Frankreich: Zu viel Sprachunterricht verhindert soziale Gleichheit

Frankfreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem findet den bilingualen Unterricht in der Mittelstufe der Staatsschulen (Klassen 6 – 9) und das verstärkte Sprachangebot in den sogenannten Europaklassen elitär. Der bilinguale Unterricht ab Klasse 6 mit Deutsch oder Englisch erfreut sich großer Beliebtheit bei Eltern in bürgerlichen Wohngebieten. Diese „soziale Segregation“ will die Ministerin nicht länger dulden. Die Klassen werden gestrichen. Dafür soll es in der Grundschule schon ein Fremdsprachenangebot geben, allerdings nicht durch dafür ausgebildete Lehrer.

So wird also ab 2016 der Deutschunterricht in Frankreich stark gekürzt werden. Die Zahl der Schüler, die Deutsch lernen, war gerade erst, nach langer Stagnation, gestiegen. Sie liegt bei ca. 15%. Nicht alle Parteifreunde der Sozialistin sind glücklich über die Entscheidung.

Im Pariser Goethe-Institut sieht man einen Verstoß gegen den deutsch-französischen Elysée-Vertrag von 2013, in dem sich die beiden Regierungen gegenseitig weitere Sprachförderung versprochen hatten.

Als nächstem soll es dann Griechisch und Latein an den Kragen gehen. In Frankreichs Schulsystem wird seit längerem „nach unten“ nivelliert. So wurden Schüler in der Mittelstufe unabhängig von den Leistungen versetzt, 80% der Schüler/-innen erhalten das Abitur, die Zahl der Bewerbungen für eine berufliche Ausbildung ist stark gesunken.

Update 8.5.: Auch Präsident Hollande bezeichnet das Lernen von Deutsch, Latein und Griechisch als „Partikularinteresse“. Er steht hinter dem Vorschlag seiner Bildungsministerin, die elitären Europaklassen und den bilingualen Unterricht abzuschaffen.

Ganz nebenbei: Die Geschichte des Islam wird Pflichtthema im Geschichtsunterricht. die Geschichte des Christentums wird Wahlthema. „Houellebecq wird sich freuen“, sagen manche Franzosen.

Nachtrag: Bemerkenswert, was Michaela Wiegel in der FAS v. 24.5.15 nach einem Besuch bei Frau Vallaud-Belkacem berichtet.

Das Bildungsministerium befindet sich, wie in Frankreich für Regierungsbehörden typisch, in einem hochherrschaftlichen Stadtschloss.

Die Ministerin, die elitäre Elemente der Mittelstufe wie verstärkten Deutsch- und Englischunterricht sowie die alten Sprachen ausmerzen will, wurde selbst von Lehrern, die sie fördern wollten, in eine Deutschklasse geschickt. Sie war dort erfolgreich. Sie bekam diese Bildungschance als Kind einer marokanischen Einwandererfamilie.

Die Ministerin will durch die Abschaffung verhindern, dass sich soziale Ungleichheit in der Schule dadurch reproduziert, dass vor allem Kinder aus bürgerlichen Schichten die elitären Angebote des Collège warhnehmen. Sie selbst wohnt mit ihrem Mann und drei Kindern im teuersten Pariser Arrondissement. In den Schulen dieses Viertels herrscht eine Form der sozialen Gleichheit, die die sozialistische Politikerin eigentlich nicht gozutieren dürfte. Aber man kennt das von hessischen Sozialdemokratinnen, die zwar  Gesamtschulen einfühten, die eigenen Kinder aber lieber aufs Gymnasium schickten.

Die Abschaffung der bilingualen Klassen und der alten Sprachen ist anscheinend nicht das einzige umstrittene Projekt. Die nach eigenen Angaben gläubige Muslima will die Familienförderung für heterosexuelle Paar reduzieren. In den Lehrbüchern solle bei historischen Persönlichkeiten die sexuelle Orientierung, zumindest sofern sie nicht heterosexuell war, angegeben werden. In den Grundschulen wollte sie die Gendertheorie auf dem Lehrplan haben. (Das wird nach Protesten inzwischen nicht mehr verfolgt.)

Mit Elitenbildung durch Nepotismus hat Frau Vallaud-Belkacem anscheinend keine Probleme: Präsident Hollande hat Segolène Royal, seine Ex-Lebensgefährtin und Mutter seiner vier Kinder, zur Ministerin für Umwelt und Energie ernannt, ihre engste Mitarbeiterin Najat Vallaud-Belkacem zur Erziehungsministerin. Letztere ist mit dem Kabinettschef des Präsidenten verheiratet.

Siehe auch hier!

Update 22.1.16: Ministerin Vallaud-Belkacem will nunmehr 70% des Deutschunterrichts in den bilingualen Klassen erhalten. Auch will sie mehr Deutschlehrer einstellen.

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