Facebook statt Tagesschau?

In den USA informiert sich angeblich schon ein Drittel der Bevölkerung über das Weltgeschehen nur noch in Facebook. Was hat das für Folgen?

Es gibt eine Studie von Prof. Zeynep Tufekci darüber, wie in Facebook (FB) und Twitter Informationen ausgewählt werden. Facebook-Gründer Zuckerberg soll gesagt haben, dass er sein Portal zur besten personalisierten Zeitung der Welt machen wolle. Welches Bild von der Realität erschaffen die Algorithmen in den sozialen Netzwerken? Als Nachrichtenbeispiel hatte die Sozialwissenschaftlerin die Vorfälle in Ferguson ausgewählt.

Ihr fiel auf, dass in FB zunächst gar nichts darüber vorkam, während Twitter voll von Ferguson-Tweets war, sie aber nicht in die „Trendliste“ aufnahm. Prof. Tufekci hatte mehrere Nachrichtenseiten auf FB „geliked“, bekam aber keine Ferguson-Nachrichten, obwohl das wegen der Likes zu ihrem Profil hätte gehören müssen.

FB ändert seine News-Algorithmen ständig, es wird gefiltert, es findet faktisch Zensur statt. Die Algorithmen bleiben intransparent. Ziel scheint zu sein, die Zufriedenheit der Konsumenten zu steigern und vor allem, die Nutzer auf den FB-Seiten zu halten, damit die Werbeeinnahmen steigen. Dem diente schon das Großexperiment aus dem letzten Jahr, als die Nachrichten-Feeds von 700.000 Nutzern manipuliert wurden, um herauszubekommen, wie Nachrichten die Stimmung der Nutzer beeinflussen. „Die Leute wollen lachen und glücklich sein und keine gehaltvollen Nachrichten lesen“, sagt der News-Feed-Produktchef von FB.

FB-Nutzer dürfen Falschmeldungen melden. Ab einer gewissen Anzahl von Meldungen wird die Nachricht gelöscht. An die Arbeit, Trolle!

Langfristige Folgen der Nachrichtenmanipulation auf Facebook (und Twitter): Es entsteht keine Öffentlichkeit mehr, wenn die Nachrichten „personalisiert“ weitergegeben werden. Jeder erfährt letztlich nur, was ihn auf Grund seines Profils interessieren könnte und was seine „Freunde“ für wichtig halten. Nachrichten werden nicht gebracht, weil sie wichtig sind, sondern ausgewählt, damit sie das Wohlbefinden des Nutzers erhöhen.

Da man sich in Middle America schon bisher nicht sehr für das Weltgeschehen interessierte, bedeutet es zumindest dort keine Verschlechterung des bestehenden Zustandes.  

Ein Loblied auf die Tagesschau will ich jetzt nicht singen. Aber sie hat es zumindest verdient, gegenüber den linken und rechten Putinversteher/-innen in Schutz genommen zu werden. Da könnte sie auch selbstbewusster auftreten, anstatt sich dauernd vor selbsternannten Zuschauerbeiräten und Trollen zu entschuldigen.

Zeynep Tufekci auf netzpolitik.org

NZZ über den Facebook-News-Algorithmus

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