Reformgesetz: Griechische Gewerkschaft ernennt Schulleiter

Wenn ich richtig gelesen habe, sagt der Schriftsteller Petros Markaris in einem Interview in der FAZ von heute, dass Syriza vor 14 Tagen ein Gesetz eingebracht hat, dass die Gewerkschaft künftig die Gymnasialschulleiter bestimmen soll. Es gibt also doch Reformen in Griechenland.

Ebenfalls vor ein paar Tagen wurden 13 neue Leiterstellen im Erziehungsministerium besetzt. 12 gingen an Siriza-Leute.

Nachtrag August 2015: Der Beginn des neuen Schuljahres dürfte problematisch werden, weil 11.000 Lehrerstellen unbesetzt sind. Der linke Bildungsminister hat andere Prioritäten. Er stellt entlassene Hausmeister wieder ein, dreht die Reformen an den Universitäten zurück und bekämpft Privatschulen. (FAZ v. 8.9.15, p 15)

Guy Verhofstadt, ehemaliger belgischer Premierminister sprach im Europäischen Parlament Klartext zu Herrn Tsipras. Besser als alle öffentlich-rechtlichen Talkshows zum Thema!

Da ich mir die Randbemerkung zu Griechenland nicht verkneifen konnte, hier noch ein Lesetipp:

Robert D. Kaplan war in seinen frühen Jahren Auslandskorrespondent. Ich würde dazu lieber sagen: ein reisender Journalist. Er pflegte eine journalistische Gattung, die eher in angelsächsischen Ländern als in Deutschland zu Hause ist. (Eine Zeitlang hat Hans Christian Enzensberger mit seiner Zeitschirft Transatlantik dieses Genre in Deutschland zu etablieren versucht.)

Es geht darum, durch einen Reisebericht dem Leser das Wesen eines Landes verstehbar zu machen, durch Gespräche mit Einheimischen, durch subtile Beobachtung des Alltags, durch Schilderung von Ereignissen. Insbesondere auch die Spuren zu entdecken, die die Geschichte im Denken und Handeln der Menschen hinterlässt. Mancher mag lieber die Geschichte eines Landes, die Haupt- und Staatsaktionen in gelehrten Sachbüchern studieren und die Nase über eine subjektive Reportage rümpfen. Im besten Fall kann letztere aber erhellender sein, und bei Kaplan ist es auch ein Lesegenuss.

Durch die Lektüre seines 1993 erschienenen Buches Balkan Ghosts wurde mir klar, dass Griechenland nicht das Griechenland war, das man im Westen vor Augen hatte, ein moderner Staat, Mitglied von EU und NATO, mit einer bewundernswerten antiken Geschichte.

Ich selbst habe so noch Geographie unterrichtet: Es gab Südeuropa: Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. Dann gab es Südosteuropa: den Balkan! Griechenland wurde – nicht nur von mir – nicht als Balkanstaat wahrgenommen, wie die nördlichen Nachbarn. Aber genau das war er! Ein Balkanstaat, wie er im Buche steht, im Film und der Operette vorkommt, wie es das zentraleuropäische Klischee will. (In Rumänien liegen dem Parlament gerade 25 Gesetze vor, mit denen die Korruptionsbekämpfung erschwert werden soll.)

Was man jetzt mit Erstaunen wahrnimmt, das Fehlen einer effizienten Regierung und Verwaltung, die Verachtung des Staates, der Klientelismus und die Korruption, die Neigung, an allen Widrigkeiten dem bösen Ausland die Schuld zu geben, wäre keine Überraschung mehr gewesen, wenn das Buch von Kaplan bekannter gewesen wäre. (Clinton hat es vor dem Hintergrund der Jugoslawienkriege gelesen!)

Es erschien 1993, eine Taschenbuchausgabe 2005. Es mag also nicht mehr allzu aktuell sein. aber wer es vor 20 Jahren gelesen hat, kann nicht überrascht sein, dass es so kommen musste, wie es gekommen ist. Dass griechische Politiker/-innen ganz Europa in eine Krise stürzen, scheint auch balkantypisch zu sein. Noch viel schlimmer allerdings passierte das vor genau 100 Jahren schon einmal.

Noch ein paar Denkwürdigkeiten:

  1. Griechenland war 1868 der von Frankreich angeführten lateinischen Münzunion bei. Dieser gemeinsamen Währung hat es durch unerlaubtes Gelddrucken erheblich geschadet und musste dafür, sehr spät und nur vorübergehend, die Münzunion 1908 für zwei Jahre verlassen. Schon 1901 notierte der US-Ökonom Henry Parker Willis laut Tagesanzeiger: „In keinem Fall ist Griechenland ein wünschenswertes Mitglied der Währungsunion… Das Land ist in einem bemitleidenswerten Zustand: wirtschaftlich unseriös, von politischen Streitereien gelähmt.“  („Weil es beim Geld trickste: Griechen wurde schon einmal aus der Währungsunion geworfen“, Focus, 21.2.15, http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/weil-es-beim-geld-trickste-griechenland-ist-schon-einmal-aus-einer-waehrungsunion-geflogen_id_4488345.html)
  2.  In der Zeit der Besetzung Griechenlands durch die bulgarische, italienische und deutsche Armee im Zweiten Weltkrieg schrieben Berliner Finanzbeamte einen Bericht, der genau dasselbe konstatierte. Sie waren eingeflogen worden, weil die in Kriegen übliche Devise, dass das besetzte Land die Besatzungskosten aufbringt, in Griechenland nicht funktionierte.
  3. Die „Troika“, auf Forderung Griechenlands umbenannt in „die Institutionen“, beschreibt in ihren Berichten zwischen 2010 und 2015 nichts anderes. In Pressekonferenzen gab die Troika Beispiele für griechische Reformverweigerung. Etwa bei Milchpulver für Babies: die Apotheker verhinderten die Freigabe des Verkaufs von Babymilch in Supermärkten. Es wurde Rezeptpflicht eingeführt, Ministerium und Gerichte verhinderten dei Liberalisierung. Als sie doch kam mussten sofort nach der Entbindung Ärzte das Pulver verschreiben. Das, was sie verschrieben, gab es nur in Apotheken, nicht in Supermärkten. Jede Berufsgruppe versteckt sich hinter  ihren Privilegien und verhindert deren Abschaffung. Resultat: Griechenland sorgt 2011 dafür, dass die Troika keine Pressekonferenzen mehr abhalten durfte.

Der Unternehmensberater Dierk Granzow hat in einer Art Momentaufnahme minutiös über die Vorgänge in einer wichtigen Februarwoche 2015 berichtet. Es wäre ein Text für Transatlantik, wenn es sie noch gäbe.

Nachtrag: Schon die alten Römer…

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Ein Gedanke zu „Reformgesetz: Griechische Gewerkschaft ernennt Schulleiter

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