Wir haben es verdient

Über die Belastung der Lehrer habe ich schon einige Jahre kein Wort mehr verloren. Man ist gewohnt, dass Lehrer lamentieren. Dabei hätten sie doch fast zwei Monate Ferienzeit zusätzlich zum Urlaub und nachmittags frei.  Alle Arbeitszeit- und Belastungsstudien belegen seit Jahrzehnten das Gegenteil. Während sonst an Studien unerschütterlich geglaubt wird, ob über schlankmachende Schokolade oder wachsende Verelendung in Ostdeutschland, gilt das bei Lehrerarbeitszeitstudien nicht.

Niedersachsens Gymnasiallehrer arbeiten in diesem Schuljahr eine Unterrichtsstunde mehr (24,5 Unterrichtsstunden). Das allein wäre noch kein Anlass für einen Aufstand. Sie liegen damit noch in der üblichen Bandbreite. Der Skandal liegt darin, dass die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen scheibchenweise erfolgt und vor dem Hintergrund der Behauptung, man würde jeden Euro, den man entbehren könne, in die Bildung stecken.

Muss ich wirklich aufzählen, was in den letzten Jahren passiert ist? Ganztagsbetrieb, ohne dass die Lehrer angemessene Arbeitsplätze in den Schulen erhielten, während gleichzeitig die Bedingungen für die Anerkennung häuslicher Arbeitszimmer in unerreichbare Höhen geschraubt wurde, Einführung der Inklusion mit dem Auftrag an alle Lehrer, die Aufgaben der Sonderschullehrer zu übernehmen, Einführung der Mittelstufenprüfungen und der Leistungsvergleichstests, die Zunahme der Lenkungs-, Planungs- Vorbereitungs- und Steuerungskonferenzen, die Verpflichtung zur Ausarbeitung von Föderplänen sowie eine Fülle weiterer, oft unscheinbarer Verschlechterungen. Lehrpläne, Curricula und Kompetenzmatrizen werden seit Jahrzehnten alle paar Jahre umgeschireben. Auch das bedeutet jedes Mal individuellen Mehraufwand und zusätzliche Konferenzen. Vielleicht sollte man auch den Zustand vieler Schulgebäude erwähnen. (Ich arbeitete einmal in einer Schule, in der ein leer stehender Trakt an einen Konzern vermietet werden sollte. Bei der Besichtigung meint der Liegenschaftsmanager des Konzerns, also das hier könne er seinen Mitarbeitern nicht zumuten.) Allenfalls Polizisten können auf noch renovierungsbedürftiger Arbeitsplätze verweisen.

Ich ziehe jetzt keine Vergleiche zur Alimentierung von Beamten in manchem EU-Staat (14 Montsgehälter, Urlaubsgeld, Anwesenheitsdauer am Arbeitsplatz, personelle Überbesetzung ). Aber wenn ich lese, dass mit Einführung des Mindestlohns sofort 1.700 Zöllner zusätzlich eingestellt werden, die jetzt, übrigens bewaffnet, in Bäckereien und Friseurläden in Anwesenheit der Kundschaft die Stundenzettel der Mitarbeiter kontrollieren, werde ich doch nachdenklich. Während in der allgemeinen öffentlichen Verwaltung und in der Industrie zusätzliche Arbeitsvorgänge mit einer Fülle von Zulagen abgegolten werden, hat man sich im Schulbereich daran gewöhnt, dass die Belastung der Lehrer nach oben unbegrenzt sein darf.

(Übrigens gilt das auch für Schulsekretärinnen. Wenn man deren Gehalt mit dem der meisten Sachbearbeiterinnen in einer Kreisverwaltung vergleicht, erkennt man dieselbe Geringschätzung von Schule.)

Vielleicht ändert sich langfristig etwas. Nämlich wenn mit den Gymnasien auch die Gymnasiallehrer verschwunden sind, deren Arbeitszeit so leicht zu erhöhen ist. Im „niederen“ Schulwesen der Grund-, Haupt- und Realsschullehrer wird schon immer zwischen 1 und 4 Stunden mehr unterrichtet. Der Beamtenstatus sollte endlich komplett abgeschafft werden und die Experten von ver.di sollten die Tarifverhandlungen übernehmen. Den Slogan des Kita-Streiks kann man getrost stehenlassen: „Wir sind es wert“.

Update 10.6.14: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat entschieden, dass die Pflichtstundenerhöhung für Gymnasiallehrer verfasssungswidrig ist. Sie sei nicht nachvollziehbar begründet und verstoße gegen das Gleichheitsprinzip.

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Ein Gedanke zu „Wir haben es verdient

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