dbv schreibt Kommission „Bibliothek und Schule“ neu aus

Dem dbv ist hoch anzurechnen, dass er die Schulbibliothekskommission des abgewickelten Deutschen Bibliotheksinstituts (dbi) in – allerdings veränderter – Form weitergeführt hat. Das Wort Schulbibliothek kommt im Titel leider nicht mehr vor: „dbv-Kommission Bibliothek und Schule“.

(Die LAG Hessen hatte sich damals, ich glaube, das war  vor ca. 15 Jahren, an die Kultusministerkonferenz gewandt mit der Bitte, die dbi-Kommission weiterzuführen. Das scheiterte [erst] auf der Präsidentenebene.)

Bei den in den letzten Jahren in das Gremium eingezogenen Mitgliedern ist das Bemühen erkennbar, frischen Wind in die Schulbibliotheksthematik zu bringen. Dazu gehört nicht zuletzt die Aufforderung an andere Verbände (AGSBB, LAG Hessen, LAG NRW), Mitglieder zur Bewerbung für die dbv-Kommission zu motivieren.

Zwiespältige Gefühle bleiben: Die Arbeitsgruppe muss zwei nicht unbedingt konvergente Ziele verfolgen: Lobbyismus für Schulbibliotheken und Propagierung der Zusammenarbeit von öffentlichen und (neuerdings auch) wissenschaftlichen Bibliotheken mit Schulen. Das müsste sich theoretisch nicht widersprechen und tut es manchmal auch in der Praxis nicht. Wer sich umschaut, wird aber sehen, dass die „Verträge“ zur Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule, die die meisten Länderregierungen inzwischen unterzeichnet haben, Schulbibliotheken nicht oder nur am Rande vorsehen. Die Schüler sollen in die öffentliche Bibliothek kommen und dort Medien- und Informationskompetenz vermittelt bekommen. In den Bibliotheksgesetzen, die ebenfalls auf eine Initiative des dbv zurückgehen, steht es nicht anders. Konsequent hatte sich daher ein früherer Vorsitzender der Kommission öffentlich gegen Schulbibliotheken und für die Zusammenarbeit von öB und Schule ausgesprochen.

Warum gibt es eigentlich auch die Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in der dbv-Sektion 3 (Öffentliche Bibliotheken)? Anstatt die Schulbibliothek in den Strukturen des dbv angemessener zu etablieren, gibt es zwei in der Hierarchie niedrig angesiedelte Arbeitsgruppen.

In der Aufgabenbeschreibung wird klar gesagt, die Arbeitsgruppe ist die Einrichtung eines Berufsverbandes und hat dem Vorstand zuzuarbeiten. Wie sollte es auch anders sein. Was aber sollen Verbandsfremde, gar Berufsfremde in einem Organ eines Berufsverbandes? Sollen Lehrer den Bibliothekaren die Schulbibliothek erklären? Wenn sich Zahnärzte- oder Friedhofsgärtner Expertise von außen holen, gründen die dann eine Arbeitsgruppe in der z. B. neben vier Zahnärzten ein Nichtzahnarzt sitzt? Wäre da ein Beirat nicht geeigneter, wie es ihn in Krankenhäusern (Patientenbeirat) oder im Flughafen Frankfurt (Fluggastbeirat) gibt?

Am Beispiel der dbv-Kommission wird die Crux des deutschen Schulbibliothekswesens wieder einmal deutlich. Schulbibliotheken sind kein Teil des Bildungswesens, sondern werden von den bibliothekarischen Berufsverbänden als Sonderform des öffentlichen Bibliothekswesens betrachtet. Bildungspolitik und -verwaltung sind froh, eine Baustelle und einen Kostenverursacher weniger zu haben. So lange sich diese Einstellung nicht ändert, wird es keinen „Aufwind“ geben. Nach 60 Jahren Fehlentwicklung dürfte das aber schwierig werden.

Auch als Teil des Schulwesens wären Schulbibliotheken durchaus ein Thema für Bibliothekare, die dann allerdings eine spezielle Ausbildung durchlaufen müssten, die sie für diese Tätigkeit qualifiziert, wie in Frankreich oder den USA.

In Portugal wurde das Schulbibliothekswesen aus dem Erziehungsministerium heraus aufgebaut, in Australien hat das Parlament ein unabhängiges Gutachten zu Schulbibliotheken in Auftrag gegeben, in den USA gibt es Senatoren, die für Schulbibliotheken initiativ werden. Bei den Beratungen zur Novelle der Schulgesetze passiert das gerade in Washington. Im senat und demnächst im Abgeordnetenhaus wird über Schulbibliotheken geredet. Ist jemals im Bundestag oder in Landtagen über Schulbibliotheken geredet worden (Abgesehen von der Beantwortung von Anfragen)? Schwedens Schulbibliotheken gerieten in Aufwand, seitdem sie im Schulgesetz erwähnt werden; sie standen jahrelang wenig beachtet mit derselben Formulierung im Bibliotheksgesetz.

Angesichts des beeindruckenden Netzwerks des dbv – mehrere weitere bibliothekarische Berufsverbände, Bundeswissenschaftsministerium, Goethe-Institut, KMK, DIPF, Bertelsmann-Institut, ekz-GmbH, Politiker verschiedener Parteien als dbv-Landesvorsitzende, Wissenschaftsministerien der Länder, bibliothekarische Hochschulen, ist verwunderlich, dass es keine ähnlichen Initiativen gab und gibt. Was daran liegt, dass man sich in den Bibliotheksverbänden keineswegs einig ist, ob man nun auf Schulbibliotheken setzen soll oder lieber auf Kooperation.

So gesehen versuchen die Kommissionsmitglieder das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen.

Update Oktober 2015:

Die neue dbv-Kommission Bibliothek und Schule

  • Simone Frübing (AGSBB e.V.)
  • Gudrun Lautenburger (Schulbibliothekarische Arbeitsstelle Oberhausen)
  • Kathrin Reckling-Freitag (Büchereizentrale Schleswig-Holstein)
  • Julia Rittel (Vorsitzende LAG NRW, Schulbibliothekarin in Bonn)
  • Hanke Sühl (Schulbibliothekarische Arbeitsstelle Frankfurt am Main – 2. Amtszeit)
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