Eine nationale Schulbibliothekskonferenz?

Seit fast 30 Jahren organisieren wir in Hessen Schulbibliothekstage (Genau genommen organisiert sie seit Jahren Hans Günther Brée.) Ich stehe nicht allein mit dem Urteil, dass sie eine hervorragende Einrichtung geworden sind, die weit über Hessen hinaus Beachtung findet und – worüber wir uns freuen – Nachahmung in anderen Bundesländern. Seit vielen Jahren fragen wir uns und werden auch gefragt, ob es nicht eine Bundes-Schulbibliothekstagung geben sollte. Wir Hessen fühlen uns dazu nicht berufen, auch wenn ich zugebe, dass es uns manchmal „gejuckt“ hat, auch hier zu zeigen, wie es geht. Wir haben uns dafür entschieden, nicht aktiv zu werden. Das hat mehrere Gründe:

  • Alle unsere diversen Aktivitäten auf nationaler Ebene in den vergangenen Jahrzehnten blieben ohne Erfolg (Die Adressaten: KMK, Bundeswissenschaftsministerium, Bund-Länder-Kommission, Stiftung Lesen, FWU). Gewiss, wir hessischen Asterixe können nicht damit rechnen, dass uns ein Direktor oder Vorsitzender oder Ministerialrat einer bundesweit agierenden Einrichtung Beachtung schenkt, warum sollte er oder sie auch? Schulbibliotheken sind Elternsache.
  • Es gelangen bisher noch nicht einmal Kontakte und gegenseitige Einladungen zwischen den Bundesländern. Das beginnt sich gerade in Einzelfällen ein wenig zu verbessern. Ich bin da privilegiert, weil ich auf zwei Hochzeiten tanze (LAG Hessen, AGSBB Berlin). Nicht alle sind so neugierig wie die Berliner Dipl-Bibliothekarin Simone Frübing, die auf eigene Faust Kontakte knüpft. Wie kommt es, dass die hessische LAG intensive Kontakte zu den Südtiroler Kolleg/-innen hat und gute zu den österreichischen, aber überhaupt keine z. B. zu den Kollegen auf der anderen Rheinseite in Rheinland-Pfalz?
  • Auf der nationalen Ebene gibt es keine Ansprechpartner für Schulbibliotheken. Es ist schon auf Länderebene schwierig, weil die Kultusministerien der Länder i. d. R. keine Zuständigkeit haben. Seit einigen Jahren können die meisten Länderministerien zu ihrer Entlastung zudem auf sogenannte Kooperationsverträge mit dem Deutschen Bibliotheksverband verweisen. In den meisten Schulgesetzen kommt die Schulbibliothek gar nicht vor oder wird allenfalls den Schulträgern unverbindlich zugeordnet. Diese betrachten das Bibliothekswesen als freiwillige Aufgabe. Die Schulbibliothek sitzt, wenn man dieses Bild zeichnen darf, zwischen allen Stühlen. Vielleicht bliebe noch der Bundeselternverband als Ansprechpartner
  • Was soll der Ertrag eines nationalen Treffens sein? Eine weitere Resolution? Ein Artikel im Feuilleton der Zeit oder der FAZ oder gar 30 Sekunden in der Tagesschau? Versichern sich da nicht doch nur Bibliothekare gegenseitig, wie toll Schulbibliotheken sind, schreiben ein Pflichtenheft für eine Katalogisierungssoftware, entwerfen in Arbeitsgruppen Mindmaps zu guten Schulbibliotheken oder vereinbaren, dass endlich einmal die Schulbibliotheken in Deutschland gezählt werden? Alles Sachen, die anderswo schon stattgefunden haben oder stattfinden könnten. Sachen, bei denen man sich fragt, ob sich die Reisekosten dafür lohnen,  falls sie nicht von der ekz oder der Bertelsmann-Stiftung übernommen werden. Nichts gegen eine Tagung, die Abwechslung in den Alltag bringt und es ein gutes Essen gibt. aber letzteres ist schon lange nicht mehr Standard bei solchen Events.

Sinnvoll finde ich durchaus, dass sich die Aktiven der Bundesländer kennenlernen und Kontakt halten. Ob dazu eine Institutionalisierung und Formalisierung der Beziehungen nötig ist, eine Bundesarbeitsgemeinschaft oder eine nationale Konferenz, wäre zu fragen. So weit ich sehe, sind es nur in Hessen Lehrer, die sich für das Thema Schulbibliotheken engagieren, darum müssen wir nicht wieder die Vorreiter sein. Auch wenn ein hessischer Lehrer und späterer Professor es war, der eine nationale Arbeitsgruppe initiiert hatte (die später so genannte Beratungsstelle beim Deutschen Bibliotheksinstitut). Denn in den anderen Ländern (und partiell längst auch in Hessen) sind es Bibliothekare, die mehr oder weniger(?) alle Mitglied des dbv sind und die von den Kultusministerien zu öffentlichen Bibliotheken abgeordneten Lehrer. Beim dbv besteht schon eine nationale Arbeitsgruppe „Bibliothek und Schule“. Warum ist die nie aktiv geworden? Die könnte ihrem Verband ja einmal vorschlagen, eine Tagung zu machen, eine wirklich nationale und nicht bloß eine, in der die alten Häsinnen und Hasen unter sich sind. Der dbv ist in ein einflussreiches nationales Netzwerk eingebunden (Plattformen des Deutschen Bildungsservers, Bundeswissenschaftsministerium, Goethe-Institut, Bertelsmann-Institut, ekz, FWU, Politiker als dbv-Landesvorsitzende, Länder-Wissenschaftsministerien, weitere Bibliothekarsverbände).

Erstaunlich ist dann schon die Chuzpe, mit der ausländische Delegationen nach Deutschland eingeladen werden, um schulbibliothekarische „Exzellenzen“ (das Wort einer ehemaligen dbv-Vorsitzenden) zu besichtigen.

Abgesehen von den verfehlten Weichenstellungen der vergangenen Jahrzehnte, bleibt das Grundproblem, dass es nie gelungen ist, Schulbibliotheken als ein bildungspolitisches Thema zu etablieren. Solange der dbv die Lufthoheit über dem Thema beansprucht, bleibt es in den Augen der Politik eine berufsständische Angelegenheit und keine bildungspolitische.

Einzig der einflussreichen Bertelsmann-Stiftung hätte ich früher einen wirksamen nationalen Impuls zugetraut. Aber die Stiftung hat in der Vergangenheit, nach ihren schulbibliothekarischen Modellprojekten in Gütersloh und Griechenland, nur noch gegen Schulbibliotheken votiert: ein millonenschweres Projekt der Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen, an das später die Idee der Kooperationsverträge des dbv mit den Kultusministerien anschloss, ein Projekt regionaler Vernetzung von Bildungseinrichtungen in NRW mit ausdrücklicher Exklusion innerschulischer Bibliotheken. Sie rudert zurzeit zurück und befürwortet wieder einmal Schulbibliotheken, Aber bei soviel Volatilität hat sie doch etwas an Glaubwürdigkeit verloren. Also trösten wir uns damit, dass es spätestens 2021 wieder eine Resolution zu Schulbibliotheken geben wird.

Und ich freue mich auf Maastricht!

Nachtrag: 2009 hatte ich schon einmal etwas zu Aktivitäten auf Bundesebene geschrieben: Ein nationaler Schulbibliotheksplan? Aus den heutigen Reaktionen ersehe ich, dass das Interesse gestiegen ist. 2009 hat niemand kommentiert. (Leider kriege ich jetzt nicht nur Blogkommentare, sondern auch E-Mails, die aber außer mir keiner lesen kann.)

Mein Vorschlag damals: Eine Schulbibliothekskommission bei der KMK und nicht bei einem berufsständisch orientierten Verein. Der Vorstoß der LAG Hessen scheiterte im Geschäftsgang der KMK erst spät, nämlich ganz oben, beim damaligen Präsidenten, dem Schulsenator von Bremen.

Wenn jetzt diskutiert wird, dass die Kommission „Bibliothek und Schule“, die sich, was im Namen nicht erkennbar ist, auch um Schulbibliotheken kümmert, in der Organisationsstruktur des dbv aufgewertet werden soll, ist das den progressiven Bibliothekarinnen in dieser Gruppe zu gönnen. Die Gefängnis- und die Patientenbüchereien bilden im dbv eine Sektion, „Bibliothek und Schule“ ist dagegen nur eine Kommisson.

Aber man sollte sich im Klaren darüber sein, dass durch eine solche deutlichere Integration in einen bibliothekarischen Fachverband das Thema dann noch ein Stück mehr von Schule und Bildungspolitk getrennt würde, als es jetzt schon ist.

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6 Gedanken zu „Eine nationale Schulbibliothekskonferenz?

  1. Monika Grosche

    Eine nationale SB-Konferenz wäre eine gute Möglichkeit, Kräfte zu bündeln, um auf den Bildungsnotstand in unserem so reichen Land und auf das Potential von Schulbibliotheken aufmerksam zu machen. Es ist teilweise erschreckend, mit welchen Vorkenntnissen die Grundschüler ans Gymnasium kommen. Viele haben m.E. eindeutig ein „gestörtes Verhältnis zu Buchstaben und Zahlen“, um es vorsichtig zu formulieren.
    Es war schon ein ordentliches Stück Arbeit, die eigene Schule von den Möglichkeiten, einer funktionierenden SB zu überzeugen. Jetzt setzt sie sich auf allen erdenklichen Ebenen für den Fortbestand ihrer Bibliothek ein. Leider wird deutlich, dass auf diesem Weg überall große Felsbrocken liegen. Und den Satz „wir sind nicht zuständig“von oben kann ich nicht mehr ertragen.
    Ein nationales Gremium würde ein Gegengewicht zur derzeitigen Bildungslobby schaffen, zumindest die Chance, auf Augenhöhe zu verhandeln. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die ÖBs in Berlin (mit wenigen Ausnahmen) gar nicht in der Lage sind, den Vertrag „Bibliothek und Schule“ zu erfüllen. Beispiel: Nicht einmal zum Methodentrainig habe ich drei von vier neuen siebten Klassen zum obligatorischen Besuch einer ÖB unterbringen können. Auch in neu gebauten Stadtteilbibliotheken gibt es nur begrenzte Möglichkeiten der Versorgung ganzer Schulklassen.
    Wunschtraum – eine nationale Nachlese in Berlin zum Welt-SB-Kongress in Maastricht unter Einbeziehung/Federführung der LAG, die bereits weiß, wie es geht?

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Ich stimme Ihren Feststellungen im zweiten Absatz voll und ganz zu. Es wird auch von kritischen öB-Vertretern bestätigt, dass es unmöglich ist, alle Schulklassen mehrmals im Jahr zu Informations- und Medienkompetenzerwerbskursen in eine nächstgelegene Stadtbibliothek zu schicken, die meist an Personal- und Raumknappheit leidet, auch ist nicht sicher gestellt, dass in allen öffentlichen Bibliotheken die Kompetenz vorhanden ist, Lehrern und Schülern Medien- und Informationskompetenz zu vermitteln.

      Dass Sie der LAG Hessen unterstellen, sie wisse, wie es ginge, ist sicher ironisch oder noch schlimmer? gemeint. Meine Freunde und ich haben zum Teil bis zu dreißig Jahre Frust, aber auch Lust auf dem Buckel. Wir sind also nicht amüsiert, wenn man uns jetzt erklärt, dass man sich aktiv als Lobbyist betätigen und Wirtschaft und Politik von der Notwendigkeit guter Schulbibliotheken überzeugen müsse. (So heißt es in Mails an mich.) Andererseits habe ich Verständnis für jüngere, unverbrauchte Kräfte, die voller Begeisterung und Hoffnung sind. Ich stehe ja auch nicht abseits und habe z. B. zuletzt mit Freunden ein Buch geschrieben, das ein Plädoyer für moderne Schulbibliotheken ist.
      Gerne werden die beiden LAG-Besucher der IASL-Konferenz Ende Juni berichten. Ich habe das schon früher getan, siehe den Blogbeitrag über Maastricht.

    2. Monika Grosche

      Tut mir leid, ich habe Sie falsch zitiert. Sie schreiben, es hätte die LAG „gejuckt“, zu zeigen, wie es geht. Keine Ironie, geschweige denn Schlimmeres. Ich sehe die LAG in jeder Beziehung als Vorreiterin und -denkerin. Den Frust kann ich durchaus nachvollziehen, auch wenn die Arbeit in der Schulbibliothek sehr viel Sinn macht und Freude bereitet, wünsche ich mir mehr Anerkennung (auch in finanzieller Hinsicht) außerhalb der „eigenen“ Schule. Ich bin in meinem Umfeld Berlin Treptow-Köpenick nicht die Einzige, die sich für 100.- € Honorar monatlich in einer SB engagiert. Da kommt schon die Überlegung, dass man in größerem Rahmen bzw. auf höherer Ebene auf das Potential von Schulbibliotheken und ihrer fatalen Lage in Deutschland aufmerksam machen sollte. Wahrscheinlich habe ich nicht zu Ende gedacht.

    1. Basedow1764 Autor

      Danke für die Rückmeldung.
      Es wird sicher niemanden verwundern, dass die LAG in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit auch eine „Nationale Schulbibliothekskonferenz“ machen wollte. Das war 1992.
      Den Ablaufplan von damals stelle ich gerne zur Verfügung.

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