Lesetipp: Die Welt umgestalten, ohne Rücksicht auf Verluste. Eine Biographie Mao Zedongs

Sachbücher sind auf dem Markt der Kinder- und Jugendliteratur nicht gerade üppig vertreten. Jeder, der für Schulbibliotheken einen attraktiven Bestand aufbauen will, kann davon ein Lied singen. Dem Beltz-Verlag ist es zu verdanken, dass es eine Reihe lesenswerter Biographien großer Persönlichkeiten der Geschichte gibt, von denen man sich wünscht, dass sie jugendliche Leserinnen und Leser finden. Das aktuellste Buch dieser Reihe, im Dezember 2014 abgeschlossen, ist, wie manche andere dieser Reihe auch, ein All-Age-Buch, das auch Erwachsene mit Gewinn lesen werden:

Charlotte Kerner, Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann Mao Zedongmaocover

Charlotte Kerner ist bekannt durch die Zukunftsromane „Geboren 1999“ und „Blueprint Blaupause“. Sie hat in China gelebt und studiert und ist Kennerin der chinesischen Geschichte und Gegenwart.

Sie erzählt in einer angenehm zu lesenden Sprache das Leben Maos vor dem Hintergrund der jüngeren chinesischen Geschichte.

Der belesene, Gedichte schreibende, brutale, bauernschlaue und jähzornige Mao ließ schon 1930 während der bürgerkriegsähnlichen Zustände in China 4.000 seiner Gefolgsleute liquidieren und regierte während seiner Herrschaft im kommunistischen Teil Chinas 1937-45 mit Umerziehungslagern, Geheimgefängnissen und Hinrichtungen. Nach der Staatsgründung 1949 entfesselt er Kampagnen, die zu millionenfachem Mord und Totschlag führen: „Der große Sprung“ und die „Große Proletarische Kulturrevolution“.

Frau Kerner verschweigt nicht, dass es Biographen gibt, die Mao weniger ausgewogen sehen, als sie es tut. (Im Literaturverzeichnis nicht erwähnt, aber m. E. als Vertiefung gut geeignet: Frank Dikötter, Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China 1958-1962). Sie stellt die Frage, ob der erfolgreiche Revolutionär, der Japan und Chiang Kaichek besiegte und China einte, als Lenker eines Staatswesens überfordert war und deshalb auf immer schrillere revolutionäre Kampagnen zurückgriff. War er ein „revolutionärer Romantiker“, der über Leichen geht, wenn es sein muss?

Es gibt heute in China mehr als den unübersehbaren Devotionalienhandel und die allgegenwärtigen Mao-Bilder. Er prägt bis heute Chinas Politik und Gesellschaft; die breite Darstellung der Auseinandersetzungen um seine Herrschaft trägt sehr zum Verständnis des heutigen China bei.

Schulbibliotheken sollten politisch interessierten Jugendlichen die Chance geben, dieses Buch zu lesen. Lehrer, die euro- und germanozentrierten Geschichtsunterricht darbieten müssen, sollten das Buch in den Unterricht einbeziehen und wissbegierigen Schülerinnen und Schülern als Lektüre empfehlen.

Siehe auch den Hinweis auf „Wilde Schwäne“ von Yung Chang.

Nachtrag 29.8.15:

Ulrich Karger schrieb eine Rezension in der PNN v. 28.8.15, p 24, die mit „Eine vielschichtige Persönlichkeit“ überschrieben ist. Herr Karger nennt zwar die Zahl der Opfer Maos – zwischen zehn und sechzig Millionen – „jedoch“, so schreibt er, wäre dies erst Jahre nach seinem Tod bekannt geworden. Es ist nicht ganz richtig, dass Hungertod, Mord, Totschlag, Hinrichtung, Vertreibung und Raub zu Maos Lebzeiten und ihm selbst nicht bekannt waren. Wer dazu Mao schrieb und ihn bat, das fürchterliche Geschehen zu stoppen, durfte, wenn er Glück hatte „nur“ mit öffentlichen Schmähungen und wirtschaftlichem Ruin rechnen. Auch sagte er, dass es ihm auf ein paar Millionen Tote nicht ankomme, es würden genug Chinesen übrig bleiben, die den Kommunismus erleben dürften.

Der Gedichte schreibende, bauernschlaue, brutale und jähzornige Mao ließ schon 1930 während der bürgerkriegsähnlichen Zustände in China Anfang der 30er Jahre 4.000 seiner Gefolgsleute liquidieren und regierte später mit Umerziehungslagern, Geheimgefängnissen und Hinrichtungen.

Die Kampagne „Der große Sprung“ war wirtschaftspolitischer Irrsinn und führte zudem zu millionenfachem Tod. Mao wusste ziemlich genau, was vor sich ging. Das nächste Menschenexperiment der „vielschichtigen Persönlichkeit“ (Karger), die „Große Proletarische Kulturrevolution“ brachte, vorsichtig geschätzt, 7,5 Millionen Menschen den Tod. Karger nennt das „zahlreiche Tote“.

Warum laut dem Rezensenten Hitler ein Massenmörder sein soll, Mao aber nicht, ist nicht nachvollziehbar. Ab wieviel Millionen Toten ist man Massenmörder?

Der Hongkonger Fotograf Basil Pao, Autor eines prächtigen Bildbandes über Menschen und Provinzen in China, spricht von Maos perversem Genie. Das trifft es eher.

Basil Pao, China. Unterwegs in allen Provinzen, München 2007

Advertisements

Ein Gedanke zu „Lesetipp: Die Welt umgestalten, ohne Rücksicht auf Verluste. Eine Biographie Mao Zedongs

  1. Pingback: Mao Zedong: ein “perverses Genie” | Basedow1764's Weblog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s