Thesen zur Zukunft der öffentlichen Bibliotheken

Der Berliner Bibliothekswissenschaftler Konrad Umlauf spricht in seiner Dankesrede zum Verleih einer bibliothekarischen Verdienstmedaille über die Bibliothek der Zukunft:

„Künftige Bibliotheken werden kaum noch als Bibliotheken zu erkennen sein. Sie werden in fluiden Gebäuden untergebracht sein, wie sie etwa der geplante Neubau der öffentlichen Bibliothek in Helsinki verkörpert – als größtmöglicher Gegensatz zum extrem introvertierten und hermetischen Neubau der Stadtbibliothek Stuttgart. Die Gebäude werden auch andere Dienstleister als die Bibliothek behausen, beispielsweise Einrichtungen, die heute als Volkshochschule firmieren, vielleicht auch Bürgerämter. Wo im Gebäude noch Volkshochschule ist und wo Bibliothek anfängt, wird man nicht erkennen können. Vielleicht findet Bibliothek auf den Galerieflächen vor den Kursräumen der Volkshochschule statt. Öffnungszeiten wird es nicht mehr geben, weil die fluiden Gebäude jederzeit zugänglich sind; eine Bindung des Zugangs an die Anwesenheit bibliothekarischen Personals wird es nicht geben.

… die Medien der eigenen Bibliothek (werden) keine dominante Rolle spielen, weil Medien noch stärker als heute omnipräsent und frei zugänglich sein werden. Benutzer werden mehr Medien untereinander leihen und tauschen als aus der Bibliothek beziehen…“

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das passt auch hier.

Schon Mitte der 80er und zu Beginn der 90er Jahre (J.-G. König, Fiktive Adressaten, 1986, und Loccumer Protokolle, Kommunikationsort Stadtbibliothek, 1992) fiel auf, dass öffentliche Bibliotheken Entwicklungen verschlafen hatten: Kommunale Kinos und Literaturhäuser entstanden nicht in, sondern außerhalb und unabhängig von Bibliotheken.

In Kolumbien funktioniert vieles von dem, was Prof. Umlauf als Vision für deutsche Bibliotheken entwirft, schon seit Jahren: Bis in den späten Abend geöffnet sind die Bibliotheken in Bogotà und Medellin. Sie sind Kulturzentren mit Kino, Volkshochschule und Theaterbühne. Zu jeder Tages- und Nachtzeit gut besucht. Auch sonntags.

Videokassetten, CDs, CD-ROMs und DVDs muss man heute nicht mehr in der öffentlichen Bibliothek ausleihen, dafür gibt es Streamingdienste und digitale Flatrates, ganz ohne Wartelisten und Öffnungszeiten. Dass die öffentlichen Bibliotheken im E-Book-Verleih mit veralteten Ausleihmodellen Fuß fassen können, steht in den Sternen.

Ob die öffentliche Bibliothek als Tauschbörse für ihre Nutzer eine wesentliche Rolle spielen wird? Dann muss man die kommunalen Kämmerer erst noch überzeugen, das zu finanzieren, falls es denn überhaupt nachgefragt wird.

Die Übernahme des US-amerikanischen Makerspaces-Konzeptes mit den 3-D-Druckern zur Aufhübschung des öB-Profils ist zum Glück vorbei, bevor es richtig angefangen hat. 3-D-Drucker machen ihren industriellen und kommerziellen Weg. Sie brauchen keine vom Steuerzahler finanzierten Spielwiesen.

Auch wenn die physische Bibliothek sich verflüssigt, so die Hoffnung Prof. Umlaufs, werde der Bibliothekar in der Gesellschaft mehr gebraucht denn je. Er soll die Aktivitäten der Nutzer begleiten: Lernen in Gruppen oder alleine, Lernen für die Schule, Experimente mit neuer Musik und neuer Software, beflügelnde Gespräche und inspirierende virtuelle Realitäten. Der Bibliothekar als Interneterklärer, Informationskompetenzvermitteler, Lernbegleiter, Berater, Moderator. Eine analoge Siri?

In der Vision hat die Schulbibliothek keinen Platz. Das ist ja einer der Zukunftsmärkte, die Prof. Umlauf im Visier hat: Bibliothekare als Aktivitäts- und Lernbegleiter. Insofern bringt die Vision nicht viel Neues.

Die örtliche Stadtbibliothek ist schon jetzt Partner der Schulen. Da braucht es keine Schulbibliotheken. Zumal Prof. Umlauf selbst sagt, dass die Nutzung der Stadtbibliothek die kostengünstigste schulbibliothekarische Versorgung ist.

Zentrale Lösungen darf es in der bibliothekarischen Welt nicht geben. Keine Landeslizenzen, keine zentralen Dienstleistungen. Das Jerusalem ist die nächstgelegene öffentliche Bibliothek.

Nachtrag 30.11.: Es ist nicht so, dass ich mich über einen Bedeutungsverlust der öffentlichen Bibliotheken freue. Sie sind leider spät aufgewacht.

Ich erinnere mich, wie ich als Primaner mich 1962 regelrecht in eine Seminarbibliothek der Mainzer Uni geschlichen habe. Heute halten wissenschaftliche Bibliothekare auf Schulbibliothekstagen Vorträge zur Benutzung wissenschaftlicher Bibliotheken durch Schüler.

Jetzt vom Katheder Omnipotenz und -präsenz zu beanspruchen, wird nicht helfen.

Übel nehme ich vielen (nicht alle gehören dazu!) Bibliotheksfunktionären und -wissenschaftlern aber, dass sie über Jahrzehnte die Zuständigkeit für das Schulbibliothekswesen beansprucht, aber nichts Gescheites erreicht haben.

(Den Hinweis auf die Rede Prof. Umlaufs fand ich auf blog.digithek.ch)

Siehe auch zum Thema Zukunft der öB: Das dokk 1 in Aarhus

Rafael Ball, der Direktor der Bibliothek der eidgenössischen Hochschule in Zürich äußert sich sehr viel radikaler.

Natürlich fällt die Netz-Gemeinde der Bibliothekare über ihn her. Was mich  erstaunt, ist die Aggressivität, mit der mit Kritikern umgesprungen wird: Da ist von „Feinden“ die Rede und von „Hetze“. Liegt es daran, dass Ball oder auch der Konstanzer Roland Reuß selbst Bibliothekare und somit Nestbeschmutzer sind? Liegt es daran, dass Ball und auch Reuß Open Access kritisieren, die von einigen Bibliothekaren gepriesene neue Welt des Publizierens wissenschaftlicher Texte, von der diese glauben zu profitieren: Die wissenschaftlichen Bibliotheken als Herren über das neue staatliche Publikationswesen, nachdem die privaten Verlage wegen der staatlichen Förderprogramme für Open Access und die gerichtliche ud gesetzliche Aufweichung des Urheberrechts die Segel gestrichen haben werden?

 

 

 

 

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