion“ siehe hier!)

Kritiker_innen des Genderismus, so Profx em. Wolf wären neoliberal, rechtskonservativ oder rechtsextrem, gehörten zur AfD oder Pegida. Ob das nun ein Forschungsergebnis genderistischer Wissenschaftler_innen oder die Meinung der Emerita ist, erfahre ich nicht.

Nachtrag: Auch Anna-Lena Scholz vom Tagesspiegel weiß am 22.1.16: Wer die Genderisten kritisiert, ist rechts außen. Wenn es nicht von rechts außen kommt, wäre es die „bürgerliche Presse“, die einen „vermeintlichen Gender-Wahn“ bekämpfen würde. Nachtrag zum Nachtrag: Sie irrt: Der Meinung, dass Genderkritiker mindestens Rechtspopulisten sind, sind inzwischen nahezu alle Mainstream-Presseorgane und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Kaum habe ich mich von dieser Lektüre erholt, kommt der nächste Beitrag. Darin behauptet jetzt auch die als Naturwissenschafts- und GeschlechterforscherIn angekündigte Kerstin Palm, dass ohne Genderforschung die männliche Gattung die Norm wäre. Auch sie nennt wieder die Arzneimittelforschung, in der erst dank Genderwissenschaft die Frau entdeckt worden wäre. Oder in der Grundlagenforschung nur männliche Tiere und Mikroorganismen  verwendet würden. Das Weibliche wäre eine Abweichung vom männlichen Standard. Natürlich (Entschuldigung für den unpassenden Ausdruck) kommt auch das geschlechterstereotypische Spielzeug vor. Dumm nur, dass sogar Affenkinder in Tests nach geschlechtsspezifischem Spielzeug griffen.

Immerhin vollzieht ProfessorIn Palm eine für Genderist_innen revolutionäre Kehrtwendung: Biologische und „konstruktivistische“ Forschung stünden nicht im Widerspruch zueinander. Gender und Sex wären gleichberechtigte Komponenten geschlechtlicher Entwicklung und stünden in unentwegter Wechselwirkung. Dieser Satz macht Hoffnung darauf, dass Genderist*innen ihre holzschnittartige Sichtweise von Sex und Gender aufgeben könnten. Frau Holm scheint sich auf den Kenntnisstand nichtgenderistischer Wissenschaftler zuzubewegen.

Mein Wissensstand scheint veraltet zu sein. Ich ging bisher davon aus, dass genetische, hormonelle, überhaupt biologische Gegebenheiten sich auf soziale und psychische Verhaltensweisen auswirkten. Bei Polygamie, Monogamie, Promiskuität, Homosexualität, Heterosexualität z. B. spielen genetische und physiologische Voraussetzungen eine wesentliche Rolle. Soziale und kulturelle Unterschiede ergeben sich daraus; keineswegs sind sie die stärkere Kraft. So lese ich es auch bei Axel Meyer.

Ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht die Tagesspiegel-Serie am 22.9.15 mit einem längeren Meinungsbeitrag des Genderisten und Erziehungswissenschaftlers Prof. Ahmet Tobrak von der FH Dortmund. Auch er kommt nahezu völlig ohne Literaturangaben aus. Was er erzählt von der Benachteiligung arabischstämmiger Jungen in Deutschland ist ein zu lang geratener Leitartikel, aber kein Bericht aus der Genderforschung. Der Machismus, ihre Rolle als „Frauenwächter“ in der Familie, ihre Bevorzugung als kleine Prinzen, das alles wären Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft. Natürlich ist die Schule mitschuldig, dass die jungen muslimischen Männer benachteiligt wären. (Was ist das bloß für eine Schule, die es vietnamesischen Schülern mit Migrationshintergund ermöglicht, beste Abiturleistungen zu erreichen und die muslimischen Jungen in die Hauptschule abdrängt?)

Habe ich Professor Tobrak richtig verstanden? Wenn das alles nur unzutreffende Zuschreibungen weißer, kolonialistischer Männer sind, ist dann die arabisch-muslimische Familienkultur gender-maingestreamt? Der Herr Professor sollte sich einmal aus seinem genderistischen Elfenbeinturm herausbegeben und bei Ahmad Mansour hospitieren. Der Psychologe arbeitet u. a. mit Berliner muslimischen jungen Männern. Er sagt, es seien fremdbestimmte Jungen, die unter dem gleichen Druck stünden wie die muslimischen Mädchen. Die Rolle, die ihnen anerzogen werde, kollidiere mit unserer Lebenswelt, was  viele aggressiv werden lässt. In seiner Gruppe „Heroes“ versucht Mansour, diese aberwitzigen Männerbilder aufzubrechen.

Auch die staatlichen „Gesinnungstests“ bei der Einbürgerung, der ausländerfeindliche Wahlkampf von Roland Koch in Hessen, die Verweigerung zweier Pässe für Türken, die „Kampagne“ um deutsche Sprachpflicht auf Schulhöfen, all das hätte dazu beigetragen, so der Wissenschaftler, dass die jungen Muslime nach Sicherheit und Identität in der Religion suchten. (Wobei er nicht vergisst, darauf hinzuweisen, dass es nicht der Islam sei, der gewalttätig oder frauenunterdrückerisch sei, sondern das arabische Patriarchat. (Was dann wohl keine Zuschreibung ist.) Und dass der Salafismus wegen all dem aufblühen würde. Dumm nur, dass in Groß-Britannien gerade die muslimischen Söhne und Töchter mit guter Schulbildung sich für ISIS begeistern. Und die Attentäter von 9/11 waren auch nicht gerade ungebildete Ziegenhirten. Wobei erstaunt, dass der Professor eingangs die stereotypen Rollenbilder bei vielen Muslimen als rassistische Zuschreibung durch die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft verurteilt, im weiteren Verlauf aber eine „Re-Islamierung“ der männlichen Jugendlichen konzediert, die ihr Heil in religiösen Vorbildern suchten.

Was von den Behauptungen Prof. Tobraks auf genderistischer Forschung beruht, bleibt im Dunkeln. Dass 60% der muslimischen Jugendlichen die Bedeutung der Religion als hoch einschätzen, ist das genderistischer Forschung zu verdanken? Aber so wie ich im Beitrag der Genderistin Palm ein Fünkchen Fortschritt zu erkennen glaube, nehme ich auch bei Herrn Professor Tobrak einen Wandel in der Genderforschung wahr: Es geht um MÄNNLICHE Jugendliche! Genderforschung beschränkte sich bisher auf den Nachweis der Benachteiligung von Mädchen und Frauen in allen Bereichen von Gesellschaft und Wissenschaft (Was auch vor Erfindung des Genderismus nicht unbekannt war) und – vor allem – der Erforschung von tausend weiteren Geschlechtern. Wendet sie sich mit Herrn Tobrak jetzt den benachteiligten Männern zu?

Nachtrag: Im Berliner Tagesspiegel muss es ein Genderismus-Gen geben: Andrea Dernbach schreibt heute über mutterrechtliche Gesellschaften, das Frauenbild des modernen Patriarchats und die Kritik an Kanzlerin Merkel, die verhöhnt würde, weil sie eine mächtige FRAU wäre… (25.9.15, p 8)

Dies hier erinnert stark an Scientologen, aber es findet an einer deutschen Universität statt: ein Brief der Fachschaft Gender Studies der Berliner Humboldt-Universität (Das muss man gelesen haben!!)

Zurück auf den Boden wissenschaftlicher Erkenntnis:

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben verändern und warum Männer anders als Frauen sind.

Das Buch des Evolutionsbiologen ist nicht einfach zu lesen. Aber es ist wohltuend, als interessierter Laie den Erkenntnisstand der Genwissenschaft zu Intelligenz, Vererbung, Fortpflanzung und Homosexualität  zusammengefasst zu erfahren. Dass Prof. Meyer nichts vom Genderismus hält, ist nicht zu überlesen. Es wird ihm auch in nahzu jeder Rezension der Mainstreampresse vorgeworfen (auch FAZ und selbstredend Tagesspiegel)

Auf Science Files gelesen: Die deutsche Entwicklungshilfefirma GTZ exportiert Genderismus: Für ein Hochwasserschutzprojekt in Südvietnam wird eine Stelle so ausgeschrieben: „…gender-sensitive Strategien zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln. Ihre Aufgaben: Als Entwicklungshelfer/in unterstützen Sie die Regierung der Küstenprovinz Ca Mau sowie die Regierungen weiterer vier Provinzen darin, die Themen Gender und Klimawandel stärker miteinander zu verzahnen. Ziel ist es, dass Frauen im Mekong-Delta weniger vom Klimawandel betroffen sind.

Der Tagesspiegel lässt nicht locker: Am 1. April(!) 2016 eröffnet uns jetzt der Professor für sexuelle Bildung, Hans-Jürgen Voss von der FH Merseburg, dass es mehr als zwei Geschlechter gäbe. Überall in den Naturwissenschaften würden komplexe Modelle der Geschlechterentwicklung verfolgt. Hormone, Gene, Chromosomen, Keimdrüsen, Eierstöcke, Hoden, Mischgewebe, innere und äußere Genitalien: alles sei viel komplexer und weniger eindeutig als das einfache Modell biologischer Zweigeschlechtlichkeit, das sich

„an der europäischen Geschlechterordnung mit ihrer Zurücksetzung der Frauen“

orientiere. Das hätte ausgedient. Die Chefredaktion hat dies nicht als Aprilscherz enttarnt. Sexualkundler Voss bleibt allerdings die Beschreibung der anderen Geschlechter schuldig.

Dass es Menschen gibt, bei denen es zu nicht eindeutig entwickelten Sexualorganen gekommen ist und in der Folge auch zu nicht eindeutigen oder sogar gegenläufigen psychischen Dispositionen führte, war auch vor dem Genderismus nicht unbekannt. aber erst die Genderaktivist_innen haben daraus eine neue Geschlechterordnung gemacht. Ca. 97% der Menschen lassen sich ziemlich eindeutig den bisher bekannten zwei Geschlechtern zuordnen. +/- 3 % der Menschheit nicht. (Bei Homosexualität gibt es Schätzungen zwischen 3 und 10%, aber die Ausprägungen sind sind unterschiedlich und fließend. Ich würde Homosexualität allerdings auch nicht als weiteres Geschlecht betrachten.) Auf dem dazugehörigen Foto zeigt der Tagesspiegel den ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeister, wie er von sich sagt, er fühle sich mal als Mann und mal als Frau. Soll ich ihn nun bewundern oder bedauern?

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Tagesspiegel-Journalistin Barbara Nolte bei der Diskussion um eine vorübergehend nach genderistischer Intervention aus der ARD-Mediathek genommene „Hart aber fair“-Sendung den Spieß umdreht: Sie sieht dünnhäutige, gekränkte Genderismusgegner/-innen, die in der Sendung unter der Flut pro-genderistischer E-Mails leiden mussten.

Science Files deckt ein weiteres Beispiel dafür auf, die bisherige männliche naturwissenschaftliche Forschung durch ein genderistisches, hier erst einmal weibliches Erkenntnisinteresse abzulösen: Die weibliche Gletscherforschung.

Noch hat Science Files Bedenken, ob es nicht ein Hoax, eine böswillige Fälschung, sein könnte. Nachdem, was ich bei Hans Jürgen Voss und der GTZ gelesen habe, glaube ich das nicht.

Nachtrag Mai 2016: Männliche Mitarbeiter der Uni Mainz beklagen die Benachteiligung der Männer nach 20 Jahren universitärer Frauenförderung. Inzwischen seien in manchen Studiengängen 80% der Studenten weiblich. Es gäbe über 50 Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte an der Uni. Und eine Frauenbibliothek, zu der Männer keinen Zutritt hätten. Für einen Schnuppertag amInstitut für Kernphysik seien 240 Mädchen, aber nur 8 Jungen zugelassen worden.

 

Ein Gedanke zu „Genderismus und Kreationismus (2): Der Fall Tagesspiegel

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