Nicht nur Lehrern fehlt Informationskompetenz

Wenn ich Beiträge zu Informationskompetenz schreibe und mich darin kritisch mit der Informationskompetenz von Journalist/-innen auseinandersetze oder damit, dass es ein sehr ambitioniertes Vorhaben ist, Informationskompetenzcurricula von vom Kindergarten bis zum Abitur zu implementieren, befallen mich bisweilen immer noch Zweifel, ob ich das Thema überhaupt richtig verstehe. sind es doch Bibliothekare, die den Begriff besetzt haben und darauf bestehen Lehrer und Schüler in diese Methode einzuführen. Daher lese ich gelegentlich bei Informationskompetenzfachleuten nach, was die darunter verstehen. Hier ein Fundstück aus dem Blog „Informationskompetenz@ulg wien“

„Informationskompetenz umfasst die Kompetenzen, um Informationsbedarf zu erkennen und zu finden und Informationen in kulturellen und sozialen Kontexten zu bewerten, anzuwenden und zu erstellen. (Zitat aus einer Alexandrina-Proklamation) Diesen Satz verstehe ich folgendermaßen: Informationsbedarf erkennen können wir nur dann, wenn wir herausfinden, dass unser Vorwissen zu einer Fragestellung oder Situation nicht ausreicht – wir „brauchen noch Zusatzinfos“ oder wir „verstehen nicht, worum es geht“ oder wir „müssen das nochmal nachschauen“.
Aus diesem „Wissens-Ungleichgewicht“ können wir eine Fragestellung, eine Suchanfrage, vielleicht sogar Neugierde entwickeln. Wenn wir wissen, wo wir Zugang zu den gewünschten Informationen haben, müssen wir also im nächsten Schritt bewerten können, woher die einzelne Information stammt, in welcher Zeit sie entstanden ist und wer sie verfasst hat.
Aus diesen schon recht umfangreichen Vorarbeiten, können wir nun die neue Information in unser Vorwissen integrieren. Wir wenden das Wissen an, indem wir uns nun möglicherweise anders, „informierter“, verhalten, wir erzählen vielleicht unseren neuen Wissensstand Interessierten oder wir verschriftlichen unsere Erkenntnisse.
Klingt einfach – ist es aber nicht. Denn wir bewegen uns in einer Welt, die eine unüberschaubare Anzahl von Informationen zu bieten hat. Sich diesem Überangebot zu nähern, ohne dabei die Nerven zu verlieren, ist, einfach ausgedrückt, auch Informationskompetenz…“

Der Autor/die Autorin empfiehlt im Folgenden, sich in der Bibliothek in Informationskompetenz schulen zu lassen.

Ich kann sogleich ein Beispiel geben: Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Mathias Platzeck wird gerade in den rbb-Nachrichten zitiert. Aus Anlass des brandenburgischen Gedenktages der „Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa“ ist seine Stimme zu hören: „Genau wie die 6 Millionen ermordeten Juden muss jetzt auch die Zahl der 27 Millionen ermordeten Sowjetbürger/-innen ins Gedächtnis der Deutschen aufgenommen werden.“

Da baut Platzeck – nicht zum ersten Mal – einen historischen Pappkameraden auf. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Zahlen der im Krieg umgekommenen Sowjetmenschen, die als Kriegsgefangene verhungerten Sowjetsoldaten, das unermessliche Leid, das der deutsche Überfall auf die UdSSR über die Menschen dort gebracht hat, bestritten, umstritten oder verschwiegen worden wäre.

Zumindest für Westdeutschland kann ich für die letzten 50 Jahre sagen, dass mich Platzecks präpotentes Diktum verwundert. Es mag sein, dass das in den späten 40er und den 50er Jahren noch kein überragendes Thema war. 1965 aber lag die Übersetzung von Alexander Werths Buch „Russland im Krieg“ vor. Im Geschichtsunterricht waren Themen wie der Kommissarbefehl und die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen präsent. Ab den 80ern hatte das Thema geradezu Hochkonjunktur. Dutzende einschlägiger Bücher erschienen, wie man bei amazon oder Zeitgeschichte-online herausfinden kann. (Wenn man informationskompetent ist.)

Im Fernsehen lief 1981 eine – allerdings unsägliche – 15-teilige Serie „Der unvergessene Krieg“, eine amerikanisch-russische Gemeinschaftsproduktion. von der die Amerikaner schließlich zugaben, dass es ein sowjetischer Propagandafilm geworden sei. Der WDR übernahm die Serie ungefiltert, ließ aber hinterher deutsche Historiker zu Wort kommen. Auch die Ermordung von 20.000 polnischen Offizieren durch den sowjetischen Geheimdienst wurde, wie es schon Stalin tat, den Deutschen zur Last gelegt. In der DDR lief die Serie als rein russische Produktion und soll ob ihrer Detailversessenheit – keine Schlacht wurde ausgelassen – zu viel Fernsehschlaf geführt haben.

1985 gab es eine zweite, diesmal deutsch-österreichische Groß-Serie: „Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg“ von Henric L. Wuemeling. Es gab also keineswegs nur Landser-Hefte.

Herr Platzeck, der in Brandenburg Kultstatus genießt, sollte sich, wie es der eingangs zitierte Blog empfiehlt, in einer Bibliothek in Informationskompetenz schulen lassen, vor allem dafür sensibilisieren lassen, dass sein Vorwissen unzureichend ist.

Der Historiker Norbert Frei machte einmal darauf aufmerksam, dass mit dem Aussterben von Zeitzeugen ein neuer Bezug zur Vergangenheit entsteht. Es ist leichter geworden, neue Narrative durchzusetzen. Ist das die Gelegenheit, jetzt das Gedenken an die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu forcieren, zumal dem Putin-Versteher Platzeck jede Ablenkung vom russsisch-ukrainischen Krieg willkommen sein dürfte?

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