Frankfurter Gymnasien platzen aus allen Nähten

In Frankfurt am Main gehen Eltern auf die Barrikaden. Es gibt zu wenig Plätze für die neuen Gymnasialschüler im fünften Schuljahr. 56% der Frankfurter Viertklässler wollen aufs Gymnasium. Das verspricht noch nicht die Abiturquoten Frankreichs (80%) und die, die die OECD zufriedenstellen, aber die Gymnasien der Stadt platzen schon jetzt aus allen Nähten. Das Schulamt schickt Schüler in entlegene Stadtteile und auf weniger beliebte Gymnasien. Die Gymnasien behelfen sich, in dem sie Profile bilden, zum Beispiel Schwerpunkt Musik, um nur musikalische Schüler aufnehmen zu müssen. Oder sie nehmen nur Schüler mit den allerbesten Zeugnissen, allenfalls noch Geschwisterkinder. Für Frankfurter Schulverwaltung ist diese Entwicklung scheinbar völlig überraschend. Dabei ist in Hessen schon seit Jahrzehnten die Schulwahl nach der Grundschule frei. Um den Ansturm nach der Freigabe zu regulieren, wurden nach langer Zeit die Versetzungskriterien in der Klasse 6 verschärft („Querversetzung“) in den nächstniedrigeren Schulzweig.) In den Gemeinden des Frankfurter Umlandes sind Übergangsquoten von 70 und mehr aufs Gymnasium nicht ungewöhnlich. Jetzt ist guter Rat teuer. Schulneubauten sind auch teuer, es gibt kaum Baugrund und wenn, will nicht jede Nachbarschaft einen Großbetrieb mit Lehrerparkplatz, Busbahnhof und Pausengeschrei. Auch wenn alles stimmte, dürften fünf Jahre bis zur Eröffnung vergehen. In Containern wollen Eltern ihren Nachwuchs vorher nicht untergebracht sehen. Schichtunterricht mit Vor- und Nachmittagsklassen dürfte umstritten sein, obwohl Lehrer nachmittags zur Verfügung stünden; da haben viele ja immer noch trotz Ganztagsbetriebes frei. Ob die sozialistische Lösung, wie sie Frankreich und zunehmend die ostdeutschen Bundesländer praktizieren (Gemeinschaftsschule; ohne Sitzenbleiben im Klassenverband bis Klasse 10 bzw. 12) praktikabel wäre? Da könnte passieren, dass sich die Instrumente politischer Partizipation (Volksbegehren usw.) gegen ihre Urheber wenden. („Jetzt, wo auch wir endlich unsere Kinder aufs Gymmi schicken wollen, wird es abgeschafft.“) Man könnte auch Schüler unterstützen, die Ausbildungsberufe anstreben. Brandenburg gibt Gymnasiasten der Klassen 11 und 12, sofern sie aus einkommensschwachen Familien stammen, ein monatliches Taschengeld. Sollte statt Abiturientenförderung nicht besser eine Azubi-Förderung geschaffen werden?

Etwas mehr Digitales könnte helfen. Das dürfte wiederum BITKOMM, die Presse und die OECD erfreuen: Mit 1:1-Tablets, Mathe-Online-Lernsystem bettermarks, MOOC und dem Auftrag an die Kids, konstruktivistisch zu lernen, könnte der Ansturm gemildert werden.

Die Kooperation mit den Stadtbibliotheken erführe eine Aufwertung. Sind Bibliotheken nicht Selbtlernzentren und instruieren Bibliothekare nicht Informationskompetenz, also die Fähigkeit, sich selbst weiterzuhelfen?

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